Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-22 · 17 (22.4.1892) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020917--01316-3025349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

etttt ros Vrkerrrichifchr Wochrnschrtfl. Nr. 17 , Dabei lüstete er sein Sammtkäppi und fügte hinzu: „Mein Lohn ist in guten Händen." „Na das klingt alles recht schön", versetzte der Uhrmacher diplomatisch, „doch Zud bleibt Jud!" .... Die Augen des alten Buchbinders sprühten Funken. „Na und was soll er denn sein? Ein Deutscher sein? ein 1 Franzose? . . . Soll er vielleicht ein Pserd sein? Na, ein Hund ist er j schon lange geworden — aus den Hund ist er 'schon lange herabj gekommen. ..." „Nein, nicht darum handelt es sich", sprach der Uhrmacher pathe- Ihisch. „Es handelt sich darum, daß er nicht ein Fremder sein solle." „Um das handelt es sich?" versetzte der Jude, sich in den Racken werfend und die Ellenbogen zurücklegend. „Na, so sollte mir der Herr sofort klare Antwort geben. Ein vernünftiges Wort har er da gesprochen! Ich höre gern so ein vernünftig Wort! Ein vernünftig Wort ist dem Menschen Vater und Mutter zugleich, für ein vernünftig Wort würde ich eine Meile Wegs gehen. Wenn ich ein vernünftig Wort höre — dann bin ich satt, ohne gegessen zu haben. Wenn ich ein reicher Mann, ein Bankier wäre, dann wollte ich bezahlen jedes vernünftige Wort mit einem blanken Ducaten. Der Herr sogen, — daß der Jude kein Fremder sein dürfe? Na, — ich — sag — dasselbe. Warum nicht. Er soll sein kein Fremder. Warum soll er frenrd sein — sich zum Fremden machen — wenn er ohnedem heimisch geworden. Der Herr denken, daß wenn cs hier regnet — der Jude nicht wird naß . . . weil der Jude ein Fremder. Öder denken der Herr, daß wenn hier der Wind weht — so fliegt ihm der Staub nicht ins Gesicht — weil der Jude ein Fremder? Öder denken etwa der Herr, daß wenn ein Ziegel hier vom Dache fällt, so wird er ihn verschonen, nur weil er ist ein Jude? Na ich kann es Ihnen sagen, Herr, es wird ihn nicht schonen. Auch der Wind und der Regen nicht! Schau'n der Herr mein Haar, mein Bart. Grau und weiß . . . Was besagt das? Das will sagen, daß sie große Feuersbrünste, große Brände, große Blitze mit angesehen in dies r Siadt, doch einen solchen, den diese Feuer, diese Brände, diese Blitzschläge verschont hatten, haben sie niemals gesehen. Na und wenn die Nacht in der Stadt hereinblicht, dann ist's auch für den Juden Nacht, dann scheint auch dem Juden nicht die Sonne." Er schöpfte schweren Athem. „Der Herr gehen aus Ulltcrhaltungcn, machen Bälle mit?" Der dickwcutstige Uhrmacher nickte und wiegte sich in den Hüsten, so daß die Schuhschnallen kliniperten. Es schmeichelte ihm sichtlich von dem Buchbinder als „Mann von Welt" gehalten zu werden, der noch Tanzunterhaltungen, Bälle besuchte. ' Mit sieberhast brennenden Augen blickte der Jude ans das runde, nichtssagende, mit einer wulstigen Nase geschmückte Gesicht. „Und Sorgen und bittere Stunden kennen der Herr aus Erfahrung?" Der Uhrmacher nahm eine unschlüßigc Miene an. Eigentlich hätte er sich dem Alten gegenüber über derlei Kleinigkeiten erhaben zeigen wollen, doch er wußte nicht recht, wo der Jude hinaus wolle, er schwieg also diplomatisch. Der alte Buchbinder wartete nicht erst seine Antwort ab, sondern fuhr mit markiger, eindrucksvoller Stimme fort: „Na dann, wenn der Herr Tanzunterhaltungen mitmachen und auch seinen Hann haben, daun wird Ihnen auch sein bcfcuml, daß die Leute zum Tanz, zur He terkcit zusammenkomnien und dann anseinandergehen und weiter nichts. Doch wenn die Leute zum Harm zusammenkommen, dann ist's nicht dasselbe. Danli hat cs den Einen mit dem Andern