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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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I Sette 308 Drstrrrrichlfchr Wochenschrift. Nr. 18 schlagung angeklagt, wurde von dem Schreiber dieser Zeilen vcrtheidigt und nach einer Berathung von vier Minuten sreigesprochen, zwar nicht, weil seine Unschuld erwiesen, sondern seine Schuld nicht nach gewiesen war. Doch das ist im Effekt dasselbe. Bor wenigen Wochen ist er dagegen wegen verleumdenscher Beleidigung zu vier Monaten verurtheilt worden. Staatsmuvalt und Gerichtshof haben sein Verfahren mit den schärfsten Ausdrücken belegt. Gewerbsmäßige Eh ra bs ch nei d e r e i wurde es genannt. Seine Freunde ficht das nicht an; allabendlich wird ihm feierlichst von deutschen Männern attestirt, daß seine Ehrenhaftigkeit nicht gelitten hat. Deutsche Männer überreichen ihm, dem Helden, einen Lorbeerkranz!" An anderer Stelle deckt Stein verschiedene Lügen Ahlwardts auf, so namentlich die, daß Ahlwardt in materielle Bedrängnisse gerathen sei, weil ein gewisser Gohr, für den er gut gesagt, sich plötzlich erschosien habe. „Diese Geschichte, sagt Ahlwardt's alter Freund, ist für Ahlwardt sehr einträglich gewesen; sie hat nur einen Fehler,— aber den theitt sie mit allen Ahlwardtffchen Geschichten —, daß sie nicht ganz wahr ist. Es ist nämlich unw ahr, daß Gohr sich erschossen hat! Er ist im Eli sabe th-Krankenhau se z u B erlin g esto rb en und Ah lwardt hat an feinem Begräbnisse theilgenommen! Warum muß nach Ahlwardt's Darstellung dieser Mann durchaus durch Selbstmord enden? Sehr einfach, weil s o n st das ganze Gebäude von der unverschuldeten Verschuldung zusammenbricht. Wie klingt das so rührend, wenn der Urarier erzählt, wie er aus reiner Gutmüthigkeit zu seinen Schulden gekommen ist! Es wäre doch zu bitter, sagen zu müssen, daß er schon vorher mit Gohr Wechsel geritten hätte. Dann wäre ja seine Verschuldung — ..." Weiter liest man in den biographischen Mittheilungen aus dem Leben Sr. urgennanischen Majestät: „Im letzten Prozesse wurde vom Vorsitzenden einmal ausgesprochen, daß einem Lehrer gegenüber Ahlwardt sich beinahe einer Unterschlagung schuldig gemacht habe. Er würde sie sicher als erwiesen angenommen haben, wenn er gewußt hätte, daß Ahlwardt wiederholt Zwangsanleihen bei Lehrern und Lehrerinnen gemacht hat, indem er am Quartalslage das Gehalt für sie erhob, für sich verbrauchte und nachttäglich so liebenswürdig war, über das empfangene Geld einen Schuldschein auszustellen. Einer Lehrerin gegenüber war er sogar so liebenswürdig, daß er sie gar nicht um die Unterschrift für ihre Gehaltsquittung belästigte, sondern sie selbst schrieb. Als sie schließlich nach ihrem Gelde fragte, gcw er auch ihr ein Autogramm in Gestalt eines Schuldscheines. — Es steht ferner fest, daß im Jahre 1885 Ahlwardt seine Gehallsquittungen gleichzeitig an drei bis vier Gläubiger verpfändet hat. Der Gläubiger, der früh ausstand, war geborgen, die anderen — wurden auf das nächste Quartal vertröstet." Noch andere hübsche Dinge weiß Stein zu verrathen. z. B. daß Ahüvardt einmal Jemanden, den er anpumpte, durch Hingabe einer Lebensversicherungs-Police zur Gewährung des Darlehens vermochte. „Die Police war auch sehr schön; nur war sie bei der Hingabe schon ein paar Jahre verfallen!" „Früher" — so schreibt Stein wörtlich — „war nach Ahlwardt'scher Darstellung der Kaiser Judensreund — aus Dankbarkeit. Ahlwardt war es. der seiner Zeit mit den perfidesten Details angebliche Schuldverhältnisse und deren Tilgung in den Kreisen unserer Gesinnungsgenossen verbreitete, trotzdem ihm von einer Persönlichkeit, die es wissen konnte, das Unwahre seiner Darstellung eingehend nachgewiesen worden war." Das that ein Mann, der, wie es Heißt, mit dem Stöcker und den übrigen Helden gleichen Schlages „für Erhaltung von Christenthum und Mo n arch ie kämpft"! „Tief blicken" läßt nachfolgende Bemerkung Steins: „Herr Ahlwardt sollte daran denken, was Connexionen für ihn gethan haben! Er soll nur an die Visitenkarte des Flügeladjulanten denken! Aber denken ist wider die Ahlwardt'fcheTaktik, sonst hätte er seine „jüdische Taktik nicht geschrieben ... Die Urthelle, die im letzten Theile der Broschüre über die Hauptladenhüter der antisemitischen Agitation von denr „Eingeweihten" Stein gefällt werden, bilden einen pikanten Schluß des „Abschiedwortes". Wenn Ritualmorde und der ganze übrige Schwindel nicht mehr verfangen, was bleibt denn dann der antisemitischen Demagogie? Die Stein'sche Schrift gegen den „Großen Propheten" ist nur ein Symptom dafür, daß der Antisemitismus nachgerade ansängt, seinen eigene« Bekennern ekelhaft zu w rden. Die Blind enbildung und ihre Bedeutung fiir die Erziehung des Menschengeschlechtes. Vortrag, gehalten von S. Heller, Director des israel. Blindcn-Jnstitutes, im Verein Oesterr. Israel. Union, am 9. April 