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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 18 Orstrrrrichischr Wochenschrift Seite 319 Er Preßte die Lippen zusammen und griff nach dem Zinnleuchter gleichsam als wollte er dem Gast auf den Flur hinauslenchten. Da glitt denn der dicke Uhrmacher vom Tische herab, hüllte sich fester in seinen Hawelok, der ihm irgendwo ans die Schultern herabgesunken war und empfahl sich mit einem kurzen: Gute Nacht. Darauf kehrte der Jude in die Stube zurück, stellte den Leuchter auf den Tisch, schlich sich auf den Fingerspitzen zum Alkoven-Vorhang und lauschte gespannt. Aus dem Innern des Alkovens drang der 'mregelmäßige fieberhafte, heisere Athen: des Kindes. Eine kleine Lampe, mit grüner, gläserner Kugel, brannte auf dem Schemel. Der Alte entledigte sich seiner Pantoffel, näherte sich dem Bettchen und heftetete den besorgten Blick auf das fenerrothe Gesichtchen des Enkels. So mochte er eine Weile mit angehaltenem Athen: verharrt haben, dann seufzte er, schlüpfte zum Alkoven hinaus, ließ sich auf einen Stuhl fallen, stiitzte die Ellbogen auf die Kniee und versank in Nachgrübeln. Er sah jetzt gramgebeugt, wie um zehn Jahre gealtert aus. Die Lippen bewegten sich tonlos. Die Brust arbeitete schwer, die Augen waren wie mit dem Fußboden verwachsen. Das dünne Talglicht 'lag schon in den letzten Zügen und summte und zischte in dem zinnernen Leuchter. Tags darauf erwachte das Gäßchen still und schweigsam, wie gewöhnlich. Seit Morgengrauen stand der Danziger Mendel im Lederschurz vor seinem Werktische. Seine große Scheere zirpte emsig und hart auf dem Papiere. Die Presse ächzte bis zum letzten SchraubenzNg straff angezogen, das lange, schmale Messer glänzte' in der Mvrgensonne mit seiner abgenützten Klinge, die Papierschnitzel flogen geräuschvoll bald nach rechts, bald nach links. Der alte Buchbinder arbeitete mit einem wahren Ficbereiser — leidenschaftlich: sein welkes, tief gefurchtes Antlitz erzählte von einer schlaflosen Nacht. Als er aber den dünnen Kaffee, den ihm die Nachbarin in einer Fayence-Kanne reichte, ausgetrunken, wurde ihm etwas leichter um's Herz und er stopfte sich die kurze Pfeife, setzte sie in Brand und ging den Enkel wecken. Der Knabe hatte sich heute verschlafen. Er hatte sich bis spat in die Nacht auf dem Lager herumgewälzt wie ein Fisch und jetzt schlief er einen ruhigen, gesunden Schlaf. Der dünne Sonnenstrahl, der durch eine Qefsnung des persischen Vorhanges in den Alkoven fiel, huschte bald - um seine Aüg?n, seine Lippen, 'seine schmale, halb entblößte Brust, bald liebkoste er seine weichen, schwarzen Haarflechten und entzündete in den langen gesenkten Wimpern goldbraune irrlichternde Flämmchen. Der Alte blickte voll Zärtlichkeit auf das Kind, seine Stirne glättete sich, die Lippen öffneten sich, die Augen blickten klarer. Endlich lächelte er selig vor sich hin und nachdem er einen tieferen Zug aus seiner Pfeife get-ban,» bückte er sich und blies den Rauch dem Kleinen unter die Nase. Der Junge hüstelte, fuhr in die Höhe, rieb sich mit den kleinen, geballten Händen den Schlaf ans den Augen. Jetzt hatte er es gar eilig, er war in Verlegenheit, eine Hausaufgabe war noch nicht vollendet, die Bücher und Hefte lagen auf dem Tische durcheinander. Er nahm sich nicht Zeit seinen Kaffee auszutrinken und die mit Eierschnitten belegte Semmel in die Tasche zu stecken, sondern er packte die Bücher und Hefte in den Tornister und eilte zur Thüre, um sich nicht zu verspäten. Als er aber seinen Qberrock auf die Schulter werfend die Schwelle überschreiten wollte, öffnete sich dröhnend die Thüre und der Student von der