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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-29 · 18 (29.4.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Orstrrrrichichr Wochenschrist Seite 307 Judenthums gestaltet. Unserem Artikel aus dem Jahre 1688 werden erst falsche Dinge angedichtet, dann dagegen polemisirt. Das ist keine ehrliche, keine'reinliche, keine anständige Art der Polemik. Das „Vaterland" cilirt den Minucius Felix. Er sagt nach dem „Vaterland": „Wir dürfen einen Menschenmord nieder sehen noch hören und wir haben solche Scheu vor dem Menschenblut, daß wir aus unseren Tischen nicht einmal Blut von eßbaren Thieren kennen." Die Wurst aus dem Blute des Schweins, die hochberühmte Blutwurst war also auf denr Tische der Christen in den ersten Jahrhunderten eine verpönte Speise, sogar bei den Heidenchristen und nachdem man sich von den anderen jüdischen Speisegesetzen losgesagt hatte. In Bezug auf den Blutzenuß blieben die ersten Christen . „jüdisch ekle Gäuche", wie der halbverschollene deutsche Dichter Claudius in seiner antisemitischen Verherrlichung des Borstenthieres sich auszudrücken beliebt. Die Abneigung gegen den Blutgenuß war eine Erbschaft aus dein Jndenthume. Jeder orthodoxe Jude kann noch heute mit dem Minueius Felix sagen: „Wir haben solche Scheu vor dem Menschenblut und dem Blute überhaupt, daß ivir auf unseren Tischen nicht einmal das Blut von eßbaren (erlaubten) Thieren kennen." Man wird aber doch nicht glauben wollen, daß gerade die Reformjuden dem Blutzauber huldigen. Für die Juden und am meisten für die Juden sind die Worte des Minucius Felix eine siegreiche Widerlegung des Blutmärchens. Welcher Kirchenbuße unterwirft sich das „Vaterland, nachdem es der Blutlüge oft genug Aufnahme in seinen Spalten gewährt hat? Und mit solchen Ungeheuerlichkeiten wagt es die literarische Gewissenhaftigkeit der „Oesterreichischen Wochenschrift" anzutasten. Am 21. April schrieb allerdings das „Vaterland": Würde irgend ein verirrter Mensch mosaischer Confession sich des verwerflichen abergläubischen Blutcultus schuldig erweisen, würde eine solche Blutschuld sich sogar wiederholen in seinem Volke — wäre es nicht die höchste Ungerechtigkeit, das Judenthum dafür verantwortlich zu machen?" Gewiß, daran ist nicht zu zweifeln: es ist nur zu bedauern, daß das „Vaterland" und seine Bundesgenossen sich wiederholt dieser „höchsten Ungerechtigkeit" schuldig gemacht haben und zwar ohne daß die Verirrung eines einzelnen Juden dazu einen Vorwand geboten hätte. Diese „höchste Ungerechtigkeit" wiederholt sich in Legenden, hat eigenartige Denkmäler gefunden und sie findet ihre Vertreter sogar in unseren Parlamenten. Man hat uns Dinge in das Haus geworfen weit schrecklichere als die Dynamitbomben der Anarchisten. Die Leichen ermordeter Menschen — und die Feinde der Juden waren die Mörder — warf man den Juden in's Haus, um ganze Gemeinden dem Märtyrertode weihen und Anklagen gegen das gesummte Judenthum erheben zu können. So sprang unmittelbar aus blutiger That das Blutmärchen empor, wie der Basilisk aus scheußlicher Begattung. Die blutigen Thieropfer der alten Tempel waren allerdings abgeschafft; wohl gelten die Worte Göthe's: „Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört." „Nun, Luther vertheidige Dich!" sagte nach Weber's „Demokrit" jener Kapuziner Prediger, als er auf der Kanzel das Käppchen vor sich hingelegt hatte. Das Käppchen blieb stumm. „Nun schaues, andächtige Zuhörer", fuhr der Prediger fori,' „der Luther kann sich nicht vertheidigen," Auch das „Vaterland" behilft sich mit einem Kapuzinerkäppchen, mit einer dem Dr. Bloch angelogenen Diction. Dr. Bloch kann jeder Vcrtheidigung sich überhoben fühlen, denn er hat keineswegs das Christenthum, sondern allerdings den arischen Volksglauben als die Stätte des Blutzaubers hingestellt. Der Blutzauber ist in der germanischen, wie in der griechischen Sage vorhanden und der Brudermord war die Weihe für die Stadt Rom und den römischen Sraat. Erst vor wenigen Tagen ging eine Notiz durch die Zeitungsblätier, wonach ein serbischer Soldat einen andern ermordete, weil Beide durch den Blutzauber einen Schatz zu heben glaubten. Wir wissen es auch ohne