Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 15 (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Oestrrrrichifche Wochenschrift Nr. 15 Seite 266 finden. Der Graf und die Gräfin Wickenburg gaben auch in diesem Jahre dem Vereine ihr werkthätiges Wohlwollen kund. Ein Wohlthätigkeitsfest, daß die Gräfinnen Wickenburg und Spangen veranstalteten, führte dem Vereine 600 fl. zu. Als Wohlthäter desselben werden in dem Berichte noch besonders hervorgehoben der kais. Rath Herr Dr. Carl Hoffinger, die Direktion der Actiengesellschaft in Gleichenberg, die Wiener israel. Cultusgemeinde und Frau Charlotte Kuffner, die Herren Ludwig Lederer aus Abony und Schwarz und Fischer aus Budapest. Möge der Appel am Schluffe des Berichtes an die Wohlthätigkeit unserer Glaubensgenossen den Verein in die Lage zu versetzen, einer größeren Anzahl armer kranker Glaubensgenossen Aufnahme gewähren zu können, nicht unerhört verhallen. Prag („Iüdischer" Kaufmann.). In der Nummer vom 31. v. M. veröffentlicht der „Prazsky Dennik", das officielle böhmische Statthaltereiblatt, u. A. auch die Verlautbarung über den Ausgang des Processes, welcher gegen einen Wucherer geführt wurde, wobei das Amtsblatt es für nothwendig erachtet, die nähere Bezeichnung „jüdischer Kaufmann" beizufügen. Uns ist kein Fall bekannt, daß das Amtsblatt es noch jemals für angezeigt gehalten, bei der Berurtheilung eines christlichen Angeklagten die „christliche" Confession desselben hervorzuheben, weshalb weicht es von dieser Gepflogenheit gerade dann ab, wenn es sich um einen Juden handelt? Die Confession des Berurchellten hat ja mit seinem Vergehen oder Verbrechen nichts gemein. Wenn antisemitische Hetzblätter geflissentlich von „jüdischen" Angeklagten sprechen, so weiß man, daß damit eineTendenz verbunden ist. Ein Amtsblatt ist aber erhaben über eine solche, demOeiste des Gesetzes widersprechende Tendenz und da wäre es wohl besser, daß derlei Attribute lieber nicht gebraucht würden.Wir haben bisher ja auch noch in keinem Amtsblatte gelesen, daß der „jüdische Kaufmann" L oder Z) diese oder jene Wohlthat ausgeübt habe, wenngleich die S p e n d e n jüdischer Wohlthäter oft genug verzeichnet werden. Troppau, Z. März. Nach langem Suchen ist es nun unserer Cultusgemeinde endlich gelungen, einen geeigneten Platz für einen Tempelbau ausfindig zu machen, und ist ein solcher bereits von der Cultusgemeinde käuflich erworben worden. Die ganze Gemeinde sieht mit Freuden dem Baue eines neuen Tempels entgegen, da der alte Tempel kaum die Hälfte der hier wohnenden Gemeindemitglieder aufzunehmen vermag. Infolgedessen leider viele Mitglieder, selbst an den hohen Feiertagen die Gottesdienste nicht besuchen, theils aus Mangel an Platz, theils weil sie in dem engen, kleinen Tempel für einige Stunden sich aufzuhalten nicht vermögen! — Es ist also die höchste Zeit, daß ein neuer geräumiger Tempel gebaut werde, damit das religiöse Gefühl einigermaßen wieder geweckt werde! — Es sollen nun mit dem Tempelbau auch gleichzeitig Räume für die hiesige jüdische Volksschule gebaut werden. Letztere sollen, nach Beschluß des Vorstandes, durch Renovirung der am gekauften Platze vorhandenen Räume, zum nächsten Semester Beginn schon fertig gestellt werden. Warum nicht mit dem Tempelbau ebenfalls so energisch begonnen wird, wissen wir nicht! Hoffen jedoch, daß unter der Leitung unseres verdienstvollen Präses der Cultusgemeinde des Herrn Dr. jur. Sonnenschein, auch der Tempelbau iu kürzester Zeit in Angriff genommen iverden wird. u. Belovar. 29. März. Auf Veranlassung unseres Gemeinde- Präses Herrn I. Fleischmann wurde der hiesige Regiments- Commandant Herr Oberst v. Babic ersucht, die Soldaten jüdischer Confession an jedem Sabbat, wo der Neumond verkündigt wird, den Gottesdienst besuchen zu lassen. Der Herr Oberst kam dem Ansuchen bereitwilligst nach und erließ eiüen Regimentsbefehl laut welchem die jüdischen Soldaten jeden vierten Samstag den Gottesdienst zu besuchen haben und hatten sich diese auch am 26. d. M. im Tempel eingefunden. Ein tief erhebendes, religiöses Gefühl bemächttgte sich aller Tempelbesucher, als die Soldaten zur Thora gerufen wurden um freudigen Gemüthes den Segensspruch über dieselbe zu sprechen. Se. Ehrwürden Herr Bezirks-Rabbiner S. D. Tauber hielt eine angemessene Predigt und ermahnte zuletzt: Wenn wir dem Allvater am Erlösungsfeste danken, der vor 3204 Jahren unsere Vorfahren aus den Sklavenfesseln Egyptens befreite, wie soll unser Herz nicht von innigem Danke übersprudeln gegen unseren glorreichen Monarchen, der