Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 392 Wrsterrrtchlfttzr Wochenschrift. Nr. 17 geborner egyptischer Judenhaß wurde durch die von seinen Landsleuten angewendete Bestechung und glänzenden Zusagen zu noch eifrigerer Thätigkeit angefeuert, so daß die jüdischen Deputirten nicht einmal den Versuch wagen tonnten, ihn zu besänftigen. Gn anderer jüdenfeindlicher Günstling Caligulas, war der Schauspieler Apelles aus Askalon, der in seiner Jugend ein schändliches Gewerbe getrieben hatte. „Wie Helikon egyptisches, so spie Apelles philistisches Gift gegen die Juden aus", sagt Philo. Apelles erlaubte sich auch am Hofe die größten Ausschweifungen und begleitete stets den Kaiser, auch wenn dieser öffmtlich erschien. Uebrigens war die Stellung eines Günstlings bei Caligula auch kein angenehmes Metier. Als Apelles einmal auf die Frage des Kaisers wer größer sei, Er oder Jupiter mit der Antwort zögerte, ließ er ihn auspeitschen und vergnügte sich an der schönen Stimme, mit der der Gepeitschte um Erbarmen schrie?) Erinnert das nicht an die Art, mit der ein Antisemitenhäuptling gegen seine Untergebenen vorgeht, wenn sie seine Gottähnlichkeit bezweifeln? Freilich auspeitschen lassen kann er sie nicht und muß sich begnügen, ihnen mit gedruckten Peitschenhieben die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen. Ihr Gewinsel um Erbarmen klingt dann freilich nicht so schön, wie die Stimme des römischen Theatersüngers. Wie Philo berichtet, wurde Apelles später auf Befehl Ealigula's mehrmals gefoltert, Helikon unter der Regierung des Claudius hingerichtet. Noch vor Anbinft der Deputation hatten die Juden durch den bei Caligula beliebten König Agrippa eine Bittschrift überreichen lassen, die aber keine Berücksichtigung fand. Vielleicht hat sie der Tyrann nicht annehmen wollen, wie ja in neuester Zeit eine Petition von hochachtbarer Seite zu Gunsten der Juden nicht in die Hände, für die sie bestimmt war, gelangen konnte. — — Unter so ungünstigen Auspicien traf die Deputation der Alexandriner Juden in Rom ein, um die Gerechtigkeit eines der grausamsten und verächtlichsten römischen Kaiser anzürufen; eines Menschen, der sich, wenn es donnerte, hinter dem Bette versteckte und sich dann wieder für einm Gott ausgab. Bald gab er sich für Jupiter Ms, dem er es an galanten Abenteuern gleich chun wollte, bald für Neptun, Juno, Diana oder Venus und legte jedesmal die, seiner göttlichen Rolle entsprechende Kleidung an. Den einen Tag erschien er glatt rasirt, in weiblicher Kleidung, den andern mit langem Bart und Neptuns Dreizack. Ost äußerte er "sein Bedauern darüber, daß unter seiner Regierung keine Erdbeben, Epidemien und großen Brände vorgekommen seien. Hatte er kein Oeld zum Würfelspielen, so ließ er sich die Steuerlisten Galliens bringen, suchte die reichsten Bürger heraus und ließ sie hinrichten und rhr Vermögen coi fisciren. Im Amphitheater ließ er manchmal unschuldige ZuschMer ergreifen Md den wilden Thieren vorwerfen. Als seine Großmutter ihm Vorwürfe über seine schändliche Aufführung machte, zwang er sie, sich selbst das Leben zu nehmen. Von Natur häßlich von blasser Gesichtsfarbe, mit tiefliegenden Augen, kahlem Vorderhaupt, borstigem Haar an den übrigen Körpertheilen und mit dünnen Beinchen, studirte er lange vor dem Spiegel, wie er sein Aussehen noch scheußlicher und furchtbarer machen sollte. Dazu kam noch das Göttercostüm oder sonst eine phantastische Tracht, mit vergoldetem Bart Md perlengestickten Frauenschuhen?) Den Mischen Deputirten trat Caligula, als er sie zuerst Mf dem Marsfelde erblickte, mtt geheuchelter Freundlichkeit entgegen. Er erwiderte gnädig ihren Gruß und ließ ihnen durch den Einführer der Gesandten sagen, er werde sich über chre Angelegenheit sofort Bericht erstatten lassen. Die armen *) Dio Cassius LIX 5; Suctonius, Caligula 33. 2) Dio Cassius LIX 3, 10, 26, 28; Sunton, Caligula 24, 31, 86. 