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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-22 · 17 (22.4.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Orstrrrrichischr Wochenschrift Weite 301 Als er an dem Fenster vorbeischreitend. in der Stube den w , dacht verrichtenden Juden erblickte, lüftete er die Kopfbedeckung. Es war eine stumm-beredte Scene. Die Jungens stoben davon, als hätte sie der Sturm hinweggefegt und seither fiel es ihnen nicht bei, die Gebete deS alten Juden zu stören. Eigentlich begab sich auch vorgestern nichts. Nur war der Junge ohne Kopfbedeckung keuchend wie ein verwundeter Hase aus der Schule heimgekehrt. Anfangs wollte er nicht mit der Sprache heraus, erst nach langem Zureden gestand er, daß irgend ein Vagabund ihm spöttisch „Jud! . . . Jud!" nachgerufen hatte und daß er sich flüchtete, dabei seine Mütze verlor und sich nicht getraute, umzukehren. Die Röthe Hellen Unmuths schlug dem alten Mendel ins Gesicht. Er reckte sich gerade, als wäre er in einem Nu gewachsen, spuckte ans, nahm dann den Jungen ziemlich unsanft bei der Schulter und schob ihn zum Tisch, wo dann schweigsam das Mahl eingenommen wurde. Nachmittags kehrte er nicht zu seinem Werktisch zurück und stopfte auch nicht seine Pfeife, und durchmaß schwerathmend mit langen Schritten die Stube. Auch der Junge vernachlässigte seine Hausaufgabe und blickte ganz verschüchtert auf die Bewegungen des Alten. So aufgeregt hatte er ihn noch nie gesehen. „Hör' mich an," redete ihn endlich Mendel an, vor dem Jungen stehen bleibend. „Als ich Dich verwaisten Knaben zu mir nahm, und Dich erzog, Dich betreute, wie eine Mutter ihr Kind, so wollte ich nicht einen blöden Jungen machen aus Dir. Und wie ich Dich dann schickte in die Schule, wie ich kaufte Bücher für Dich — so wollte ich nicht einen blöden Jungen machen aus Dir ... Und trotz alledem wächst Du zu einem blöden Jungen mir heran, in dessen Kopf von Einsicht keine Spur, denn wenn nur ein Fünkchen davon steckte in Dir, so hättest Du Dich nicht geschämt, hättest nicht gegreint und wärest nicht davongelaufen, wenn Dir Jemand auf der Straße „Jud"^ nachruft. Und wenn Du deswegen plärrst, wenn Du davonrennst und darüber eine Mütze im Berthe von fünf Gulden sechs Groschen baar verlierst, so beweist Du damit nur, daß Du ein Tummian bist, bei dem die Schule und meine guten Lehren gar nichts taugten." Er schöpfte Athem und fuhr nun mit weicherer Stimme fort: „Nanu, was ist ,Jud'? Na, was für ein Jud bist Du? Du bist in der Stadt geboren, Du bist hier nicht fremd, Du bist ein Hiesiger, hier heimathberechtigt und Du hast ein Recht darauf, diese Stadt zu lieben, so lange Du brav und unbescholten. Du sollst Dich nicht dessen schämen, daß Du ein Jude bist. Wenn Du Dich schämst Deines Judenthums, wenn Du Dich für etwas Geringeres hältst nur darum, »weil Du ein Jude bist, na, wie kannst Du für die Stadt, wo Du geboren, von irgend welchem Nutzen sein, wie kannst Du diese Stadt lieb gewinnen . . .? Nu . . ." - Die Rede verschlug ihm und neuerdings blieb er vor dem Jungen stehen. Doch diesmal blickte er auf den verschüchterten Knaben mit dem Ausdruck voller Wehmuth. Er legte ihm beide Hände aufs Haupt und sprach mit Betonung: „Ein ehrlicher Jude sein ist eine löbliche Sache. Dessen bleibe eingedenk. Und jetzt nimm Deine Aufgaben auf und lernte fleißig, damit Du nicht dumm bleibst und für eine neue Mütze laß' mich schon sorgen. Deswegen brauchst Du nicht so zu weinen, ist eine Kinderei — so was ..." Der