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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 322 Oryrrrrichischr Wochrnschrftl. Nr. 18 Bis 10 Uhr Abends konnten die Angreifenden nicht eindringen. Fetnnilch wollte schon Geschütze gegen das Thor aufsahren lassen, da gelang es einigen mit Musketen bewaffneten Haufen durch Durchbrechen eines Hauses in die Gasse einzudringm. Schon waren die Juden im Begriff, sich gegen die Eingedrungenen zu wenden, als diese versicherten, sie seien nur zu chrem Schutze erschienen, und sie aufforderten, die Waffen niederzulegen. Man schenkte ihren Worten Glauben, aber nur zu bald sahen die Juden ihren Jrrthum ein. Die Eingedrungenen öffneten die Thore und die beutegierigen Massen überfluteten die Gasse. Dreizehn Stunden wurde ungestört geplündert und das Geplünderte in Sicherheit gebracht, vom erbeuteten Weine berauscht, demolirten sie noch die ausgeplünderten Häuser, zerstörten die Synagogen, beschmutzten die heiligen Schränke und zerrissen dazu die Gesetzrollen. Der Herr der Situation war Fettmilch. Er verkündete den auf dem Friedhose eingeschloff uen Juden, die sich bereits auf den Tod gefaßt machten, daß sie die Stadt zu verlassen haben. Um 1 Uhr begann der Auszug. In langen Scharen, 1380 Personen, zogen sie durch das Fischerpförtchen an den Main. Unter Weinen und Wehklagen schieden sie von den: Orte, wo sie seit vielen Generationen fast ohne Anfechtung gelebt hatten, und eine der blühendsten Gemeinden Deutschlands schien für immer vernichtet zu sein . . . Am 4. September wurde über Fettmilch die Neichsacht ausgesprochen; aber so sehr stand Alles unter seinem Banne, daß Niemand wagte das Aechtungsdecret öffentlich anzuschlagen, geschweige denn zu vollstrecken, bis endlich ein Bürger den Muth fand, ihn in seinem eigenen Hause zu ergreifen Ebenso gelang es, Fettmilch's Genossen zu verhaften, und mit der Gefangennahme der Rädelsführer war der ganze Ausstand gedämpft. Nun befahl der Kaiser, dem Rath, die Rückführung der Juden in's Werk zu setzen, und sie vollständig zu entschädigen sür den Verlust ihrer Habe. Mitte August 1615 wurde mit dem Wiederaufbau der Häuser und Synagogen begonnen. Inzwischen wurde den Führern des Aufstandes der Prozeß gemacht. Jeder derselben suchte sich zu entlasten und den anderen zu belasten, und alle baten sie um Gnade, Fettmilch besonders, „da er aus Unverstand gehandelt habe." Der 28. Februar 1616 war für die Urtheilsoollstreckung festgesetzt. An demselben Tage sollte auch die feierliche Wiedereinführung der Juden stattfinden. Die Execution an Fettmilch geschah mit all' der Grausamkeit des Strafverfcchrens jener Zeit. An der Richtstätte wurden ihm zuerst zwei Finger der rechten Hand abgehackt, dann wurde er geköpft, der Körper geviertheilt, der Kopf auf eine eiserne Stange gesteckt und auf dem Brückenthurm aufgerichiet, sein Haus dem Erdboden gleichgemacht, sein Vermögen konfiscirt und seine Familie Landes verwiesen. Außer Fetttnilch erlitten noch Schopp, Gerngroß, Kantor, sowie drei andere Rädelsführer die Todesstrafe. Viele wurden nur ausgewiesen, vorher aber gestäupt im Beisein der Juden. . Nach Vollstreckung aller Strafen zogen Abtheilungen von Fußvolk und Reiterei mit fliegenden Fahnen hinaus, um die Juden feierlich einzuholen. In wohlgeordneten Reihen bewegte sich der Zug nach der Stadt. Zwei Wagen eröffneten chn; in dem einen saß ein Greis mit schneeweißem Bart und ein Kind; in dem anderen befanden sich drei kaiserliche Adler, die die Aufschrift trugen: Römischer kaiserlicher Majestät und des heiligen Reiches Schutz. Unter Trompetenklang wurden die Thore geöffnet, uttb die Juden zogen in Frieden in ihre früheren Bchausungen zurück. Um den letzten Anstoß zwischen sich und der Bürgerschaft zu beseitigen, verzichteten sie auf die der Stadt auferlegten Enffchädigungen." So endete der Fettmilch'sche Ausstand. Literatur. Im Mittelalter war es in der Regel, daß die jüdischen Aerzte — und fast alle Aerzte tvaren Juden — zugleich jüdische Gelehrte waren und