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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Aefterveichtf chr WochrnfchrM.' ' Nr. 18 ' Sette 312 Festgenossen, wollen heute in dieser Feststunde eine Resolution beantragen, eine Resolution, wie wir alle sie einträchtig und einhellig beschließen werden, eine Resolutton, die wir allen guten Engeln zur eingehenden Würdigung, dem obersten Herscher, dem Lenker aller Geschicke zur gnädigen Sanctton unterbreiten wollen, eine Resolution betreffend eine actuelle Frage, über welche Mnister und Sachverständige, Spezialisten und Journalisten, Volks- und Standesvertreter seit langer Zeit berathen und verhandeln; eine Resolution betreffs der aktuellen Frage der Relation. Wir hier find darüber schnell geeint, für uns bleibt das alte Gold immer dasselbe Gold, für uns heißt die Relation «1 pari, in unserer Herzenssprache ad meoh Schonim. Und in diesem Sinne lade ich Sie ein, die mit perlendem Schaumwein gefüllten Gläser zu erheben und unseren Herzenswunsch ausklingen zn lassen in dem Rufe: Jacob Brandeis frisch und rüstig in unserer Mrtte, m der Mitte unserer Gemeinde, in der Mitte seiner Familie ad meoh Schonim, er lebe hoch, hoch, dreimal hoch! Oberrabbiner Dr. Güdemann knüpfte an die Thatsache an, daß die englischen Staatsmänner erst in hohen Jahren ihr vorzüglichstes Lebenswerk verrichten, wie D. Israeli und Gladstone beweisen. Sie haben darin Vorgänger und Vorfahren an den großen Männern der jüdischen Geschichte. Moses ist mit 80 Jahren vor Pharao hingetteten. So kann man auch von unserem Jubilar behaupten, er fange mit seinem 80. Geburtstage erst zu leben an. Deswegen sind seine bisherigen Lebensjahre auch nicht vergeblich gewesen. Wie wir jetzt in der Sephira uns befinden und die Tage zählen, so hat der Jubilar auch seine Tage gezählt und jeden mit schönem Lebensinhalt erfüllt. Das find seine zahlreichen Verdienste, die er sich auf allen Gebieten der Wohlthättgkeit und Menschenliebe, sowie durch Bethättgung seiner Glaubenstteue erworben. Möge Gott ihm zum Lohne dafür, daß er seine Tage gezählt, so daß jeder einzelne etwas bedeutet, noch ungezählte Jahre und Tage zumessen. Bethausvorstand Jur. und Phil. Dr. Marcus Spitzer feiert den Jubilar als Len schemannim und führt aus, - daß gewisse Sprachbilder in so präciser und geradezu elastischer Weise einen bestimmten Gedanken ausdrücken, daß sich dieselben in allen Sprachen und bei allen Völkern vorfinden; so sagen wir z. B. von einem Manne, dessen Anschauungsweise von den Ideen seiner Zeit beeinflußt wird, er sei „ein Sohn seiner Zeit"; so heiße im Hebräischen ein Schriftgelehrter „Lamden“ — soll aber der durch das Studium der Lehre gebildete Charakter bezeichnet werden, so spreche man von einem „Ben thauro.“ So ist eilt „Ben schemaunim” Derjenige, dessen Individualität und Persönlichkeit das Product einer 80jährigen, würdigen Laufbahn ist, und einem solchen Achtzigjährigen wird von unseren Gelehrten die höchste Kraft Gwura nachgerühmt. Redner weist dann auf das alte Sprtchwort hin, in welchem es heißt: „Sage mir mit wem Du umgehst und ich sage Dir wer Du bist", und bemerkt, daß es ebenso treffend ist, wenn man Umschau hält, wer sich an eines Mannes Festtage mtt ihm freut, wer seine Jubettage mit ihm feiert. Den Jubilar zu feiern habe sich nun eine Tafelrunde zusammengefunden, welche die Repräsentanten der „Thauro”, „A wando” und „Gemilaschassodim” in sich fasse. Ist ja doch erschienen der Oberrabbiner Dr. Güdemann, diese Zierde des Jndenthums, ein echter Leu thauro, weiter der Vorstand der Cultusgemeinde, der sich der „Awaudo" — im Wettesten Sinne des Wortes — dem öffentlichen Dienste widmet, der Bethausvorstand, der für die Würde und den Glanz des Gottesdienstes — der „Awando” — einzustehen hat, ferner die Bertteter des Handwerkervereins, welche die Awaudo — die Arbeit im eigentlichen Sinne des Wortes — repräsentiren; endlich sind die Repräsentanten der „Chewra Kadischa" und der „Allianz" erschienen, welche die echt jüdische Wohlthättgkeit repräsentiren. Aus dem Zusammenwirken dieser Männer, aus der gegenseitigen Durchdringung mit den Jdeep, denen sie dienen, entspringt jene Harmonie, welche die Grundlage der Größe, der Kraft und des Aufschwunges des Judenthums bildet. Redner schließt mit dem Wunsche, daß Alle, wie sie hier einig sind in dem Gedanken, dem Jubilar ihre Verehrung und Hochachtung zu bezeugen, auch draußen im Leben einig sein mögen, all' chre Kräfte einzusetzen für die Ehre, die Größe und das Gedeihen des Judenthums. Es sprachen noch in