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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 18 Vrstrrrrichisttzr Wochenschrift. Seüe 313 chorrWLnäemen. Wien. (Was das „Deutsche Volksblatt" verschweigt und was es erzählt.) Man weiß, daß das „Deutsche Volksblatt" angeblich aus keinem anderen Grunde in's Leben gerufen wurde, als weil endlich einmal der so unsäglich verjudeten Welt gezeigt - werden sollte, was ehrliche, objective Berichterstattung ist. Freilich hat sich alsbald jedem unbefangenen Leser die Erkenntniß aufgedrängt, daß das „Deutsche Volksblatt" in einem ganz anderen Sinne die Worte rechtfertige, es sei „eigens wegen der Corruption" gegründet worden. Zn der That, wenn Jemand die Blüthe und den Gipfel journalistischer Conuption kennen lernen will, so braucht er nur das von dem Geiste Bergan i's, des Urgermanen aus Sollenz beseelte Blatt zu studiren. Was dieses Blatt alles zu verschweigen im Stande ist — es ist nicht zum sagen! Und was für Dinge es mitunter verschweigt! Nehmen wir an, der Gründer und Schöpfer der antisemitischen Partei in Oesterreich, Schönerer hielte in Wien in einer gut besuchten Versammlung, eine mehrstündige Rede, in welcher er die bedeutsamsten Aeußerungen über das Wesen und die Ziele des Antisemitismus zum Besten gibt und die liberale „Judenpresse" würde dies Alles todtgeschwiegen haben! Was würde das „Deutsche Volksblatt" zu dieser schweigenden Verhöhnung des großen antisemitischen Meisters — und der objectiven Berichterstattung gesagt haben! Was soll man aber davon denken, daß das Unfaßbare, das Unnatürliche, das Unglaubliche sich ereignet: Schönerer hält in Wien eine mehrstündige Rede und das „eigens wegen der Corruption" gegründete „Deutsche Volksblatt" bringt kein einziges Wort darüber! Ist das vielleicht die ideale objective Berichterstattung, fragen wir, wenn ein antisemitisches Blatt die Ansichten dieses großen antisemitischen Heros unterschlägt? Und weshalb? Weil Herr- Schönerer das „Deutsche Volksblatt" und das „Vaterland" für „antisem itische Schandblätter" erklärte, weil er meinte, die „Corruption", die sich bei ihnen breitmache, sei geradezu ekelerregend, weil er von ihrer „Perfidie", von ihrem „verlotterten Streberthum" sprach? Aber, lieber Herr Vergani, Ihr Blatt tvill ja seine Existenzberechtigung doch hauptsächlich durch die wahrheitsgetreue, objective Berichterstattung rechtfertigen und da werden die gewiß höchst beachtenswerlhen Meinungen eines bewährten, echten, unverfälschten germanischen und arischen Antisemiten, wie Schönerer einer ist, defraudirt! Schönerer kennt ja gewiß am besten den Antisemitismus und se'ne Vertreter und einem solchen Manne wird der journalistische Maulkorb angelegt, damit die Leser nicht seine lauten Reden hören. Und das soll objectiv sein? Was Schönerer in Wien vor lausenden Parteigenossen gesprochen, das wird unterschlagen, verschwiegen! Aber etwas anderes weiß Vergani dafür zu berichten. Caprivi, der Kanzler des deutschen Reiches, hat sich von den Juden bestechen lassen, für schnödes, gemeines, infames Geld und ist dafür unter die Philosemiten gegangen, die ekelhafte Artikel zu Gunsten der Juden in der „Nordd. Allg. Zeitung" schmieren. So erzählt das „eigens wegen der Corruption" gegründete „Deutsche Volksblatt" — das also doch wissen muß, was Corruption ist! Ehren-Vergani schrieb buchstäblich in seinem Blatt am 21. April d. I.: „Wir wissen wohl, daß Herrn Caprivi seine Verluste bei dem Juden Sommerfeld durch Juden ersetzt wurden" u. s. w. Sapienti sat. Und für die Dummen — auf die rechnet Herr Vergani besonders — wird, damit die Bestechung Caprivi's ganz zweifellos erscheine, noch besonders der Zusammenhang zwischen dem Gelde der Juden und dem „entschieden bekundeten Prosemitismus" des Grafeu Caprivi angedeutet. Das wagt das Blatt, welches von Schönerer der gemeinsten Corruption geziehen wird, dem Kanzler des deutschen Reiches zu bieten! Und einem solchen Schandtreiben wird keine Grenze gesetzt! Wien. (Ernst Schneider in Prag und in Berlin.) In Prag hat Herr Ernst Schneider die Bundesbruderschaft mit Vasaty und Genossen geschlossen, in Prag hat man auf den Niedergang Wiens und auf die Zerstörung des Dreibundes getrunken. Von Prag reiste Ernst