Kleine küßte dem Alten die Hand und schlug seine Bücher aus. Den Alten hatte aber die Sache mehr aufgeregt, als er es dem Jungen zeigen wollte. Er durchwandelte lange die Stube, ließ die dringende Arbeit fetu und spuckte in alle Ecken, als hätte er sich mit Bitterkeit gesättigt. Auch in der Nacht hatte er das Bittere sichtlich nicht verwunden, denn tagsüber ging er noch gebückter als sonst einher und als der Junge seinen Scbultornister sich umgeschnallt und zur Schule abgerückt war, blickte er ihnr lange besorgt nach. Auch während der Arbeit verließ ihn die Unruhe nicht. Oester denn sonst, unter dem Einfluß irgend einer Erregung, stopfte er das kurze Pfeifchen, trat zum Fenster und blickte lange und beklommen auf das ihm wohlbekannte Gäßchen hinaus. Unter dem Eindruck seinerinneren Bewegung mochten wohl auch das ewige Einerlei — die vereinzelten Geräusche ihm anders als sonst vorgekommen sein. Als aber der Junge guter Dinge von der Schule heimkehrte » (denn er hatte einen guten Classenausweis bekommen) und sich der funkelneuen Mütze, die ihm tief in die Stirne fiel, freute, vergaß der Alke seine.Aengsten und begann sei es zu seiner eigenen Aufheiterung oder sei es, um dem Jungen eine Freude zu machen — bei der Arbeit laut zu pfeifen, wie er es in seiner Jugend zu treiben pflegte. Nachmittags stürmte der moschusduftende Concipient in die Stube. — „Was ist Neues?" fragte er. „Alles gut, und so wird es bleiben, so Gott will", entgegnete Mendel. „Das Gerücht geht, daß man die Juden hauen will," warf der duftende Concipient mit einem blöden Lächeln hin. „Na, wenn schon hauen, dann schon ordentlich hauen!" versetzte Mendel ironisch, den tiefen Eindruck, den die Kunde auf ihn machte, gar nicht merken lassend. — „Und wer soll's denn sein? Die Behörde?" „Ah warum nicht gar — die Behörde! lachte der kleine Concipient aus vollen Backen und machte dabei ein urdummes Gesicht. „Gott sei Dank, daß nicht die Behörde!" sprach Mendel. Beide lachten, der junge Advocatursbeamte blöde, der Jude ziemlich gezwungen. Er war ungehalten, daß das Gespräch im Beisein des Jungen stattsand. Unter den gerunzelten Brauen hervor blickte er auf den Knaben. Dieser heftete seine großen Augen aus den Concipienten und erst, als er die Thüre hinter sich geschlossen, kehrten sie mit einem düsteren Ausdruck ans das aufgeschlagene Blatt zurück. Der alte Mendel that, als ob er das Ganze nicht gesehen hätte und Hub von Neuem zu pfeifen an. Doch dieses Pfeifen hatte etwas von dem Aechzen einer durch eine schwere Last bedrückten Brust an sich. Die Töne ermatteten, erstarben und rissen mit einer schrillen Dissonanz ab. Die Stube versank schon in Dämmerschatten, als sich durch die enge Thüre der vierschrötige Uhrmacher zwängte, in einem grauen Hawelock, den er in dieser Jahreszeit gewöhnlich trug. „Haben Sie schon die brühwarnie Neuigkeit gehört?" trug er, sich an den Tisch setzend, an dem der Knabe aus seinem Schemel kauerte. „Nanu'" versetzte Mendel, „was scheeren mich die brühwarmen Neuigkeiten? — Wenn die Zeitung gut ist, so wird sie rechtzeitig genug den Weg finden zu mir, auch wenn sie keine Neuigkeit mehr ist; und wenn sie mir bringt nichts Gutes, dann brauche ich überhaupt nichts wissen . . . von ihr." „Man sagt, daß den Juden das Fell gegerbt werden solle", sprach der Dickwanst, dabei mit dem Fuß, der in einem Schnallenschuh stak, schlenkernd. Der alte Jude zuckte einige Male nervös mit den Wimpern und um die Lippen ging ein Beben. Doch schnell hatte er seine