Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Vrstrrrrlchische WochenschrM Seite 311 gesihert ist, weil der trügerische Schein keinen Antheil daran hat, weil es aufgerichtet ist ans den wahren Werthen dieses Lebens. Nicht der Besitz, der sich endlos mehrt, bewahrt den Menschen vor dem Unglück, die Entsagung ist es, die mächtiger ist, als jeder Verlust! Lernet von mir, welch ein Segen in der Arbeit ruht, die nicht allein dem Erwerbe dient, welche den Zweck hat, den Adel des Menschenthums zu bethätigen, mitzuwirken an den großen Aufgaben des Menschengeschlechtes, das nach der höchsten Vollendung ringt! Der Segen der Arbeit hat meinem verlorenen Leben Inhalt und Werth verliehen, hat mein Unglück in Glück gewandelt! Ja, der Blinde vermag der Lehrer des Menschengeschlechtes zu werden, und sein Beispiel ist im Stande, große erziehliche Wirkungen auszuüben, insbesondere in unserer von Haß zerrissenen. den Niederungen des Lebens zugewendeten Zeit! — So innig ich, der ich mein Leben den Blinden gewidmet habe, von der Ueberzeugung durchdrungen bin, daß diese erhabene Mission des Blinden erfüllt werden kann, dereinst erfüllt werden wird, so muß ich doch mit tiefem Bedauern constatiren, daß diese Zeit der Erfüllung noch nicht gekommen ist. Der Blinde steht nicht in, er steht noch immer einsam außerhalb der Gesellschaft, er ist als ein gleichwerthiges Mitglied derselben noch nicht anerkannt. Sein Anblick thut weh, er mahnt an das Schicksal, und wenn man ihm begegnet, so reicht man ihm gewöhnlich die Almosenhand, oft reich gefüllt, die Bruderhand wird ihm selten gereicht. Der Blinde hat das Bürgerrecht in der Gesellschaft noch nicht erlangt, und er ist dessen Werth'; das Bild, welches ich Ihnen, wohl mit überströmendem Gefühl, aber treu und wahr gezeichnet, zeigt Ihnen denselben als einen Menschen höherer Art, den die rechte Bildung zu einem geweihten Leben befähigt. Er vermag sich — wie wiederholt dargelegt wurde — zu den Höhen einer idealen Welt zu erheben, und Gott zu scharten. Er liebt Gott als Gott der Barmherzigkeit und der Gnade, er liebt die Menschen; aber wenn die Welt ihm Arbeit versagt und nur eine Gabe des Mitleids gewährt, dann stürzt er, aus jener Höhe hernieder und fragt trauernd: Warum erlaubt man mir nicht, ein Mensch unter Menschen zu sein? Bon frühester Kindheit übt er sich in Entsagung; eines aber ist es, dem er nicht ensagen will, nicht entsagen kann, der Achtung vor seiner Menschenwürde, der Anerkennung seines redlichen Strebens, seiner Leistungsfähigkeit. Gott hat dem Blinden wunderbare Gaben verliehen, die ihn glücklich zu machen vermögen, und wie unglücklich können ihn die Menschen machen durch Gleichgiltigkeit und durch ihr. flüchtiges Mitleid! Wenn es mir gelungen ist, Ihren Antheil zu erwecken für die heilige Sache, der ich diene, so erfüllen Sie mir eine Bitte! Es sei jeder von Ihnen ein Sendbote, der es lveithin verkündet, daß der Blinde zu einem nützlich wirkenden Gliede der Gesellschaft herangebildet werden kann, dessen Lebensglück auf die Anerkennung seines Menschenthums, auf die Bethätigung seiner Wirkungsfähigkeit begründet ist. Und wenn Ihnen ein Blinder auf dem Lebenswege begegnet, heißen Sie ihn Bruder, Schwester, nehmen Sie sich seiner brüderlich, schwesterlich an, und der Gott, der unser aller Vater ist, wird Sie dafür segnen! (Lebhaftem Beifall und Händeklatschen.) Das achtzigste Geburtstagsfest deÄ Vorstehers Herrn Jacob Brandeis. Aus Anlaß des 80. Geburtstages des Herrn Jacob Brandeis kamen demselben von verschiedenen Corporationen und Freunden sympathische Beweise der Verehrung und Hochschätznng zu. Um 1 Uhr erschien der Gesammtvorstand der isr. Cnltusgemeinde unter Führung seines Bice-Präsidenten Gustav Simon in Vertretung des wegen Unwohlseins verhinderten Präsidenten Wilh. Ritter von Gutmann in der- Wohnung des Jubilars IV., Schwindgafse. G.