rabbinische Funktionen, wie predigen und lehren, versahen. War doch selbst der große Maimonides seinem bürgerlichen Berufe nach Arzt. Auch am Äegin» der Neuzeit gab es noch viele jüdische Aerzte, selbst mit dem Doctortitel, die mit reichem jüdischen Wissen ausgestaltet waren, wenn sie auch nicht mehr das jüdische Wissen so pflegten, wie die früheren, bei denen man nicht wußte, ob sie mehr Aerzte ooer mehr Rabbiner waren. In der Gegenwart aber, obwohl wir die Arzneiwissenschaft noch immer mit Vorliebe betreiben, ist unseren Aerztcn nichts fremder als jüdisches Leben. An die Geistesgrößen der glorreichsten Epochen unserer Literaturgeschichte erinnert unS jedoch der M e d. Dr. K. Lippe in I a s f y, ein ausgezeichneter Arzt, und dabei von profundem jüdischen Wissen, in welchem er auch literarisch tbätig ist und womit er aus das fortschrittliche Geistesleben seiner Glaubensgenossen in Rumänien den maßg-bendsten Einfluß übt. Die soeben erschienene Sammlung von Reden und Vorträgen, gehalten bei verschiedenen Gelegenheiten von Med. Dr. K. Lip p e 'Jassy, Buchdruckerei H. Gol dner, ls92) sind Perlen jüdischer Homiletik, daß man versucht wird, nochmals das Titelblatt anzusehen, ob denn »virklich bei dem Namen des Autors „Med. Dr." und nicht Prediger oder Rabbiner steht. Der Verfasser hat diese von ihm gehaltenen Vorträge nur zu dem Zwecke im Truck veröffentlicht, um das Andenken seines verstorbenen einzigen hoffnungsvollen Sohnes, dessen Manen er das. Buch widmet, bei seinen Freunden wach zu halten! Allein diese Vorträge sind, an und für sich werth, gelesen zn werden, von Predigern als Muster und von Laien zur Hebung des jüdischen Bewtlßtseins, wozu sie ursprünglich so segensreich dienten. Von dem von uns bereits besprochenen trefflichen Werke „Herrnon, Versuche über Israels Lebensideen im Geiste des agadischen Schriftthums. Von Rabbiner Josef Nobel in Halberstadl" liegt uns nun das lepte Heft vor. welches fünfzehn Capitel enthält, die die wichtigsten moralischen und religiösen Momente behandeln, tvie die Bescheidenheit, die Liebesthat. Wahrhaftigkeit, das Gebet, die Gemeinschaft, die Bar-Mizwah, die Sabbath- und Festtage, Trauer und Trost u. A. Tie textlichen Stellen aus Talmud und Midrasch sind glücklich gewählt und die Erklärungen derselben sind licht- und geistvoll, ohne viel stylistische Ausschmückung und Phrasenornamentik, so daß aus wenigen Zeilen, ans einer Textesstelle und der Erklärung dazu, wenn sie etwas verdünnt und ausgeweitet wird, ganz leicht eine Predigt gemacht werden kann, die die Kanzelstunde ausfüllt. Abgesehen daher von dem Werthe des Werkes an und für sich als exegetische Beleuchtung dunkler Talmud- und Midraschstellen ist es ein Predigten-Magazin für junge Amtsg-nossen oder für solche in kleinern Gemeinden, wo das Predigeramt mik noch andern Aemtern comülirt ist, daß auf das Verfassen der Predigt nicht viel Zeit verwendet werden kann. Und in dieser Beziehung ist,der Verfasser einem wahren Bedürfnisse entgegengekomnlen. „Manchesterthum, Antisemitismus oder Bodenbesitz- Reform!" Vortrag von Adolf Damaschke. Preis 30 Pf. Berlin. Dieser ausgezeichnete Vortrag, welcher in Broschürenform nun erschienen, sollte Keinem, der wirklich für die Befreiung des Volkes eintritt, fehlen, denn in selbem ist in statistischer Weise klargelegt, an was eigentlich die heutige Gesellschaft krankt und daß weder das moderne Manchesterthum, noch der Antisemitismus auch nur eine Idee dafür bieten, die Volkslage zu verbessern. Wir können die Broschüre Jedermann empfehlen und zwar den Semiten und Liberalen, wie auch den Herren Antisemiten, damit auch sie sich klar werden, daß nicht durch Judenhaß eine Verbesserung der Lage der Bauern entstehen kann, sondern nur durch die Vergesellschastlichnng von Grund und Boden. Wochenkalender. Wochen- April- Mai 1892 > Jjar 5652 Kalender Freitag 29 2 Samstag 30 3 yma nrn Sonntag 1 4 Montag 2 5 Dienstag 3 6 Mittwoch 4 7. Donnerstag 5 8 Freitag 6 9 i

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