Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 18 Wien, 29. April 1892. OL Jahr««««. Centralorgsn für die gessmmten Interessen des Iudenthums. -H- Eigenthümer: Reichsraths-Avgeordneler Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. - - ■=■ -—=. A. k. pofisparrasssnaml Vlearingverkstzr Nr. 81V.S7S. Aedwction a. Administration: Wir« I, Lolhrnthurmstraße 39. & Man adonnirt bst allen PoPa»statten dr» 2n- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4, fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Ein Wiener Abgeordneter. — Die Lüge und ihr Advocat. — Der große Prophet. — Die Blindenbildung und ihre Bedeutung.— Das achtzigste Geburtsfest des Borstehers Herrn Jacob Brandeis. — Correspondenzen: Wien, Kirchberg a. W-, Baden b. Bien, Prag. Triest, Budapest, Eisenach, Freystadt, London, Constantinopel. — Vermischtes: Wien, Jedlersee, Klosterneuburg, Neudörst» Troppau, Tachau, Budapest, Görz, Breslau, Labes, Paris, London, Spanien, Washington, Mogador. — Feuilleton: Der alte Jntroligator oder Mendels Glaubensbekenntniß. — Der Fettmilch'sche Aufstand in Frankfurt a. M. — Literatur. — Wochenkalender. — Inserate. Mn Wiener Abgeordneter. Der Ritter Stampiglius hat auf dein Wege nach Berlin in den letzten Tagen neuerdings in Prag geweilt und erfuhr daselbst von Seite der Vasaty und Genossen mancherlei Ovationen. Der Abgeordnete Schneider entfaltet seit einigen Wochen wieder eine außerordentliche agitatorische Thätigkeit. Die Frucht seiner ersten Reise nach Prag und seiner Konferenz mit den Talmudfälschern Rohling und Brimanus war die photographische Aufnahme jener gefälschten Talmudstelle, durch welche endlich der langgesuchte Beweis für den rituellen Mord hergestellt werden sollte. Seine zweite Reise nach der böhmischen Landeshauptstadt und nach Berlin gilt politischen Zwecken. Er wirbt unter den Jungczechen und den reichsdeutschen Socialreformern und Agrariern Bundesgenossen für den Wiener Antisemitismus. Es geschieht nicht zum erstenmale, daß die Führer der antisemitischen Parteien in Wien sich an das Ausland um Unterstützung einer Action wenden, welche gegen die wichtigsten Interessen des Habsburgerreiches gerichtet ist. Als im österreichischen Reichsrathe die Handelsverträge mit Deutschland und Italien in Verhandlung standen, da war es Herr Berg ani, der nach der deutschen Reichshauptstadt pilgerte, um mit den deutschen Agrariern Beziehungen anzuknüpfen und dieselben zum Sturme gegen das große Friedenswerk der handelspolitischen Einigung der Dreibundmächte aufzurufen. Schon damals verbanden sich die jungczechischen Abgeordneten aus Böhmen mit den Wiener Antisemiten zu einem der schmählichsten Feldzüge, welchen vaterlandslose Gesinnung und niedrige Selbstsucht jemals gegen die Lebensbedingungen des eigenen Vaterlandes unternommen. Das Schauspiel wiederholt sich heute. In den Abgeordneten Schneider und Vasaty haben sich zwei wahlverwandte Seelen gefunden. Der Jesuit und der Panslavist reichen einander auf dem Boden der Judenhetze brüderlich die Rechte. Der Stampiglien- und Stimmzettelfälscher erschien in einer Versammlung des Prager-Altstädter Bürgerclubs, in welcher die Jungczechen Vasaty und Podlipny gegen die Wiener Verkehrsanlagen donnerten. Der Erstere erklärte, diese Anlagen seien nur zu strategischen Zwecken projectirt, und zwar mit Rücksicht auf den Dreibund, auf dessen Auflösung, die Jungczechen im Reichsrathe hinarbeiten müssen. Der Letztere rief aus, wenn Wien den Luxus anderer Städte nachäffen wolle, möge es dies nicht auf Kosten des czechischen Volkes thun, welches sein blutiges Geld hergeben soll für die Wiener Luxusgelüste. „Wien befindet sich im Niedergange, riefen die Bundesgenossen des Herrn Ernst Schneider, Wien muß zu Grunde gehen", betheuerte Herr Vasaty. Bei den Verhandlungen über die Wiener Verkehrsanlagen im Reichsrathe würden die jungczechischen Abgeordneten ihre Schuldigkeit thun. Daß die Jungczechen sich als offene Gegner Wiens bekennen und gegen jene Berkehrsanlagen Stellung nehmen, durch welche die öffentlichen Interessen der Reichshauptstadt einen mächtigen Aufschwung erfahren sollen, kann bei den politischen und nationalen Gesinnungen dieser Herren nicht weiter Wunder nehmen. Sie sind ja nicht blos die geschworenen Feinde der Reichshauptstadt, sondern des ganzm Reiches, welches sie je eher je lieber an Rußland ausliefern möchten. Der Abgeordnete Schneider aber, der im Namen der Wiener Antisemiten um die Freundschaft buhlt, hat die Interessen Wiener Wähler zu wahren. In den Versammlungen seiner Wiener Wähler tritt dieser, längst mit dem Brandmal der Ehrlosigkeit gezeichnete Mensch im Vereine mit seinem Freunde Lueger als Retter Wiens auf, wie er sich durch die Erfindung des „schwarzgelben Antisemitismus" als Pächter der österreichischen Vaterlandsliebe aufgestellt hat. Daß die wirthschaftlichen Zustände Wiens im Argen liegen, und daß dringende Hilfe noththue, das leugnen auch die Führer der antisemitischen Partei nicht, welche der liberalen Partei die Fähigkeit zu einer Besserung der Dinge absprechen. Die Wiener Bevölkerung, auch jene, die im antisemitischen Lager steht, hat in den Verkehrsvorlagen eine trostvolle Verheißung auf eine beffere Zukunft begrüßt und sie betrachtet jede Verzögerung, jede Behinderung in der Ausführung dieser Vorlagen als eine Schädigung ihrer wettesten Interessen. Es gibt nun keinen Staat und keine Stadt der Welt, in welcher ein Abgeordneter der sich im Widerspruche mit den dringendsten Lebensinteressen seiner Wählerschaft, mit dm unversöhnlichsten Feindm dieses Staates und dieser Stadt verbände, auch nur einen Augenblick länger im Besitze seines Mandates bleiben könnte. Die öffentliche Entrüstung würde ihn hinwegpeitschen von dem Sitze eines Abgeordneten und chm das Stigma des nichtswürdigsten Verräthers auf die Sttrne drücken. In Oesterreich aber und in Wien ist der Fall möglich, daß solch' ein Volksvertteter für die Preisgabe der Interessen seiner Wähler noch Dank und Anerkennung erntet. Der Abgeordnete Steider ruft die Jungczechen zu einem Sturmlause gegen Wien auf und er klatscht den hochverrätherischen Ausführungen eines Vasaty Beifall, der die gesegneten Fluren unseres Vaters