1892. Verehrte Damen! Sehr geehrte Herren! Es gibt Worte, welche in allen Sprachen das Herz sofort ergreifen, weil sie es in den Schauern der Vergänglichkeit erbeben machen, weil sie mit der Gewalt des Unmittelbareil uns zum Bewußtsein bringen, was das Schicksal des Menschen bedeutet. Worte von solch ergreifender Gewalt sind: „Ein blindes Kind." — Ein Kind ist ein Wesen, welches sorglos den Lebensweg dahin wandelt, tausend Blumen pflückend, mit welchen es sein Dasein schmückt, aus den wunderbaren Quellen trinkend, die sein unschuldsvolles Herz mit Heiterkeit und Frohsinn erfüllen. Ein Kind ist ein Wesen, welches mit seinen Augen den Himmel und die Erde mit all ihren Herrlichkeiten in die Seele saugt, dessen Augen einen Himmel der Unschuld, der unentweihten Menschlichkeit am reinsten und herrlichsten widerspiegeln, so daß ein Blick in das Auge des Kindes den Traum des Paradieses von neuem in uns erweckt und die Hoffnung auf eine Zukunft, in welcher ein edles Menschenthum der Welt für immerdar erscheinen wird. Und setzen wir zu dem Worte „Kind" das Wort „blind", so ist dieses sonniggoldene, leuchtende Bild sofort von einer Nacht verschlungen, in welcher es niemals tagt, so steht vor uns ein Wesen, dem durch einen unerforschlichen Rathschluß Gottes die schönsten, die unschuldsvollsten Freuden des Lebens versagt bleiben, welches umwogt ist von brausenden Stimmen einer wirkenden, schaffenden, verlangenden Welt, die es nicht versteht, welches räthselnd Erscheinungen gegenübergestellt ist, die es niemals völlig zu begreifen vermag. Ein trauriges, ein schweres, ein furchtbares Schicksal ist eingeschlossen in den zwei kleinen Worten: „Kind und blind." Es ist menschenwürdig, inRührung und Mitgefühl bei der Betrachtung dieses Menschenschicksals zu verweilen, aber es ist auch unsere Pflicht, insbesondere als Bekenner des Judenthums, uns in dem Gedankenund in der gläubigen Zuversicht zu erheben, daß auch dieses Geschick der Vater der Liebe sendet, welcher, hocherhaben über allem Irdischen und aller Beschränkung, jedem Menschendasein seinen Zweck und seine Bedeutung vorzeichnet und in das Streben nach diesem Zwecke unverlierbare Keime wahren Glückes gelegt hat. Auch dem blinden Kinde ist eine solche Mission gegeben, und diese gehört zu den erhabensten, die ein Menschenkind zu erfüllen vermag. Der Blinde kann einem Ziele entgegeugeführt werden, in welchem ihm ein Licht erscheint von einer Hoheit, einer Pracht und Herrlichkeit, die unser erschlossenes Auge nicht zu erschauen vermag, und auf dem Wege dahin erblüht ihm ein Glück, an dem der Schein keinen Antheil hat, das die Enttäuschung nicht dauernd beeinträchtigen, die Vergänglichkeit nicht zerstören kann. Soll der Lichtberaubte aber jene hohe Sendung erfüllen, jenes lichtvolle Ziel erreichen, sott ihm ein solch unverlierbares Glück zutheil werden, dann muß ihm ein Bote Gottes die Hand reichen und ihn an derselben treulich führen, und dieser Bote ist die Menschenliebe. Wenn diese Menschenliebe ein blindes Kind an das Herz drückt, wenn es an demselben erwärmt, an seinem Pulsschlage empfindet, daß es eine Erbarmung gibt, die sich nicht in Thränen löst, welche Werke der Erlösung schafft: dann steigt in der Nacht des Blinden ein Stern empor, der sich allmälig in eine Sonne verwandelt, der jenes flutende, himmlische, unvergängliche Licht entströmt, von dem ich eben gesprochen habe. (Beifall.) Aber nur die wahre Menschenliebe ist es, welche dieses Wunder vollbringt, nicht jenes weiche Gefühl, welches veranlaßt, ohne lleberlegung Worte des Trostes zu sagen, die grausamer sind als Schweigen, nicht jene rasch aufsteigende und schnell versinkende Wallung, welche bereit macht, Almosen zu spenden, sondern jene Liebe, welche auch in dem blinden Kinde den Menschen mit seinen unveräußerlichen Menschenrechten, die auch in dem Angesichte mit den todten Augen das Ebenbild Gottes zu erkennen, zu schätzen und zu würdigen vermag. (Beifall.) Da diese Menschenliebe ihr Erlösungswerk an dem blinden Kinde nur dann vollbringen kann, wenn sie ihm das volle Bewußtsein der Menschenwürde verleiht, wenn sie ihm die Mittel bietet, die ihm von Gott geschenkten, wunderbaren Kräfte und Anlagen zur Gestaltung eines edlen Menschenthums auszubilden, wenn sie ihn befähigt, durch eigene Kraft eine Ehrenstellung im Leben als nützlich wirkender und schaffender Mensch zu erringen, so ist damit nicht allein die Nothwendigkeit, sondern auch die Bedeuttmg der Blindenbildung erwiesen. Die Blindenbildung allein ist im Stande, das lichtberaubte Kind mit seinem Geschicke auszusöhnen, ihm jenes reiche Ausmaß inneren Besitzes zu spenden, welcher ihn für den Mangel äußerer Güter zu entschädigen vermag, es in die Gemeinschaft der nützlich wirkenden Menschheit, welche ihm sein Gebrechen verschlossen hat, wieder zurückzuführen und ihm das. »

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