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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-15 · 16 (15.4.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 276 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 16 störte die Synagogen. WenigeJahre später (415) überfielen die fanatisitten Anhänger Cynlls wieder die schöne und hochgebildete Heidin Hypathia, welche unter großem Zulauf Vorlesungen über griechische Philosophie hielt. Sie wurde ihrer Kleider beraubt, nackt durch die Straßen zu einer christlichen Kirche geschleppt und dort von einem Lector getödtet. Von den noch zuckenden Gliedern wurde das Fleisch mit scharfen Austerschalen abgekratzt. Vier Jahrhunderte vor dieser Gräuelchat, deren Opfer die griechische Heidin im christlichen Alexandria ward, verübte dort der heidnische griechisch-egyptische Pöbel noch Aergeres an den Juden. Es geschah dies unter der Regierung des Kaisers Casus Cäsar, genannt Caligula, des feigen Scheusals, das Agrippina dem tapfern und edlen Germanicus im Jahre 12 n. Ehr. geboren hatte und das im ganzen römischen Reiche als Gott verehrt werden wollte. Ein solches Scheusal als Gott anzubeten das war selbst für römische und griechische Polytheisten eine starke Zumuthung, aber ste bequemten sich doch dazu und opferten auch dem Gott Caligula. Die Juden aber hielten fest an chrem einzigen Adonai und wollten dem Sohne des Germanicus keinen Platz neben ihm einräumen. Heutzutage würde man sagen: „sie wollen sich dem Volke nicht assimiliren, sie beleidigen die Nationalität, die ihnen Gastfreundschaft gewährte" h. s. w. Zu jener Zeit, da die Römer die halbe Welt beherrschten, durfte von Rechten und Eigenchümlichkeiten der Nationalitäten nicht viel geredet werden, und so sagte man: die Sclaven lehnen sich gegen ihren Herrn, den Kaiser auf. „Die Aegypter" — sagte damals ein gelehrter Jude — „können sich leichter als alle anderen Völker dazu entschließen Caligula als Gott anzuerkennen, da sie ja ohnehin Krokodille, Hunde, Katzen und anderes Gethier anbeten." Die allezeit zu Tumulten und Ucbelthaten geneigten Alexandriner sahen wieder in dieser Hartnäckigkeit der Juden die beste Gelegenheit zu einem Krawall mit Plünderungen und Todtschlägen, wobei man noch auf Zustimmung des Kaisers oder wenigstens auf Straflosigkeit rechnen durfte. So wurde denn im Juli des Jahres 38 das Judenquartier von einer zügellosen Menge überfallen. Sie drang in die Häuser, verjagte die Einwohner und plündette. Das Geraubte wurde auf öffentlicher Straße vertheilt, nicht selten in Gegenwart der Beraubten, die noch dazu verspottet und verhöhnt wurden. So wurden bei vierhundert Häuser ausgeraubt. Dann wurden die jüdischen Waarenlager am Hafen und die den Juden gehörenden Schiffe geplündert, die Eigenthümer der Waaren und Schiffe in das Feuer geworfen, das die Räuber angezündet hatten und mit Ruderstangen und anderem Holzwerk der Schiffe unterhielten. Im Innern der Stadt, wo es an Holz fehlte, zündeten sie Baumzweige und Sttäucher an, welche mehr Dampf als Feuer entwickelten, so daß die Unglücklichen im Rauch erstickten oder nur halb gebraten wurden. Viele wurden halbtodt von diesen improvisirten Scheiterhaufen heruntergerissen, an Stricken durch die Stadt geschleppt und mit Füßen getreten, bis sie mehr un ärmlichen Fleischmassen als menschlichen Kör-pern ähnlich sahen. Dann wurden die Thüren der Synagoge eingestoßcn, alles was darin war zerstört und mehrere in Brand gesteckt. In den jüdischen Belhäusern, welche man nicht anzünden konnte, stellte man Statuen Caligula's, in der größten und prachtvollsten Synagoge seine Statue auf einer Quadriga auf. Wie vor einigen Jahren die russischen Plünderer von einem kaiserlichen Ukas redeten, der die Beraubung der Juden anbefahl, so glaubten auch die Alexandriner dem römischen Kaiser einen großen Gefallen zu thun, wenn sie die Juden beraubten und ermordeten. UndZrer römische Gouverneur Flaccus sah dem Treiben so ruhig zu als ob er ein russischer Tschinownik wäre. Endlich aber entschloß er sich doch zu Maßregeln, um die Ruhe herzustellen: Er ließ die Vorsteher der jüdischen Gemeinde ergreifen und öffentlich