Mansarda stieß ihn heftig zurück: „Flieh', denn man haut die Juden!" Er war sichtlich erregt. Sein pockennarbiges, langes Gesicht erschien noch länger und noch abstoßender; er war in Sturmeseile herangekommen und seine Augen sprühten Funken. Der entsetzte Junge rollte wie ein Kreisel zum Tisch zurück, Rock und Tornister waren seinen Händen entglitten. Der Alte war wie versteinert, doch rasch gefaßt mit feuerrothen Backen stürzte er wie ein angeschvssener Eber auf den Studenten los. „Was fliehen? Wohin flieheil? Warum soll das Kind fliehen? .... Hat es irgend Jemandem was gestohlen, daß es fliehe? . . . Sitzt er hier in unbezahltem Quartier! ... in seinem eigenen Hanse! . . . Er hat Niemandem was gestohlen, er ist Niemandem was schuldig! . . . Er geht in die Schule! . . . Er wird incht davonlanfcn. . . " Dabei umsprang er den in der Thüre haltenden Studenten gebeugt, znsammengcknickt, mit wüthenden Gebcrdcn, zischend, pfeifend, mit dem Bart schüttelnd. „Wre Sie wollen," meinte der Student trocken. „Ich habe das Meine gethan." Und er schickte sich an ins Freie zu gelangen. Doch der alte Buchbinder hielt ihn an den Rockschössen fest. „Wie meint er? Wie Sie wollen? Was soll daS heißen? Wie Sie wollen?" Ich will, daß man mich ungeschoren läßt, ich will, daß man mich das Stückchen Brod, das ich verdiene, in Ruhe verzehren lassen soll! ... . Na, ich will diesen Waisenknaben erziehen, daß ein ganzer, achtbarer Mensch ans ihm werde, damit ihm Niemand ins Gesicht spucken darf, wenn er unschuldig ist! . . . Na ich will, daß man weder mir. noch irgend Jemandem Unrecht zufüge, daß die Leute Gott fürchten. Na ich will das! Doch feige fliehen will ich nicht! In dieser Stadt hat mich meine Mutter unter Schmerzen geboren, hier Hobe ich mein Haus, hier meine Kinder, hier habe ich Niemandem angethan ein Leids, hier habe ich meine Werkstätte! . . ." Er hatte noch nicht ausgesprochen, als vom anderen Ende des Gäßchens ein dumpfer Lärm, wie das Echo eines in der Ferne ^orüberziehenden Gewitters, in die Stube drang. Das Gesicht des Studenten zuckte nervös, ein halb unterdrückter Fluch entfuhr seinen Lippen. Der Alte verstummte, richtete sich auf lind reckte den Hals in die Länge, um besser hören zu können. Die Stimmen kamen immer näher. Man hörte schon das Pfeifen und Johlen, das wiehernde Gelächter, die schadenfrohen, zum Gebrüll anwachsenden Rufe, das Tosen und Lärmen, das Weinen und Lamentiren. Das stille Gäß'chen hatte sich in einen Herenbreughel verwandelt. Die Hausthore hatte man geschlossen, die Ladenfenster verrammelt, die Einen strömten von allen Seiten zusammen, die Anderen stoben auseinander. Plötzlich brach der geangstigte Knabe in lautes Weinen aus. Der Student schlug keuchend die Thüre hinter sich zu und verschwand in dem dunkeln Hausflur. Der alte Jude horchte gespannt. Weder das Schluchzen des Kindes, noch das Verschwinden 'des Studenten schien ihn zu berühren. Der Blick war wie in sich gekehrt, die Lippen hingen schlaff herab, der Kopf vornübergebeugt. Durch den dicke,: Lederschurz hindurch sah man. wie seine Kniee schlotterten; das Gesicht war abwechselnd roth und braun, gelblich braun und dann kreideweiß geworden. Noch ein Moment und der gebrechliche Körper fällt zusammen . . . Immer deutlicher kam das Tosen und brach wie eine wilde Horde in das einsame Gäß'chen hinein. Das Zetern, Johlen, Wiehern, Brüllen. Fluchen. Rasen. Wehklagen wuchs lawinenartig an. Die heiseren Stimmen Besoffener vermischten sich mit satanischem Gemecker halbwüchsiger Burschen. Die Lust schien geschwängert von diesem Tumult der zügellosen Menge, eine raubthierartige, bestialische Anth schien sich der Gaffe zu bemächtigen, sich darin auszutollen, wild, unbändig, betäubend, in die Umgebung sich fortpflanzend. Das Krachen der zerborstenen Fensterläden, das Knirschen der aus den Schänken aus die Straße hinausqerollten Brantweinfässer, das Klirren der eingeworfenen Fenster; das Surren der Sturmgeschosse, das Klingen der eisernen Stangen vereinigten sich zu einer infernalischen, betäubenden, scheußlichen Musik. Wie die Flocken eines dicht fallenden Schnees, so bedeckten die Federn aus den auseinandergeworfenen Betten die ganze Straßenbreitc. Nur einige elendigliche Krambuden trennten die entmenschte Menge von der Behausung Mendels. Ter Junge heulte nicht mehr, sondern schmiegte sich, wie Espenlaub zitternd an den Großvater. Seine großen, dunkeln Augen waren noch dunkler ^geworden und leuchteten ans dem bleichen Gesichtchen hervor, wie im Fieber. Seltsam fürwahr. Dieses Sichanschmiegen des Enkels und die nahe unabwendbare Gefahr stärkten den alten Juden. Er legte die Hände ,vie segnend auf das Haupt des Jungen, holte tief Athem und wenn auch sein Gesicht aschfahl war, blickten die Augen furchtlos dem Kommenden entgegen. * Jetzt erst war er inne geworden, daß der Knabe geweint hatte. Jetzt erst war ihm das frühere Schluchzen des Knaben zum Bewußtsein gekommen. „St" . . . flüsterte er zur Beruhigung. In diesem Momente stürmten einige Frauen in die Stube; die Scilerin, die Hausmeisterin und das Marktweib. „Mach, daß Du fortkommst. Mendel! rief ihm die Hausmeisterin schon vom Weitem zu. Sie dürfen Dich nicht sehen! Ich stelle in einem Nu ein Heiligenbild in's Fenster oder ein Kreuz. In den anderen Häusern haben sie cS ebenso gemacht. . . und die hat man geschont. . ." Sic packte den Jungen am Arme. „Fort, Koberl, verbirg Dich im Alkoven!" Sie umringten die Beiden, deckten sie mit ihrem Leibe und suchten sie nach dem Vorhang zurückzudrängen. Sie kannten den Juden jahrzehntelang; er war gut und diensteifrig. Nach den Weiber:: begannen andere Hausbewohner die Stube zu süllen. Der alte Mendel stützte sich mit der einen Hand schwer auf den Arm des Knaben und mit der anderen schob er die Frauen bei Seite. In den letzten paar Augenblicken hatte er seine Geistesgegenwart wieder gewonnen. „Eh lassen Sie es gut sein . . . Frau Johanna . . .!" sprach er mit harter, volltönender Stimme. „Lassen Sie es gut sein! Ich danke Euch, daß Ihr mich mit Eueren Heiligen reiten wollt, doch ich will keinen Heiligen in mein Fenster stellen! Ich will mich nicht deffen schämen, daß ich ein Jllde bin — ich will mich nicht fürchten. Wenn sie kein Erbarmen haben, wenn sie an ihrem Nächsten sündigen wollen, dann sind sie keine wahren Christen, dann wird sie auch weder das Kreuz, noch das Bild vor dem Schlimmsten abhalten. Dann sind es keine Menschen . . . Und lvenn sie aber Menschen sind, dann siud's Christen, und so einen alten Mann und so einen blutjunge» Knaben werden sie nicht antasten. Zu mir, Jakob!" Und den Knaben mit sich fortziehend, begab er sich der warnenden Abinahnungen der Versammelten nicht achtend zum Fenster, stieß mit einem Schlage beide Fensterflügel sperrangelweit aus und blieb mit aufgeknöpftem Kaftan im Lederschurze dastehen mit nickendem, ehrwürdigen: Barte, stolz erhobenen Hauptes, den kleinen Gymnanasten an seine Seite pressend, dessen Augen immer größer wurden, auf das sich nähernde Getümmel gerichtet. __ Das Bild lvar so ergreifend, daß die Frauen in Thronen ausbrachen. Die brüllende Menge hatte den im Fenster hoch aufgerichteten Alten bemerkt und die auf dem Wege liegenden Kramladen übergehend, warf sie sich nach seiner Seite. I

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