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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Vryrrrrkhischr Wochrnschrifi. Sette 309 Brot des Lebens, die Ehre und die Achtung aller Guten und Edlen, zu verschaffen. Es ist ein tiestrauriges Bild, welches ein blindes Kind bietet, dem der Engel der erbarmenden, erlösenden Menschenliebe auf seinem Lebenswege nicht begegnet ist, und welches nach und nach, aber sicher und unaufhaltsam auch in geistige Nacht versinkt und so, von zweifacher Finsterniß umhüllt, immer mehr von der Hoheit des Menschenthums einbüßt und endlich, fast zum Thiere geworden, nur nach dem verlangt, was Hunger und Durst von ihm fordern. Untergegangen sind in seiner Seele all' die herrlichen Gaben, die hinanziehen zur Unendlichkeit, die'wom Irdischen und seiner Qual emportragen zum Himmel und seiner Seligkeit. Solche Gestalten, in welchen sich die beleidigte Menschenwürde verkörpert, welche eine stumme und dennoch herzzerreißende Anklage gegen die Menschheit erheben, sind in unserem Zeitalter, in dem der Humanität, zahlreicher als man glauben sollte, und wenn sie einem nur selten begegnen, so liegt der Grund hiefür darin, daß man sie dem Anblick der Öffentlichkeit entzieht. Vielleicht aber ist das Los dieser Unglücklichen besser, als das jener Blinden, die sich in ungestillter Sehnsucht nach Bildung verzehren, die fühlen, daß auch sie auserkoren sind, dem göttlichen Ziele des Menschen entgegenzureifen, und wie ihr Geist dennoch ungepflegt verwelkt. Als Kinder beneiden sie ihre Altersgenossen um das Glück, in der Schule nützliche Kenntnisse erwerben zu können, als Jünglinge träumen auch sie den Hoffnungstraum der Zukunft und werden täglich, stündlich von der feindlichen Wirklichkeit aus demselben rauh und kalt erweckt, als Männer vernehmen sie das laute Getriebe des Lebens, den Wettbewerb des Schaffens rings um sich her und sind zum quälenden Müßiggänge und dazu verdammt, von dem Mitleid ein Stück Brot zu erbitten und zu erhalten. Wer kann^die Qualen ermessen, welche diese ungestillte und unstillbare Sehnsucht nach geistiger Entfaltung und nützlicher Bethätigung in der Seele eines Blinden erzeugt! Wie furchtbar muß es sein, geistig, moralisch abzusterben in der Blüthezeit des Lebens! Die Blindenbildung ist eine neue Errungenschaft des menschlichen Geistes und seines Strebens, das Unglück durch die Lehre zu^besiegen, aber dieser Zweig der Pädagogik ist schon jetzt im Stande, das blinde Kind mit all' den Kenntnissen und Fertigkeiten auszurüsten, welche für die bürgerliche Brauchbarkeit als nothwendig erachtet tverden. Die Blindenschule bietet ihren Zöglingen ein abgeschlossenes Ganzes, welches die Bedingungen selbstständiger, geistiger Fortentwicklung und unmittelbarer Anwendbarkeit auf allen Gebiete des praktischen Lebens in sich schließt. Das wichtigste Mittel, welches die Blindenbildung zur Schaffung ihrer Grundlagen durch reale Wahrnehmungen in Anspruch nimmt, ist die tastende Hand. In der That gehört diese, gehören die Wirkungen, welche sie ausübt, die Leistungen, welche sie hervorbringt, 311 den größten Wundern der menschlichen Natur. Wer im Vollbesitze seiner Sinne und deshalb nicht in die Lage versetzt ist, von dem Tastgefühle als dem dominirenden Sinne Gebrauch zu machen, der kann sich kaum vorstellen, zu welcher Feinfühligkeit sich die Hand auszubilden vermag. Die tastende Hand des Blinden ist nicht allein im Stande, mit einer staunenswerthen Genauigkeit und Schnelligkeit zu lesen, sie dringt in die feinsten Organismen der Natnr, selbst in den Bau der zartesten Pflanzentheile ein, sie wird zmn Werkzeug der Forschung, indem sie den Blinden zu Entdeckungen befähigt, die man ohne Anwendung der^Sehkraft für ausgeschlossen halten sollte. Mit dem Tastsinne verbindet sich ergänzend und den realen Charakter seiner Wahrnehmungen gewißermassen vergeistigend, das Gehör. Während die tastende Hand die Beschränkung empfindet, welche ihr auferlegt ist, zieht die ganze unbegrenzte Welt des Schalles durch das Ohr in die Seele des Blinden ein, verbindet sie ihn mit der Ferne, welche die Hand nimmermehr erreichen kann, erweckt sie in ihm zuerst die Ahnung und nach und nach die Erkenntniß der Unendlichkeit. Auch dem Gehör des Blinden wohnt eine wunderbare Kraft inne. Aus der Stille, aus dem unendlichen Meer des Schweigens, in welchem wir nichts wahrnehmen, was unser Ohr erfassen könnte, dringen dem blinden Kinde tausend und abertausend geheimnißvoll klingende Töne, die wie Offenbarungen einer höheren Welt herüberwehen, die der Blinde in seliger Lust in die Seele saugt, und die seine Phantasie gewiffermassen zu Tongemälden nmgestaltet, welche von unendlicher Schönheit sein müssen. Ich selbst vermag trotz vielfacher Beobachtungen