Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 15 (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ans 1HÄWKSH1P1 m Nr. 15 Orsterrrichischr Wochenschrift. Seite 265 ^orresPlmämLm. Wien, 6. April. Tie Antisemiten im nied.-österr. Landtage haben heute wieder einmal das; Bedürfnis; verspürt,eine Jndendebatte aufzuführen. Herr Lueger stellte einen Antrag, wonach christliche Waisenkinder nur bei christlichen Pflegeeltern untergebracht werden dürfen, und damit waren die Schleusen der antisemitischen Beredtsamkeit geöffnet. Es handelte sich den Herren Lueger. Schneider und Consorten offenbar nur um eine Prvvocation und dazu war der Antrag gut genug. Der Ehren-Mechaniker glänzte wieder mit seiner profunden Kenntnis; des Talmud. Er fuchtelte mit einem Blatt-Papier, auf welchesderfingergewandte Mechanikus bei seinem jüngsten Besuche des Prager Canonicns Rohling eine Talmudstelle eigens photographisch ausgenommen hatte! Unglücklicherweise aber war Dr. Kvpp im Hause, der vom Prozesse Bloch-Rohling her das ganze gelehrte Rüstzeug der Antisemiten zur Genüge kennt und leicht nachzuweisen vermochte, daß die Uebersetzung, aus welcher Schneider eitirt, von einem berüchtigt n Fälscher herrührt und daß eine Reihe der gelehrtesten Hebraisten, darunter katholische Bischöfe, die Hinfälligkeit aller aus dem Talmud hergeholten antisemitischen Argumente nachgewiesen haben. Einen Schneider freilich vermögen auch solche Entwände nicht zu beirren, denn er Tente sich darüber mit der wohlfeilen Bemerkung hinweg, daß es auch Bischöfe gebe, die Jndenstämnckinge seien. Dieses Schicksal haben chvn zahlreiche zweifellose Urchristen erlebt. Als jüngster steht ja sogar Richard Wagner auf der Proseriptionsliste. Auf die Bischöfe legt Schneider, wie er sagte, kein Gewicht, wenn sie gegen die Antisemiten sich aussprechen; es seien auch schon Inden Bischof: geworden. Wenn aber der „Jude" den Befähignngsnaclnveis als Meineidiger, Documentensälscher und Betrüger, wie z. B. BrimanuS erbringt, dann wird er zur hohen Autorität, dieser „Jude" wird glaubwürdig and genießt — Achtung und Vertrauen. Das begreifen wir bei dem Zengnißfälscher vollkommen. Riebt minder bedeutsam war die Erklärung des Pater Scb nabt über den Inhalt und den Umfang der katholischen „Rüchsrenliebe". Laut stenographischem Protokoll sagte dieser Pater: „Oie Nächstenliebe beginnt bei sieb selbst, das ist ckie wabre Nächsenliebe, wie sie Christin der Herr gepredigt hat, dann erst komme» die Blutsverwandten; erst kommt die eigene Person, (Rufe der Entrüstung liuks), dann kommen die Eltern, dann die Geschwister, dann alle anderen, die uns näher stehen. Das ist Naturgesetz. Da uns die Juden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt. Das wollte ich zur Aufklärung sagen. (Beifall bei den Antisemiten. Unrnhe und Bewegung links.