Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 291 Kenntniß allmälig verloren gegangen. So konnte es geschehen, daß man den Juden haßte und bekämpfte, weil sein Lekenntniß „die Nächstenliebe verachtet." Als im Mittelalter einmal einem Geistlichen der Nachweis erbracht wurde, daß der Lehrsatz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selber" wiederholt in den Büchern des Alten Testamentes zu lesen ist, war er überrascht und entrüstet. Er war überzeugt, daß die Böswilligkeit der Juden das Alte Testament zu dem Zwecke gefälscht hat, um dem Ehristenthume die Priorität seiner höheren Moral arglistig abzuftreiten. Acht Tage darauf wurden sämmtliche Häuser der Juden angezündet und geplündert, damit die Juden ja es sich nicht wieder beifallen ließen, die höhere Qualität der christlichen Nächstenliebe in Zweifel zu stellen. Nach der Wiedererweckung der Wissenschaften begann die Erkennrnis aufzudämmern, daß mit derlei Beweisführungen diese Frage denn doch nicht endgiltig gelöst werden kann. Man nahm also die Textkritik zur Hilfe. Wer ist „der Nächste", den das Alte Testament verstanden wissen will? Zweifellos nur der Jude! Also ist das alttestamentliche Gebot völlig bedeutungslos, daß im Alten Testament auch die Lehre eingeschärft wird: „Du sollst den Fremdling lieben wie Dich selbst" — ein Gebot, welches alle Textkünsteleien ausschließt, die Verpflichtung der Nächstenliebe auf alle Menschen ohne jegliche Unterscheidung ausdehnt — daran wurde geflissentlich nicht gedacht. So entstanden eine große Anzahl judenfeindlicher Schriften und Pamphlete, von Theologen und Nichttheologen, welche zu Haß und Verfolgung des Judenthums aufreizten, im Namen jener höheren Nächstenliebe, welche angeblich das Alte Testament „in seinem primitiven Standpunkt' noch nicht ganz erfaßt hatte." So prügelte man die Juden im Namen der „höheren Nächstenliebe" und es fehlte nur der Satyriker, welcher mit künstlerischer Meisterhand die weltgeschichtliche Menschenthorheit geißelte. Hatte das Gebot der christlichen Nächstenliebe auch auf Nichtchristen Anwendung — warum verfolgte man die Juden Jahrhunderte hindurch ohne Barmherzigkeit? Allein trotz dieses innerlichen Widerspruches, der die Kritik stark herausforderte, halte man doch wenigstens eine ideelle Anerkennung der Nächstenliebe. Indem man sich ihrer rühmte ohne sie zu besitzen, hatte man ihren Werth wenigstens anerkannt, man huldigte ihr, man trug sie als Fahne voran, indem man sie allerdings hinterdrein mißhandelte. Die Idee der Nächstenliebe blieb die höchste religiöse Idee — wenigstens officiell — bis zum Einbrüche der neuesten Epoche! Nunmehr ist man der Zweideutigkeit müde. Der Haß und nicht die Liebe wird heute zum Panier erhoben und ihm wird ehrlich gedient. Als der geistliche Landtagsabgeordnete von Niederösterreich seine Definition der christlichen Nächstenliebe zum Besten gab, ertönten von allen Seiten tausende Proteste und doch hat er nichts anderes gesagt als P. Gury in seinem Lehrbuche der Moral als katholischer Religionslehrer zum Besten gibt. Es war eine Schickung der Vorsehung, daß das Judenthum bevor es selbstständig ein Volk und eine Confession geworden, vier Jahrhunderte hindurch in einem fremden Lande unter der Geißel einer bösartigen herzlosen Tyrannei allen Jammer und alles Elend des Menschenhasses an sich kostete, damit es die Höhe und Weite des Gebotes der Nächstenliebe in sich aufnehme. Als Moses vor König Pharao hintrat mit einem flammenden Appell im Namen des unsichtbaren Gottes, der Menschen- und Nächstenliebe gebietet, da antwoAete ihm der Tyrann: „Deinen Gott, der unsichtbar ist, den kenne ich nicht, Nächster bin ich mir selber, der Jude ist mir der fernste." Und als Israel aus Egypten zog, schärfte ihm sein Gesetzgeber ein: „Nach den Sitten des Landes Egypten, in welchem Ihr weilet, sollt Ihr Euch nicht richten." Haltet Euch fern von dieser Nächstenliebe Pharao's. Deine Nächstenliebe muß sich selbst auf den Fremden, selbst auf den Egypter erstrecken: „Verachte nicht den Egypter, denn ein Fremdling warst