verbrüdert. — Die Trauer, der Schmerz hat sie e nander näher gerückt, sie mit einem Mantel bedeckt. £ Gott .... wie riesenhaft ist dieser Mantel. . . . Er hat Alle bedeckt und die Inden auch dabei!" Er wandte sich halb um und blickte zum Fenster hinaus. „Mein Herr Mendl", meinte der Uhrmacher im Tone der lleberlegenheir „sage man. was man wolle, das Elite steht fest, der Jude lebt und stirbt nur für’© Geld — jeder — Der alte Buchbinder ließ ihn nicht aussprechen, sondern er schwang die erhobene Rechte, als wollte er ein zudringliches Insekt abwehren. „Soll mir der Herr nicht so dnntmes Zeug daherreden. Das paßt für einen beschränkten Menschen. Wenn Geld dem Juden Alles wäre, so würde ihm der liebe Herrgott gleich eine oder zwei Taschen in die Haut hineingenäht haben. Und da solches der liebe Herrgott unterlassen, so war's darum, weil in seinen Augen das Geld so viel gelten soll, was bei einem Andern." „Ganz recht, gelten soll", rief der Uhrmacher triumphirend, das fette Kinn erhebend und sich mit den Fingern streichelnd. „Aber es gilt nicht! das ist des Pudels K e r n, daß es nicht gilt". Mendel lächelte halb weich, halb verschmitzt. „Und ich sage dem Herrn, daß es dort überhaupt keine Kerner gibt, sondern nur Wunden, lauter Wunden." Er wurde ernst und wacülte eine Weile mit dem Kopfe, den Blick auf den Boden heftend. „Der Herr denken, daß ich diese Wunden nicht sehe? Ich sehe sie. Daß sie entstehen konnten, das ist schiinlni; daß sie aber noch immer nicht vernarbt sind, rst noch schlimmer. In diesen Wunden ging viel Kraft verloren. Werden Sie mir's glauben, Herr? Diese Wunden wurden nicht zuerst von den Jndknjünglingcn geschlagen. Daß diese letzteren späterhin auch mit dabei betheiligt waren, und viele Gekieste wurden dadurch erzeugt, will ich nicht äbleugnen. Doch was zuerst daran gerührt — war die Mißachtung dessen, daß alle Menschen von einem und demselben Gott abstammen". Er legte die zwei ersten Finger der Rechten zusammen, als wollte er eine Prise nehmen und den Däumling in die Höhe hebend, suchte er seinen Worten einen erhöhten Nachdruck zu verleihen. „Das war der erste Nerv, der an jener Stelle barst. Na und dann begannen die Einen nach dieser, die Anderen nach der entgegengesetzten Richtung an dem Strang zu ziehen — und so riß der Faden und so verbreitete sich der Riß immer mehr und mehr. Der Herr sagen, daß dem Juden das Geld das Höchste in der Welt. Zugegeben. Und wissen Sie, weshalb? Der Herr glauben deshalb, weil die Juden verschlagen sind. Sie irren sich, Herr. Na der Herr kennen die Säule auf dem Uxazdowsk'schen*) Platz? Na, Sie lachen, Herr! . . . Wenn Sie auf diese Säule Ihre Weisheit und Ruhmeslorbern und berühmte Wappen und Sinekuren und Aemter und Gelder niederlegen, so wird der Eine die Säule hinaufklettern, um sich den Ruhm hcrabzuholen, der Andere die Weisheit, der Drite die Wappen und auch ein solcher findet sich, den nur nach Gold gelüstet, wenn auch noch andere schntzenswerthe Dinge dabei. Doch wenn Sie nur Geld auf die Säule niederlegen und weder Ehre, noch Weisheit, weder Wappen noch Sinekuren da zu sehen fein werden, was meinen der Herr, lvas wird jetzt die Leute hinauflocken, wenn nicht das Geld, das vcrd.. . . Geld. Und die da unten stehen geblieben, um zuzuschauen, die werden rufen: Schau, schau, was für ein verschlagenes Völlchen. am Gold hängt cs, nach Gold drängt es — in seinen Augen ist Gold alles. Und je tiefer einer steht, und je kleiner sich einer vorkommt, desto weniger wird er sehen, desto lauter wird er aber zetern. Und blos jene zu oberst haltenden Leute werden sehen, daß auf der Säule nichts anders liegt, als das, worum sie hinaufklettern, sie werden