Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020916--01292-3025324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 16 Orsterreichisrtze Wochenschrift. Sette 379 Verdienste seine Krone! Durch Erlaß vom 21. Februar 1635 verlieh Bvgislaw XIV., der letzte Herzog von Pommern, dem Gotthold Chammerstein den e r b l i ch e n Adel (siehe Ooäex vipiomatiens kommersniae, Band V, Urkunde Nr. 12, S. 433). Er hieß fortan Gvtthold Freiherr von Chammerstein. Da der niederdeutsche Kehlkopf mit teutonischem Widermillen stets gegen die orientalischen Guttnraltöne protestirt hat, und das rauhe CH,' namentlich am Anfang einer Silbe, für nicht durch Abstammung und Gänsefett geschmeidig gemachte Stimmbänder nicht anszusprechen ist, war es natürlich, daß die guten Pommern sich allmülig den Chammer mundgerecht gemacht, das; C verschluckt und aus Chammer das deutsche Hammer gemacht hatten. Sie nannten ihn Hammerstein. Geschrieben wurde fast hundert Jahre noch der Name abwechselnd Chammerstein und Hammerstein. Wer die Pergamente vergangener Jahrhunderte auf die Schreibweise der Eigennamen hin sich angesehen hat, kennt die souveräne Willkür, mit welcher sie behandelt wurden , und selbst der Träger des Namens schreibt mit kühner Verachtung jeder Regel sich bald so, bald so. Zum letzten Male begegnet uns der Name in orientalischer Orthographie in dem Kansbrief über einen Unterthaneu <1 <1. 2. Mär.; 1720 (Akta des Klosters zum heiligen Geist zu Stralsund, Tit. XII, Nr. 24), worin Jürgen Hinrich von Chammerstein sagt: „Ich uhrkunde, daß ich meinen bisherigen Unterthaneu Johann Schlaken wissent- und wohlbedächtlich an des Herrn Land-Marchalls und Barons von Pnttkamerschen hochwollgebohrenen Erbherrn verkauftet." Seit dieser Zeit kursirt der Name in der christlichen Prägung, amputirt und doch nnbeschnitten, rein-christlich. Das ist die Vorgeschichte derer von Hammerstein. Vorstehenden Beitrag zur Geschichte deutscher Adelsgeschlechter veröffentlicht der „Vorwärts" in seiner Nummer vom — 1. April! chmresMnäeMen. Wien. (E i n A pritsch c r z.» Ein Journalist ans Czernv witz ertaubte sich den schlechten Scherz an die Wiener, Biidapester, an die böhmischen und gatizischen Blätter telegraphisch zu melden, daß der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch um die durch den Heimgang des Landrabbiners Dr. Igel in Czernowitz erledigte Stelle eines Lalldrabbiners der Bukowina sich bewirbt. Dieses Telegramm, tvelcheS wir blos als einen schlechten Scherz angesehen hatten, mit welchem ein Czernowitzer Journalist die Redaktionen dupiren wollte, wird, wie wir nun erfahren, in manchen Kreisen für Ernst genommen. Das veranlaßt uns zu der ausdrücklichen Erklärung, daß jene telegraphische Mittheiluug jeder Grundlage entbehrt. Weder ist es dem Reichsrathsabgeordneteu Dr. Bloch beigefallen, um den Landesrabbinerpostert der Bukotvina sich zu belverben, noch ist er überhaupt gesonnen und in der Lage irgend einen Rabbinatsposten, sei es in Czernowitz oder irgend wo anders zu übernehmen. Der Reichsrathsabgeördnete Dr. Bloch war bereits wiederholt in der Lage, derlei Anerbietungen rundweg abzulehnen und er gedenkt vorläufig nicht daran, seine dermalige Berufsthätigkeit mit einer anderen zu vertauschen. Wien (Die beiden Rad imsky.). Der Zufall gefällt sich manchmal in den sonderbarsten Contrasten. Vorige Woche „beehrte" Mechanikus Schneider das hnndertthürmige Prag mit seinem Besuche und wohnte einer Sitzung des böhmischen Landtages in der Fremdenloge bei. Derselbe erhielt in der Loge mehrere Besuche! Als erster hatte sich dort das Mitglied des Groß'grundbesitzer-Clubs Herr Rittmeister Jvh. Rad imsky eingestellt. Später kamen Dr. Basa ty und einige Mitglieder der antisemitischen Fraction des Jungczechenclubs. An eben demselben Tage fand hier in Wien eine Versammlung der Verkehrsbediensteten behufs Gründung eines Fachvereines statt, in welcher ein czechischer Arbeiter, gleichfalls Namens Rad imsky, eine Rede hielt. Derselbe erklärte, die Verkehrsbediensteten hätten von keiner der bestehenden politischen Parteien, am allerwenigsten von den Antisemiten, welche sie nur als Mittel zum Zwecke, als Stütze für ihre egoistischen Pläne benützen wollen, etwas zu erwarten. Nur bei einem einigen Vorgehen seien die Bediensteten im Stande, die in ihrer Branche bestehenden Uebelstände zu beseitigen. Diese beiden Thatsachen bedürfen eigentlich keines Commentars. In Prag beeilt sich der Czeche Radimsky, der zugleich k. k. Rittmeister ist, seine Rechte in die durch eine virtuose Fingerfertigkeit sich anszeichnenden Hände des Antisemiten Schneider zu legen und in Wien erhebt ein Czeche Radimsky warnend seine Hand, um in schlichter