Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Orstrrrrichichr Wochenschrift Seite 277 Vieles von dem System Philo's angenommen und Delaunay nennt ihn geradezu einen Vorläufer des Christenthums *). Eher könnte inan ihn den Moses Mendelssohn seiner Zeit nennen. Denn wenn Philo auch nicht alles das glaubte, was man in den Schulen Hillels und Schamus lehrte, wie sich ja auch der Weife von Dessau nicht nach den Talmndisten seiner Zeit richtete — wenn Philo auch unter dem Einflüsse der griechischen Philosophie in der Auffassung und Erklärung der Heiligen Schrift ein anderes System befolgte, als seine orthodoxen Zeitgenosse»», so blieb er doch ein eifriger Jude. „Auch ihm ist, wie jedem anderen Juden, Moses die Quelle aller Wahrheit, seine geschriebene Weisung bindendes Gesetz, seine Empfindung Ehrfurcht und Gläubigkeit"'^). Mit inniger Verehrung hing er an Jerusalem und dem Tempel und hätte sich schaudernd von Jedem abgewendet, der die Zerstörung dieses Tempels prophezeite. (Fortsetzung folgt.) Die russischen Iudenrommissionrn. Ter Witz des Teufels. Aus Rußland, Ende März. Und wenn die Titanen gesiegt und den Olymp erstürmt hätten; was wäre nun geschehen? Die Frage ist in anderer Form wiederholt gestellt worden, nicht nur von abstracten Denkern auf dem Wege philosophischer Untersuchung, sondern tief aus dem Herzen heraus, wenn Gebete und Klagen zum Hitnmel empordrangen und der Himmel selber nne mit ehernen Pforten verschlossen schien. In solchen Momenten offenbarte sich der monotheistische Gedanke in seiner ganzen furchtbaren Macht, er siegte über Zweifel und Verführ ung, er siegte über alle Dämonen, welche ein grausamer Fanatismus zu entfesseln vermochte. Die größte und tiefste Elegie der Weltgeschichte ist die Geschichte des Judenthums, und die Judenverfolgungen im Rußland der Gegenwart werden dort nicht vergessen sein, wo Alles geschrieben steht, was unser Volk erlitten und geduldet. Vier Millionen Juden preisgegeben den Commissionen Jgnatieff's; vier Millionen,Menschen verfolgt und bedrückt von der Regierung, die sie beschützen soll. Darunter gibt es Arbeiter, die 50 Kopeken^ sage fünfzig Kopeken in der Woche verdienen uiib auf diese Art ihr Leben fristen und auch diese Arbeiter sind beschuldigt, daß sie das russische Volk ausbeuten. Man schrieb auf Backsteinen und an den Strömen Babels gedachten wir Zions. Wir haben die Typographie in ungeahnter Vollkommenheit und die prachtvollen illustrirten Journale geben musterhafte Bilder der aus Rußland flüchtenden Juden. Aus dem Morgennebel taucht im Hafen von New-Pork die Niesenstatue der Freiheit empor; die Strahlen der aufgehenden Sonne fallen auf ihr Haupt. Die russischen Juden auf dem Auswandererschiffe sind durch diesen ersten Gruß der Freiheit in Verwunderung versetzt. Sie bekennen: „Schema Jisrael." Mit der Bibel in der Hand haben die Puritaner diese Republik geschaffen, das Volk der Bibel findet hier Zuflucht und Rettung. Sind die Judenkommissionen nur von der.einen, nur von der tragischen Seite zu betrachten? Im Mittelalter fehlte jener Alles überschauende Volkshumor, der die menschlichen Nichtswürdigkeiten in ihrer jammervollen Erbärmlichkeit enthüllt und das Lachen der Verachtung für Diejenigen hat, welche den menschlichen Geist nur umso mehr entehren, je größere Macht sie besitzen. Wurden die Großen und der Pöbel des Mittelalter-Z, welche die Juden verfolgten, wurden diese Gesellen, welche das Judenthum nicht kannten und nicht ihre eigene Religion, jemals so dargestellt wie sie es verdienten? Der Wclthumor kam erst mit der Wiedergeburt der Wissenschaften. Und wir in Rußland, wir haben den Humor nicht verloren, wir sahen die Commission und wir fanden, daß der Teufel, wenn er witzig sein will, einen recht kleinen Witz hat, so daß man die Gedankenleere verlacht, welche mit der Bosheit verkoppelt ist. Der Witz des Teufels bestand darin, daß auch zwei Juden den Commissionen beigezogen wurden. Sechzehn ') Näheres hierüber bei Hcmsrath II. 56, 58. 