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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-15 · 16 (15.4.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 16 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 285 Trencsen-Baau. Herr Samson Diamant hat zu seinem 77. Geburtstage ein Sephathora gespendet und wurde dieser doppelte Festtag sowohl von dem Herrn Rabbiner als von den Mitgliedern des Gemeindevorstandes und Chewra-Kadischa in gebührender Weise gefeiert. Am Schlüsse der Synagogen-Feier fand ein Bankett statt, an welchem sämmtliche Honoratioren theilnahmen. Berlin. 7. April. Bei dem heutigen schönen Wetter ging ein Herrmit seiner Gattin im Friedrichshain spazieren und wurde Zeuge eines bezeichnenden Vorfalles. Etwa fünf zwöls- bis dreizehnjährige Bengels warfen einen höchstens zehnjährigen Knaben mit großer Vehemenz in den Sand. Dann pufften sie den am Boden liegenden Knaben mit ihren Fäusten kräftig ins Genick. Eine Frau aus dem Volke drohte den kleinen Strolchen, diese ließen nun zwar von ihrem Opfer ab, sie riefen aber: „Ach, was schadet denn das! Es ist ja nur ein Judenjunge!" Diesmal hatten sie die Rechnung allerdings ohne den Wirth gemacht, der oben erwähnte Spaziergänger' fuhr so energisch mit seinem Stocke darein, daß die kleine Bande eiligst Reißaus nahm. Frankfurt a. M. Die von Herrn Rabbiner Brüll hinterlassene Büchersammlung soll nach einem Anträge des Magistrates an die Stadtverordnetenversammlung 511111 Preise von rund 5000 Mark seitens der Stadt erworben und der Stadtbibliothek eingefügt werden. Der eigentliche Werth beträgt 10.000 Mark, doch sind 5500 Mark bereits von der israelitischen Gemeinde und durch Privatbeiträge aufgebracht und der Stadt als Beisteuer zur Kaufsumme zur Verfügung gestellt worden. London. Mehrfache Berichte aus Argentinien melden, daß die Colonisten in der Provinz Palacios — Baron Hirsch's Colonie — sich in einer bedrängten Lage befinden. Sie werden ununterbrochen von Soldaten und Polizisten bewacht, welche jede Gelegenheit tvahrnehnlen, um sie zu mißhandeln. Auch Mordthaten, begangen von Soldaten an Colonisten, sind vvrgefatten, worauf die Colonisten zur Selbsthilfe zu schreiten gezwungen waren und die Mörder lynchten. — Colonel Goldsmid, welcher nach Argentinien unterwegs ist, wird daselbst eine schwere Aufgabe zu bewältigen haben. — Unterdessen setzen die Agenten des Baron Hirsch den Landankauf in der Nähe von Corrientes und Goya fort. So sollen in Argentinien bereits 6 Millionen Francs für Ankauf von Ländereien verausgabt worden sein. Egypten. Prof. A. H. Sayce berichtet in einem Schreiben au die Akademie: „Das Berzeichniß der Plätze, welche von Ramses III. in Palästina und Syrien erobert wurden, welche ich von der Säule von Lledmet Habft copirt habe, verspricht viel interessanter zu werden, als ich vorausgesetzt habe, da eine ganze Reihe derselben zu dem Territorium von Juda gehört. Wir finden da „das Land von Salem", welches wie das^alam von Ramses III. nach den Tafeln von Tel-el-Amania Jerusalem ist, Arez hadast oder „Neues Land" ist das Hadaschah von Josua (XV. 37) Schimschana oder Samson „die Stadt der Sonne" (Josua XV. 10) Carinel von Juda, Migdol (Jos. XV. 37) Apakah oder Aphekah (Jos. XV. 53) und Beth-Anath, das Beth-Anathoon Josua (XV. 59). Die Entdeckung dieser Namen in den Inschriften eines egyptischen Königs, welcher etwa 1200 Jahre vor unserer Zeitrechnung lebte, ist gewiß von Interesse für Alle, die dem Bibelstuvium obliegen. Tanger. Heny Haim M. Nahon wurde von der Königin- Regentin von Spanien zum Ritter des Ordens Jsabella der Katholischen ernannt. Feuilleton. Der Srul aus Lubertöw. (Schluß.) lieber diese Antwort war ich nicht im Geringsten erstaunt. Es waren schon viele Leute, und darunter auch Juden, bei mir gewesen, die mich einzig und allein in der Absicht ausgesucht halten, um mit einem frisch von daheim gekommenen Menschen zu reden. Die Leute iuteressirten sich für die verschiedenartigsten Dinge. Die Einen waren einfach neugierig und spr chlustig, Andere fragten ausschließlich nach ihren Verwandten, nod) Andere waren Politiker, von denen cs gar Mandien nidst mehr recht im Kopfe war. Im Allgemeinen jedoch hielten sie alle die Politik in großen Ehren. Ich wunderte mich daher, wie gesagt, nicht über den Wunsch meines Gastes, und obgleich id) meine Hütte gern so rasd) als möglich von dem Geruch der schledit g> gerbten Felle seiner Dod)a befreit hätte, bat ich ihn freundlich, er möchte oblegen und Platz nehmen. Der Jude, sichtlich erfreut, saß nach einem Augenblick an meiner Seite und nun konnte ick) ihn aufmerksam betrachten. Alle ordinären Züge des jüdisdien Stammes waren in dieser neben mir sitzenden Gestalt vereinigt. Die