Rede, aber begabt mit einem hellsehenden Blicke, seine Genossen vor der Nichtswürdigkeit der antisemitischen Machenschaften zu warnen. Dort der Cavalier, hier der Arbeiter! Wo wohl mehr Noblesse zu finden ist? Wien. (Eine schamlose Lüge des „Deutschen Bolksblatt"). Mit fetten Lettern brachte das Lügenblatt der Wiener Antisemistlinge einen Artikel: „Der Dynamitarde Ravachol — Iud e". Die russischen Genossinnen des deutschnationalen Hetzorgaues beeilten sich diese „Neuigkeit" gehörig zu verwerthen, so namentlich die „Nowoje Wremja". Der St. Petersburger „Herold" Sonntag, den 29. März (10. April) 1392 weist diese schamlose Lüge mit Entrüstung zurück. Die „Nowoje Wremja" bleibt der Beaumarchais'schen Devise „Calonmiez, calomniez, il en reste toujours quelque choae“ getreu und ist bestrebt zu hetzen und zu insiuuiren, wo sie nur kann. So z. B. brachte das Blatt gestern ein Specialtelegramm aus Paris, welches die sensationelle Mittheilung enthielt, daß der Autor der Dynamitattentate, der Anarchist und Mörder Ra - vachol — ein Jude sei. Obgleich die Religion des Verbrechers irrelevant und keinen Schatten auf die Confession, welche er bekennt, werfen kann, so ist doch die gehässige Tendenz dieser telegraphisch verbreiteten Nachricht gar zu augenscheinlich, als daß man sie, besonders unter den gegenwärtigen Verhältnissen, ignoriren dürfte. Ein unvorsichtig und auch vielleicht ohne bösen Vorbedacht hingeworfenes Wort kann oft der Funken sein, der eine höchst gefährliche Eruption nationaler und confessioneller Leidenschaftenhervorznbringenvermögend ist,wie wir es beiden jüngsten Ereignissen in Port Said gesehen haben, wo es genügte (und zwar ohne jeglichen Grund) die alberne Fabel vom rituellen Kindermorde aufzuwärmen, um Blutvergießen hervorzurufen. Mit solchen ausgestrenten gehässig-tendenziösen Erfindungen und Lügen muß man sehr vorsichtig umgehen, da sie leicht bestialische Leidenschaften entfesseln können, deren Bändigung schwere Opfer erfordern kann. Die Stimmung ist gegenwärtig eine solche, daß wenn Ravachol ein Jude gewesen wäre, inan sehr leicht alle Juden für die Gräuelthaten dieses Scheusals verantwortlich gemacht hätte. Doch glücklicher Weise ist Ravachol kein Jude, sondern ein Katholik, wie das seine unglückliche Mutter einem interviewenden Mitarbeiter der Pariser Zeitung „Gaulois" mitgetheilt. Der Anarchist, dessen Name jetzt tu Aller Munde, ist ein uneheliches Kind. Seine Mutter ist eine Französin und sein Vater — ein katholischer Deutscher Namens Königstein aus Aachen, der vor einigen Jahren starb. In der Folge, nachdem der Anarchist bereits geboren worden, heirathete Königstein seine Geliebte: „Mein Sohn Franoois". erzählte die Mutter, „war ein prächtiger Junge und sehr gehorsam. Er zeichnete sich in der Jugend durch ungewöhnliche Frömmigkeit aus und ging ständig zur Messe. Er besaß ein so vorzügliches Gedächtniß, daß er mir stets fast die ganze Predigt des Paters wiederholen konnte". Späterhin jedoch ward er in St. Etienne mit den Anarchisten bekannt, fiel verrufenen Frauenzimmern in die Hände mißhandelte seine Mutter und ward das, was er jetzt ist, ein Scheusal, ein Auswnrf der Menschheit. Wozu die „Nowoje Wremja" für nothwendig gehalten hat, Ravachol zum Juden zu stempeln — erklärt sich durch die allgemeine Tendenz dieses Blattes, das sich den Antisemitismus zur Lebensaufgabe erwählt. Mit Recht eifern die „Peterburgskija Wedomosti" in einer Reihe längerer sehr sachlich gehaltener Artikel gegen btefe menschenfeindliche Tendenz (mit einem anderen Namen kann man dieses fortivährende Hetzen nicht belegen), die einige unserer Preßorgane bekunden und das Blatt citirt den berühmten russischen Satyriker Ssaltykow-Schtschedrin, der die Judenfrage in wenigen Worten folgendermaßen definirt: „Noch nie hat die Geschichte auf ihren Tafeln eine bedrückendere, der Humanität fremdere und qualvollere Frage verzeichnet, als die Judenfrage. Es gibt keine herzzerreißendere Erzählung als die Erzählung dieser endlosen Folter von Menschen durch Menschen. Wenn ich an die Lage denke, die durch die Leiden und das Stöhnen der uralten Legende geschaffen, welche die Juden von Jahrhundert zu Jahrhundert überall verfolgt, so will es mich schier bedünken, daß ich den Verstand darüber verliere. Dem Anscheine nach gähnt hinter dieser Legende ein mit siedendem Pech gefüllter bodenloser Abgrund, in dem ganze Massen von Menschen, denen man Alles genommen, hoffnungslos agonisiren". Wien. Erster Jahres bericht der Baron Hirsch- Stiftung. Das Curatorium dieser von Baron Hirsch zur Förderung des Bolksschulunterrichtes unter der israelitischen Bevölkerung in Galizien und in der Bukowina ins Leben gerufene