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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-06 · 19 (6.5.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
19 (6.5.1892)
Date
1892-05-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 326 Orprrrrichychr Wochenschrift. Nr. 19 Haus her und beschuldigte es des Treubruches und Venathes, weil es im Interesse des Dreibundes Rußland die Mittel zur Fortsetzung seiner Kriegsrüstungen verweigert hatte. Das „DeutscheVolksblatt" hat damals neuerdings constatirt, daß dasJudenthum Rußlands schlimmster und unversöhnlichster Feind sei. Heute dagegen erklärt Herr Vergani das Gegencheil, heute behauptet er, das „ausschlaggebende Judenchum steht auf der dem Dreibunde feindlichen Seite." — Und weiter! Man lese die Spalten des „Deutschen Volksblatt" aus dem letzten Jahre nach, man wird einer Menge von Notizen über jüdische Spione begegnen, die angeblich im Interesse Deutschlands und Oester-reich-Ungarns und im Solde des internationalen Judenchums die russischen Festungspläne verkauften. Man wird Notizen über die rastlose Wühlarbeit her „Alliance Jsraelite" in Rußland finden. In all' diesen Nachrichten wurde iurmer wieder das Judenthum als Feind Rußlands und als Partisan des Dreibundes dargestellt; ja es wurde sogar der jüdische Schatzminister Italiens, Herr Luzzatti in unfähigster Weise angegriffen, weil er, wieder im Dienste des Dreibundes, seine Hand zu einer Verringerung des italienischen Militärbudgets nicht bieten wollte. Karl Paasch erklärte dm Dreibund rund heraus für eine „Alliance Israelifce“. Und trotz alledem und alledem behauptet heute das „Deutsche VolKblatt", das ausschlaggebende Judenthum stehe auf Seite Rußlands! Es behauptet dies, obgleich es in jeder Nummer von dem festen Zusammenhalt des internationalen Judenchums, von der Solidarität aller jüdischen Interessen spricht! Das ist der hellste Unfinn, aber auch der Unsinn hat sein Publikum, sein verblödetes, stupides, urtheilsloses Publikum, das sich die antisemitischen Hetzapostel systematisch großgezogen haben. Fürwahr, das „Deutsche Volksblatt" hat eine wichtige Mission zu erfüllen; es hat sich zur Aufgabe gesetzt, dem gesundm Menschenverstände täglich ins Gesicht zu schlagen und die Dummheit zu einem bewegenden Factor der Zeitgeschichte zu machm. Man unterschätze die Wirkungen dieser Thätigkeit nicht. Herr Vergani weiß genau, was er thut und für wen er schreibt. In dem Blödsinn, den er verschleißt, liegt Methode, dieser Blödsinn wird geglaubt, ob auch die Thatsachen mit eherner Zunge dagegen sprechen. Die Juden sind die Freunde Rußlands! Nur vor einem durch den Antisemitismus total verttottellen Leserkreise kann ein solches Wort ausgesprochen werden, kann es geglaubt werden. Und es wird geglaubt! Die Leser des „Deutschen Volksblatt" würden es auch glauben, wenn Hem Vergani meldete, daß Rothschild soeben zum Zar aller Reußen ausgerufen wurde und daß Kaiser Alexander III. das Ehrenpräsidium der „Alliance israelite" angenommen habe. Es ist überstüssig, sich darob zu ereifern oder den lächerlichen Verleumdungen des „Deutschen Volksblatt" gar eine ernsthafte Widerlegung entgegensetzen zu wollen. Eine Bevölkerung, die sich solchen Unsinn gläubig auftischen läßt, verdient keine anderen Vertteter als jene vom Kaliber eines Vergani und keine andere Presse als jene vom Schlage des „Deutschen Volksblatt." Die Macht dieser Vertreter und dieser Presse ist auf die Urcheilslosigkeit, um . nicht zu sagen Unzurechnungsfähigkeit, der bechörten Massen gegründet. Wir können nur immer wiederholen, daß durch diese systematisch geförderte Verdummung nicht das Judenchum geschädigt wird, sondern daß dadurch die höchsten Interessen der christlichen Bevölkerung selbst gefährdet werden. Fedmarschall Radetzky und die Wiener Antisemiten. Die durch keinen Mißton gettübte Enthüllungsfeier des Radetzky-Denkmals konnten die Wiener Antisemistlinge nicht vorübergehen lassen, ohne den Nümen des großen Feldherrn zu mißbrauchen. Die Völker Oesterreichs vereinten sich mit der erlauchten Dynastie, das Gedenken des berühmten Helden voll patriottschen Sinnes