sich als Befteier in unserer Zeit bewährt, der von feinem erhabenen Throne aus den mächtigen Ruf erschallen ließ: „Gleiches Recht für Alle" und dem wir es zu danken haben, daß alle Reden und Ausnahmsgesetze für uns zu existiren aufgehört haben. Der Herr Rabbiner ermahnte die zahlreiche Versammlung und besonders diejenigen, die sich der Vertheidigung des theuren Vaterlandes geweihet, dessen eingedenk zu bleiben, daß wir unseren allergnädigsten Monarchen in unentwegter Liebe und Treue anhängen mögen und freudig Gut und Blut für die Größe und Machtentfaltung des Thrones und des Vaterlandes zu opfern. Berlin. Professor Adolf Wagner überden Antisemitismus. In der am 29. März stattgehabten außerordentlichen Generalversammlung des konservativen Wahlvereins des II. Berliner Wahlkreises sprach Herr Stöcker über „die konservative Partei, das konservative Programm und die Forderungen der Gegenwart." Professor Wagner erläuterte seine abweichende Stellung zum Antisemitismus. Eine Redensart sei, dem den Patriotismus abzusprechen, der nicht Antisemit sei. Die antisemitische Bewegung übertreibe viel und kämpfe mit Waffen, die vielfach weder vom ästhetischen, noch vom sittlichen Standpunkte schön zu nennen seien. In einer oberflächlichen Auffassung der socialen Frage gebe sie viele allgemeine Fehler ausschließlich den Juden Schuld und suche nur an Symptomen herumzukuriren. Die Entfernung sämmtlicher Juden aus Deutschland würde an unseren Verhältnissen sehr wenig ändern, man würde damit nichts Durchschlagendes erreichen. Es sei unhistorisch, nur die Juden für unsere Zustände verantwortlich zu machen, und deshalb werde auch die antisemitische Bewegung nichts Rechtes erreichen. Daher zeige auch die Negierung kein Entgegenkommen auf diesem Wege. Die Zustände seien überall gleich, der Speculationsgeist nicht eine ausschließliche Eigenschaft jüdischer Finnen, sondern des ganzen Volkes. Wenn nian die Berliner Bewegung wieder beleben wolle, so müßten die Einzelnen Nachgiebigkeit zeigen; das erfordere jede große Parteibildung. Petersburg, 28. März. Ein nüchternes Wort zur russischen Judenfrage — in der russisch en Presse! Man traut seinen Augen nicht, wenn man plötzlich in einer russischen Zeitung, im Gegensätze zu de.'u von oben begünstigten Antisemiteuthum, das sogar zu einem Verbot geführt, etwas zu Gunsten der Juden zu schreiben, eine ungeschminkte Berurtheilung dieser Hetze findet. Diese Ueberraschung bereitete soeben die „Petersburgija Wedomosti", welche offen und scharf ausspricht, daß Rußland in den letzten Jahren die Auge r der ganzen gebildeten Welt aus sich gelentt habe, nicht aber durch glänzende Kundgebungen seines Genius auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Literatur, sondern — durch die dichten Schaaren aus Rußland flüchtender Juden! Das Blatt fragt: „War der Anblick ganzer Heerschaaren hungriger Leute auf den Straßen der großen Städte Europas und Amerikas für unser moralisches und staatliches Prinzip besonders nützlich? Waren die ständigen Komitees für Sammlung von Spenden für die fliehenden Juden für unseren moralischen und staatlichen Kredit besonders nützlich? Hierauf kann es leider nur eine Antwort geben. Das ist umso unangenehmer, als die von einigen Organen der Presse geleitete Judenhetze im Grunde unseren! Volksgeiste durchaus nicht entspricht, da unser Volk in Wirklich keit sich durch tveite Glaubeustoleranz, das richtigste Zeichen echter Religiosität, auszeichnet, und nur Frömmler und Scheinheilige könnten unserem Volkdiese kostbare Gabe abnehmen wollen." Mit Fug und Recht weist das russische Blatt darauf hin, wie die gewaltsame Zurückschleuderung der Juden in die 16 Gouvernements, in welchen sie nach dem veralteten Gesetz ein Aufenthaltsrecht besitzen, nur dazu geführt habe, das furchtbare Elend, die große Armuth der jüdischen Bevölkerung zu vergrößern, denn man könne nicht eine Bevölkerung von Millionen Seelen an eine bestimmte Zahl von Städten und Ortschaften sestschmieden, ohne alle Quellen des Wohlstandes derselben an der Wurzel zu untergraben. Außerdem trüge diese schroffe Maßregel nur noch mehr dazu bei, die jüdische Eigenart zu verstärken, statt daß man darnach trachte, die jüdische Bevölkerung mit den übrigen Theilen der Bevölkerung zu assimiliren. Es ist nichts Neues, was damit den russischen Hetzaposteln zu Gemüth geführt wird, aber es ist neu, daß es ihnen und der antisemitischen Regierung jetzt gesagt wird. Auch Pobedonoszew, der in dieser Richtung keine geringeRolle spielt, wird von den folgenden Sätzen wenig erbaut sein: