Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 310 Vesterretchische Wochenschrift. Nr. 18 der ersten Entwicklungsstufe angefangen lemt er erkennen, daß es eine Well von Dingen und Erscheinungen gibt, welche wirklich bestehend sind und als solche von allen Menschen außer ihm anerkannt werden, und die ihm trotzdem unsichtbar — oft auch in dem auf das Tasten übertragenen Sinne — unsichtbar bleiben. So lemt er daran glauben, was wir oft bezweifeln, so kommt er schon im kindlichen Alter dazu, eine Wahrheit zu begreifen, die andere Menschen erst dann gewinnen, wenn der tiefste, der heißeste Schmerz sie dazu drängt, aus der Vergänglichkeit der zeitlichen Güter das Ewige, Unverlierbare zu gewinnen. Daher kommt es auch, daß dem Blinden hoch vor allen Menschen das beseligende Anschauen der Gottheit zutheil wird, daß sich ihm früher und weiter als anderen das Reich der Ideale eröffnet mit ihrer unendlichen Herrlichkeit, gegen welche die Zauber von Licht und Farbe, die unser Auge empfindet, versinken. (Beifall.) So hat die göttliche Liebe dem Blinden ein hohes Gut verliehen, welches geeignet ist, ihm Vieles zu ersetzen, was die Außenwelt ihm versagt. Lassen Sie uns noch eine Erscheinung aus dem Leben des Blinden betrachten. Alle Menschen streben nach dem Glück. Wie mannigfach und wechselvoll sind die Güter, welche der Mensch mit diesem Namen benennt, wie selten erscheint ihm das wahre Glück, und um wie viel seltener erkennt er es als solches! In unserer materiellen Zeit wird das größte Ausmaß des Besitzes als Glück aufgefaßt. Ohne Grenze ist das Ringen und Streben nach demselben. Maßlos steigern sich die Wünsche des Herzens, die Bedürfniffe des Lebens, und nichts fällt dem Menschen so schwer, als entsagen zu müssen, nichts macht ihn mehr unglücklich, als nicht entsagen zu können. Entsagung ist eine der größten Künste des Lebens; und nur derjenige ist in den Wechselfällen des Lebens am meisten vor dem Unglück bewahrt, der frühzeitig zu entsagen gelernt und geübt hat. Entsagung ist die Schwelle für den gottgeweihten Tempel des Glücks, und darum lehrt sie unsere heilige Religion so oft und eindringlich, indem sie den Genuß auf das berechtigte Maß, oft unter dasselbe einschränkt, weil sie, die Erzieherin des Menschengeschlechtes, die weise und liebevolle Absicht hat, das Herz vor dem schwersten Unglücke zu bewahren, nämlich vor dem, welches es sich selbst bereitet. (Beifall.) Es ist eine ernste Elternpflicht, unseren Kindern frühzeitig die Kunst zu entsagen zu lehren, insbesondere den falschen Werthen des Lebens, die uns nicht reicher machen, dem Schein und dem flüchtigen Genuß, die uns nicht beglücken können, die uns aber ablen^n von dem Sonnenpfad. des Lebens. (Beifall.) Und von einem unerforschlichen Rathschluß dazu auserkoren, lernt der Blinde in frühester Kindheit die schwere Kunst der Entsagung, und da sich seine Erkenntniß frühzeitig erschließt, chm frühzeitig zu einer Quelle des reichsten Glückes wird, so lernt er frühzeitig die wahre» von dm falschen Werthen unterscheiden, und darum vermag er kampflos dem Scheine, dem flüchtigen Genüsse, dem unechten Besitze zu entsagen, und in seinem Innern ein Glück zu schaffen, das auf den unwandelbaren Gesetzen Gottes begründet ist und allen Schicksalstürmen widersteht. (Beifall.) Die Entsagung, um derentwillen die Welt den Blinden beklagt, wird der Grundstein seines wahren, unverlierbaren Glückes, sie befähigt ihn, ein geweihtes Leben zu führen, sie erhebt ihn zu einem höheren Wesen, sie macht ihn zu einem Lehrer des Menschengeschlechtes. Wir haben eingangs dargelegt, daß die tastende feinfühlige Hand das vornehmste Werkzeug des Blinden für die Erwerbung von Erkenntnissen, und so ein Mittler für sein geistiges Lebm ist. Aber dieselbe Hand ist zugleich ein Werkzeug der That. der Arbeit, und somit regt der Gebrauch dieser Hand fiir die Erkenntniß, welche das blinde Kind so reich beglückt, dasselbe viel früher, als dies sonst der Fall ist, dazu an, die Hand für die Arbeit anzuwenden. Aber auch, das Gelingen einer Arbeit schließt für das blinde Kind das Lustgefühl innigster Befriedigung in sich ein, weil es seine Selbstachtung, sein Selbstvertraum erhöht; und so treibt ihn auch dieses Lustgefühl immer mehr dazu an, sich der Arbeit zu tvidmen. Da die Leistungen des Blinden nicht nach der Schönheit ihrer Erscheinung^ sondern nach chrer Tüchtigkeit, ihrer Brauchbarkeit, somit nach ihrem inner» Werthe beurtheilt werden, und die Anerkennung dem jugendlichen Blinden höher steht, als der Erwerb, weil sie ihm eine Bestätigung seines eigenen erhebenden Bewußtseins ist, so lernt der Blinde früher und inniger °das Glück schätzen, welches in der Arbeit liegt, wenn sie vor Allem der Bethätigung der uns von Gott verliehenen Kräfte, der Hervorbringung des Guten und Nützlichen gewidmet ist. Ein hohes Ausmaß des Glückes, welches dem Blinden von der höchsten Liebe beschieden worden, ist in der That auf der Arbeit begründet, ohne sie wird das Leben des besten, des köstlichsten Inhaltes beraubt, fehlt ihm eines der vornehmsten Mittel, seines Menschcnthums bewußt zu werden, es vor der Welt zu erweisen. Ein dreifaches Ergebniß der Blindenbildung habe ich die Ehre gehabt, Ihnen hiermit vorzuführen. Der Blinde, dem eine Welt von Wesen und Erscheinungen, die uns sichtbar sind, unsichtbar bleibt, ist vor allen anderen Menschen im Stande, das Unsichtbare zu begreifen, das Göttliche mit einer Innigkeit zu erfassen, die wir kaum zu ahnen vermögen, sich in die Welt der Ideale aufzuschwingen, in der beseligenden Anschauung des Himmlischen das Irdische mit seinen Sorgen und Schmerzen zu überwinden. Frühzeitig lernt der Blinde die schwere Kunst der Entsagung, indem er sein höheres Ausmaß an Erkenntniß verwendet, um zwischen falschen und wahren Werthen zu unterscheiden; die Entsagung verleiht ihm die moralische Kraft zur Gestaltung eines geweihten Lebens, dessen reinere und höhere Freuden ihn entschädigen für die Welt flüchtigen Scheines. Die Entsagung schafft dem Blinden ein inneres Glück, welches fest begründet, welches bewahrt ist vor den Wechselfällen des Geschickes. In der tastenden Hand des Blinden vereinigt sich das Werkzeug der Erkenntniß und der Arbeit, und so treffen und durchdringen sich in derselben das geistige Leben und die schaffende Bethätigung der physischen Kraft. In dieser Vereinigung liegt die Ursache, daß es den Blinden unwiderstehlich dazu drängt, Nützliches und Brauchbares hervorzubringen. Die Befriedigung dieses Dranges bereitet den Blinden ein hohes Glücksgefühl; die Arbeit ist der Segen im Leben des Blinden, sie verleiht demselben Ruhe, Heiterkeit und Bedeutung. Ich könnte diese Erscheinungen, welche als Resultate der Blindenbildung zu betrachten sind, erheblich vermehren, ich muß mir aber Beschränkung auferlegen, doch selbst die angeführten genügen, um den Ausspruch zu begründen, daß das Los der Blindheit, das uns, die wir im Lichte wandeln, mit Recht so furchtbar erscheint, von einem unerforschlichen Rathschlusse über Menschenkinder verhängt worden ist, damit sie, von Gottes Vaterhand geführt, durchs Leben schreiten, um Lehrer des Menschengeschlechtes zu werden: In einer Zeit, wie der unseren, ist man berechtigt, von der Erziehung des Menschengeschlechtes zu sprechen. Nicht an den wissenschaftlichen Fortschritten, nicht an den technischen Errungenschaften allein kann sie gemessen werden, das eigentliche Kriterium dieser Erziehung liegt in der Beantwortung der Frage, ob die Menschen ihren Vereinigungspunkt finden in dem, den wir Alle Vater nennen, ob sie ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Sprache soviel Bildung des Herzens besitzen, daß sie in jedem Mitmenschen ihren Schicksalsbruder anerkennen, der geboren wird wie sie, dem Leid und Freuden beschieden sind, wie ihnen, und dem gleich ihnen einst die Todesstunde erscheint, in welcher er hofft, daß der Vater ihn aufnehmen werde in sein himmlisches Reich. (Beifall.) Und wie erziehungsbedürstig ist der Mensch in unseren Tagen! Zerrissen hat eine entartete Partei den Bruderbund der Liebe, hingeworfen wird die Menschenwürde in den Staub, und was sonst allen Herzen werth und heilig war, wird verlacht und verspottet. Ja, erziehungsbedürftig ist das Menschengeschlecht mehr denn je, und der Blinde kann sein Lehrer sein! Und diesen hohen Beruf hat ihm Gott selbst gegeben, der in ihm, den Schmerzgeweihten, ein großes, ein ergreifendes Beispiel aufstellen will, wie ein armes Menschenkind, dem der edelste Sinn versagt, der von ewiger Nacht umfangen ist, das Unglück zu besiegen, ans den tiefsten Niederungen des Elends sich emporzuschwingen vermag zum wahren, unverlierbaren Glück durch den Glauben an das Göttliche, durch die Entsagung und durch die Arbeit! (Beifall.) In dieser Stunde, die wir der ernsten Betrachtung "eines traurigen, menschlichen Schicksals weihen, und dem Emporblicke zurgöttlichen Vorsehung, die auch diesem Schicksal einen höheren Zweck gegeben, steht die Jdealgestalt des Blinden vor uns, und wir hören, wie er, zur ganzen Menschheit gewendet, spricht: Ihr, die ihr im Lichte wandelt, sehet auf mich, dein das Auge verschlossen ist und lernet, .wie der Mensch den Glauben an den Unsichtbaren aus tiefer Umnachtung zu gewinnen vermag, wie dieser Glaube den Bann der Sinne überwindet, und das Anschauen des Göttlichen, des Ewigen gewährt, vor dem der Glanz der Erde zurücktritt als ein wesenloses Nichts. Lernet von mir das Entsagen, und wie man aus der Entsagung ein Glück gewinnt, das gegen die Wechselfälle des Lebens I