zu feiern. Alles, was die Völker politisch und national auseinandertreibt und sondert, war an jenem Tage vergessen, denn Radetzky gehörte Allen, die Oesterreich wollen; die Antisemistlinge dachten nur an ihre agitatorischen Zwecke und scheuten sich nicht, die Manen Radetzky's in das niedere Parteigetriebe hinabzuzerren. So haben sie es mit Grillparzer getrieben, so versuchen sie es mit Radetzky. Daß aber Alles, was in den antisemitischen Versammlungen über die angeblichen Antipatien Radetzky's gegen die Juden von den Rednern produzirt wird, reine Dichtungen sind, das genirt die biederen Lügner nicht. Lügen und Verleumden gehört zum antisemitischen Handwerk, wer Größeres darin leistet, ist der größere Meister. Eine einzige Episode aus dem Leben Radetzky's, die wir nachstehend wiedergeben, seine Antheilnahme an dem Sturze Haynau's, zeigt die ganze Niedertracht der antisemitischen Geschichtsfälschung, welche den ehrwürdigsten Namen eines österreichischen Helden anzutasten wagt. Die Geschichte ist pikant genug. Haynau hatte der Kecskemeter Judengemeinde, ähnlich wie der von Pest und Altofen, eine kolossale Contribution auferlegt. Das Ausmaß derselben hatte, wie Haynau später einem seiner Alfölder Bekannten, dem jüdischen Gutsbesitzer Emanuel Sichermann in Kotaj, versicherte, nichts mit confessionellen Gründen zu thun; er wollte die Juden dafür züchtigen, daß sie durch Annahme der Kossuth-Noten der Revolutton national-ökonomischen Vorschub geleistet. Die Kecskemeter Juden, durch die zu leistende Contribution in ihrem Lebensnerv bedroht, versuchten durch ihren Vorsteher Schweiger und ihren Rabbiner Fischmann die Gnade des Kaisers anzurufen, vergebens. Als die Noth am größten, faßten sie die Idee, die Intervention des edlen Feldherrn zu erbitten, dessen Alter hoher Kriegsruhm vergoldete und den von jeher Erbarmen mit den Schwachen und Unterdrückten auszeichnete. Sie wendeten sich an Radetzky. Der greise Feldherr stand in Kecskemet in bestem Angedenken, er hatte dort und in Jaszbereny als junger Officier garnisonirt; er war als ungarfreundlich bekannt, sein Lieblingskind, die schöne Friederike, war an einen Ungar, den Grasen Karl Wenckheim, verheirathet, den Sprossen eines Geschlechtes, das von einem rebellischen Blutstropfen in den Adern nicht ganz fteizusprechen war. Radetzky erklärte sich bereit, die D ep u ta ti o n zu empfangen. In seiner milden Art, mit jenem feinen Lächeln, das nur denen eigen, die über den Anderen stehen, hörte er auf die Bitte der beiden Männer. „Gedulden sie sich ein wenig," sagte er, „der „Rappelkopf" wird in einigen Tagen seiner Stelle entsetzt, und Sie werden von der schweren Last befreit werden." Ein rasch vorübergehender Zug von sinnendem Emst flog über die wohlwollenden Züge des greisen Marschalls, und nachdenklich fragte er die Beiden, wo sie Logis genommen. Sie gaben prompte Antwort und wurden freundlich entlassen. Kaum zu Hause angelangt, fuhren vor dem Hotel, wo sie wohnten, zwei Fiaker vor. Die Insassen des einen waren vier Soldaten und ihnen, den zu Tode Erschrockenen, wurde bedeutet, unverzüglich in dem zweiten Platz zu nehmen, und fort ging es im Carxiere in die alte Kaserne am Salzgries. Hier wurde ihnen ein wohnliches Zimmer angewiesen, von wo man sie nach acht Tagen freundlich entließ. Erst später erfuhren sie die Ursache ihrer Jnternirung. Radetzky hatte aus purer Menschenfreundlichkeit ein Staatsgeheimniß preisgegeben, und um sich zu vergewiffem, daß die Männer, vor denen er den Schleier der nächsten Zukunft gelüftet, keine Indiskretion begehen, hatte er ihnen bis zur Publication der diesbezüglichen kaiserlichen Entschließung ein gutbewachtes Mußquartier angewiesen. Haynau, dem feine Absetzung wie ein Dachziegel auf den Kopf fiel, war, wenn ihn zeitweilig die Gicht zwackte, von gewissen Vorahnungen seines Sturzes nicht frei. Merkwürdig genug hielt er sich knapp vor seiner Absetzung in seiner Position am gefestigtesten, und es gab eine wüste Scene, als dem Gewaltigen gegenüber eine Anspielung auf den Zusammenbruch seines Regimentes riSkirt wurde.

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