“) Freilich. die alten Ehristen, die noch Semiten waren, dachren sich die „Rächstenliebe" doch ein wenig anders; denn sie hatten noch die Lehre und dao Gebot des alten Testamentes : „Dil sollst den F re m d l i n g lieben wie Dich selbst" in Erinnerung' Indessen die arischen Ehristen von heute unterscheiden sich streng von „Indenstämmlingen". Würde irgendwo ein Rabbiner eine derartige Interpretation des Gebotes dcr,,R'ächstenliebe" wagen, die jüdische Gemeinde würde ihm sofort den Laufpaß geben. Einen Mann wie Rohling z. B, würde eine jüdische Gemeinde noch weniger an ihrer Spitze dulden. Herrn Rohling aber brachte das gestrige Amtsblatt als kleine Bescheernng die Ernennung zum Kanonikus des.Eollegiatkapitels zu allen Heiligen in Prag. Wer Rohling ist und wessen er fähig ist, ist gerichtlich erwiesen. Wir wollen uns darüber nicht beklagen. Es hat Alles seine guten Leiten und auch die gestrige Debatte im uiederöste reichischen Landtag war schließlich gut. Die Bekenntnisse der Antisemiten, welche Juden ihnen willkommen sind und die bedeutsame Enuneiation des Pater Schnabel sind für die Geschichte der heutigen Bewegung interessante Momente. Wien (Carlsbader Idylle). Der Titel ist viel freundlicher als der Gegenstand, den er repräsentirt. Die Carlsbader Idylle, wie sie nämlich in dem Schaufenster der Porzellanauslage von Ernst Wallis (Porzellanhans) zu sehen ist, stellt eine Gruppe polnischer Juden dar, tvelche die minder künstlerische als antisemitische Tendenz verrätst, die Borurtheile und die Abneigung gegen die Juden im Allgemeinen zu erhöhen. Herr Wallis wurde zlvar von jüdischer Seite gebeten, die unzeitgemäße und ganz überflüssige plastische Unterstützung antisemitischer Zwecke aus der Auslage zu entfernen, was aber nur die Folge hatte, daß er derselben einen noch besseren Platz einräumte. Im Uebrigeu ist Herr Wallis allerdings kein Feino der Juden, er vermiethet sogar mit Vorliebe seine Villa am Wörthersee an Jndetl — wenn diese gut zahlen. Er schützt die Juden nur daun geringer, wenn er — keinen Vvrtheil dabei hat, sie höher zu schätzen. Wien (Die Reitpeitsche). Der GR. Herr Dr. Heinrich F r i e d j u n g hat dem Dr. L u e g e r in öffentlicher Gemeinderathssitzung die angenehme Aussicht eröffnet, er werde ihn „mit der Reitpeitsche" traktiren, denn einen „Feigling", einen „feigen K . . .", könne er nicht zum Duelle fordern. Dr. Friedjung steht offenbar ans dem Standpunkte, daß man auch in „ritterlicher Weise" einen Beleidiger zur Rechenschaft ziehen könne und solle, aber er befindet sich Herrn Dr. Lueger gegenüber in einer Zwangslage, denn er hält diesen nicht für satisfactionssühig. Herr Dr. Friedjung, der sich als lvackerer, muthiger Vertreter seiner und der Ehre der Juden erwies, hat als principieller Freund des Duells nicht Unrecht, wenn er meint, Herrn Dr. Lueger nicht fordert: zu können, da dieser wiederholt vor einem Duell „ansgekniffen". Dr. Lueger ist nämlich sozusagen Bimetallist in Duellangelegenheiten. Er ist für das Duell solange er eS mit principiellen Dnellgegnern zn thnn hat; er ist aber sofort gegen das Duell, sobald er einem Manne gegenübersteht. der für das Duell ist. Dr. Lueger wollte und will sich nicht schlagen mit Männern wie Dr. Grübt, Pol lack. Etienne, Fried jung u. s. w.. die alle auf dem Standpunkte stehen, eventuell auch mit den Waffen in der Hand ihm entgegenzutreten; er will sich auf dieser Welt nur mit einem Manne dnelliren, mit dem Abg Wrabetz, der aber ein prineipieller Duellfeind ist. Man sieht, es ist schwer dein Dr. Lueger es recht zu machen. Wie man ist, ist ihm nicht recht. Wien. 5. April Privatbriefe ans Korfu melden in Ergänzung der von dort eingelangten amtlichen Berichte: Seit mehreren Wochen ist in der Bevölkerung wieder Unrtlhe und Gährung wahrzunehmen, welche durch Hemde Agitatoren, die bei den Tumulten des vorigen Jahres eine Rolle spielten, genährt wird. Es werden massenhaft antisemitische Flugblätter und Bilder mit Darstellung ritueller Morde :c. vertheilr. An den Häusern im Ghetto wurden Drohplakate angehestet. Die Behörden scheinen geivillt zu sein, energisch vorzugehen. Auf Z ante ist bisher Alles ruhig. — Dagegen meldet man aus A l e r a n d r i e n vom 17. März: Gestern verbreiteten die Griechen in Port-Said das Gerücht, daß der jüdische Kaufmann Carmone ein christliches Mädchen abgeschlachtel hat, ilnd schon im nächsten Augenblicke wurde C. mit Messerstichen verletzt und einige Juden der Nachbarschaft mißhandelt. Dank dem sofortigen energischen Einschreiten des engl. Militärs, rvelches die wüthende Volksmenge mit Bajonette und Dampfspritze zerstreute, wurde der verbrauchte Antisemitenplan im Keime erstickt. Car m o n e (spanischer Jude) isteinige Stunden später leider seinen Wunden erlegen, hingegen wurde das fehlende ermordete!!! Ehristenmädchen kerngesund im Hause Carmone's ansge'unden. Das christliche Mädchen ging in harmloser Weise in Carmone's Haus, wo es oft zu verkehren pflegte r da aber die Osterfeiertage vor der Thüre sind, so benützte ein gegenüber wohnender Grieche diese Gelegenheit in der Hoffnung in Port- Said etwas a la Eorsn in Scene setzen zu können. Wien. Eitler der ältesten Wohlthätigkeitsvereine Wiens ist der „T here sien Kreuz er Verein" zur Unterstützung armer israelitischer Schulkinder. Was im Allgemeinen erst feit drei Jahren erkannt wird, daß nämlich ntit der Schule allein den armen Kindern nicht geholfen ist, sondern ihnen auch etwas tu essen gegeben werden muß, mit die physische Kraft und die Lust zum Lernen zu heben, das hat dieser Verein schon vor vierundvierziq Jahren zu seinem Zwecke gemacht und mit aller Liebe und Hingebung verfolgt. Die Gesammtzahl der Schützlinge dieses Vereines im vergangenen Jahre belief sich nach dem letzten Jahresberichte aus 779 (412 Knaben und 367 Mädchen». Die Arbeitsschule besuchten 100 Mädchen und die aus ihren verwertheten Arbeiten erzielten 326 fl. tvurden für sie in Sparkaffenbüchern fruchtbringend angelegt. Großartig war auch in diesem Jahre die Feier des Channkafestes, an tvelchem 689 Kinder bekleidet wurden. Man braucht übrigens nur aus die Namen des Vorstandes zu sehen: um zu wiffen, was dieser Verein leistet. Den Vorstand bilden die Damen: Emilie v. Pfeiffer. Regine Wertheimber, Fanny v. Hosmannsthal, Lina Hellmann, Sone v. Gntmann, Ernestine Thorsch, Julie Goldschmidt, Jenny Heinrichsen, Julie Dreifach, Pauliue Weisweiler und Rosa Weil — wahre Aristokratinnen des Geistes und des Herzens. Wien. Der Jahresbericht des Vereines zur Errichtung eines israel. Hospitales in Gleichenberg für das Jahr 1891, der Achte seit dem Bestehen des Vereines, weist zwar eine Vwmehrung der Mitglieder gegen das Vorjahr — 13s gegen 106 — nichtsdestoweniger hat der Verein einen harten Existenzkampf zu bestehen, denn die Bewerber um Aufnahme iit das Hospital mehren sich von Jahr zuJahr mit der wachsenden Armn'h unserer Glaubensgenossen. Von 82 Bewerbern konnten im abgelaufenen Bereinsjahr nur 34 (22 Männer nitd 12 Frauenderen Zuständigkeit nach 19 Oesterreicher und 1.'» Ungarn. Ausnahme