Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Drstrrrrtchifrhr Wortzenfchvtst. Nr. 18 GAU 306 Landes mit den moskowitischen Barbarenhorden überschwemmen und die Rosse der Kosaken in den Fluchen der Donau tranken möchte. Ms dem Stampiglien- und Stimmzettelfälscher der Schimpf zugeschleudert wurde, daß er reif für das Zuchthaus sei, als er „Schuft" und „Feigling" genannt und öffentlich eines gemeinen Verbrechens bezichiigt wurde, holte er sich aus der Mitte seiner Wähler ein Vertrauensvotum. Damals konnte man annehmen, daß diesen systematisch corrumpirten Wählern das Verständniß für die Forderungen der öffentlichen Moral abhanden gekommen sei, daß sie an einem sittlichen Defect leiden, der durch die einseitige Empfindung ihrer traurigen materiellen Lage verursacht wurde. Was aber der Abgeordnete Schneider jetzt vollbringt, das berührt direct die materiellen Interessen der Wiener Bevölkerung, das ist ein directer Angriff auf die Grundlagen ihrer Existenz, und es ist weiterhin ein Angriff auf chr österreichisches Bewußtsein. Wenn die Wählerschaft von Sechshaus sich auch diesen schamlosen Verrath ruhig bieten läßt, dann muß man nicht allein an ihrem moralischen Bewußtsein, sondem auch an chrem gesunden Menschenverstände und an ihrer Vaterlandsliebe zweifeln. Wiederholt ist in jungczechischen Versammlungen ausgesprochen worden, daß Wien kein anderes Schicksal verdiene, als gleich einem Misthaufen langsam abzufaulen. Durch die Bundesgenoffenschaft mit Vasaty hat der Abgeordnete Schneider, haben die Wiener Antisemiten diese Ansicht über Wien zu der chrigen gemacht. Von nun ab ist es klar, daß die Lueger, Schneider, Lichtenstein und Consorten, weit entfemt davon. Wien zu neuem Aufschwung verhelfen zu wollen, nur an dem Niedergange Wiens und an der Erschütterung der Grundvrsten Oesterreichs arbeiten, um in der allgemeinen Verwirrung ihre private Rechnung zu finden. Und trotz alledem wird der Wiener Gesinnungspöbel ihnen auch fernerhin zujubeln, trotz alledem werden die durch Wort und Schrift bis zur Unzurechnungsfähigkeit verdummten, bis zur Gewissenlosigkeit corrumpirten antisemitischen Wähler sie als Retter und Beschützer des Volkes und als Muster aller patriotischen Tugenden feiern. Soweit hat die Judenhctze alle Vernunft und alles Rechtlichkeitsgefühl erstickt. Ein Gemeinwesen, in welchem solche Erscheinungen möglich sind, geht unrettbar seinem Verfalle entgegen. Nicht die Juden sind bedroht, wohl aber die höchsten Güter, welche die Kraft und die Macht eines Staates und einer Stadt bilden: Die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Ehrlichkeit und die gesunde Vernunft. Me Mge und ihr Advokat. Mephistopheles sitzt gefangen, durch den Zauber einer geometrischen Figur, und man hört den Gesang der Geister, die ihre Theilnahme kundgeben. Man schleppe die Lüge vor das Fomm der Wahrheit und fofort werden die Lügengeister sich ansammeln als johlender Pöbel auf der Straße, als Publikum im Gerichtssaale, als Zeugen innerhalb der Schranken und Lügengeister weiden frech auftreten als Vertheidiger der Lüge. „Das Niederträchtige — sagt Göthe — es ist das Mächtige." Hat die Wahrheit jemals über die Lüge so streng Gericht gehalten wie die Lüge über die Wahrheit? Hat die Wahrheit Giftbecher bereitet, hat sie Scheiterhaufen angezündet? Es sind zwei Feuilletons des „Vaterland" vom 20. und 21. April dieses Jahres (das Datum ist von Wichtigkeit), welche uns zu diesen Betrachtungen, die sich noch lange fortsetzen ließen, anregen. Zeitungsartikel haben in der Regel kein langes Leben. EH ist schon ein großer Erfolg, wenn sie nicht gleich nach dem ersten Tage chres Erscheinens der Vergeffenheit anheimsallen. Sind aber Jahre in Rechnung zu stellen, dann hat eine Zeitung oft genug ihre ganze Haltung, chre Tonart und zuweilen auch ihre Ueberzeugungcn geändert. Es ist somit höchst schmeichelhaft für den Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", daß das „Vaterland" in der vergangenen Woche sich der Artikel erinnerte, welche Dr. B lo ch im Jahre 1888 geschrieben hat. Man wird zugeben, chas „Vaterland" hatte Zeit, um über seine Entgegnung nachzudenken und man durste eine rechtschaffene Arbeit erwarten. Unwillkürlich