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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-08 · 15 (8.4.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
15 (8.4.1892)
Date
1892-04-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Vesterretchifche Wochenschrift Nr. 15 Sette -64 In dem soeben erschienenen I. Band der „Gesammelten Schriften" des berühmten Feldmarschalls finden sich die „Trostgedanken", welche er in Kreisau niedergeschrieben und einer vielfachen Umarbeitung unterzogen hat. Da lesen wir seine Bekenntnisse: „Man kann sich über Alles verständigen, nur nicht über Dinge, an welche das menschliche Begriffsvermögen nicht heranrcicht, und gerade über solche Begriffe hat man achtzehn Jahrhunderte hindurch gestritten, hat die Welt verheert, van der Vertilgung der Arianer an durch dreißigjährige Kriege bis zu den Scheiterhaufen der Inquisition und was ist das Ende aller dieser Kämpfe — derselbe Zwiespalt der Meinungen, wie zuvor! „Wir können die Glaubenssätze hinnehmen, wie man die Versicherung eines treuen Freundes hinnimmt, ohne sie zu prüfen, aber der Kern aller Religionen i st d i e M o r a l, welche sie lehren, am reinsten und erschöpfendsten die christliche." „Und doch spricht man achselzuckend von einer trockenen Moral, und macht die Form, in welcher sie gegeben, zur Hauptsache. Ich fürchte, daß der Eiferer aus der Kanzel, welcher überreden will, wo er nicht übeWUgen kann, die Christen aus der Kirche hinauspredigt." „Ucbcrhaupt sollte nicht jedes fromme Gebet, möge es nun an Buddha, an Allah oder Jehova gerichtet sein, an denselben Gott gelangen. außer dem es ja keinen gibt? Hört doch die Mutter die Bitte des Kindes, in welcher Sprache auch es ihren Namen lallt." „Aber auch ein sicherer Rathgeber ist uns beigeordnet. Von uns selbst unabhängig hat er seine Vollmacht, vou Gort selbst. Das Gewissen i st der unbestechliche u n d u n f e h l b a r e R i ch t e r, welcher sein llrtheil in jedem Augenblick spricht, wo wir ihn hören wollen, und dessen Stimme endlich auch den erreicht, der sich ihr verschließt, wie sehr er sich dagegen sträubt." „Es sagt uns, daß jeder Tag dem Herrn geweiht sein sollte, daß selbst der erlaubte Zins, vom Bedrängten erhoben, unrecht sei, ni i 1 einem Wort, es predigt die Moral in der Brust von C h r i st c n und Juden, v o n H e i d e n und Wilde Welche Pietätlosigkeit und Verlogenheit gehört nach alldem dazu, Moltke als Kronzeugen für den Antisemitismus anzurufen. Seinen Lesern allerdings verschweigt der Biedermann Vergant das Alles. Er lügt ihnen vor, Feldmarschall Moltke war ein Antisemit, habe abträgliche Urtheile über die Juden geschrieben und diese Leser selbstverständlich glauben es ihm. Zur Geschichte der Blutlüge. („Israelit.") In der Revue des Deux Mondes vom 15. Februar 1891 pag. 793, wo es sich um die Blutbeschuldigung haredelt, sagt Leroy-Beaulieu, aus dessen in der Revue vom 15. Februar, 1. Mai und 15 Juli erschienenen Aufsätze ich hier nochmals und nachdrücklich Hinweisen möchte, Folgendes: „vont le moyenage a cru cette legende. Elle a ete mise en vers ou en prose, temoin les contes de Chaucei“. Es dürfte wohl angebracht sein, etwas Weniges über den von Beoulieu citirtm Dichter itnd sein Werk zu bemerken. Der Ausdruck evntes könnte leicht mißverstanden werden, es kommt nur eine Erzählung in Betracht, die der Priorin. Mit contes übersetzt Beaulien den Titel des englischen Werkes: Me Canterbury Tales, einer Rahmenerzählung Chaucers, welcher im vierzehnten Jahrhundert lebte, und die erste Stelle unter den englischen Dichtern des Mittelalters einnimmt. Wir können aus der Erzählung nur schließen, daß das Blutmärchen auch in England sehr bekannt war. Von einer antisemitischen Tendenz — um mich modern auszudrücken — kann keine Rede sein, und diese darin zu erblicken, wäre ebenso falsch, wie wenn man Shakespeare wegen seines „Kaufmanns von Venedig" für einen Judenfeind halten wollte?) Die Erzählung wird eben der frommen Priorin (Prioresse) in den Mund gelegt, die, bevor sie zum eigentlichen Thema kommt, erst eine lange salbungsvolle Einleitung macht; und während sonst nach jeder Erzählung eine kleine Diskllssion unter den Reisegefährten sich entwickelt, und Vergnügen oder Mißbehagen sich zu erkennen gibt, sagt hier der Dichter nur: „Als das Mirakel nun zn Ende war, „Sah zum Verwundern ernst aus jedermann."