Du in seinem Lande", lautet wörtlich das Gebot des alten Testamentes, und alljährlich, wenn der Frühling in die Lande einzieht, die Erde sich verjüngt und die erwachende Natur ihr Auferstehungsfest feiert, dann feiert auch der Jude sein Frühlings- und Erlösungsfeft, welches ihn gemahnt, an die Leiden und Verfolgungen, die es von dem Fremdenhasse erduldet hat und immer neuer Ansporn wird, zur thätigen, opferfreudigen Nächstenliebe. Israels Feste sollen als Meilensteine dienen, um uns zu einen! Rückblick in die Zeiten der Vergangenheit zu veranlassen. Welche Fortschritte hat die Menschheit während dieser großen Zeitspanne vollbracht? Sind die Menschen um vieles einander näher getreten in der Liebe? Ach die Zeit Pharao's und ihre eigenthumliche „Nächstenliebe" ist wieder erstanden! Aber wir erinnern uns wieder an die Worte der heiligen Schrift, daß in den Herzen und den Geistern der Israeliten Licht war, während ihre egyptischen Hasser und Verfolger in Finsterniß wandelten. Die Juden kennen nur eine ganze umfassende, Niemanden ausschließende Nächstenliebe. Hat je noch ein Jude einen Bettler, der kein Jude ist, mit den Worten von sich gewiesen: „Hier wohnt kein Christ. . . Diejenigen aber, die mit ihrem Menschenhaß prahlen, wir beneiden sie nicht darum, und wollen ihnen nicht gleich sein. An der Wiege des Judenhasses. (Fortsetzung und Schluß.) Dem an Geist, Gemüth und Abstammung gleich vornehmen Philo gegenüber stand an der Spitze der Deputation der alexandrinischen Judenfeinde, der sich gern für einen Griechen ausgebende Aegyptier Apion, ein Aufschneider und Charlatan erster Clasfe, den Kaiser Tiberius die „Weltschelle". Plinius (List, nat. XXX, 6.) die „Pauke des Eigenlobs" nannte. Er gab vor, den todten Homer heraufbeschworen zu haben, um von ihm Genaues über dessen Vaterstadt und Familie zu erfahren, wollte aber, vorsichtiger als moderne Spiritisten, nicht verrathen, was ihm der Geist des Sängers der Ilias anvertraut hatte. Unter der Firma Homers hat er dann in ganz Griechenland herumgeschnorrt. Er hat, wie Aulus Gallius berichtet, einige nicht ganz werthlose Bücher geschrieben, die aber alle verloren und bis am seine Schmähschrift gegen die Juden vergessen sind I. Auch diese wäre längst der verdienten Vergessenheit anheimgefallen, wenn Josephus sie nicht einerausführlichen Widerlegung gewürdigt hätte. So hat also der kecke ägyptische Pasquillant sein Bischen freilich nicht ehrenhafte Unsterblichkeit nur dem jüdischen Historiker zu verdanken. Derselbe erzählt aber auch, daß Apion in eine ekelhafte Krankheit verfiel, bei lebendigem Leibe verfaulte und unter furchtbarm Schmerzen starb. Werden nicht auch manche moderne Judenfeinde die Unsterblichkeit ihrer Infamie den jüdischen Vertheidigungsschriften zu verdanken haben? In Rom angekommen, fanden die jüdischen Deputaten den Kaiser ganz gegen ihre Glaubensgenossen eingmommen. Sie hatten schon durch den Widerstand, welchen sie der Aufstellung seiner Statue im Tempel zu Jerusalem leisteten, seinen Unwillen erregt, den zu schüren wohl seine egyptischen Günstlinge mit ihrm Verleumdungen nicht wenig beitrugen. An der Spitze dieser Leute stand ein gewisser Helikon, ein Sklave und Possenreißer, den sein Eigenthümer dem Kaiser Tiberius geschenkt hatte. Er hatte bei diesem ernsten Manne wenig Gunst genosien, fand aber desto mehr bei dem kindischen Caligula, dessen beständiger, vertrauter Gesellschafter er ward. Nicht ohne Witz und von einiger oberflächlichen Bildung wußte er diesen vertrauten Umgang zu benutzen, um die Juden beim Kaiser zu verleumden und lächerlich zu machen. Helikons an- ') Seneca, Epist. 88, Aulus Gallius, Noctes alt. V. 14, VI.8, Josephus contra Apion; Bayle Dict. art. Apion; Mommsen V. 517; Pauly, Realencykl. I. 12. 44. Auch Hausrath hebt den Contrast zwischen Philo's hoher Persönlichkeit und dem alerandrinischen Witzbold hervor und weist als sehr wahricheinl.ch nach, daß Tacitus einen großen Theil seiner Fabeln über die Juden den Werken des Apion entnommen habe. (Neutest, Zeitgesch. XL. 171, 177, 222.)