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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-22 · 17 (22.4.1892) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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@rife 300 Orstrrrrichifchr Wochenschrift Nr. 17 stehen bleiben werden, um wechselseitig das eingekauste Gemüse zu begucken und gegen die Theuerung der Lebensmittel loszuziehen; wie viele Taglöhner, da mit ihren huseisenbeschlagenen Stiefeln schwerfälligen Ganges vorbeitrotten werden, unterm Arni Seile tragend in der Hand Kellen, Reißschienen, Lothe, Hacken, Feilen. Bah, er wirds vielleicht sogar wissen, wie viel Sperlinge da in den Gesimsen des alten Brauhauses nisten, das mit seinem schwarzen, rußigen Schlot das Gäßchen beherrscht, und in dem Geäste der verkrüppelten, dicht daneben wachsenden Pappel, welche weder Kraft zum Leben, noch Lust zum Sterben hat und schwärzlichgrau halb verdorrt, mit morschem Stamme, aus dem im Frühjahr schüchtern ein paar mattgrüne Triebe ausschlagen, einsam emporragt. O wenn' er so zum Fenster hinausschaut. kann er vielleicht mit geübtem Ohr erkennen, ob Paul, der Hauswart, mit dem alten oder neuen Besen die Gasse kehrt. Und wie soll auch der alte Mendel das alles nicht wissen, welm er schon mehr als siebenundzwanzig Jahre in einer und derselben Stube haust und unter diesem Fenster seinen Buchbindertisch abgeschlagen hat, und so mehr, als ein Bierteljahrhundert davor stcht, indeß seine ausgedörrte knochige Rechte die Schraube der Jntraligator-Presse anzieht, blicken seine Augen unter buschigen, eisgrauen Brauen hervor auf das Gäßchen, das im Herzen der Großstadt gelegen, doch eine Welt für sich zu bilden scheint. Und die kleinen Geheimnisse dieser kleinen Welt kennt Mendel auswendig. Cr weiß, wann das Husten des alten Aktuars, der ihm dicke, spinnwebüberzogene, vergilbte Pergamente zuin Einbinden überweist. er weiß wie die Pomade des stutzerhaften Advocaturs-Concipienten duftet, dem er die Akten des Herrn Rechtsanwaltes zusammenstoppelt, er weiß, wann Jeanette von der Frau Hofrätyin zu ihm hinüberkommt, damit er ihr ein lorbeerums.iumtes Gratulationsblatt, auf dem ein pausbackiger, goldumflitterter Engel über einem Eavalicr mit einem Ros.nstrauß thront, „recht hübsch unter Glas und Rahmen ein mache", er weiß, wann der im Dachstübchen wohnende Student kein Mittagmahl ißt - von welcher Seite das Töchterschul-Backfischchen athemlös dahcrqerannt kommt, damit er ihm in „blau-gold" die auf Briefpapier überschriebenen Gedichte des Czeslau Gawalewicz cinbindet. Er weiß Alles, Alles, was man rechts und links mit einem gra:en, weitsichtigen Auge erfassen, was man rechts und links mit dem geübten Ohre erlauschen und was man in langen, bleiernen Stunden durchdenken kann, wenn er mit dein Buchbinderhammer wie ein Staar daraus loshämmert, die großen Quartbogen beschneidet, den Leim siedet, die Farben mischt. Auch ihn kennt hier Jedermann. Ein fremdes Gesicht läßt sich hier selten blicken; die Leute kennen einander Alle, führen ein patriarchalisches Zusammenleben. Der alte, glatzköpfige Uhrmacher von drüben, der ihm über die Gaffe ein Helles „Gut:: Morgen" zuruft und nach Bismarck sich erkundigt; der lungensüchtige Seiler benützt -die Thürklinke als Halter, wenn er einen langen, dünnen Hanffaden in der engen, halbfinsteren Flur dreht, der magere Student mit spindeldürren Beinen zwängt einen langen, dünnen Hals durch die Thüre, um sich ein Talglicht auszuleihen, das er sofort zurückgeben wird, „in einem Stündchen habe er seine Arbeit fertig." Das Marktweib reicht ihm hin und wieder einen schwarzen Rettig durchs Fenster hinauf und erhält dafür einige bunte Papierschnitzel, aus dem ihre Jungens „Drachen" verfertigen, welche in der ganzen Gasse berühmt sind. Der Wirthin Söhnchen sitzt Stunden lang bei dem Alten, um einen freien Augenblick zu erhaschen, wo dann ihm Mendel Pappendeckel-Abfälle schenkt zum Unterkleb n seiner ausgeschnittenen