-) CH. Honigmann, Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gcsellschasl XVII, 201. si Herzberg, Cliaucer's Cantcrbury-Geschichten, übersetzt. Leipzig. Bibliogr. Inst. Bald darauf stellt Chaucer sich selbst der Gesellschaft mit einem sehr lustigen Schwank vor. — Was den Inhalt unseres Gedichtes anlangt, so handelt es von der Ermordung eines jungen Christenknaben durch die Juden einer Stadt Asielts. Als Ursache für den Mord hören wir, daß das Kind, wenn es von der Schule nach Hause ging, die Judenstadt (The Jewrye) passirte und durch den beständigen Gesang O alwa redemptoris — die Juden beleidigte und verhöhnte. Die Juden, „in deren Herz der Drache Satanas sein Wespennest hat," hatten sich und ihren heiligen Glauben durch jene Worte verhöhnt gesehen. — Eigenthümlich ist, daß Chaucer als Schauplatz der Handlung Asien annimmt; fast alle diesen Stoff behandelnden Sagen spielen im westlichen Europa, vgl. auch Herzberg a. a. 0. pag. § 45. — Daß auch nach Schottland schon sehr früh die Blmlüge sich verbreitete, darauf deutet eine Ballade, die von Percy, Reliques of Ancient English Poetiy I, 31 ed. Frankfurt a. M. 1803) veröffentlicht ist. Interessant ist die Einleitung des gelehrten Herausgebers, der bereits damals so vornrtheilsfrei über die ganze Frage denkt. Ich gebe sie daher hier völlig wieder: „It (sc. the ballad) is founded upon the supposed practiee of the Jews of crucifying or otherwise murthering Christian children out of hatred to the religion of their parents: a practiee, which has been always alledged in excuse for the cruelties exercised upon that wretched people, but which probably never liappened in a single instance. For if we consider, on the one hand, the ignorance and Superstition of the times when such stories took their rise, the virulent prejudices of the monks who record them, and the eagerness with wich they would be catched up by the barbarous populace as a pretence for plunder; on the other hand, the great danger incurred by the perpetrators, aud the inadequate motives they could have to excite them to a crime of so much horror, we may reasonably conclude the whole Charge to be groundless and malicious.“3) — Die Ballade, betitelt „The Jew’s Daughter* ist nicht vollständig erhalten, sondern ein Fragment und berichtet von der Tödtung eines Christenkindes durch ein Judenmädchen. Der Grund für die That wird nicht angegeben; weßhalb der Dichter ein Mädchen als Thäter annimmt, ist nicht ersichtlich; etwa, weil ein solches geschickter ist, das im Ballspiele begriffene Kind in's Haus zu locken? Als Ort der Handlung ist Mailand gedacht, so wenigstens erklärt Percy den Namen Mirryland Town. — In den „Stimmen der Völker" (ed. Kempel V, 157) hat Herder auch diese schottische Ballade übersetzt; zu welchem Zwecke, ist mir nicht recht klar, da Percy's Sammlung, welche ihrerseits auch der Wissenschaft von höchstem Nutzen war, andere Stücke enthält, die einer Uebersetzung würdiger sind. Ueberdies hat Herder durch die ungenaue Wiedergabe einer Zeile dem schottischen Gedicht einen Beigeschmack gegeben, den es ursprünglich nicht hat; er übersetzt nämlich: „Sie legt ihn aus ein Schlachtbrett hin, Schlacht' ihn, ein Christenschwein." Das Otiginal hat aber NM ganz harmlos: „She laid liim ou a dressing borde, Aud drest bim like a swiue.“ Frankfurt a. M. Dr. Josef Caro. 3) „Dieser Ballade liegt die Annahme zu Grunde, das; die Juden Christenkinder ans Haß gegen die Religion ihrer Eltern, zu kreuzigen oder in anderer Weise zu morden die Sitte haben. Diese Sitte ist stets als Entschuldigung für die Gräuelthaten, welche man an jenem unglücklichen Volke ausübte, angeführt, aber wahrscheinlich in keinem einzigen Falle erwiesen worden. Denn wenn wir einerseits in Betracht ziehen die Unwissenheit jener Zeiten, wo solche Märchen ihren Ursprung nahmen, die giftigen Borurtheile der Mönche, welche sie berichten und die Gier, mit welcher sie von der barbarischen Bevölkerung als Borwand zum Plündern aufgegriffen wurden; andererseits aber die große Gefahr, welckier sich die Thäter aussetzteu, und die unzulänglichen Beweggründe, welche sie zu einem so schaurigen Verbrechen veranlassen konnten: so müssen wir vernünftiger Weise schließen, daß die ganze Anklage eine grundlose nub boshafte ist."

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