im Theater auf die schimpflichste Weise auspeitschen, als Vorspiel zu den Produktionen der Tänzer, Flötenspieler und Schauspieler. Jüdische Frauen wurden in's Theater geschleppt und dort schrecklich gefoltert, wenn sie sich weigerten Schweinefleisch zu essen. Unter dem Vorwände, daß die Juden einen Aufstand beabsich igen und Waffen versteckt halten, wurden bei ihnen in brutalster Weise Haussuchungen gehalten, aber nichts Verdächtiges, weder Angriffswaffen noch Panzer oder Helme gefunden. Als dann endlich der Gouverneur abgesetzt wurde, wenn auch nicht wegen seines Benehmens gegen die Juden, feierten diese seine Absetzung mit einem Dankgottesdienst auf öffentlicher Straße, da die Synagogen theils zerstört, theils entweiht waren. Dieser Gouverneur, Avitius Flaccus, wurde auf Befehl des Kaisers während eines von ihm gegebenen Gastmahls ergriffen und nach Italien abgeführt, wo ihm der Prozeß gemacht wurde. Es ist nicht klar, wessen man ihn beschuldigte aber er wurde verurtheilt, seines Vermögens beraubt nach der Insel Andros verbannt und endlich hingerichtet. Eine Inschrift, welche seinen Namen am Tempel von Denderich verewigen sollte, wurde später, man weiß nicht ob von Juden oder von Aegyptern, weggekratzt. Indessen war die Freude der Juden über die Absetzung des Flaccus nicht von langer Dauer und der neue Gouverneur gewährte ihnen auch keinen Schutz. Die Feindseligkeiten der Aegypter gegen die Juden dauerten fort; es gelang ihnen zwar nicht diese ganz aus Alexandria zu vertreiben, aber die Juden waren ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher. Um diesem unerträglichen Zllstande ein Ende zu machen, beschloßen beide Religionsparteien je fünf') Deputirte an den Kaiser nach Rom zu schicken. An der Spitze der jüdischen Deputation Ztand der gelehrte, hochgeachtete jüdische Philosoph Philo, dem wir auch die ausführlichsten Berichte über diese Vorgänge zu verdanken haben, 2J an der Spitze der heidnischen der berüchtigte Judenfeind Apion. Philo, aus dem Stamme Levi, der Bruder oder Onkel des reichen Alexander Lysimachus, der später mit dem Titel eines Alabarchen (oder Ethnarchen) an der Spitze der Alexandriner' Judengemeinde stand3) war einer der bedeutendsten Männer seiner Zeit. Fest im Glauben seiner Väter wußte er doch den Werth griechischen Wissens zu schätzen, studirte eifrig die griechischen Philosophen und Historiker und blieb nicht weit hinter seinen Meistern zurück, so daß seine Schriften auch bei den Griechen großes Ansehen gcnoßen. Eusebius rühmt die Erhabenheit seines Styls, die Tiefe seiner Gedanken, und der heilige Augustinus vergleicht ihn mit Plato. Als Philosoph ist Philo dessen würdiger Schüler, doch folgt er ihm nicht überall und könnte wohl ein Eklektiker genannt werden. In seinen historischen Schriften erreicht er beinahe die Feinheit von Sallusts Charakterzeichnung und die Beredsamkeit des Tacitus. Als Moralist und Apologet ist er Vorgänger und Muster der griechischen Kirchenväter. Eine eigenthümliche, fast wohlwollende, nur hie und da von einem feinen ironischen Zug belebte Toleranz zeigt sich in seiner Darstellung heidnischen Glaubens, wie z. B. in der Vergleichung Caligulas mit den römisch-griechischen Göttern und Halbgöttern. Eine wenig verläßliche Tradition berichtet, daß Philo mit dem Apostel Paulus verkehrt habe und zum Christenthum übergetrelen sei. Aber in seinen Schriften findet sich keine Cpurvon einer Kenntniß des damals noch so jungen Christenthums und seiner Apostel. Wohl aber haben die ältesten Kirchenlehrer ') Sv Philo in seinem Gesandtschaftsbericht; nach Jofephus Aff XVIII. S. 1 nur je drei Deputirte. -) In seinen Schriften „Gegen Flaccus vder von der Vorsehung" und „Gesandtschaft an Casus oder von den Tugenden". Ein werthvolles Werk über Philo ist Ferdinand Delaunay's Phi Ion d’Alexandrie, Paris 1870. Mommsen (Rom. Gesetz. V. 515—18), schildert in knapper aber treffender Weise die Alexandriner Vorgänge. •'•) Dessen Sohn Tiberius Alexander fiel vom Judenthum ab, ward römischer Ritter (iNustris Eqnes Romanns, nennt ihn Tacitus) und Gouverneur von Aegypten.

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