2) Mo Minsen V. 4'JJ. Commissionen für sechszehn Gouvernements; jede Commission bestehend aus zweiundreißig bis sechzig Mitgliedern und darunter zwei Juden. Was sollten diese beiden Juden ausrichten gegenüber einer erdrückenden Majorität? Sie konnten den Protokollen Memoranden beilegen und diese Memoranden wurden angeblich nach St. Petersburg geschickt. So weit ging man, daß man den beiden Juden verbot Abschrift von den Protokollen zli nehmen. Sie könnten, sagte man, die Protokolle vor das Kahol (jüdische Gemeindeversammlung) bringen und es könnten damit Proteste ausgearbeitet werden. Die Commissionen fürchteten also noch immer das Kahol, sie trafen Vorsichtsmaßregeln gegen die zwei Juden in ihrer Mitte. Eine Commission, die sich in dieser Weise selber das Uttheil spricht, macht jede andere Satyre überflüssig. Zuweilen hatten die zwei Juden dennoch den Muth zu einer scharfen Replik. Als einmal von den corrumpirenden Einfluß der Juden die Rede war, da verwiesen die Commissionsjuden auf eine Denkschrift, welche von Richtern und Juristen des Staates ausgegangen war. Diese Denkschrift sagte: „Im russischen Volke ist das Stehlen, sind die Neigungen zum Betrügen, Uebervortheilen, sind falsches Maß, falsches Gewicht und ähnliche Manipulationen zu gewohnheitsmäßigen Erscheinungen geworden." Die moralische Jungfräulichkeit des russischen Volkes sei daher eine solche, daß eine weitere Vergiftlmg kaum möglich erscheint, daß die Juden kaum noch etwas Schlimmeres hineintragen können. Ist kein Hogarth da, um die Commission in Kiew zu malen, die als Muster für alle Commissionen dienen kann. 1. Commissions-Präsident war der Gouverneur der Provinz; er war klug genug, einzusehen, daß die übrigen Mitglieder nicht seiner Ermuthigung bedurften, um mit fanatischer Parteilichkeit über die Juden zu urtheilen. Der Präsident begnügte sich damit, die Verhandlungen zu resumiren. Dieses Resume wurde zu einem Protokoll abgedämpft und so gelangte man zu einer kurzen, dafür aber auch höchst lückenhaften Darstellung dessen, was gesprochen wurde. 2. Der Adelsmarschall der Provinz. Cr spricht niemals und stimmt immer mit der Majorität. 3. Um so mehr Farbe hat das dritte Mitglied, das Stadthaupt (Bürgermeister) des heiligen Kiew. Er ist der Sohn eines deutschen Apothekers und von einer rastlosen Beredsamkeit. Er ist durch Ziegelbrennereien reich geworden und ist im Herabdrücken der Arbeitslöhne über das AÄrß dessen hinausgegangen, was selbst der schamloseste Fabriksdespot in Rußland zu leisten vermag. Aus diesem Grunde fühlt er sich berechtigt, stets von der „jüdischen Exploitation" zu sprechen. Da er fremder Herkunft ist, prahlt er stets mit seinem „Patriotismus" und er fürchtet nichts als die Verjüdelung Rußlands. Das Lügen ist ihm zur Gewohnheit geworden und im Fälschen der Thatsachen hat er eine hochgradige Virtuosität erlangt. Dabei zeichnet er sich durch eine fabelhafte Ignoranz aus. Das war der große Sprecher der Commission. Füge ich hinzu, daß er überhaupt seinen Nebenmenschen nichts Gutes gönnt, so tverden ^>ie zugeben, daß das verehrte Stadthaupt Alles besitzt," um bei den Antisemiten außerhalb Rußlands eine Rolle zu spielen. So ivie ich urtheile, urtheilt ganz Kiew über den Mann, der dadurch reich geworden, daß er seine Arbeiter verhungern ließ. 4. Das Stadthaupt von Tscherkassi, halb Bauer, halb Edelmann; unwissend, roh und herzlich bedeutungslos. 5. Das Stadthaupt von Berditscheff, den berühmten russischen Jerusalem. Stets unter Juden lebend, hätte es ins Gewicht fallen sollen, daß er größtentheils zu Gunsten der Juden sich erklärte. Allein aus diesem Grunde wurde gegen ihn der Verdacht ausgesprochen, daß er von den Juden bestochen sei. 6. und 7. Der Vize-Präsident und der Prokurator des Gerichtshofes. Beide sprechen stets gegen die Juden. Der Prokurator behauptet, die jüdische Gemeinde bilde einen Ring in Geschäftssachen, weil er eine Papierlieferung nicht zu den gewünschten Preis erhalten konnte. Den Ring nennen sie „Kahol" und solche Fabeln wurden ganz ernsthaft zum Vortrage gebracht. 8. Der Professor der politischen Oekonomie an der Ki'ewer Universität. Auf dem Gebiete feiner Wissenschaft entehrt er der nothwendigsten Kenntniffe. Dafür ist er ein In-