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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 380 Arsten^rchifchr Wochrfchrifi. Nr. 18 Diesen Heroismus des Greises, diesen stummen Appell an die Menschlichkeit nahm man für Geringschätzung, für Verhöhnung. Hier wurde nicht mehr nach Petroleum-, Essig- und Spiritus-Fässern gefahndet. oder nach Waarenballen, hier wurden keine Eierklsten mehr zerschlagen und keine Zichen und Federbetten zerrissen und in alle vier Winde zerstreut. Hier brach die wilde Sucht sich an Jemandem sein Müthchen zu kühlen, Blut zu sehen, dieser Grausamkeitsinstinkt, der in dem Individuum schlummernd, wie eine Lohe, die durch wilde Leidenschaften und Spirituosengenuß entflammte Menge erfaßt, zügellos hervor. allen Moralitätssesieln spottend, das Schlimmste für den Heldenmüthigen befürchten lassend. Sie waren noch nicht zum Fenster herangestürmt, als ein Stein, aus ihrer Mitte entschnellt, den Knaben an den Kopf traf. Der Junge schrie laut auf, die Weiber umringten ihn wehklagend. Der Jude ließ den Arni des Enkels frei, blickte sich nicht einmal um. sondern erhob die Hände wie beschwörend über das brüllende Gelichter und murmelte mit kreideweißen Lippen: „Adonai . . . Adonai . . .und große Thränen raunen über seine gefurchten Backen. In diesem Momente war er ein wahrer „Gaou", was „hocherhaben" bedeute!. Doch als die ersten Angreifer bis zum Fenster vorgedrungen waren, stießen sie da auf unverhofften Widerstand in Gestalt des hageren Studenten. Mit wirrem Haar, geöffnetem Mantel stand er hoch aufgerichtet unter dem Fenster des Juden, mit ausgebreiteten Armen, geballten Fäusten und die Füße wie ein Zirkel ausspreizend. Er war so hoch gewachscu, daß er mit seiner Gestalt zur Hälfte das Fenster deckte. Zorn, Scham, Verachtung, Mitleid stritten auf seinem narbigen Gesichte, die Brust hob und senkte sich, das narbige Gesicht schien Feuer und Flamme zu speien. „Halt! Hinweg von diesem Juden! Rührt mir den da nicht an!" heulte er wie ein Schäferhund den ersten Eindringlingen entgegen. „Und wenn nicht, so haut auf mich los — Hundsfotte, Lumpen, Tagdiebe . . . ." Er bebte am ganzen Körper, mit zornerstickter Stimme konnte er nur der Menge zurufen, seine Augen sprühten Funken . . . Einige Besonnene begannen zurückzuweichen. Die Gestalt des Jünglings und seine Worte und Gesten verfehlten nicht ihre Wirkung. Dies machte sich der lange Student zu Nutze und schwang sich durch das niedrige Fenster selber in die Stube, stieß den Alten bei Seite, pflanzte sich an seiner Stelle auf. Die Menge zog johlend an dem Fenster vorbei. Die höhnischen Zurufe, die Drohungen und Flüche und Verwünschungen verzogen sich; dann entfernte sich der Tumult immer mehr und mehr. Tie Stimmen erklangen immer schwächer und schwächer, verloren sich, bis das Ganze zu einem Summen und Rauschen in der Feme versank. Au diesen: Abend lernte Niemand am Fichtentische und arbeitete Niemand in der Werkstatt. Hinter den Persiennes aus dem Alkoven drang das Wimmern des Kindes; übrigens hier vollkommene Ruhe. Wenn nicht die zertrümmerte Fensterscheibe, wenn nicht der noch immer auf dem Boden liegende Tornister, hätte man gar nicht gemerkt, was für ein Sturm hier heute Morgens vorübergezogen. Im Alkoven hinterm Vorhang ruhte mit verbundenem Kopf der kleine Gymnasiast. Die grüne Lampe brannte und der hagere Student saß zu Häuptcn des Bettchens und hielt des Jungen Hand in der seinen. Der Student hatte wieder sein altes, häßliches, durch Narben entstelltes Gesicht; nur in den Augen glomm noch ein Funke der früheren Zornesgluth. Schweigsam, ernst, verbittert saß er da, nur ab und zu einen ungeduldigen Blick in einen dunkeln Winkel des Alkovens werfend. Dort kauerte der alte Danziger Mendel, laut- und regungslos. In sich zusammengeknickt, die Ellenbogen auf den Knicen, das Gesicht in den Händen vergraben, verharrte er seit Mittags in dieser Lage, seitdem er erfahren, daß dem Knaben keine Gefahr drohe. Diese Bewegungslosigkeit und dieses dumpfe Hinbrüten beunruhigten den wackeren Studenten. „Herr Mendel." brummte er endlich, „kommen Sie doch schon einmal aus Ihrem Loch heraus! Verrichten Sie da Ihre rituellen Bußgebete oder sonst was. zum Kukuck? Ein klein wenig Fieber und Alles wird wieder gut werden. In einer Woche kann der Junge wieder in die Schule gehen — die Wunde vernarbt rasch. Und Sie hocken dort, als stteuten Sie Asche aus Ihr Haupt. Ist doch Niemand von den Ihrigen gestorben!" Der alte Jude schwieg. Erst nach einer