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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-08 · 15 (8.4.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
15 (8.4.1892)
Date
1892-04-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 Orstrrrrichifchr Wochrnfchrifr. Seite 363 obrigkeitliches Amt;u bekleiden. Ich gestehe zu, daß in Berlin und überhaupt in größeren Städten die Judenschaft aus achtungswerthen Leuten besteht; ich gebe zu, daß solche auch auf dem Lande nicht blos zu den Ausnahmen gehören .u. s. w." Man sieht, auch der Junker Bismarck hat in seiner „von Vorurtheilen" eingeflößten Rede im Jahre 1848 die Juden nicht in Pausch und Bogen verdammt, ihnen nicht die'Ehre, die Achtbarkeit, menschliche Würde und bürgerlichen Rechte abgesprochen — wie es die großen, wüthenden — Antisemiten des „Deutschen Volksblattes" thun; er hat lediglich erklärt, er könne sich zu der Vorurtheilslosigkeit nicht emporschwingen, Juden in obrigkeitlichen Stellungen zu sehen. Das aber genügt, um die — Antisemiten des „Deutschen Volksblattes" rasend vor Freude jauchzen zu lassen: Bismarck ist unser Mann! Allein in langgeübter Verlogenheit unterschlägt Herr Vergani seinen Lesern eine kleine Mittheilung. Zu einer Zeit, als Bismarck auf der Höhe seiner Erfolge stand, als er als Einiger Deutschlands gefeiert wurde, mit einem Worte, zu einer Zeit, als Bismarck — Bismarck geworden, erklärte er feierlich in öffentlicher Reichstagssitzung, daß er von seinen „Vorurtheilen" gegen die Juden sich emanzipirt habe. Er sagte: „Als ich aber später im öffentlichen Leben mit Juden in Berührung kam, die Achtung verdienten und auch Achtung abgerungen, schämte ich mich nicht meinen Jrrthnm zuzugestehen. „Ich darf sagen, daß ich meine Zeit gut benützt habe und in Bezug auf den Werth der Juden habe ich meine Erfahrungen gesammelt, die mich zu einer diametral entgegengesetzten Meinung von ihnen gebracht, darum trage ich kein Bedenken, hier öffentlich die Erklärung abzugeben, daß in dieser kurzen Zeit, seitdem die Emanzipation auch eine praktische Bedeutung erlangt hat, die Juden sich auf allen Gebieten des öffentlichen Berufes durchwegs glänzendbewährten"- „Als Bismarck diese Worte sprach, waren die Juden aber auch schon in „obrigkeitlichen Stellungen"; die großen wüthenden Antisemiten des „Deutschen Volksblattes" könnten wohl daraus ersehen, daß die geringe Zusammengehörigkeit, die zwischen ihnen und dem Junker Bismarck vielleicht einst bestanden, von dem großen Politiker und Staatsmanne Bismarck später gründlich desavouirt wm'de. Klügere Antisemiten als die in der Schriftleitung des „Deutschen Volksblattes" sitzen, haben sich bereits zu dem Gedanken bequemt, in Bismarck keinen Antisemiten zu sehen. Dies geht auch aus der folgenden Mittheilung der „Antisemitischen Con'espondenz", des osficiellen Organes des deutschen Antisemitenbundes hervor: „Ist Bismarck Antisemit? — Optimisten nach Art von Max Bewer meinen, Bismarck sei noch selbst Antisemit, würde sich vielleicht sogar an die Spitze der großen antisemitischen Partei stellen unb zum Streite rufen gegen Israel. — Wir haben diese Hoffnungen nie theilen können und haben wiederholt Gelegenheit genommen, auf das Unerquickliche seines Verkehrs mit Bleichröder und andem Juden hinzuweisen. Daß wir nur allzusehr Recht hatten mit unserer Zurückhaltung, beweist folgende kleine Geschichte: Der Verleger eines kürzlich