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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-15 · 16 (15.4.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
16 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Rr.16 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Settr 275 neun Thore des Tempels in Jerusalem mit Gold und Silberplatten belegen und noch kostbarer war das Tempelthor aus korinthischen! Erz, welches der Alexandriner Nikanor gestiftet hatte. Der Talmud legt geringes Gewicht auf den Kunstwerth dieser erzenen Thorflügel und sagt, daß sie deshalb nicht wie die der anderen Thore vergoldet wurden, weil sie durch ein Wunder nach Palästina geschwommen kamen.') Alexandria hatte in mancher Hinsicht schon einen modernen Anstrich. Zweihundert Fuß breite mit Säulengängen und erhöhtem Marmortrottoir eingefaßte Straßen, von denen die eine 4000, die andere 20.000 Fuß lang war, kreuzten sich im Centrum der Stadt. Ihre Bauwerke, besonders der königliche Palast, das Muscuin und der Tempel des Serapis galten für Wunderwerke der Kunst. Aber in dem „wahnsinnigen Aegypten, wo man Krokodile und Hunde anbetete", fehlte es nicht an seltsamen Contrasten. Nicht weit von der an Bibliotheken, Schulen und Fabriken reichen hochcivilisirten Hauptstadt lebten noch zur ZeitJuvenals Menschenfresser. Zwischen zwei Ortschaften, welche einander feindlich waren, weil sic verschiedene Götter anbeteten, entstand an einem Festtage ein blutiger Streit, und die Sieger schnitten einen Gefangenen, den sie den Besiegten abgenommen hatten, in Stucke und verspeisten ihn roh.'') Zn Aegypten lebte ungefähr eine Million Juden, welche demnach beinahe ein Achtel der Gcsammtbevölkerung bildeten. Ein großer Theil von ihnen wohnte in Alexandria, wo sie zwei von den fünf Ouartieren der Stadt inne hatten und eine schöne Synagoge, sowie einige Bethäuser besaßen. Bei Heliopolis, einer der größten Städte Aegyptens (On und Bethschemesch der Bibel) hatten sie einen um 160 vor der ä. Z. erbauten prachtvollen Tempel, von dem es im Talmud heißt: „Wer die Gallerien dieses Tempels nicht gesehen hat, der hat die Herrlichkeit Israels nicht gesehen." Doch galt dieser Tempel den orthodoxen Palästinensern für nicht ganz „koscher" und die Priester, welche dort fungirt hatten, wurden zum Dienste in dem von Jerusalem nicht zugelassen. * 2 3) Alexander der Große hatte den Juden in der von ihm gegründeten und nach ihm benannten Stadt das Bürgerrecht eitheilt und seine Nachfolger hatten die Privilegien der Alexandriner Juden erweitert, die Römer nach der Eroberung des Landes sie bestätigt. Besonders günstig hatte sich ihnen Julius Cäsar erwiesen, aus Dankbarkeit für die ihm geleistete Hilfe. Bon Cleopatra, die gerade nicht judenfreundlich war, wird erzählt, daß sie geläufig hebräisch sprach und mit jüdischen Gelehrten über die Auferstehung der Todten disputirte. 4) Andererseits nahmen die Juden regen Antheil am geistigen Leben Alexandriens, studirten dort die griechischen Dichter und Philosophen, welche sie bewunderten und nachahmten, dabei aber an ihren eigenen heiligen Büchern, an ihren religiösen Meinungen und Sitten sesthaltend. In Alexandrien wurde ^zuerst die Bibel ins Griechische übersetzt; dort lehrte der jüdische Philosoph Aristobules, dessen Unterricht auch der König Ptolemäos Evergetes genoß. Juden connnaudirten die Leibwache des Königs Ptolemäos Philadelphos und bekleideten hohe Stellen in der Armee Philometers.5) Diese Begünstigungen der Juden, ihre Genügsamkeit, ihr Fleiß und der daraus resultirende Wohlstand erweckten leicht begreiflich den Neid und Haß der anderen Bewohner Alexandriens, die zum großen Theile Griechen waren. Es kamen ') Talmud bab. Joma' 38a. Josephus, Jüdischer Krieg V. 5III lieber Nikanor S. Graetz, in seiner Monatschrift 1861 S. 202—6. 2) Juvenal Sat. XV (geschrieben um das Jahr 119) B. 1—12. und 15—82. 3) Talmud bab Succa 51b. Aboda Sara 52b. Der Tempel wurde nach der Zerstörung Jerusalems auf Befehl Bespasians geschlossen und seiner kostbaren Geräthe beraubt. (Josephus, Jüd. Krieg, VII 10.) 