und Untersuchungen diese Schönheit nur zu ahnen; sie ist wohl am treffendsten mit der Majestät des Himmelsdomes, den Millionen Slerne schmücken, zu vergleichen, nnd wie dieser dem Sehenden zuerst und zu allermeist zum Bilde der Unendlichkeit wird, so erweckt jenes majestätische Schweigen, aus welchem wunderbare Stimmen zur Seele des Blinden sprechen, in dieser zuerst ahnungsvoll und allmählich in steigender Gewißheit den Glauben an eine Unendlichkeit, eine Ewigkeit, in welcher Erfüllung wird, was hinieden Hoffnung, Wunsch, Verheißung war. (Beifall.) Die allwaltende Liebe hat aber in die Seele des Blinden noch einen anderen edlen Trieb gelegt, welcher geeignet ist, einen Ausgleich herbeizuführen, es ist dies der früh erwachende, der rasch entfaltete, der beglückende Trieb nach Erkenntniß. Auch dem besten vollsinnigen Kinde kostet es eine schwere Ueberwindung, wenn es die Zeit des heiteren Spieles abschließen soll, um den Ernst des Unterrichtes anzutreten, und die Forderung, daß es die Weisheit, welche Eltern und Lehrer dem Kinde zurechtgelegt haben, sich aneignen soll, betrachtet es lange als einen Eingriff in seine Unschuldsrechte. Wie ganz anders das blinde Kind! — Wenn in der Dämmerung seines Traumlebens eine Erkenn tniß um die andere aufsteigt, insbesondere wenn diese sich mit einander verbinden, dann verklärt sein Angesicht mit den erstorbenen Augen der Widerschein einer innigen Freude höherer Art. Die Erkenntniß bedeutet dem bünden Kinde eine Beglückung, sie erweckt in ihm das Gefühl seines Werthes, sie füllt die Lücke aus. die ein trauriges Schicksal in sein Dasein geriffen, sie reift in ihm die Hoffnung, daß es, ausgerüstet mit Wissen und Können, einst einzutreten vermag in den Kampf des Lebens, um einen Preis zu gewinnen. Nicht nach gemächlicher Ruhe, nach thatenlosem Genüsse, sondern nach dem Kampfe, nach dem Wettstreite der Menschheit sehnt sich das blinde Kind, um sein Menschenthum zu erweisen, um den Beifall und die Achtung der Welt, um eine Ehrenstelle in derselben zu verdienen. (Beifall.) Ich gelange nun zu einer der merkwürdigsten Erscheinungen im Leben der Blinden, zu einem der schwierigsten, aber auch anziehendsten Probleme der Psychologie. Das blinde Kind steht inmitten von Menschen, deren ganze geistige Welt von dem Gesichtssinne und deffen Wirkungen beherrscht ist — Gestalt, Licht und Farbe bedingen unsere Erkenntnisse und bestimmen unser Urtheil von realen Dingen, und da auch die abstracten Vorstellungen und ihre Verbindungen als eine Umwandlung unserer concreten geistigen Erwerbungen zu betrachten sind, so üben Gestalt, Licht und Farbe auch auf dieselben einen bestimmenden Einfluß aus. Inmitten dieser Welt, welche dem blinden Kinde eine fremde ist und bleibt, räthselt es über das Wesen der Dinge, über ihre Verhältnisse und Beziehungen vom Beginne seines Bewußtseins die ganze Zeit seiner geistigen Entwicklung hindurch, und insoferne es Fragen stellt nach solchen Gegenständen und Erscheinungen, welche einzig und allein durch das Auge wahrgenommen werden können, — und deren gibt es unzählige — kann seinem Wissenstrieb entweder keine oder nur eine nicht vollwerthige Befriedigung gewährt werden. Wenn es aucheine von Wissenschaft und Erfahrung bestätigte Thatsache ist, daß für den Aufbau jener geistigen Welt, die dem Zustande der Blindheit angemessen ist, sich jene Materien als hinreichend erweisen, welche sich dem Lichtlosen als concrete Erwerbungen darbieten, so ist und bleibt es doch sicher, daß viele Dinge für den Blinden unsichtbar sind, welche — ein gesundes Sehorgan vorausgesetzt — absolut sichtbar erscheinen. Aus dieser Erscheinung resultirt. daß das Ausmaß der Erkenntniß von den realen Dingen der Welt, welches der Blinde erwirbt, ein sehr reducirtes sein muß, und da von demselben unsere Wirksamkeit im Leben vielfach bedingt ist, so müssen aus dieser Ursache auch ganze Gebiete menschlicher Wirksamkeit dem Blinden verschlossen bleiben. So beklagenswerth dieses Ergebniß auch ist, so erhebend ist ein anderes. Wer inmitten der Kinder mit dem umnachteten Blicke lebt, der lernt daran glauben, daß es eine höhere Welt gibt, die vom Herzen angekündigt wird, und daß es das Höchste und Herrlichste ist, was die Sinne nicht zu erfassen vermögen. Dem Menschen im allgemeinen ist in der Regel das sinnlich Wahrnehmbare, insbesondere das Sichtbare, das einzig wirklich Bestehende, und gerade weil das Reich des Wahrnehmbaren so unendlich groß, so grenzenlos ist, weil aus demselben eine nie versiegende Fülle von Eindrücken in seine Seele strömt, wird es ihm schwer, oft geradezu unmöglich, an die Existenz von Dingen zu glauben, die sich den Sinnen entziehen. Ganz anders der Blinde. Bon

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