glänzenden Toastreden: Vicepräses .Simon, Baumeister Zifferer, S. Heit, Wilhelm Pollak, Moriz Karpeles, Dr. Wahrmann und k. Rath Klinger. Dr. Güdemann nahm nochmals das Wort, indem er an den Talmud anknüpfte, daß der Erzvater Jakob nicht gestorben sei, sondern im Volke Israels weiter lebe. Auch Jakob Brandeis werde unsterblich in unserer Gemeinde fortleben und sein Beispiel werde noch die spätesten Geschlechter zu edlen Thaten und zur Glaubenstteue anspornen. Der Gefeierte dankte für die Ovation in folgenden Worten: Meine geehrten Herren und Freunde! Tief ergriffen von den großen Ehren, welche Sie mir im Laufe des gesttigen Tages und heute erwiesen haben, finde ich kaum Worte, wie ich Ihnen danken soll. — Ich weiß wohl, daß das Lob, welches mir meine lieben langjährigen Freunde so reichlich gespendet haben, mehr als meinen geringen Verdiensten, meinen weißen Haaren gilt. — Der Aelteste unter Ihnen zu sein, ist das einzige Verdienst, welches ich vor Ihnen voraus habe. In den Leistungen stehe ich hinter Ihnen zurück — obwohl es mir an gutem Willen nicht gefehlt hat, deshalb danke ich Ihnen nicht weniger und finde in dieser Ehrung des Alters ein schönes Stück unserer alten patriarchalischen Sitten erhalten. Wenn es mir trotz meiner Ergriffenheit leichter wird als ich gedacht, Ihnen meinen Dank zu sagen, so kommt das daher, daß ich ganz das Gefühl habe, als wenn ich zu Hause am Familientische stünde und zu meinen Kindern, Enkeln und Urenkeln spräche, denn Ihr lieber Kreis, meine Herren, ist mir eine zweite Familie geworden. Vor 40 Jahren haben wir Inden in Wien eine kleine Gemeinde oder richtiger eine große Familie gebildet. Aus den wenigen Hundert ist heute die größte jüdische Gemeinde der Welt geworden, und Mancher von uns Alten hat sich, wenn der Zuzug besonders stark war, bange gefragt: „Wird das Zusammenleben mit den Glaubensgenossen dasselbe herzlichesein i“ „Werden wir die Eigenthümlichketten der Wiener Gemeinde festhalten können, welche neben unveränderter Frömmigkeit in Humanität und Duldsamkeit bestehen?" Heute kann ich es mit Freuden aussprechen: „Der alte Geist ist erhalten geblieben." Wir Alle, die wir zur Leitung der Gemeinde berufen sind, die wir die Wohlthätigkeits-Anstalten überwachen oder sonst am öffentlichen Leben in unserem Kreise theilnehmen, haben alle die Jahre wie eine Familie gelebt und in guten und in schlechten Zeiten tteu znsammengehalten. Sie haben mir die Ehre erwiesen, die Mitglieder meiner Familie zu laden. So habe ich denn die Freude, zum ersten Male Vertreter meiner beiden lieben Familien vereinigt zu sehen. Seien Sie versichert, daß die Bande des Blutes, die mich mit der einen verbinden, der einzige Unterschied zwischen beiden sind. Liebe und Freundschaft bringe ich Ihnen in gleichem Maße entgegen. Die bescheidene Theilnahme an Ihrer erfolgreichen Thätigkett hat zn meinen schönsten Lebensfreuden gehört. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank dafür, daß Sie mir gegönnt haben, an Ihrem segensreichen Werke mitzuarbeiten, sowie auch für die mir erwiesene Collegialität. Diesem Danke schließe ich die Bitte an jeden meiner College» an, mir zu verzeihen, wenn ich ihn je auch nur mit einem Worte beleidigt haben sollte. Ist es geschehen, so war es unbewußt. Nur das Gefühl, Niemandem wissentlich Unrecht gethan oder Niemanden gekränkt zu haben, schafft jenen Seelenfrieden, ohne welchen das Alter eine Qual wäre, ohne welch'« man dem Tode nur mit Angst entgegensehen könnte. Möge es Jedem von Ihnen gegönnt sein, eine Stunde wie diese zu erleben. Es ist der schönste Lohn, der uns werden kann! Stolz auf die Ehre, die mir meine Mitbrüder erwiesen haben, fordere ich Sie auf, ein Glas zu leeren auf das Wohl unserer Gemeinde und ihrer Anstalten. — Gebe Gott den jetzigen Mitgliedern noch langes Leben und mögen die künftigen Vorstände dem Gegenwärtigen gleichen! Es lebe die Gemeinde hoch! Hierauf ergötzte Ober-Cantor Goldstein die festliche Gesellschaft durch die Vorträge von Schubertliedern. Mit der Absingung des Tischgebetes schloß die Feier lange nach Mitternacht, um welche sich durch das vorzüglich inscenirte Arrangement die Herren Bethausvorsteher Anton Schey und Wasservogel besondere Verdienste und die Anerkennung aller Festgenossen erwarben. Von dem in Görz weilenden Ober-Rabbiner Dr. Jellinek langte ein warm gehaltener telegraphischer Festgruß ein. Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Menu und die Getränke mit vollem Rechte allgemein belobt wurden. - Dr. L.

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