Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 15 (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 15 Orstrrrrichtfchr Wochenschrift. Lme 369 Fischer rmd bcffett qcfekliifyen iftaäftommen, in Anerkennung seiner auf dem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten, insbesondere der Fabriksindustrie, erworbenen Verdienste. der ungarische Adel mit dem Prädikat „Töpäros" verliehen. London. „JewiSh Chrouicle" pnblieirt in einer Separat- Beilage einen Auszug ans dem Berichte, welchen die beiden amerikanischen Special-Commissäre Col. John B. Weber und Dr. Walter Kempster über die Verfolgung der Juden in Rußland dem Parlamente in Washington erstattet haben. Der Bericht enthält die schwersten Anklagen, welche je in neuer Zeit gegen eine Regierung erhoben wurden. Die Commissäre haben die Judenfrage au Ort und Stelle und ohne jedwede Voreingenommenheit studirt. Ihr einziges Bestreben war, die Wahrheit zu erfahren und die erhobenen Thatsachen zur Kenntniß ihrer Regierung zu bringen. Sie waren in der Lage Sceueu mitanzusehen, welche, wie der Bericht besagt, „niemals aus ihrer Erinnerung schwinden werden." Das Ergebniß ist. daß alle jene erschreckenden Beschuldigungen, welche bereits auf Grund privater Information gegen die Regierung des Czaren erhoben wurden, sich als zweifellos begründet darstellen. Feuilleton. Srul aus Lubartvw. Novelle von Adam Szqmanski. Autorisirte Uebersetzung aus dem Polnische» von M a l »> i u a B l» m b e r g. Es war im Jahre . . ., doch das Jahr ttwt nichts zur Sache, es war iu Jakutsk, im Monat November, mehrere Monate nach meiner Ankunft iu dieser Hauptstadt der Fröste. Das Reaumur'sche Spiritus Thermometer wies 85 Grad unter Null und ich dachte voll Augst au das künftige Schicksal meiner Nase und meiner Ohren, die vor Kurzem ans dem Westen hergebracht, mich ihren stillen Protest gegen die gezwitiigene Acelimatisation noch immer ans cmpsindliche Weise suhlen liehen und die gerade heute einer längeren Probe ansgesctzt se^u sollten. Diese Probe drohte ihnen, weil vor mehreren Tagen eine.; der Mitglieder unserer Eolonie, Peter Baldvga, gestorben war nn\> wir ihm heute den leinen Dienst erweisen, seine müden Knochen in die fcstgcsrorene Erde betten wollten. Ich wartete nur auf einen meiner Bekannten, der mich von der Stunde des Begräbnisses benachrichtigen sollte °. er kam auch bald und nachdem ich Nase und Ohren auf das 'sorgfältigste gegen den Frost geschützt, folgte ich den Anderen zum Hospital. Das Hospital lag hinter der Stadt. Im Hofe, von den anderen Gebäuden ein wenig entfernt, stand eine nicht große' Scheune — das Leichenhans. In dieser Scheune lag die Leiche Baldyga's. Die Thür wurde geöffnet, wir traten ein, und das Innere machte auf unsere ganze kleine Schaar einen peinlichen Eindruck. Wir mochten unser etwa zehn oder zwölf sein und blickten einander unwillkürlich aber gleichzestig an ° wir standen vor der kalten, nackten, nicht mit einem Fetzen des Scheines verhüllten Wirklichkeit. In der Scheune, in der sich weder ein Tisch noch ein Sessel befand, nichts als mit Schnee bedeckte Wände, lag auf dem gleichfalls mit Schnee bedeckten Boden eine weiße, in ein Hemd gehüllte, riesengroße Leiche. Es war Baldyga. Der Körper war fürchterlich zusammengefrvren, und um ihn leichter in den bereits vorbereiteten Sarg legen zu können, hatte man ihn zur Thür, näher zum Lichte, geschoben. Nie werde ich das Gesicht Baldyga's vergessen, das ich jetzt im Tageslicht, vom Schnee gereinigt vor mir sah. Die strengen Züge des Antlitzes drückten einen eigenartigen, unsagbaren Schmerz aus, und die Pupillen der weitgeösfneten Augen schienen mit einem stummen Borwurs in dre Feme, zum frostigen, strengen Himmel zu blicken. „Der Todte war ein rechtschaffener Mensch," erzählte mir mittlerweile einer der Nachbarn, welcher den Eindruck, den der Anblick Baldyga's ans mich gemacht hatte, bemerlte, „er war gesund und arbeitsam, daher hatte er immer einen ärmeren, schwächeren Collegen, dem er Schutz gewährte, an seiner Seite, nur eigensinnig war er, wie ein Kurpe*) und glaubte daher bis zuletzt, er würde noch an die Narew znrückkehreu. Bor dem Tode muß er wohl eingesehen haben, daß dies nicht der Fall sein wird." Inzwischen hatte man die zu Stein gewordene Leiche in den Sarg gelegt und den Sarg auf einen kleinen einspännigen jakntschen Schlitten gestellt. Die Schneiderin W., welche, die religiösen Gebräuche kennend, die Obliegenheiten des Priesters erfiillte, intonirte: „Sei uns gegrüßt, in Leid und Freude, o Königin des Himmels", wir fielen ein und fort'ging's'zum Kirchhof. Wir gingen rasch, der Frost trieb zur Eile an. Endlich erreichten wir den Friedhof. Wir werfen eine handvoll festgefrorener Erde auf den Sarg, mehrere wohleingeübte Spatenstiche. . . . und nach einer Weile gibt nur ein kleiner, frisch ansgeschütteter Erdhüget Zeugniß von der Existenz Baldyga's auf der Welt. Dieses Zeugniß wird nicht lange leben, höchstens einige Monate. Der Frühling wird kommen, der Grabhügel von der Sonne erwärmt wird austhanen. dem Boden gleich werden, Gras und Unkraut werden auf ihm wachsen, nach einem Jahr oder nach zweien werden die Zeugen des Begräbnisses gestorben oder in die weite Welt gewandert >ein und daun — sollte dich selbst deine eigene Mutter suchen — aus dieser Welt wird sie dich nicht mehr finden.' Aber es wird Niemand den Todten stlchen, nicht einmal ein Hund wird nach ihm fragen! Das wußte Baldygä. das wußten auch wir, und schweigend gingen wir auseinander. * » Tags darauf war der Frost noch strenger geworden. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, ans der ich wohure, konnte man fein einziges Hans unterscheiden : ein dichter Nebel aus schneeigen Krystaltspitzen hing einer Wolke gleich über der Erde. Hinter diesem Nebel war die Sonne nicht mehr sichtbar, aber obgleich auf der Straße kein lebendes Wesen ,;u sehen war, trug die Lust, durch die große Kälte übermäßig verdichtet, bald den metallischen Klang des knisternden Schnees, bald das Dröhnen der in den Hünsermauern gesprengten dicken Balken oder des Bodens, der in breite Furchen sich spaltete, bald den einem Wimmern gleichenden wehmüthigen Gesang eines Iaknyker an mein Ohr. Augenscheinlich begannen nun die Iakuyker-Fröste, angesichts derer die fürchterlichste Polarkülte erbleicht, eine unsagbare Angst den Menschen erfaßt, und jeder lebende Organismus im Bewußtsein seiner vollständigen Ohnmacht sich zusammenkauert und einem verhungerten Hunde gleich, den eine Mente kräftiger Hunde angefallen, recht gut weiß, daß alle Anstrengung vergeblich, daß der unerbittliche Feind früher oder später siegen muß. Und immer häufiger sah ich die Gestalt Baldyga's vor mir. Seit einer Stunde bereits saß ich über der aufgeschlagenen Arbeit, es wollte heute nicht gehen. Die ungehorsame Feder entglitt meinen Fingern, itud der ungehorsame Gedanke flog weit fort, weit hinter die Grenze dieses schneebedeckten, frosterstarrten Bodens. Vergebens nahm ich die Vernunft zu Hilfe, vergeblich wiederholte ich mir zum zehmenmale die Rathschläge des Arztes: bisher hatte ich der Krankheit, die mich »eit mehreren Wochen quälte, noch immer Widerstand geleistet: heute fühlte ich mich ohnmächtig und kraftlos. Das Heimweh nagte an mir, ver zehrte mich aus erbarmungslose Weise. So oft schon war ich den täuschenden Träumen erlegen; sollte ich der Lockung heute widerstehen'? Die Lockung war stärker und ich schwächer als sonst. Also hinweg mit Schnee und Frost! Hinweg mit der Wirklichkeit! Ich warf die Feder hin und ließ, von Rauchwolken eingehüllt, meiner erhitzten Phantasie die Zügel schießen. Und wo trug mich die Uebermüthige nicht hin!'? lieber Hütten und Steppen, über Berge und Flüsse, über Kaiserreiche und zahllose Provinzen flog der Gedanke nach dem fernen Westen und entfaltete vor mir ein wunderbares Bild; meine vom Elend und von der menschlichen Bosheit befreiten Heimatsfelder, strahlend in Schönheit und Harmonie! Meine Lippen können diese Wunder nicht erzählen, meine Feder ist nicht im Stande sie zu beschreiben! Ich sah goldig wogende Felder, smaragdgrüne Wiesen, uralte Sagen erzählende Wälder. Ich hörte das Flüstern der Aehrentvellen, die Lieder der geflügelten Sänger Gottes, das Rauschen der riesenhaften, ihre Stirnen gegen den Sturm trotzig erhebenden Eichen. Und ich sog den Duft dieser balsamischen Wälder und der blumigen Wiesen ein, welche die jungfräuliche Frische der blauen Kornblumen, das unschuldige, des Lenzes Erwachen verkündende Veilchen schmückten. Jeder meiner Nerven empfand das Säuseln der heimatlichen Luft. Ich fühlte die belebende Wirkung der Sonnenstrahlen und obgleich der Frost noch stärker knirschte und mir ans den Scheiben noch drohen der die Zähne entgegenfletschte, begann das Blut rascher in meinen "Adern zu rollen, mein Kopf brannte, ich war wie verzaubert. Auge tmd Ohr schweiften in die Ferne, ich sah und hörte nichts neben mir. . . * Ich sah und hörte nicht, wie die Thür geöffnet wurde und Jemand zu mir hereintrat; ich bemerkte die Dampfwolken nicht, die bei jedem Thüröfsnen in solcher Menge anfwallen, daß man den Eintretenden im ersten Augenblicke nicht sieht; ich fühlte die Kälte nicht, die mit frecher Hartnäckigkeit in die Wohnungen der Menschen dringt, ich sah und hörte nichts, und erst als ich Jemanden neben mir mehr fühlte als sah, warf ich ihn die in Jakutsk übliche Frage hin: „Toch rodo?"*j „Ich bin es, Herr, ein Hausirer" erklang es als Antwort wieder. Ich erhob den Blick. Trotz der verschiedenen Anzüge, d.r Hirsch- und Ochsenfelle, die er auf sich trug, erkannte ich sofort, datz ein typischer, polnischer Jude ans einer kleinen Stadt vor mir stand. Wer ihn in seiner Heimat gesehen hat, der erkennt ihn nicht nur in Jakutsk. sondern in Patagonien. (^Polnischer Volksstomm. **) WaS ist dein Begehr?