Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette Lütz Vrstrrrrtchischr Wochenschrift. Nr. 16 „Das ist es eben, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Sehen Eie, Herr, wenn ich manchmal so sitze, un sinne, da tritt heran zu mir Ryska, — meine Frau heißt so, — und fragt: „Srul, was ist Dir?" Und wie soll ich ihr sagen, was nur ist, wenn ich cs selbst nicht weiß. Und am Ende werden mich die Leute auslachen'?" fügte er hinzu und sah mich an, forschend, ob ich es nicht thun würde. Aber ich lachte nicht. Der Jude interessirte mich. Ich sah, das; ihm etwas das Herz bedrückt, wovon er sich selber keine Rechenschaft geben konnte, und der Umstand, daß er der Sprache nur in äußerst schwachem Grade mächtig war, machte es ihm noch schwerer, seinen! Gefühle Worte zu verleihen. Um ihm zu Hilfe zu kommen, beruhigte ich ihn, es hätte keine Eile, mit meiner Arbeit hätte es Zeit, wir konnten doch ein Stündchen mitsauimen plaudern u. s. w. Dankbar sah er mich an, und nachdem er eine kleine Weile nachgedacht, begann er folgendes Gespräch: „Wann haben Sie Warschau verlassen?" „Nach dem russischen Kalender Ende April." „War es damals kalt oder warm dort?" „Vollkommen ivarm. Anfänglich reiste ich in einen! Sonnneranzug." „Nu, sehen Sie, und hier ist Frost?" „Was? Hast Du denn vergessen, daß bei uns im April die Saat auf den Feldern vollendet ist, daß die Bäume alle grün sind?" „Grün?" ein Freudenblitz durchzuckte Srul's Augen, „ja, richtig! grün, und hier ist Frost!" Jetzt wußte ich, was er hatte erfahren wollen, ich schwieg jedoch, bis ich volle Sicherheit erlangt haben würde. Der Jude wurde sichtlich lebendiger. „Nu! Sagen Sie mir, wächst jetzt bei uns, . sehen Sie, ich weiß nicht mehr wie das heirt, ich habe schon das Polnische verlernt," entschuldigte er sich beschämt, als Härte er cs jemals gekannt, „es ist so weiß wie Erbsen, aber cs sind doch keine Erbsen, und es wächst in Garten, neben den Häusern, an so großen Stäben? ..." „Fisolen?" „Das ist's! Fisolen, Fisolen!" wiederholte er mehrmals, als wolle er sich das Wort für immer einprägen." „Freilich, und sehr viel sogar. Hat man denn das hier nicht?" „Hier! Seit drei Jahren habe ich keine einzige gesehen; die Bohnen hier sind solche, wie sie bei uns mit Verlaub, nur . . . ., nur. . . ." „Die Schweine fressen," half ich ein. „Ru ja! Hier verkauft man es auf Pfund und bekommt es obendrein nicht immer." „Magst Du Fisolen so?" „Ich frage nicht deswegen, aber ich denke so oft daran. Es sicht so hübsch aus, wenn es wie ein Wäldchen neben dem Hause wächst. Hier hat man nichts!" „Und nun," begann er wieder, „sagen Sie mir, sieht man bei uns im Winter noch die kleinen, o, so großen," er zeigte die Größe auf seinem Finger, „grauen Vögelchen? Ich habe vergessen, wie sie heißen! Ehemals waren ihrer so viele! Häufig, wenn ich am Fenster stand und betete, sammelten sie sich wie Ameisen vor dem Hause. Nu, wer hätte sie aber damals angesehen? Wissen Sie, Herr, ich hätte niemals geglaubt, daß ich an sie zurückdenke» würde! Denn hier, hier fliehen vor dem Winter sogar die Krähen davon, da können so kleine Vögel erst recht nicht aushalten. Aber bei uns sind sie sicherlich noch da. Nu, Herr, sind sie da?" Aber jetzt blieb ich ihm die Antwort schuldig. Ich zweifelte nicht länger, daß dieser alte Jude, der fanatische Ehassid, sich ebenso nach der Heimath sehne wie ich, daß wir Beide an derselben Krankheit litten; dieses unverhoffte Zusammentreffen mit einem Leidensbruder stimmte mich wehmüthig; ich ergriff seine Hand und sagte nun meinerseits: „Davon wolltest Du mit mir reden? Du denkst also nicht an die Menschen, an Dein schweres Los, an die Armuth, die Dich drückt, sondern Du sehnst Dich nach der Sonne, der Lust und der Erde Deiner Heimath? Du denkst an die Wiesen, Felder und Wälder, an ihre Bewohner, die Du in Deinem elenden Leben nicht mal Zeit hattest, genauer kennen zu lernen, und heute, da diese lieben Bilder Deinem Gedächtnisse zu entschwinden beginnen, fürchtest Du Dich vor der Leere, die Dich umgeben, vor der großen Einsamkeit, die Dich umhüllen wird, wenn die theuren Erinnerungen in Dein Leben nicht mehr eusfüllen? Du willst daß ich Dir Alles zurückrufe, es auffrische, Du willst, daß ich Dir erzähle, wie unser Heimathland aussieht?" — „Ja, Herr, ja, deswegen bin ich hergekommen," und er drückte nreine Hände und lachte, wie ein Kind, so freudig. „So höre denn, mein Bruder!" Und Srul hörte mir zu, die Lippen geöffnet, das Auge unverwandt auf mich geheftet. Und sein Blick brannte mich und regte mich an, und er las mir die Worte von den Lippen, griff sie auf und verschloß sie tief, auf seines heißen Herzens Grund . . . sicherlich