Papiersoldaten, staunt über die langen Ohren der Scheere, steckt die Nase in den Kleiste:1opf hinein, ja nimmt bisweilen sogar etwas ans die Zunge All' das vereinigt sich zu einer warmen, anheimelnden Atmosphäre — einer Atmosphäre, in der eines dem andern wohl will. Auch dem alten Mendel muß es darin behagen; denn trotz seiner siebenundsechzig Jahre fühlt er sich kräftig und arbeitsfreudig. Ruhe und Ernst irägen sich in seinem typischen, in der Schule der Arbeit gehärteten Antlitz aus. Sein Haar ist stark ergraut und sein Bart ist milchweiß. Aus der etwas unter dem weißen Kaftan eingesunkenen Brust steigt bisweilen ein keuchender Athem herauf, der allersgebeugte Rücken kann sich nur nicht gerade recken — doch das hat nicht viel aus sich, wenn imr Füße und Augen gesund sind und die Hand kräftig genug ist. Wenn die schwüle Luft chm bei der Arbeit den Athem verschlägt und in dem gekrümmten Rücken sich Kreuzschmerzen melden, dann holt Mendel aus einem geschwärzten mit einem Schnürchen umwundenen Beutel Tabak hinauf, stopft sich seine kurze Pfeife und hält rauchend eine kleine Rast. Es ist wohl keine der feinen Sorten, die Mendel rqucht, doch der Tabak verbreitet so liebliche, blaue Wölkchen und sagt ihm vollkommen zu. Dabei hat dieser bläuliche Rauch ein seltsames Etwas, daß man durch ihn fe:i:e Dinge schaut und solche, die langst einmal da waren. Er fieht durch ihn Ricke, seine Frau, mit der es Mendel wohl war auf Erden, mit der er durch volle dreißig Jahre glücklich gelebt, und die Söhne, welche den Kampf ums Dasein wie der Sturm die Herbstblätter nach allen Richtungen in die weite Welt davon geführt, und die Kinder dieser Söhne und verschiedene traurige Erlebnisse und von Freuden- und Jude tagen durchwoben. Und am längsten sieht er in ihm seine Jüngste — Lija — die er so früh verheiratet und die so ftLh erloschen, nachdem sie ihm nur einen Enkel hinterlassen. Wenn der alte Mendel sein Pfeifchen in Brand setzt, dann scheinen sich seine Lippen im lautlosen Gemurmel zu bewegen. Doch je länger er raucht je dicker die blauen, aus seiner Pfeife entsteigenden Wolken werden, ihm Bilder aus längstentschwundenen Tagen vorzaubernd, desto vernehmlicher wird dieses Murmeln, desto mehr wächst es an, wird ein Stöhnen schier. Diese Menschenseele, diese Seele des alten Juden, hat auch ihre gram- und sehnsuchtsvollen Stunden, die er mit Arbeit zu übertäuben sucht. Mittlerweile trägt die Nachbarin in der einen Hand ein Töpfchen Suppe, in dem Stückchen aufgequollener Semmel herumschwimmen und in der anderen einen zugedeckten Teller mit Fleisch und Gemüse herbei. Der alte Mendel nimmt von ihr sein bescheidenes Mittagmahl in Empfang. doch er ißt nicht sogleich davon, sonder«: er stellt die Speisen auf einen kleinen eisernen Herd zum wärmen und wartet. Er braucht aber nicht lange zu warten. Punkt zwei Uhr öffnet sich geräuschvoll eine Thüre und in derselben erscheint ein junger Gymnasiast,- in einem überlangen (schon für künftige Jahre fürsorglich berechneten) Kaftan mit einer großen, nach hinten verschobenen Mütze und einem Tornister auf den Schultern. Es mag wohl ein zehnjähriger Knabe sein, der von seiner Mutter — Mendels jüngster Tochter — die goldbraunen, glänzenden Augen mit den dunkeln, langen Wimpern, dem kleinen, feinen Mund und vom Großvater die Adlernase und die hohe, schmale Stirne geerbt. Schmächtig und klein von Gestalt erscheint der Junge noch kleiner rmd schmächtiger, wenn er den Paletot abgeworfen und die schlichte, mit einem Gürtel umschlossene Schulblouse zum Vorschein kommt. Der alte Mendel ist in steter Sorge um den Jungen. Seine durchscheinende Gesichtsfarbe, fein häufiger Husten, seine gebrechliche Brust und seine verkrümmten Schultern flößen dem Großvater um das Wohlergehen seines Enkels Angst ein. Er spart auch für ihn die besten Fleischbiffen auf, gibt ihm eine doppelte Portion Suppe und wenn der Junge satt ist, klopft er ihn auf die Schultern und ermuntert ihn zum