Weile erhob er das Haupt und ließ sich mit vibrirender Stimme vernehmen: „Sie fragen, ob ich Asche auf mein Haupt streue? Na, ich thue das. Ich streue Asche auf mein Haupt und habe einen dicken Sack auf dem Kopfe und sitze mit bloßen Füßen in Asche, denn ich muß Buße ihun für einen großen Seelenschmerz, für eine große, große Bitterniß . . . ." Er verstummte und verhüllte wieder sein Haupt mit den Händen. Die kleirre, grüne Lampe lieh seinem grauen Haupte irgend ein seltsam geisterhaftes Aussehen. Der Junge seufzte, stöhnte ein und das zweite Mal und dann versank wieder Alles in Schweigen? Und da erhob Mendel noch einmal sein Haupt und sprach: „Sic sagen, daß Niemand von den Meinen gestorben. Na, in mir ist das, womit ich geboren bin, womit ich siebenundsechzig Jahre laug gelebt und womit ich mich zur ewigen Ruhe begeben wollte ... das Herz für diese Stadt ist in mir gestorben." Ende. Der Fqttmllch'sche Ausstand in Frankfurt a. D. Alle die Hetzer gegen die Juden seit tausenden Jahren sind mit ihren Lügen und Verleumdungen nur elende Copiften, selbst Haman war nicht original, um tausend Jahre früher sind schon am Nil seine Gedanken, wenn auch in einem anderen Eoncept, gebraucht worden. Aber man wird fast versucht, an die Seelenwanderung zu glauben, und zwar im streng buddhistischen Sinne, wonach die Seele des Verbrechers in einen noch gemeineren Körper gleichsam als Strafkolonie fährt, wenn man die Führer des vor nahezu dreihundert Jahren gegen die Juden Frankfurts stattgefundenen Aufstandes mit den Führern der heutigen antisemitischen Bewegung vergleicht. Welche frappante Aehnlichkeiten in den Porträts, nur daß die heutigen noch etwas niedrigere Naturen sind. Die Geschichte jenes Aufstandes ist ebenso trostreich für uns, wie lehneich für unsere Feinde, und wir geben sie nach einem jüngst erschienenen Essay von Dr. Krakauer in Frankfurt am Maiir?) Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, zwischen den ersten Reformationskämpfen und dem dreißigjährigen Krieg, gährte es in ganz Deutschland. Nur waren überall die Umstände anders. In Frankfurt am Main lag die Herrschaft ausschließlich in den Händen der patrizischen Familien und der Zünfte und das Lutherische Bekenntniß war das maßgebende. Das unzünftige Bürgerthum, die Katholiken und die Reformirten, sahen voll Ingrimm auf die Herrschenden, und so sehr sie in ihren'Anschauungen, in ihrer socialen Stellung und in ihrer Lebensweise auseinandergingen, vereinigten sie sich doch in dem Bestreben, diese alte Ordnung umzustürzen. Ein von diesem Getriebe abseits stehendes Element waren die Juden. Die Juden Frankfurts wohnten in einem besonderen, völlig mit Mauern eingeschlossenen Stadttheile. Das Aufenthaltrecht mußten sie alle Jahre aufs Neue durch eine besondere Abgabe erwerben, aber als Kammerknechte des Kaisers standen sie unter dessen Oberhoheit und Schutz gegen etwaige allzustarke Ausschreitungen der städtischen Machthaber. Selbstverständlich, daß sie als politisch Rechtlose auch indifferent der Gährung des Bürgerthums gegen die Herrschenden gegenüberstanden und so lenkte der Neid naturgemäß die Aufmerksamkeit der Unzufriedenen auf sie; der religiöse Fanatismus that dann das Seinige dazu. Ein Bild auf der Brücke von Sachsenhausen in der Stadt, welches den von neun Pfriemen durchstochenen, aus vielen Wunden blutenden Knaben Simon von Trident, den die Juden 1476 zu Tode gemartert haben sollen, vorstellte, und vor dem die Menge schon lange vorüberging, wurde nun wieder ein Gegenstand gottesdienstlicher Verehrung, und die Geistlichkeit fachte die heilige Flamme nur noch mehr an, besonders die protestantische, trotz der Gebote Luther's, die Juden glimpflich zu behandeln. Vielleicht hatten sie Furcht vor der Neigung des Volkes zum Judaismus, denn durch das Bibellesen, welches die Grundlage des neuen Glaubens war, mußte ja jeder Denkende zur Erkenntniß der nahen Verwandtschaft des Christenthums zum Judenthume kommen. Einen Bürger, der geleugnet hatte, daß die Juden verdammt seien, zeigten sie beim Rath an, der ihn für diese Ketzerei foltern ließ und dann aus der Stadt wies. So wurde also die Judenschaft zum Sündenbock von dem aus den hervorragendsten Elementen zusammengesetzten unzuftiedenen Bürgerthum ausersehen, und gegen sie alle die *) Die Schicksale der Frankfurter Juden während des Fettmilch'schen Aufstandes (1612—1618) von Dr. I. Krakauer. Frankfurt am Main. Verlag von I. Kaufmann. 1892. *

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