verschloß er sie. dorr, denn als ich zu Ende war, „o weh' mir, o weh' mir", senkte der Jude schmerzerfüllt auf, sein rother Bart erzitterte und große krystallklare Thränen rannen langsam sein elendes, abgehärmtes Antlitz hinab. Und lange schluchzte der alte Ehassid und ich weinte mit ihm. * * Seit jener Zeit ist viel Wasser in die kalte Lena geflossen und nicht wenig Thränen haben die schmerzdurchfurchten Gesichter der Menschen benetzt. Und doch, obgleich es so lange her ist, tauchen mir in schlaflosen Nächten häufig die wie aus Stein gemeißelten, das Stigma eines großen Schmerzes tragenden Züge Baldyga's aus und neben ihm erscheint dann immer das gelbe, gerunzelte, mit reinen Thränen bedeckte Antlitz Srnl's. Und wenn ich diese Nachtgesichte länger betrachte, ist mir's, als bewegten sich die bebenden, bleichen Lippen des Inden, und mir zur Seite flüstert eine leise, verzweifelnde Stimme: Gott! Warum bist Du so unbarmherzig gegen einen Deiner treuesten Söhne?" E n d e. Die Zunge. (Nach dem Talmud.) Es naht der Festtag, Toby! geh mein Junge, Hol' etwas Gutes uns zum Abendbrot! Der Diener eilt Gamaliel's Gebot Zu thun und holt vom Markte eine Zunge. Es naht der Fasttag, Toby! geh' mein Junge, Hol' etwas Schlechtes uns znm Abendbrot! So lautet anderen Tags des Herrn Gebot, Und Tobt) kehrt zurück mit einer Zunge. Bist Toby du von Sinnen? Sprich mein Junge, Wie, oder höhnst du deines Herrn Gebot? Du bringst mir Zunge, thut mir Gutes noth Und wenn mir Schlechtes fromnit, bringst du mir Zunge. Wohl weislich that, versetzt der Junge, Und treu gehorcht ich Eueren! Gebot, Und was ich Euch zum Fest- und Fasttag bot, Ist gut und schlecht, denn beides ist die Zunge. Nichts besseres als, wenn sie gilt, die Zunge Und ist sie schlecht, gibts keine schlimmere Noth; Die Zunge birgt das Leben und den Tod, Las ich im Salomo als kleiner Junge. Literskur. „Das prophetische Schriftthum." Exegetisch-kritische Studien vorzüglich auf historischer Grundlage. Von Wilhelm Reich. I- Baud. Iesaias. Wien. Verlag von Oskar Franks Nachfolger- 1892. Einleitung XII. Text 278 S. gr. 8. Druck von Adolf Alkalay, Prestbnrg. Dieses soeben in Druck erschienene Werk ist in jeder Beziehung eine sehr erfreuliche Leistung. Es kann von demselben mit ziemlicher Gewißheit behauptet werden, daß dieses Buch nicht nur in jüdischen, sondern auch in den gelehicken nichtjüdischen Kreisen viele Leser finden werde. Nach langer Pause hat der größte prophetische Meister einen würdigen Bearbeiter gefunden. Wir verweisen auf Capitel VIII, das in exegetischer und historischer Beziehung zu den besten des Buches gezählt werden kann. Man mutz dieses Buch überhaupt, mit dem Texte des Iesaias in der Hand, von Capitel zu Capitel der Reihenfolge nach durchgehen und zwar sehr gründlich, dann kann auch erst ein richtiges Urtheil gewonnen werden. Einige Stichproben zeigen jedoch schon, daß fast keine schwierige Stelle unerklärt zurückgeblieben ist. Capitel V. V. 17. Hierüber haben sämmtliche Erklärer, von Kiinchi angefangen bis herab zu Malbini nur Worterläuterungen geliefert. Dem Zusammenh.mge dieses Verses mit dem ganzen Inhalte der großartig angelegten Prophezeiung nachzugehen, ist bisher Niemandem in den Sinn gekommen. Wie genau schließt sich nach der Darlegung des B.'s, dieser B. an den Gesammtinhalt an und bildet in demselben ein logisches Hauptargument. Nicht minder sei der Leser aufmerksam gemacht aus Cap. XIII, in welchem von dem Sturze Babylons die Rede ist. Da hat der Autor eine ganz neue Ansicht ausgestellt und mit gelehrtem Apparate ausgestattet. Nach den Erläuterungen des Verfassers wird hierüber neues Licht verbreitet. Im Capitel XVIII wird über den Zel hamaloth des Achas, die Sonnenuhr, eine Hypothese aufgestellt, die in gelehrten Kreisen gehörige Erwägung und Würdigung finden wird. Der Zel hamaloth wird als historische Thatsache hingestellt, aus unwiderleglichen Dokumenten des Herodot bewiesen und Gesenius, Hitzig werden da mit Meisterschaft widerlegt. Was das II. Buch des Iesaias betrifft, das sogenannte II. Buch, steht der Verfasser neben seinem hochconservativen Standpunkte, ganz auf wissenschaftlichem Boden. (?) Freilich er k»nn nicht umhin, einige Stücke als babylonisch zu bezeichnen, aber im Großen und Ganzen weist er wissenschaftlich nach, daß dieses II. Buch auch fast sämmtlich Produkte des Jesais enthält. Noch mehr klar ist in diesen Auseinandersetzungen bewiesen, daß die hasmonäische Zeit und die Arseeo-syrische Verfolgung, in diesem II. Buche eine Hauptrolle spielen, der Beweis wird dahin geführt, daß der Verfasser dieser Prophezeiungen kein anderer als Iesaias sein kann und zwar im Capitel LH, Vers 4 ff.