Spiel mit den sich im Hofe umhcrtummelnden Kindern. Doch der Kleine laßt sich selten bereden. Er ist durch die Lectionen, durch das schwere Oberkleid, durch das lange Sitzen ans der Schulbank und das Schleppen des Tornisters gar so erschöpft; auch harren seiner Hausarbeiten für morgen die schtvere Menge. Wenn er sich dann erhebt, schleppt er sich nur mühsam dahin und sogar, »venn er lächelt, verschwindet nicht der melancholische Ausdruck aus seinen Augen. Eine kleine Weile nach * dem vollendeten Mahl setzte sich der Junge zum weißen Tisch ans Fichtenholz und holt Bücher und Hefte aus dem Tornister hervor und. der alte Mendel macht sich an seiner Buchbinderei zu schaffen. Wenngleich der Junge sich ruhig benimmt rmd nur halblaut memorirt, hin und wieder nur mit dem Schemel rückt, auf dem er niedergeduckt ist, die mageren Arme auf die Tischplatte lehnend, merkt man sofort, daß dem alten Buchbinder die Arbeit nicht so recht von der Hand gehen will. Immer wieder wendet er den Blick nach dem Jurrgen, und obschon er mit der Hand bequem nach dem Kleister langen kann, geht er um den ganzen Werktisch hemm, wenn er seiner bedarf, nur um unterwegs den kleinen Enkel in das durchscheinende, blasse Gesichtchen zu zwicken und sein kurzgeschnittcnes Haar, so weich und schwarz, wie Maulwurfspelz, zu streicheln. Der Junge scheint solcher Liebkosungen gewohnt, denn er unterbricht nicht im Geringsten sein emsiges Gemurmel, noch sein Hinimd Herschaukeln auf dem Schemel. Doch der Alte ist auch damit zufrieden und indem *a° das Schlürfen seiner Pantoffel dämpft, schleicht er sich bis auf den Fußspitzen wieder zu seiner Werkstatt zurück. Freitag Abends wechselt die Scenerie; der Junge „büffelt" am Fenster, sich auf seinem Schemel mühsam schaukelnd, welcher hier nicht genug Raum zum Schwingen hat und auf dem sichtenen, serviette überdeckten Tische trägt die Nachbarin Fische, Makaroni und eine frisch gebratene, fette, appet tlich duftende Ente. Ein Zinnleuchter mit seltsam gewundenen kugelgeschmückte«: Armen sorgt für die festliche Beleuchtung der Stube. Der alte Mendel hat einen etwas verschossenen, doch noch immer stattlicher, schwarzen Kaftan an, der mit einem breiten Gürtel umwunden ist. in dem er die müden Arme gern ausruhen läßt. Sein graues Haar verdeckt ein Sammlknppi und das Knirschen der neuen langschaftigen Stiefel erfüllt das Gemach mit einem freudigen Gexäusch. Wenn die Tafel schon angerichtet, wäscht sich der Junge, kämmt seinen natürlichen Maulwurfspelz auf dem kleinen länglichen Köpfchen, legt einen frischen Kragen und frische Manchctten au, und die Hände auf dem Rücken verschränkend, steht er ernst und hochanfgerichtet da, indeß der Großvater den eingewickelten „Tales" und das Gebetbuch hervorholl. Ein Moment später erschallt der summende bimmelnde Gebctsang des alten Juden, seine Stimme durchwühlt die ganze Stufenleiter der Töne, von des Basses Grundgewalt bis zum hohen Discant hinauf, wodann sein Sang in ein Wimmern umschlägt, in ein inbrünstiges Klagelied, in schluchzende, flehende, ergreifende Accente aushauchend . . . Unter dem Eindruck dieses Sanges beschleicht den Jungen ein nervöses Zucken, sein bleiches Gesicht wird noch um eine Nuance blässer, die. große«: Auge,: weile«: sich bald, bald drücken sie sich zusammen und werden feucht, er blickt auf den Großvater wie ein Verwunschener und ein convulsivisches Gähnen öffnet seine Lippen. Zum Glücke klappt der Großvater bald darauf das alte Gebetbuch zu und beginnt mit dem traditionellen Sege::sspruch das Sabbathmahl. Ein««:al ereignete es sich, daß die Junge«:s von: Schlosser Kolvdziej u«:d dem Schuster Bocicßka sich vor dem offene«: Fenster des alten Buchbinders ausgestellt hatten und indem sie in die festtäglich erleuchtete Stube vorwitzig hineinguckten, machten sie sich über die Gebete und Ceremonien lustig. In diesen: Moinent ka«n gerade der -alte Probst des Weges daher.

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