dem „Vaterland", daß jede Culturgeschichte, jede Darstellung von Volkssitten und Volksgebräuchen zahlreiche Belege für die Fortdauer des Glaubens an den Blutzauber zur Verfügung stellt. Aber das „Vaterland" versäumt es in gebührender Weise über diese ernste und wichtige Thatsache nachzudenken. Vielleicht wäre heidnischer Aberglaube weiter zurückgedrängt, wenn man das Volk nicht von der Bibel fern gehalten, wenn man nicht absichtlich den Gegensatz gegen das Judenthum verschärft, — dazu war der heidnische Aberglaube recht brauchbar — und wenn man nicht durch Jnquisitionsgerichte, Hexenprozesse und Judenverfolgungen zur Trübung des Volksgeistes viel beigetragen hätte. Die Wirkung war eine gegenseitige. Das Blutmärchen entstand aus dem Blutzauber und aus denr Blutmärchen sog einem Vampyr gleich wieder der Blutzauber die Kraft zu seiner Fortdauer. In dem Artikel der „Oesterreichischen Wochenschrift „Blutaberglaube" fand das „Vaterland" einen bequemen Leitfaden für seine Citate und wesentliche Unterstützung seiner Belesenheit. Es ist ohne Gedächjniß für das, was es selber geschrieben, dagegen hat es die Artikel der „Oesterreichischen Wochenschrift" in seinem Gedächtnisse bewahrt und das kann dem „Vaterland" nur von Nutzen sein. In der Bekämpfung der höchsten Ungerechtigkeit, des Blutmärchens, hat Dr. Bloch jedenfalls mehr geleistet als das „Vaterland" und schon dieser Umstand hätte dem Schreiber im „Vaterland" zu einem höflichrren Tone veranlassen sollen. Einerseiner intimsten Freunde und „gelehrtesten Autoritäten" ist bis zu den Pforten des Landesgerichtcs geschleift worden, wo er angstvoll unter dem Hohngelächter Europas davonlief. Dem „Vaterland" mag es auch unangenehm sein, daß daran erinnert wird wie die Christen der ersten Jahrhunderte sich gegen das Blut-' märchen und gegen andere schwere Anklagen vertheidigen mußten und wie sie dabei zur alten Judenbibel ihre Zuflucht nahmen, zu Moses und seinen Gesetzen. Es mag ihm unangenehm sein, daß in den Citaten von manchen Mysterien die Rede und von bcu Consequenzen mystischer Auffassungen. Es mag ihm auch der Hinweis auf die Thatsache unangenehm sein, daß die Chinesen bei ihren Christenverfolgungen sich der Fabeln bedienten, welche der Antisemitismus in China verbreitet hatte, um gegen die Juden zu hetzen. Blutzauber und Blutmärchen, das wiederholt sich auch in China. Wir können unsere Artikel nicht neuerdings zum Abdrucke bringen und so sei es genug für heute. Zwei Straßen führen durch die Jahrtausende, die Straße der Wahrheit und die Straße der Lüge. Von der Straße der Lüge führt keine Brücke hinüber zur Straße der Wahrheit. Das „Vaterland" wird die Wahrheit nie finden können, nie finden wollen und nie finden dürfen. Wir widmen ihm unser Bedauern und wir sind glücklich, indem wir das Judenthum vertheidigen, uns auch im Dienste der Wahrheit zu wissen. Der »graste Prophet." Ein Beitrag zurGeschichte des,.Geschäfts-Antisemitismus" in Berlin. „Herr Rechtsanwalt, wenn ich morgen freigesprochen werde, bin ich der König in Preußen!" — „Dann werden Ew. Majestät mich hoffentlich zum Finnnzminister machen." — Diese beiden Sätze find Bruchstücke eines Gesprächs zweierAntisemiten, des Rektors „aller Deutschen" Ah l wardt und des Rechtsanwaltes Dr. Stein, und Werdas Gespräch veröffentlicht, ist der Rechtsanwalt Dr. Stein selbst. Man erfährt aber über die neue Majestät noch verschiedenes Andere, und darunter ganz intereffante Dinge. Denn so find fie nun einmal, die Antisemiten: wenn Einer vom Anderen etwas zu erzählen hat, so ist das „Enthüllte" meistentheils sehr saftig. Dr. Stein, dem es bei den Antisemiten so lange gefiel, bis er selbst von einem Antisemiten - Häuptling zur Zielscheibe „christlich-arischer" Liebenswürdigkeiten ausersehen wurde, hat von seinen Freunden gelernt, in der Polemik keine Rücksichten zu kennen, und so geht es dem lorbeerbekranzten Ahlwardt unter den Händen seines einstigen Kampfgenossen und gerichtlichen Bertheidigers nicht zum Besten. Beispielsweise schreibt Herr Dr. Stein: „Zweimal stand der Rektor Ahlwardt binnen Jahresfrist vor den Schranken des Gerichtes. Das erste Mal war er wegen Unter»

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