sagt man sich: Entwederhabendie Artikel der „Oesterr. Wochenschrift" nur den vergänglichen Werth gewöhnlicher Zeitungsartikel, dann ist der späte Feldzug des „Vaterland" unbegreiflich, oder diese Artikel haben einen höheren Rang, haben einen wissenschaftlichen Ernst, dann mußte auch die Polemik des „Vaterland" einen angemessenen, wissenschaftlichen und ernsten Charakter haben. Das ist jedoch nicht der Fall. Hanswurstmäßig umspringt der Feuilletonist des „Vaterland" den Dr. Bloch und kann er nicht die Wahrheit umbringen, so kann er doch bellen und schimpfen. Auch dafür gibt es Milderungsgründe; Niemand ist mehr zu leisten verpflichtet, als in seiner Kraft steht. Der Schreiber im „Vaterland" leistet genau so viel als sein Wahrheitsdrana, sein Wahrheitsvermögen und seine wissenschaftliche Bildung ihm zu leisten gestatten. Und er bringt seine Unruhe dennoch nicht los, er sieht sich verfolgt, gestört durch die alten Artikel der „Oesterr. Wochenschrift" und wider Willen legt er Zeugniß ab für die Wahrheit. Zur Orientirung sei Folgendes bemerkt. Unsere Artikel, gesammelt in einer Broschüre „Blut-Aberglaube", die im letzten Jahre in dritter Auflage erschienen ist, haben zwei hochinteressante Capitrl aus der menschlichen Culturgeschichte zum Gegenstände, erstens das den Juden angedichtete Blutmärchen und dann den Blutzauber, der bei allen Völkern vom Aequator bis zu den beiden Polen in deutlichen Spuren sich wiederfindet, die Juden ausgenommen, bei denen durch Vorschriften und Lehren der Blutzauber durch Jahrtausende gebannt erscheint. Man kann von allen Gegensätzen des Tages absehen und jener Essay wird dennoch ein wissenschaftliches Interesse besitzen. In Wahrheit verfolgt der Essay jedoch eine praktische, unmittelbar in das Leben der Gegenwart eingreifende Tendenz. Es wird das Räthsel zu erklären gesucht, daß, nachdem doch bei den Juden jeder Blutgenuß aufs Strengste verpönt ist, das den Juden angedichtete Blutmärchen immer von Neuem auftaucht und selbst in unserer Zeit wieder eine Rolle spielen konnte. Wir hatten nun nachzuweisen, daß das Blutmärchen seine Nahrung im Blutzauber findet. Die Völker glaubten an den Blutzauber und waren daher geneigt bei den Juden denselben Glauben und denselben Cultus vorauszusetzen. Der Blutzauber ist auch heute noch nicht erloschen und der Antisemiismus hat davon den bekannten Gebrauch gemacht. Es war die Aufgabe den Zusammenhang zwischen der Blutlüge und dem Blutzauber des Näheren zu begründen. Es geschah dies gewissermaßen an der Hand der Thalsachen. Gegen die ersten Christen wurden von heidnischer Seite schon Beschuldigungen erhoben und auch ihnen wurde das Blutmärchen angedichtet. Die christlichen Autoritäten der ersten Jahrhunderte vertheidigten sich aber damit, daß auch sie auf den Zusammenhang zwischen demBlutzauber und dem Blutmärchen hin wiesen. Nur weil Römer und Griechen selber dem Blut cultus ergeben waren, kamen sie auf den Gedanken, den neuen Glauben des gleichen Cultus zu beschuldigen. Außerdem bedienten sich die christlichen Autoritäten zur Abwehrder heidnischen Anklagen der Waffen, die den jüdischen Gesetzen und Gewohnheiten entnommen waren. Dazu war ihnen die Erinnerung an das Judenthum willkommen. Das Alles ist erhärtet durch Citate; durch die Urquellen des Christenthums werden die Verleumder und Ankläger des Judenthums Lügen gestraft. Dagegen kann das „Vaterland" gar nichts sagen. Um für seine Polemik ein künstliches Ter-rain zu schaffen, muß cs zu gänzlich falschen Unterstellungen seine Zuflucht nehmen. Mit einem kleinen Taschenspielerkunststück wird ein auch unter Christen fortlebender heidnischer Aberglaube mit dem Christenthume und der christlichen Religion verwechselt. Wir haben behauptet und bewiesen, daß der Glaube an dm Blutzauber auch fortlebe, wo man sich zum Christenthum bekennt; nicht aber daß das eine Consequenz der christlichen Religion oder des Christenthums sei. Es wurde auch nicht behauptet, daß die christlichen Autoritäten der ersten Jahrhunderte das — Judenthum verteidigten; wohl aber ergiebt es sich aus dem Texte der Citate, daß die Verteidigung der christlichen Gemeinschaft gegen die erwähnten Anklagen sich von selber zu einer Verteidigung des