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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 18 r Orstrrrrichischr Wochenschrift Sette 331 Klagen bis auf die Blutbeschuldigung hervorgesucht, womit die Mordgier und Raubsucht nur je sich auf das Ghetto stürzten. Zum Führer dieser Menge warf sich Vincenz Fettmilch auf. Grhatte eine die Durchschnittsbildung überragende Erziehung genossen, bewarb sich aber vergebens um dm Posten eines Stadtschreibers und ergriff aus Verdruß das Waffenhandwerk. Später ließ er sich als Kuchenbäcker nieder. Sein Leumund war nicht der beste. „Er war ein Mensch von grobsinnlichen Instinkten, Trinkgelagen allzu ergeben und fehlte nicht, wo man fraß und soff". Auch in eine schmutzige Verführungsgeschichte war sein Name verwickelt, ebenso in einem Ehebruchsscandal, und von den Hanau-Lichtenberg'schen Rächen wurde gegen ihn sogar die Anklage wegen Falschmünzerei erhoben. Trotz dieser wenig Vertrauen erweckenden Vergangenheit machte ihn die Menge zu ihrem Führer. Sein keckes und verwegenes Auftreten schien ihn für diese Rolle zu eignen. Aber er hatte keine Spur von apostolischer Hingebung für die Sache des Volkes und bei all seiner Frechheit nicht die geringste Spur von Mannesmuth. Ebenso ging ihm jede tiefere politische Bildung völlig ab. Jedes Abwägen und Maßhalten war ihm fremd. Allein Vincenz Fettmilch war doch nur das Werkzeug in der Hand Anderer, die ihn nur vorschoben, während sie sich selbst im Hintergrund hielten. Zu diesen gehörten verschiedene sehr reiche niederländische Kaufleute und der Advocat Weitz. Weitz war geistig der Bedeutendste der ganzen Bewegung. Dem Bankerotte nahe und bei Juden arg verschuldet, sah er in dem Aufstand ein verzweifeltes Mittel, sich aus seiner trostlosen pecuniären Lage zu befreien. Während der ganzen Dauer des Aufstandes suchte er aus alle Art Geld von den Juden zu erpressen und in der Judengasse hieß es, sobald er gegen die Juden sprach: „Der Advocat hat wieder ein Wetter gemacht, wir müssen ihm wieder etwas bluten, damit wir das Gewölk vertreiben." Aber auch Weitz hätte dem Gewitternicht mehr gebieten können; Fettmilch hatte schon die rohen Jnstincte der Massen geweckt. Um die Mitte 1612 fand die Wahl Kaiser Mathias in Frankfurt statt. Beim Verlassen der Kirche überreichte ihm Fettmilch eine Bittschrift im Namen der Bürgerschaft, worin die Beschwerden gegen die Juden besonders betont wurden, „die Saugegel, die sich von unserem Schweiß und Blut nähren und nicht Nachlassen, bis auch das Mark aus unserem Gebein verzehrt ist und wir zum Bettelstab fertig sind. Erst dann, wenn die Landesverderber und Müßiggänger aus dem Wege geräumt und abgeschafft werden, kann Glück und Wohlstand wieder in den Staat einkehren; darob wird der Allerhöchste einen süßen Geruch empfangen und die Engel werden darüber frohlocken und die heilige Dreifaltigkeit wird dem Kaiser Glück und Wohlfahrt verlechen." Der Kaiser schien jedoch wenig Lust gehabt zu haben, den so verlockenden Lohn zu erwerben. Ohne einen Bescheid zu geben, verließ er schon am 23. Juni Frankfurt, wo ihm der Aufenthalt wegen der Zwistigkeiten verleidet wurde, und beauftragte den Kanzler Pucher mit der Schlichtung des Streites. Auf diese Enttäuschung gingen die Unzufriedenen zur offenen Empörung über. Sie setzten so eine Art Wohlfahrts- Ausschuß ein, der Fettmilch zum „Director" wählte. Mitte Juli erschien ein kaiserlicher Her-old in der Stadt, der den Belager-ungszustand verkündete, und bald darauf kamen Delegirte der kaiserlichen Commissarien. Der Ausschuß blieb dennoch fortbestehen. Er überreichte den Delegirten eine Beschwerdeschrift, welche mit der Klage über das gotteslästerliche Leben der Juden, ihre Zauberei, wodurch sie den Zorn des Höchsten auf die Stadt herabladen, beginnt, dann die Behauptung aufstellt, daß die in Deutschland lebenden Juden gar nicht d-e Nachkommen der zwölf Stämme seien und daß sie als geborene Falsarii den Namen „Juden" mit Unrecht führen. Nicht die Bibel, sondem der fabulistische