Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 282 Vrflrrrrichischr Wochenschrift Nr. 16 leuten in Halle gekommen war, um die Aufträge für die kommende Woche zu holen, war er natürlich übnall abgeblitzt. Der kranke Redacteur hatte nun vor Schreck seine Genesung beschleunigt, um am nächsten Sonnabend an hervorragender Stelle bei den Juden pater peeeavi zu sagen. Jedenfalls bilden die Nummern der „Hall. Ztg." vom 21. bis 26. März eine so seltene Erscheinung, wie dieses conservative Blatt sie niemals geboten hat: eine ganze Woche ohne jüdische Inserate! Das machte sich im Casienabschluß der ohnehin nicht mit Glücksgütern gesegneten Administration schmerzlich fühlbar. Den jüdischen Geschäftsleuten in Halle kann man zu diesem Act der Selbsthilfe nur Glück wünschen. Derselbe verdient auch anderwärts nachgeahmt zu werden. Ein Frankfurter Blatt enthielt folgendes Inserat: „Heirath! Ein Herr, 34 Jahre alt, Christ, tüchtiger Kaufmann, von tadellosem Rufe, stattliche Erscheinung, in einträglicher Stellung und mit nachweislich späterem Vermögen, wünscht behufs Verheirathung die Bekanntschaft einer reichen Dame zu machen. Suchender sieht nicht auf vorthcilhaftes Aeußere und wollen auch Damen mit körperlichen Gebrechen verttauensvoll nicht anonyme Briefe nebst genauer Angabe der Verhältnisse unter 8116 an die Expedition dieser Zeitung gelangen lassen. Ehrenhafte Vermittler nicht ausgeschlossen, Verschwiegenheit zugesichert und erwartet." Wenn der Mann mir dem rveiten Herzen und dem leeren Portemonaie, der sich so unverfroren öffentlich zum Kauf anbietet, ein Jude wäre, würde die ganze christlichgesinnte Presse wie auf Kommando über ihn herfallen und Zeter-Mord io schreien über jüdische Unmoral und dergleichen schöne Dinge. Da es sich aber um einen Mann handelt, der sein Christcnthum ganz besonders betont, ist die Sache ganz in der Ordnung." Berlin. Am 22. März d. I. fand in den Räumen von Cassels Hotel in Berlin die G en era l v ersa m ml u u g des „E s r a", Verein zur Unterstützung A ck e r b a u treibender Juden in Palästina und Syrien, unter lebhafter Betheiligung seitens der von den Mitgliedern gewählten Delegirten statt. Dem interessanten Bericht, den der stellvertretende Vorsitzende Herr Silber sie in erstattete, entnehmen wir, daß der Verein in der Berichtsperiode außerordentlich gewachsen ist. Die Mitgliederzahl stieg von ca. 900 am. 1. Januar 1891 auf ca. 1800 am 22. März 1892, und entsprechend stieg auch die Leistungsfähigkeit des Vereines. Zweigvereine wurden in dieser Zeit neu gegründet in Breslau, Frankfurt a. M, Hamburg, Leipzig und anderen Orten. Auch die Berichte aus den jüdischen Dörfern in Palästina lauten befriedigend; einige derselben haben bereits die Anfangsschwierigkelten überwunden und bedürfen keiner fremden Hilfe inehr, darunter befindet sich auch Jessud Hamaaloh, die früher vom Verein „Esra" unterstützte Kolonie. Neuerdings wendet der „Esra" seine Mittel dem Dorfe Miichmar ha Jarden zu, dessen Bauern sämmtlich ehemalige Ackerknechte auf den Rothschild'schen jüdischen Dörfern sind. Es ist ihnen gelungen, sich in der kurzen Zeit von 1'/, Jahren, seitdem sie auf eigenem Grund und-Boden sind, schon ansehnliche Pflanzungen, besonders Weinberge anzulegen, und sie bedürfen nur noch verhältnismäßig geringer Unterstützung. Der Bericht wurde mit großem Beifall zur Kenntniß genommen, Decharge ertheilt und bei den Wahlen Herr Moritz Dorn, Luisenstraße 12, zum Vorsitzenden gewählt, während als Kassier Herr Julius Kalmus, Magdeburgerstraße 32, verbleibt. Dann folgte ein Antrag des Central-Comites, dasselbe um eine Anzahl auswärtiger Beisitzer zu verstärken, um so den Mitgliedern außerhalb Berlins die Gelegenheit zu geben, an der Verwaltung des Vereins theilzunehmen. Der Antrag wurde nach lebhafter Debatte, in der die auswärtigen Delegirten ihren Dank für dies Entkommen des C. C. aussprachen, genehmigt und die Details der Ausführung demselben überlassen. Nach Erledigung der Tagesordnung schloß Herr Silberstein mit einigen Dankes - Worten an die Delegirten, besonders