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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-22 · 17 (22.4.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
17 (22.4.1892)
Date
1892-04-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Sette 3S3 Soweit hat uns Philo selbst die Geschichte seiner Gesandtschaft erzählt. Wie Josephus berichtet, entging er nur mit genauer Noth ernstlichen Mißhandlungen seitens des Kaisers. Aber der fromme Mann verzweifelte nicht und tröstete seine Begleiter mit den Worten: „Jetzt dürfen wir mehr als zuvor hoffen; da der irdische Monarch uns so zürnt, wird Gott sich gewiß unserer annehmen." Und diese Hoffnung ward nicht getäuscht. Wenige Monate nach dieser Spottaudienz, am 24. Jänner 41, kam die Verschwörung der schon lange über die Schändlichkeiten Caligulas erbitterten Römer zum Ausbruch. Der von ihm persönlich gekränkte - Chaerea, Oberst einer prätorischen Cohorte und seine Genossen überfielen Caligula in einem Corridor und zerfleischten ihn förmlich mit ihren Dolchen und Schwertern. Auch seine Gattin und sein Kind wurden getödtet. Der Leichnam des sich selbst vergötternden Selbstherrschers wurde heimlich in den lamianischen Gärten, dort, wo er die Judendeputation so schmählich behandelt hatte, verscharrt. Er hätte vielleicht auch dieses ärmliche Grab nicht erhalten, sein Leichnam wäre vielleicht wie einige Jahre früher der des Sejanus, an einem Haken durch die Straßen geschleppt und in den Tiber geworfen worden, wenn sich nicht der jüdische König Agrippa seiner erbarmt und für eine halbwegs anständige Behandlung seiner Leiche gesorgt hätte.') , Die Judengemeinden haben lange Zeit den Todestag des Caligula beinahe wie den Hamans gefeiert.* 2) Und sie hatten Ursache dazu, denn sein Nachfolger Claudius bestätigte alle Privilegien der alexandrinischen Juden und sicherte ihnen die speie Ausübung ihrer Religion. Ob auch die Urheber der Tumulte in Alexandria von der irdischen Gerechtigkeit bestraft wurden, wissen wir nicht, wie die göttliche einige der ärgsten dieser Judenverfolger erreichte, haben wir bereits erwähnt. M. L. Die russischen Iudenrommisswnrn. Die sechzehn Gouvernements. Aus Rußland, im April. „Das Bureau constituirte sich", wie der parlamentarische Ausdruck lautet; ich habe den Gang der Verhandlungen in jener Commission zu schildern, deren Zusammensetzung und Charakter ich als Muster für sämmtliche, sechzehn Judencommissionen skizzirt habe. Sie werden da, fürchte ich, einen ganz merkwürdigen eigenthümlichen Eindruck empfangen. Es ist, als ob Sie eine Reise in ein fremdes Gebiet zu machen glaubten und plötzlich die gewohnte Gegend, die gewohnten Gestalten vor sich sehen und die gewohnte Sprache hören würden. Sie sollen mich nicht beschuldigen, daß ich die russischen Institutionen überschätze, denselben ein ungebührliches Lob widme; die Judencommissionen standen nicht auf der Höhe der Versammlungen, deren Berichte Ihre Zeitungen wiedergeben. Das Sprichwort sagt: „Die Erde ist klein; aber das russische Reich ist groß." In dem ungeheuren russischen Reiche finden Sie keinen Simmeringer Wahlbezirk, finden Sie keinen Schneider. Sie werden das überall vergeblich suchen, bis zu den Grenzen der Mongolei, bis in das Innere Centralasiens und eine russische Judencommission hätte sich geschämt, die wahnsinnigen Reden eines solchen Individuums anzuhören. Ja, man ist bei Ihnen voll von grenzenloser Duldsamkeit gegen die verbrecherischen Tendenzen, welche der Antisemitismus in sich schließt und Ihre Parlamente scheinen nur zu dem Zwecke zu bestehen, damit Ihr Princip der Gleichberechtigung unter dem Schutze der Immunität verhöhnt werde und damit Sie, trotz Ihrer Eigenschaft als gleichberechtigte Staatsbürger den unglaublichen Verleumdungen und Insulten preisgegeben seien. Unsere Judencommissionen gingen ') Megilath Taanith cap. 5 und Graetz Gesch. I 427 N. 1 Auch in Rom scheint man diesen Todestag gefeiert zu haben; doch wurde es von Claudius nicht gestattet, ihn zum Festtag zn erklären. (Suntonius, Claudius XI.) 2) Suntonius, Caligula 58, 59; Dio Cassius LIX 29; Josephus Alt. XVIII 8 1, XIX 1, 4. nicht aus Bolkswahlen hervor, sie waren einberufen von einem Jgnatieff