Talmud sei ihr höchstes Gut. Die Beschwerdeschrift erinnert ferner an die Beschlüsse der Concilien gegen die Juden, und an das schone Beispiel Kaiser Wenzels, der 1392 alle Schuldner der Juden der Verpflichtungen ledig erklärt. Die Juden seien eine stete Gefahr für das geliebte deutsche Vaterland, denn sie seien Kundschafter und im Bunde mit den Türken: schließlich werden die Abschlachtung christlicher Kinder zu rituellen Zwecken und die Vergiftung der Brunnen als Thatsachen hingestellt. In einer zweiten Beschwerdeschrift wird das Sündenregister der Frankfurter Juden genau in 360 Artikel gebracht. In einem dieser Artikel wird gegen die Vorsteher der Vorwurf erhoben, daß sie diejenigen chrer Glaubensgenossen, die sich im Geschäft unreell gezeigt haben, ohne Rücksicht auf die von der Behörde verhängte Strafe nochmals bestrafen, was eine Geringschätzung der christlichen Obrigkeit sei. Ein Artikel, der von der Ueberhebung der Juden spricht, führt als Beweis an, daß einmal ein Jude alle Christen Schelme nannte, daß bei der Krönung die Juden mit dem für den Kaiser bestimmten Geschenke dem Rathe um einige Tage vorgelaufen seien und daß Nathan „zur Ampel" nebst Weib und Kind den Kaiser habe tafeln sehen wollen. In einigen dieser Artikel wird über die Parteilichkeit des Rathes für die Juden geklagt, indem er den „Judenspiegel" confiscirte, dann das Bild auf der Mainbrücke kurz vor der Kaiserwahl verdecken ließ und zur Feier des Laubhüttenfestes Reiser aus dem Stadtwalde zu holen gestattete Dabei lief die Thättgkeit Fettmilch's nebenher. Er terrorisirte die ganze Stadt, und die von ihm gesäete Saat der Judenhetze begann aufzugehen. Täglich kamen jetzt Mißhandlungen von Juden auf den Straßen vor und in die Judengasse drangen öfters Haufen von Handwerkem ein und machten sich das Vergnügen, die Fenster einzuschlagen. Und diese Gesetzlosigkeiten gebrauchte wieder Fettmilch zur Einschüchterung des Rathes, in der Judenfrage dem Ausschüsse nachzugqben. Und der Rath opferte die Juden. Er verfügte, daß nur diejenigen Juden vor der Hand noch in Frankfurt bleiben dürfen, die 20.000 Gulden besitzen, alle anderen aber binnen acht Tagen sich mit dem städtischen Rechenmeister abfinden und die Stadt verlassen müssen. Und so begann die Austteibung Thatsache zu werden. Der Kaiser schickte wieder Commissarien nach Frankfurt. Der Rath hielt aus Furcht vor dem Unwillen des Kaisers mit den Ausweisungen ein; allein Fettmllch sprach in maßlosen Ausdrücken gegen den Kaiser und drohte, diejenigen Rathsleute, welche sich lästig gegen die Juden zeigen, zur Verantwortung zu ziehen. Die kaiserlichen Commissarien versuchten zu verschiedenen Malen die bethörte Menge zu Vernunft zu bringen. Ein kaiserliches Mandat forderte die Bürger auf, sich von der Sache der Aufständischen loszusagen, wer aber noch weiter in Ungehorsam verharre, dem drohe Reichsacht u. s. w. Fettmilch spiegelte aber den Massen vor, das Mandat rühre gar nicht vom Kaiser her, sondern sei von den Commissarien untergeschoben. , In einer von ihm veranstaltetm Schmauserei schürte er durch' Brandreden die Erbitterung gegen die Commiffarien, bis es in den von Wein erhitzten Köpfen überzukochen begann. Wie rasend zog die Menge vor das Haus, wo die kaiserlichen Delegirten ihr Absteigequartier hatten, und wollte sich an denselben vergreifen. Da erscholl plötzlich der Ruf: Plündert die Judengasse! Die Ahnung dieser Katastrophe beherrschte schon einige Tage die Gaste. Einige Familien flüchteten bei Zeiten in die Häuser befteundeter Christen, die meisten waren aber zurückgeblieben. Sie verrammelten die Thore, so gut es anging und bauten übrigens auf Gottes Hilfe. Eben waren sie am Nachmittage des 22. August 1614 in der Synagoge, als sich gegen 5 Uhr dichte Volksm asten gegen die Dornheimer Pforte heranwälzten. Die Männer verließen das Gotteshaus und bewaffneten sich zur Vertheidigung ihrer Heimstätten. Die Frauen und Kinder hatte man auf den Friedhof geflüchtet.

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