-R. Simon begrüßte den Gefeierten in warmen Worten und überreichte einen vom Vorstände gewidmeten prachtvollen Pokals mit einer sinnreichen Inschrift. Es erschienen ferner die Vorsteher der Chewra Kadischa mit einer künstlerisch ausgestatteten Adresse, die Vorsteher der Wiener israelit. Allianz,!des Handwerkervereines, welch' Letztere das Diplom eines Ehrenmitgliedes überreichten, sodann eine Deputation des Beamtenkörpers der Israel. Cultusgemeinde unter Führung des kaiserlichen Rathes Dr. Wölfler, sowie Vertretungen verschiedener Wohlthätigkeitsvereine, deren Vorstandsmitglied oder beitragendes Mitglied Herr Jacob Brandeis ist.' Am 23. d. M. Abends 7 Uhr veranstaltete über Anregung des Herrn Dr. Gustav Kohn der Bethausvorstand zu Ehren seines Obmannes des Herrn Jacques Brandeis aus Anlaß seines 80. Geburtstages ein solennes Bankett in den geräumigen Restaurationslocalen des Hotel de l'Europe (Winterlich). Die Verehrung und Liebe, der sich der rüstige und jugendlich frische Jubelgreis erfreut, sind Ursachen, daß sich der gesammte Cultusvorstand, deren Mitglied der Gefeierte ist, die Vorstände der Chewra Kadischa und des Handwerkervereines, welchen der Jubilar als Obmann vorsteht, sowie der Vorstand der israel. Allianz, welchem Herr Brandeis als Beirath angehört, an dem Festmahle betheiligten. Der Jubilar, welcher mit seinen Angehörigen erschien, wurde von den versammelten Festgästen mit nicht enden wollenden Hochs empfangen. Den Reigen der Toaste eröffnete Landesschulrath Dr. Gustav Kohn. Geehrte Festgenossen! Wenige Wochen sind es, daß die ehrwürdige Chewra Kadischa unter Führung ihres ausgezeichneten Präsidenten des Herrn Jacques Brandeis uns zu ihrem Fest- und Brudermahle versammelte. Mir ward damals die ehrenvolle Aufgabe, des vortrefflichen Wirkens ihres Vorstandes und seines Präsidenten zu gedenken, diesem Vorstände und seinem Präsidenten unsere Verehrung auszudrücken, unser Hoch darzubringen. War es damals der Präsident der Chewra Kadischa, den mit seinen Borstandscollegen ich feierte, so ist es heute der Jubilar, der ganze Mann, in allererster Reihe allerdings der Präsident des Bethausvorstandes unserer Gemeinde, den Namens dieses Bethausvorstandes herzlich zu begrüßen, zu seinem Jubeltage. der auch der unsere ist, aus aufrichtigem Herzen zu beglückwünfchen, ihm unsere vollste Verehrung auszusprechen, ich betraut bin; eine Verehrung und Huldigung, welcher sich alle Festtheilnehmer, die College» im Cultusvorstande. die Vorstandsmitglieder der Chewra Kadischa, der Alianz und des Handwerkervereines, die erschienenen Ehrengäste, welch alle, alle ich mit aufrichtigem Vergnügen hier begrüße und willkommen heiße, sich gewiß gerne anschließen. Jacob Brandeis, wer in unserer Gemeinde kennt nicht diesen wohlklingenden Namen! Jacob Brandeis, wer in unserer Gemeinde kennt nicht diesen wackeren, prächtigen, Liebenswürdigen Mann, dieses mustergiltige Vorbild von Hingebung an unseren alten heiligen Glauben, von Anhänglichkeit und Treue an unsere ehrwürdige Gemeinde, von _ anspruchslosester Bescheidenheit; Jacob Brandeis, wer in unserer Gemeinde kennt nicht diesen Mann mit goldenem Herzen, der im Süllen mit Vermeidung jedes Auffehens, das Gute nur des Guten willen thut und in dem Bewußtsein der guten That Freude und Befriedigung, Dank und Lohn findet. Ein Sohn der guten alten Zeit, streng conservativ, versteht er doch die berechtigten Forderungen der Neuzeit zu würdigen und ihnen Rechnung zu tragen; ein ausgezeichneter Präsident, ein liebenswürdiger College, besitzt er nicht nur unsere aufrichtige Verehrung, sondern sind wir alle, alle in warmer Zuneigung und Liebe ihm ergeben und zugethan. Mit den alten ehrwürdigen Einrichtungen unserer Gemeinde, die er schaffen mitgeholfen, innig verwachsen, hat er sich neben der Bethätigung wahrer Menschenliebe die Wahrung und Erhaltung der würdigen Gottesverehrung zur Aufgabe gemacht, da ist ihm nichts zu kleinlich, nichts zu gering, auf.das er nicht sein Augenmerk richten würde. Die erhabene Thora, die Geschichte des Judenthums, die Ideale unseres heiligen Glaubens verjüngen, erfrischen, begeistern ihn, leuchtenden Auges den Erinnerungen an die gute alte Zeit sich hingebend, lebt er auch in der Gegenwart; mit diesen Erinnerungen versteht er es, uns Jüngere und Jungen mit sich fortzureißen, belehrt, erhebt, begeistert er uns. Das Gotteshaus ist seine Freude, ^das Wirken für dasselbe, die Beschäftigung mit demselben, der Besuch desselben ihm Bedürfniß und Befriedigung. Fü» alles Eole sich erwärmend, mit Aemtern und Würden reich geschmückt, von seltenem Pflichtbewußtsein und Eifer durchdrungen, fehlt er nie, wenn das Amt es fordert, fehlt er nirgends, wo der Ruf an ihm ergeht. Und so ist er auch heute liebenswürdig und opferwillig unserem Rufe gefolgt. Hat er auch heute liebenswürdig und opferwillig zu unserer Nachtsitzung sich eingefunden, opferwillig und liebenswürdig, nicht um seines Amtes zu walten, sondern um uns eine Freude zu bereiten, wohl wissend und wohl fühlend, daß er zu uns gehört, so wie wir zu ihm gehören, daß wir alle, alle, eine große Familie um ihn bilden. Und wir, geehrte