dicke, seitwärts gebogene Nase, die scharfblickenden Habichtsaugen, der spitze Bart von der Farbe einer reifen Gurke und endlich die niedrige, von hüßlickiem Haar umrahmte Stirn, dies alles besaß mein Gast, aber dies alles nnnchte eigenthümlirijer Weise in diesem Augenblick keinen schlechten Eindruck aus mich, vielleickit weil es durch den offenen freundlichen Ausdruck seiner abgehärmten Züge gemildert wurde. „So sage mir denn, woher Du bist, wie Du heißt, was Du hier thust und was Du von mir erfahren willst?" „Ich bin, sehen Sie Herr, Srnl aus Lubartow; vielleickit werden der Herr wissen, wo Lubartow ist: es ist gleich bei Lublin. Nu. denn scheu Sie, bei uns meinen Alle, daß es ist sehr weit von Lublin und ich habe früher and) so gedacht, aber jetzt", fügte er mit Nackidruck hinzu „wissen wir, daß Lubartow ist sehr nahe bei Lublin, gan; dicht da bei ..." „Und bist Du schon lange hier'?" „Sehr lange. Fast drei Fahre." „Nun, das ist noch nickst so übermäßig lange. Es gibt doch Leute, die mehr als zwanzig Jahre hier sind und au> dem Wege begegnete ich einem Greise aus Wilna, der nahezu fünfzig Jahre hier wohnt. Das heißt wirklich lange." Aber der Jude fuhr mich an: „Ich weiß nichts von Jenen, ich weiß, daß ich sehr lange hier bin." „Du mußt wohl ganz allein sein, wenn Dir die Zeitso lang scheint'?" „Mit Frau und Kind, einer Tochter. Ich hatte vier Kinder, als ick) die Reise antrat, aber es ist eine Reise, daß Gott erbarm! Wir gingen ein ganzes Jahr; wissen Sie, was Etappen sind'? . . . Drei Kinder starben mir auf einmal, in einer Woche, das ist so, als wär's auf einmal . . . Drei Kinder'?! Das ist leicht gesagt . . . nicht mal einen Dit für ihr Grab hatte ick), dort ist nirgends ein jüdischer Friedhof . . . Ich bin ein Chasfid," fügte er leiser hinzu, „Sie wissen, was das heißt, . . . ich befolge alle Gesetze .... und Gott straft mich so ..." Er schwieg ergriffen. „Mein Lieber, in solcher Lage ist es schwer, daran zu denken, im Grunde ist es doch einerlei, und überall ist die Erde Gottes," suchte ick) ihn zu trösten, aber wie voll einer Tarantel gestochen, sprang der Jude von seinem Sitz empor. „Gottes Erde!" rief er, „Gottes! Gott gehört diese Erd»! Was . reden Sie da? Das ist eine hündische Erde! Pfui, pfui! Die Erde Gottes! Reden Sie nicht so, Herr, schämen Sie sicki! Ist das Gottes Erde, die niemals anfthaute'? Das ist eine verfluchte Erde! Gott will nicht, daß die Menschen hier wohnen, wenn er das wollte, wäre sie nickst so. Sie ist verflucht, niederträchtig! Pfui, pfui!" Und er spuckte mn sich und stampfte mit den Füßen: mit zusamme-gekilifsenen Lippen und geballten Fäusten drohte cr dem schuldlosen Boden von Jakutsk, stieß flüsternd Flüche aus, bis er, von Anstiengung ermüdet, auf den Schemel neben mir mehr fiel als sich fetzte. Alle Deportirten, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität mögen Sibirien nicht, aber der fanatische Chassid empfand, wie es den Anschein hatte, einen glühenden Haß g gen das Land. Ich wartete bis er ruhiger werden würde. In einer harten Schule erzogen, kam er rasch zu sich, bekämpfte seine Erregung, und als ich nach einer Weile ihn fragend anblickte, sagte er: „Entschuldigen Sie, Herr, ich rede mit Niemandem darüber: deil» mit wem soll man hier reden'?" „Gibt's denn hier wenig Juden'?" „Sind das Juden, Herr'? Die sind schon so wie die Hiesigen. Keiner befolgt die Gesetze." Ich fürchtete einen abermaligen Ausbruch, so wollte ich denn die Unterredung abkürzen und fragte rund heraus, worüber er denn mit mir sprechen woltte'? „Ich wollte in Erfahrung bringen, Herr, was man dort hört'? Jchbin hier schon so viele Jahre und weiß gar nicht, was dort vorgeht." „Du ftagst aber auch eigenthümlich; ich kann Dir doch nicht alles auf einmal erzählen. Was interessirt Dich'? Ist es die Politik'?" Der Jude schwieg. Im Glauben, daß mein Gast wie so viele andere sich für die Politik interessire, ohne den Namen des Gegenstandes zu kennen, be gann ich die für mich in Folge des häufigen Wiederholens stereotnp gewordene Beschreibung der politischen Lage Europas, der unseren, u. s. w. Aber der Jude machte eine ungeduldige Bewegung. „Interessirt Dich das nicht'?" fragte ich. „Ich habe nie daran gedacht," antwortete er aufrichtig. „Ah! Jetzt weiß ich's! Du möchtest wahrscheinlich erfahren, wie es den Juden dort geht'?" „Es geht ihnen besser als mir." „Ganz recht. Dann willst Tu wohl wissen, wie thener die Lebensmittel, welches die Marktpreise sind'? Wieviel man für Mehl, Fleisch u. s. w. zahlt?" „Was liegt mir daran'? Hier bekomme ich cs ja nicht und wäre es dort auch noch so billig."' „Auch das ist richtig. Was willst Tn denn aber eigentlich'?"

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