an die auswärtigen, in deren Namen Herr S. Laqueur aus Breslau in beredten Worten das Vertrauen der Mitglieder zu der Leitung des Vereins aussprach mit der Versicherung, an dem Gedeihen desselben eifrig Mitarbeiten zu wollen. Berlin. (Glück muß der Mensch haben!) Und er' hat es auch, der Wirkliche Geheime Legationsrath Dr. Kays er, denn, wie die „Kreuzzeitung" mit wichtiger Miene mittheilt, steht die Ernennung des Dr. Kayser zum Wirklichen Geheimen Rathe mit dem Prädikate Excellenz (kolossal!) unmittelbar bevor. Ueber die Beweggründe zu dieser politischen Haupt- und Staatsaction läßt das Blatt die Mitwelt nicht im Unklaren. Wir lesen in demselben an hervorragender Stelle: „Der Gouverneur Frhr. v. Soden hat bekanntlich im vorigen Jahre mit der Berufung auf seinen bisherigen Posten das Prädikat „Epcellenz" erhalten; es würde also das „eigenthümliche" Verhältnis eingetreten sein, daß der Leiter der Colonialabtheilung, wenn er in seinem jetzigen Nangverhältniffe dahin gekommen wäre, mit einem Beamten seines Ressorts zu thun gehabt hätte, der einen höheren Rang als er selbst einnimmt." Die „Kreuzzeitung" hebt hervor, die Beförderung des Dr. Kayser sei eine ungewöhnlich rasche gewesen. Im Jahre 1885 als Vortragender Rath in das Auswärtige Amt berufen, (Dr. Kayser hatte sich vorher um die Söhne des jetzigen Herzogs von Lauenburg verdient gemacht, welche er als „Einpauker" für ihre großen Staatsprüfungen vorb -reitet hatte), wurde er 1890 nach der Versetzung Dr. Krauels auf die neugeschaffene Stelle eines Dirigenten der Colonial-Abtheilung versetzt und im Juni 1891 zum Rathe 1. Classe ernannt. Während bisher die Directoren in den Ministerien und Reichsämtern, welche stets Räthe 1. Classe zu sein pflegen, erst nach zehnjähriger Wirksamkeit in ihrem Amte zu Wirkt. Geh. Räthen ernannt werden, erreicht Dr. Kayser diese Würde schon nach einem Jahre. — Man kann sich vorstellen, welches Herzweh diese Carriere den Antisemiten (im Stillen jedenfalls auch der frommen „Kreuzzeitnng" selbst) macht. Denn der neue Excellenzherr war in jüngeren Jahren Jude. Wie gesagt: Glück muß der Mensch haben! Mainz. (Antisemitische Handkäse, fabricirt von Chr. Jacobi, Käsefabrikant in Trebur bei Mainz.) Die Nummer 13 vom 27. März der in Dresden so ziemlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinenden „Deutsche Wacht" enthält folgendes Inserat: „Prima Mainzer Handkäse, reine antisemitische Bauemwaare, versendet in Kisten 1 bis 6000 Stück pro 100 vier Mark ab hier per Post oder per Nachnahme Chr. Jacobi, Käsefabrikant in Trebur bei Mainz." — Hierzu bemerken die „Mainzer Nachrichten" : „Besagter Fabrikant antisemitischer Mainzer Handkäse, — die Mainzer verwahren sich übrigens gegen die Treburer Imitation ihrer berühmten Specialität, — scheint ein Gemüthsmensch und außerdem ein heimlicher Judenfreund zu sein. Durch seine famose Annonce warnt er indirect alle Juden und Nichtantisemiten vor dem Bezüge seines Käses, zu dessen Insertion er das richtige Organ gefunden hat. Jedem braven Antisemiten täglich nur ein Stück seines Fabrikats, — Böckel und Stöcker aber zwei, — und der Antisemitismus wird allgemein in beit Geruch kommen, in dem er bei jedem anständigen Menschen von Urbeginn an steht. Herr Chr. Jacobi dürfte sicherlich die Kundschaft finden, die er verdient und deren Antisemitismus zu seinem Käse — reine Bauemwaare — paßt. Guten Appetit!" VmniMes. Wien. (Trauungen.) Am 10. April wurden getraut: Herr- Max Obcrsohn mit Frl. Irene Brandeis: Herr Abraham Balan mit Frl. Ernestine Linz; Herr Jacob Baumberg mit Frl. Rosalia Stein; Herr Dr. Jacob Adolf mit Frl. Hedwig Spitzer; Herr Eduard Spitz mit Frl. Larrra Peretz; Herr Philipp Mühlbauer mit Frl. Feige Bissclechis; Heri' Adolf Ehrenhaft mit Frl. Pauline Grünhut; Herr Sigmund Stern mit Frl. Regine Hoffenreich. Wien. Dem Herrn Alfred Freund in Wien wurde die Annahme des ihm verliehenen Posten eines Consuls der Bereinigten Staaten von Brasilien in Wien bewilligt und dem bezüglichen Bestallungs-Diplome desselben das Allerhöchste Exeguatur ertheilt