4) Josephus, Gegen Apion II 5; Plutarch. Leben des Antonius 26. ä) Josephus a. a. 0. II 4 und 5. daher häufig Streitigkeiten und Schlägereien vor, und die von den das Land beherrschenden Römern, bald der einen, bald der andern der streitenden Parteien für diese Ruhestörungen auferlegten Strafen vermehrten nur ihren gegenseitigen Haß. So wurd', wie der nicht besonders judenfreundliche Hausrath (Neutestamentliche Zeitgeschichte I 57) sagt, Alexandria der Herd des Judenhasses, „an dem all die abscheulichen Judenmärchen gebraut wurden, an denen man im ganzen Reich sich ergötzte." Zur Erfindung und Verbreitung solcher Märchen zu Juden- und Christenhetzen war im Alterrhume kein Ort geeigneter als Alexandria mit seiner bunt gemischten, stets unruhigen, leichtsinnigen, lügenhaften, spottsüchtigen, dreisten «berauch wieder feigen, griechisllxegyptischen Bevölkerung. Ein stets zu Unruhen geneigtes, abergläubisches und leichtsinniges Volk nennt Tacitus (Hist. I. 11) die Aegypler, und von den Alexandrinern sagt Dio Cassius (39. 58): „Sie sind voll Dreistigkeit, schwatzen keck, wie es ihnen einfällt; im Kriege feige, sind sie doch stets zu Ausläufen bereit, die bald einen gefährlichen Charakter annehmen und zu Blutvergießen führen. In solchen Fällen achten sie ihr Leben für nichts, wenn sie nur ihre Streitsucht befriedigen können." Ein altes jüdisches Dictum lautete: „Von aller Lüderlichkeit der Welt finden sich neun Zehntel in Alexandrien". *) und in einer Rede des Dio Chrisostomus an die Alexandriner werden ihnen ihre ewigen Streitigkeiten und Händel, das wüste Geschrei, die schlimmen und zügellosen Reden, die Verdächtigungen, die Processe und der Rednerpöbel" vorgeworfen. Dazu bemerkt Mommsen (V. 583): „In der alexandrinischen Judenbetze, die Philon so drastisch schildert, sieht man diese Volksredner an der Arbeir", und man kann sie noch jetzt, nach achtzchnhundert Jahren, sehen — setzen wir hinzu. Sehr richtig bemerkt auch Mommsen, daß bei diesen Aufläufen die griechischen Rhetoren, „das heißr hier die Hetzredner" die Anstifter waren, worauf dann im weiteren Verlauf die Tücke und Wildheit des eigentlichen Egypters in Action trat. Wahrscheinlich haben es auch diese antiken Hetzredner verstanden, ihre theure Person in Sicherheit zu bringen, >o bald die Sache gefährlich zu werden anfing. Etwas zu weit hergeholt scheint es mir aber, wenn Dr. M. Joel (Blicke in die Religionsgeschichte II S. 116) den egyptischen Judenhaß aus dein Bekanntnurdcn der Bibel bei den Aegyptern ableitet, „deren nationales Gefühl durch die wenig schmeichelhafte Rolle gekränkt wurde, welche sie nach der biblischen Darstellung bei der Volkswerdung Israels spielten." Möglich ist es indessen, daß die griechischen Hetzadvokaten und Hetzpfaffen ihre unwissenden Zuhörer durch entstellte Citate aus der Bibel aushetzten, wie es moderne Antisemiten mit Talmudstellen machen. Die Griechen waren freilich insofern besser daran, als sie die Bibel in der griechischen Ucbersrtzung lesen konnten, während die Modernen vom Talmud nur so viel wissen, als ihnen die Rohling und ihresgleichen mittheilen. Das Entscheidende war, daß solche Hetzereien in Alexandria einen, wie wir gesehen haben, besonders günstigen Boden fanden, und aus diesem Boden gediehen je nach der Laune des Pöbels und der gerade herrschenden Staatsreligion Christen und Heidenverfolgungen so gut wie Judenverfolgungen. So wurden im Anfänge des Jahres 249 Metron, Quinta, Apollonia und Andere, welche an ihrem Christenglauben festhielten, vom alexandrinischen Pöbel auf die qualvollste Weise getödtet, die Häuser der Christen überfallen und ausgeplünderr. Und anderthalb Jahrhunderte später (413) überfiel der nun schon christliche Pöbel Alexandriens auf Anstiften des Patriarchen Cyrillus, die Juden, jagte sie aus der Stadt, plünderte und zer- 0 Die Schilderrmg bei Bopiscus nach dem angeblichen Briefe Kaiser Hadrians lasse ich hier weg, weil Mommsen «Röm. Gesch. V 576), den Brief sür ein spätes Machwerk (aus dem drillen Jahrhundert) erklärt, Gregorovius (Kaiser Hadrian, 2. Ausl. 164 > hält ihn sür interpolirt.

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