und der einzige Gegenstand ihrer Tagesordnung war die Judenfrage. Ihr Landtag entbehrt dieser Milderungsgründe und doch hatte Ihr Landtag ganz den Charakter einer russischen Judencommission, nur daß er durch eine schärfere Tonart sich auszeichnete. Nahezu ist auch ihr Gemeinderath eine Judencommission geworden. Aber namentlich Ihr Landtag; die besser denkenden Mitglieder der Versammlung hatten bei uns nicht die Energie, nicht den Muth, chre Ueberzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Das paßt auch auf ihre niederösterreichische Judencommission. Und wie steht es denn bei Ihnen mit den liberalen Ueberzeugungen; was würde man zu der Schlußrede eines sogenannten liberalen Abgeordneten in Ihrer Judeneommission sagen? Es hat sich eben die innerste Gesinnung verrathen, der Judenhaß unter liberaler Maske. So düster sieht es in unseren Wäldern nicht aus, wie in Ihrem vielgepriesenen Wiener Wald. Es ist nicht anders möglich, die Verhandlungen unserer Judencommissionen müssen Ihnen gemäßigt erscheinen neben den Sitzungsprotocollen Ihres Landtages und diese Protocolle schreien in die Welt hinaus, als lautes Zeugniß wider die Civilisation Ihres Landes und diese Protocolle können nicht confiszirt werden; wozu auch, es sind ja doch hauptsächlich die Reden der Antisemiten, welche hier aus Landeskosten zum Abdrucke gelangen. Der Referent der Kiewer Judencommission war ein Feind der Juden und gewiß kein Freund der Wahrheit; aber er sagte doch in seinem Berichte, daß Trunksucht und Wucher auch in jenen Provinzen heimisch seien, wo keine Juden wohnen und daß daher besondere Judengesetze keinen Schutz gegen Trunksucht und Wucher bieten werden. Aber Ihre Antisemiten mögen sich beruhigen, trotz des scheinheiligen Zugeständniffes des Referenten gestaltete sich die Verhandlung so frazzenhaft, wie jede Verhandlung, bei welcher der Antisemitismus das große Wort führt. Gegen die Juden wurde der Vorwurf erhoben, daß sie arbeitsscheu seien und sich von der russischen Bevölkerung isoliren. In logischer Consequenz hätte maic nun glauben sollen, die Vorschläge des Referenten würden darin gipfeln, es sei das Arbeitsgebiet der Juden zu erweitern und es sei ihnen Gelegenheit zu bieten, in lebendigeren Verkehr mit der Bevölkerung zu treten. Allein noch niemals hat der Verbrecher im Kleinen und noch niemals auch der Verbrecher im Großen sich um die Logik gekümmert. Der Antisemitismus aber ist ein Verbrechen von welthistorischer Bedeutung. Der Referent beantragte, es sei den Juden die Güterpacht zu entziehen. Namentlich an der Grenze würden die jüdischen Güterpächter bei einer Invasion den Feind unterMtzen. Ferner soll es den Juden verboten sein, Mühlen und Fischteiche zu pachten. Ferner sei es gefährlich, wenn Juden Einkehrwirthshäuser an der Landstraße besitzen, weil sie den Pferdedieben Unterstand geben. Allein durch diese Einschränkungen fei das Uebel noch immer nicht gründlich bekämpft. Wolle man Rußland gegen die durch ihre starke Vermehrung furchtbaren Juden schützen, dann muffe man sie auf die sechzehn Gouvernements einschränken, deren Ausdehnung Frankreich noch immer um das Dreifache des Flächenraums übertreffe und müffe — ihnen verbieten, die Grenze dieser Gouvernements zu überschreiten. Damit stimmte auch die Rede des Stadthauptes von Kiew überein; nm war diese Rede noch schamloser in chren willkürlichen Behauptungen. Wenn man es den Juden gestatte, sich im Innern Rußlands anzusiedeln, so werde Bismarck die preußischen Juden nachschicken, um die Lücken auszufüllen. Es sei bedenklicher wenn Juden durch die Ausbeutung der Bevölkerung reich werden, als wenn Russen Reichthümer häufen, weil die Söhne der Juden chr Geld im Auslande, in Paris verschwenden. Die in der Commission anwesenden jüdischen Vertreter ließen es an einer Erwiderung nicht fehlen, welche die vorgebrachten Argumente in ihrer ganzen Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit darlegte. Rücksichtlich der Güterverpachtung wurde darauf hingewiesen, daß die ersten Würdenträger des Reiches ihre Güter an Juden verpachten und den Juden den Vorzug vor andern Bewerbern geben. Hinsichtlich der Be-

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