sich nicht wundern und nicht wettern. Was liegt auf unserer Säule. . . Nur Gold liegt darauf, daun klettern wir frohgemnth hinan, um uns zu holen das Gold! Und das ist nicht das erste Schlechte. Das Schlechte ist nur, daß es gibt zwei Säulen und daß darauf liegen ungleiche Dinge." „Das fehlte noch", lachte der Uhrmacher impertinent. „In der Theorie mögen Sie wohl Recht haben. Doch in der Praxis ist daS anders. Ihr Juden vermehrt Euch, tvie die Heuschrecken und immerhin, Ihr bleibt exotische Elemente . . ." Der Alle zuckte wieder nervös mit den Brauen und zog die Stirne kraus. „Der geschcidte Mensch wird auch daun, luemi er mehrere Steine in der Faust hält, auf den ihn anfallenden Bullenbeißer einen Stein nach dem andern absenden. Und Sie, Herr, haben zugleich mit zwei Steinen geworfen auf den Juden! . . . Doch das hat nichts auf sich. Ich hebe den einen auf und dann nachher den anderen. Mein Rücken neigt sich ohnehin so sehr zur Erde. Er strich ein paar Mal mit der Hand den milchweißen Bart und sprach nach einigem Besinnen. „Der Herr wissen, wie ich heiße. Na ich heiße der Danziger Mendel. Daß ich Mendel heiße, hat darin seinen Grund, daß unserer vierzehn Kinder waren und ich als der fünfzehnte zur Welt kam, hier in der Altstadt, in diesem engen Gäßchen, cleich dort hinter dem gelben Hause, bei der Apotheke. Der Herr wissen das? Alsdann als ich geboren wurde, da waren unserer fünfzehn, ein ganzer „Mendel". Daher heiße ich so. Sollte uns der Vater ertränken? Er durfte das nicht. Einmal darum, weil er Gott fürchtete, und ein andermal darum, weil ihm seine Racker an's Herz gewachsen waren, so daß, wenn die Mutter einen Häring heimbrachte, er den Kops für sich behielt, und den ganzen Häring unter uns vertheilte, damit wir essen, damit wir nicht hungern. Ja, er liebte uns." * Er stockte, er wurde roth, in den Augen ei glomm das Feuer der Erinnerung. Doch bald bemeisterte er sich und sprach weiter mit jovialem Lächeln, aus dem doch bittere Ironie zuckte. „Doch ich, Mendel, fand heraus, daß selbst einem Mendel, der nur eiil halb Dutzend Kinder zu ernähren hat, es schlecht auf dieser Welt gehen müsse; und meine Tochter Lija hatte nur einem Sohne das Leben geschenkt und ist daran gestorben. Wenn sie am Leben geblieben wäre und sechs Söhne hätte und das Alles mitansehen müsste, tvas ich, na dann wäre sie vor lauter Wehe sechsmal gestorben." Er sprach immer rascher und rascher mit unterdrückter, leidenschaftlicher Stimme, sich gegen den Uhrmacher beugend und mit glühenden Blicken ihn durchbohrend. Nach einem Moment später richtete er sich zur vollen Höhe empor, zog tief Athem ein durch die eingesunkene Brust und sprach mit einem traurigen Lächeln. „Deshalb nannten wir ihn nicht mehr Mendel, sondern wir nannten ihn Jakob! . . . Komm her!" rief er, wie zum ersten Mal sich auf die Gegenwart des Knabeir besinnend. Und als der Junge sich vom Schemel erhob und die kleinen Stiefelabsätze vor dem Uhrmacher zusammenklappend, sich an den Großväter schmiegte, fuhr ihm der Alte liebkosend durch's Haar und sagte: „Jakob, Du hast einen Namen, dessen sich auch unseres Herrn Nachbars Sohn nicht zu schämen brauchte. Das ist ein Name, so. den hohen Urtheilsspruch des Königs Salomo gemahnt: „es sei weder Dir, noch mir Unrecht gethan" — das ist ein guter Name! Auf diesem Namen können die Leute wie auf einem Steg, von den schlechten Zeiten zu den guten herübergehen, wenn der Eine dem Andern nicht nachrechnen wird, wie viele Wiegen stehen in seinem Hause. Denn diese Wiegen wissen zu erzählen von viel Arbeit, von viel Hunger und *) Einer der breitesten Plätze in Warschau.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.