90—52; Püning H. N. 37, 6; Seneca, De constantia sapientis 18: Manches, was die römischen Historiker von Caligula erzählen, kann hier gar nicht wiedergegeben werden. * Juden, die, wie Philo sagt, schon froh sind, wenn man sie nicht ärger als Andere behandelt, waren über diese scheinbare Bevorzugung vor den zahlreich anwesenden andern Gesandtschaften und Deputationen ganz erstaunt und entzückt. Aber es zeigte sich bald, daß dieses freundliche Benehmen nur Verstellung oder schnell vorübergehende Laune war. Caligula verließ Rom ohne die jüdische Deputation vorgelassen zu haben und begab sich nach seinen, beiPozzuoli gelegenen Landhäusern. Die Juden folgten chm dahin, konnten aber auch dort keine Audienz erlangen. Auch mußten ihnen die Nachrichten von den fortgesetzten Befehlen des Kaisers, seine Bildsäule in Jerusalem aufzustellen, jede Hoffnung benehmen für ihre Synagogen in Alexandria Schutz zu finden, wenn selbst der Tempel in Jerusalem den Attentaten des halbverrückten Selbstherrschers ausgesetzt war. Als dieser endlich auf die Aufstellung seines Standbildes im Allerheiligsten des Tempels einstweilen verzichtete, konnten auch die Deputirten aus Alexandria vor ihm erscheinm. Caligula bestimmte zu dieser Audienz den Tag, an dem er seine Villen in der Nähe Roms besichtigte. Von einem Garten zum andern, von einem Landhaus zum andern mußten ihm die Deputirten beider Parteien folgen, und zwischen den Unterredungen mit ihnen unterhielt er sich mit seinen Gärtnern und Gebäudeaufsehem. „Seid Ihr", schrie er die Juden an, „diejenigen, welche alle Götter Haffen und nur Einen, dessen Namen Ihr nicht aussprechen dürft, anbetet? Während alle Völker mich als Gott verehren, wollt Ihr allein mich nicht als solchen anerkennen." Dann stieß er Gotteslästerungen aus, welche der ftomme Philo in seinem Berichte nicht zu wiederholen wagte, während die Deputirten der Judenfeinde ihren Beifall und ihre Freude laut zu erkennen gaben. Einer von diesen, Namens Isidor, klagte noch die Juden vor dem Kaiser an, daß sie für diesen keine Opfer dargebracht hätten. Als die jüdischen Deputirten dies als Verleumdung erklärten und betheuerten, im Tempel zu Jerusalem seien bereits dreimal für das Wohl des Kaisers feierliche Ganzopfer dargebracht worden, antwortete Caligula: „Wenn dies auch wahr wäre, so hätte es gar keinen Werth. Wenn Ihr auch einem Anderen für mich Opfer dargebracht habet, so habt Ihr doch nicht mir (als Gott) geopfert." Dann ließ er die Juden stehen und eilte in ein anderes Landhaus. Die Juden folgten ihm über die Stiegen und Höfe, ihre Gegner mit Spott und Hohn hinterd'rein. Nachdem Caligula verschiedene Anordnungen in Bezug aus die Gebäude ertheilt hatte, wendete er sich wieder an die Juden mit der geistreichen Frage: „Warum esset Ihr kein Schweinefleisch?" Bevor diese noch antworten konnten, erscholl lautes Lachen und Beifallklatschen der Alexandriner, so daß sich das römische Gefolge des Kaisers über solche Verletzung aller Hofetikette sehr ärgerte. Auf die Antwort der Juden, daß auch anderen Völkern gewisse Speisen verboten seien, bemerkte einer der- Umstehenden, es gebe auch viele, die kein Lammfleisch essen, worauf der Kaiserlachend sagte: „Die haben Recht, weil Lammfleisch nicht gut schmeckt." Nach weiteren Spöttereien und Schmähungen kehrte er endlich zur Sache zurück und fragte: „Aus welchen Gründen maßet Ihr Euch bas Bürgerrecht in Alexandrien an?" Kaum hatten aber die Juden begonnen, ihm ihre Rechte und deren Ursprung auseinanderzusetzen, als er wieder in ein anderes Haus lief, wo er alle Fenster zu schließen befahl. Dann kam er wieder zurück und ftagte etwas ruhiger: „Also, was habt Ihr zu Eurer Entschuldigung zu sagen?" Aber, wie die Juden zu reden anfingen, lief er wieder davon und ettheilte Befehle wegen des Aufhängens von Gemälden. Endlich kehrte er wieder zurück und . entließ die Juden mit. dem Bescheid: „Die Leute scheinen weniger boshaft als dumm und albern zu sein, da sie nicht glauben wollen, daß ich göttlicher Natur bin." Unter dem Gelächter und Zischen ihrer Gegner entfernten sich die jüdischen Depuürten.