Fassung wiedergewonnen und im Tone jovialer Harmlosigkeit warf er hin: „Den Juden? Was für Juden? Wenn diesen, welche find Diebe. Betrüger, diesen, welche die Leute überhalten, de» Weg unsicher machen, diesen, welche dem Aermsten die Haut vom Leibe herabziehen, dann, warum nicht? Dann bin ich selbst dabei. „Nein nein!" lachte der Uhrmacher behaglich, man hat's aus alle Juden durch die Bank abgesehen." In den grauen Augen Mendel's wetterleuchtete es unheimlich, doch gleich senkte er den Blick, um seine innere Bewegung nicht zu verrüthen und fragte scheinbar gleichgiltig: „Na und wannn haben sie's denn auf alle Juden abgesehen?" „Warum, ivarum! Ei nun darum, weil's eben Juden sind" sagte der Uhrmacher. „Na dann", sprach Mendel mit gerunzelten Brauen, „warum gehen sie nicht in den Wald und hauen die Birke, weil sie Birke ist, oder die Haselstaude, weil sie Haselstaude . . ." „Hi, hi!" lachte der 'Uhrmacher spöttisch „Jud ist um eine Ausflucht nie verlegen. Ist doch die Birke, ist doch die Haselstaude in unserem Walde, aus unserer Scholle herausgewachsen. Sie wurzelt in unserem Grund und Boden." Mendel schnürte der Zorn die Kehle zusammen, so daß er dis- Antwort sich mühsam aus seinem Munde rang — die Worte wie zerhackt von seinen bebenden Lippen fielen. „Na" und wo bin ... ich ... denn — ausgewachsen? Wo .. . wurzle ich? . . . Kennt — mich — der — Herr . . . etwa seit —» gestern . . . Mit nichten. Bolle siebenundzwanzig Jahre lang kennt mich der Herr. Bin ich gekommen hierher, wie in ein Wirthshaus? Habe ich gegessen etwa, getrunken und geblieben schuldig die Zeche'? Nein, ich bin nicht gekommen — hier — wie — in — ein —Wirthshaus! Ich bin herausgewachsen aus dieser Stadt, wie jene Birke aus dem Walde drüben. Wahr ist, daß ich in Eurer Mitte gelebt, wahr ist, daß ich hier gestillt meinen Hunger und Durst, doch habe ich auch immer ehrlich gezahlt dafür. Womit habe ich gezahlt. Den Herrn gelüstets zu wissen, womit ich gezahlt habe? . . . Er streckte die schwieligen, abgemagerten Hände von sich. „Na' ries er mit erhobener Stimme „ich habe mit diesen zehn Fingern gezahlt! Der Herr sieht diese Hände." Und wieder bückte er sich und schüttelte die dürren Arme dicht vor dem Bollmondsgesicht des feisten Uhrmachers. „Na sehen etwa so die Hände aus, welche für nichts und wieder nichts die Atzung in den Mund stopfen! O nein, das find Hände, welche eine ganze lange, dornenvolle Lebensgeschichte erzählen, welche krumm und klobig, rauh und roth vom Mesier, von der Zange, von den Schrauben nnd Hämmern geworden sind. Ja wohl, für jeden Bissen Brod, für jeden Trunk Wasser, was ich hier gegeffen und getrunken, habe ich damit geleistet Zahlung. — Ja find diese meine Augen habe ich noch gegeben dazu, diese Augen, welche mir heute schon versagen den Dienst, diesen Rücken, welchen ich nicht mehr kann gerade strecken, diese Füße, welche nicht mich tragen wollen mehr. . . Der Uhrmacher hörte gleichgiltig zu mit seiner silbernen Verlogne spielend. Ter alte Jude redete sich in eine immer größere Heftigkeit hinein. „Nanu" und wo bleibt mein Lohn? Mein Lohnest — in der Schule bei den Kindern, bei den Jünglingen, bei den Fräuleins, die lernen aus Büchern und schreiben in Hefte. Den Lohn sehe ich in der Kirche, wenn die Leute mit ihren Gebetbüchern schaarenweise hineinströmen ... na auch bei Sr. Ehrwürden dem Probst — sehe ich ihn. denn auch ihm habe ich eingebunden seine Bücher. Gott segne den braven Herrn.

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