Schneider nach Berlin und über sein Auftreten dortselbst bringt das „D. V." vom 85. April 1892 nachstehenden Bericht: „Freitag Abends sprach Abgeordneter Ernst Schneider vor einer wohl 15ÜG .Stopfe zählenden Versammlung des Deutschen Antisemitenbundec' in Kellers Festsälen seinen zweiten und letzten Vortrag über: „Die Sittenlehre des Talmud und ihre Nutzanwendung durch das Judenthum". Nach einem durch den Vorsitzenden W i t t c ans den Kaiser ausgebrachten ..Doch" erhielt der mit stürmischem Veiialle empfangene Gast das Wort zu Ausführungen, die mir leider aus preßpolizeilichen Rücksichten nicht wiedergcben dürfen. Langantiattender Beifall folgte der Rede, für welche die Versammlung mit einem „Hoch" auf den Vortragenden dankte. — Dann erhielt Herr S ch w e n nh a g e n das Wort. Er betonte, daß namentlich der d e n t s chnationale Standpunkt dem Judenthum gegenüber gewahrt rverden müsse. — Dann nahm Rector Ah lwardt dgs Wort, um die Antisemiten zu einmüthigem Zusammenhalten gegen die Juden zu ermahnen. Erst wenn deren Einfluß beseitigt sein würde, könne das Vaterland frei und glücklich tverden > Großer, langanhaltender Beifall?. „Zum Schlüsse nahm dann noch Herr Witte das Wort; er dankte dem österreichischen Gaste namentlich für die bei uns noch ganz neue Anregung bezüglich des Talmud. Dann wurde Herrn Schneide r unter donnerndein Beisalt ein Riesenlorbeerkranz mit Schleifen in den österreichischen und deutschen Farben überreicht, der die Widmung trug: „Dem Kämpfer für des deutschen Volkes Recht und Freiheit." — Daun wurde die Versammlung geschlossen. Und „Deutschland. Deutschland über Alles" saug Alles im Hiuausgeheu." Ein Commentar ist überflüssig. Wien. (A n t i s e m i t isch er P at r r oti s m u s.) Eine charakteristische Szene spielte sich Sonntag beider feierlichen Enthülltlitg des Radetzky-Denkmalcs ab. Auf der ofsiciellen Tribüne vor der Creditanstalt, auf welcher sich zahlreiche hohe Würdenträger, die Mitglieder beider Häuser des Reichsrathes, die Delegirten des ungarischen Reichstages, die Angehörigen der Gemeindevertretung, sowie die Vertreter der Presse eingefunden hatten, erschien auch vor Beginn der Feier ein Herr, welcher in der Nähe der Treppe stehen blieb und in Schimpsworte gegen die Juden ausbrach. Von den Umstehenden über dieses unqualificirbare Benehmen zur Rede gestellt und zur Ruhe verwiesen, setzte der Herrtrotzdem seine Beschimpfungen fort, bis einer der Anwesenden ihm zu ohrfeigen drohte. Daraufhin nannte der sonderbare Herr seinen Namen: es war der sattsam bekannte antisemitische Gemeinderath Tischler. Ein liberaler Genieinderalh, Herr Banrath K a r e i s, welcher Zeuge des Vorfalles war, trat nun auf Herrn Tischler zu und sagte zu ihm: „Sie sind ein Feigling, sie lassen sich öffentlich Ohrfeigen antragen und schweigen dazu, das ist bezeichnend für Sie und Ihresgleichen. Ihr könnt nur schimpfen, aber wenn Ihr für Eure Gemeinheiten einstehen sollt, nehmt Ihr Reißaus". Der tapfere Antisemit der selbst angesichts der Weihe des Momentes seine niedrige Gesinnung nicht zu unterdrücken verflöchte, zog sich hierauf still und beschämt zurück. Wien. (Antisemitische Taschenspielerkünste.)S hakespear e, obwohl erkein„Antisemit" war, mußte dem vorurtheilvollen Geiste seiner Zeitgenossen Rechnung tragen, indem er die geschichtliche Thatsache, die der „Blutaffaire" des Shylock zu Grunde lag, einfach umkehrte. Ein Christ war so hartherzig, ein Pfund Fleisch aus dem Leibe eines Juden schneiden zu wollen, aber die Dichtung hat dafür gesorgt, daß nur von dem grausamen „Juden" Shylok erzählt wird, der auf seinem Scheine besteht. Man muß eben, wenn man Antisemit ist, es verstehen, die Thatsachen früher oderspäter zu fälschen. Was hätte ihm Bergan: z. B. gleich aus der sensationellen Gerichts-Verhandlung machen können, welche vorige Woche das allgemeine Interesse erregte, wenn die Heldin derselben, Frl. Rosa Maier Nicht eine gute, echte Antisemitin, sondern eine nichtsnutzige Jüdin gewesen wäre! Die Dame wäre sofort zum Prototyp einer Jüdin avancirt, die alle ohne Ausncchme verworfene Heuchlerinnen nnd Betrügerinnen sind. Und wenn gar der Herr von Kendler das Ungslck gehabt

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