erschienenen antisemitischen Buches, in dem Bismarck wegen seines mannhaften Auftretens im Jahre 1847 lobend erwähnt ist, sandte dem Fürsten ein prachtvoll gebundenes, für den Zweck besonders auf ganz feines Papier gedrucktes Exemplar, das nicht geringe Kosten verursacht hatte, mit Widmung und längerem Anschreiben. Fürst Bismark nimmt bekanntlich alles an, was ihm geschenkt wird, und bedankt sich umgehend durch die bekannten lithographirten Briefe oder auch zuweilen durch Handschreiben. In diesem Falle aber ist keinerlei Rückäußenmg erfolgt, nicht einmal eine Empfangsbescheinigung!" Das sind, wie gesagt, klügere Antisemiten! Die großen wüthenden Antisemiten des „Deutschen Volksblattes" fahren aber mit gewohnter Verlogenheit fort, Bismarck als Antisemiten zu verherrlichen. Freilich, ein Vergani denkt: „Wenn man nicht einmal Antisemit ist — was ist man denn dann?" Und er hat Recht, iusoferne er an sich denkt. Noch schamloser ist das Treiben des Herrn Vergani mit dem Andenken des Feldmarschalls Moltke. In vier verchiedenen Nummern bei verschiedenen Gelegenheiten, bringt Herr Vergani Auszüge aus den gesammelten Schriften Moltkes über die Juden in Polen um die Autorität Moltke's für die Antisemiten anzurufen. Wie verhält es sich in Wahrheit mit der Stellung Moltke's zum Antisemitismus? Moltke hat als junger Ofsicier eine historische Studie über Polen geschrieben, in der er sich im Anschluß an das Urtheil älterer Schriftsteller, wie Chodezko, Malte-Brun u. A. wiederholt recht ungünstig über das Judenthum in Polen ausspricht. Von dieser Schrift ist 1884 durch Professor Josef Kürschner eine zweite Auflage veranstaltet worden, in welchem Neudrucke die scharfen Urcheile über die Juden fehlen. Moltke hat die Schrift vorher einer Durchsicht unterzogen und die betreffenden Stellen gestrichen. Die Antisemiten waren damit durchaus nicht einverstanden; sie bemühten sich trotzdem, aus jener Schrift Capital zu schlagen. Sie gaben in Leipzig ein Flugblatt heraus, welches auch der „antisemitischen Correspondenz" beigelegt worden ist. Auf diesem Flugblatt finden wir das ehrwürdige Bildniß des greisen Feldmarschalls und darunter eine Wiedergabe der von Moltke gestrichenen Stellen aus dem Moltke'schen Buche. Einleitend wird bemerkt, daß die ältere Ausgabe sehr selten geworden sei, „weil wahrscheinlich die Juden das Buch aufgekauft haben werden." Kaum hatte Moltke die Augen geschlossen, so gieng man noch einen Schritt weiter und suchte die zweite Ausgabe der Schrift gewissermassen als eine jüdische Fälschung hinzustellen. — Man behauptete, die Streichungen seien ohne Vorwissen Moltkes von dem „jüdischen Professor Joses Kürschner" vorgenommen worden. Daraufhin publizirte Joses Kürschner nachstehende Erklämng, welche er dem Stöcker'schen Organ „Das Volk" zumkttelte: „Auf der ersten Seite der Nummer 100 vom 13. Mai 186 t der Zeitung „Das Volk" befindet sich eine Notiz über M o l t k e s Schrift aus Polen, die seinerzeit von mir veröffentlicht wurde. Diese Notiz ist in allen ihr en Th e ilend er Wahrheit widersprechend. Die Veröffentlichung der Arbeit M o l 1 k e's wurde von einem Mitarbeiter bei mir angeregt. Ich habe darauf den Feldmarschall um die Erlaubnis des Wiederabdruckes gebeten und diese Erlaubnis erhalten unter der Bedingung, daß, wie es in einem Briefe Moltkes vom 4. Mai 1884 heißt, „die auf einem besonderen Blatt beiliegenden Aenderungen vorgenommen werden müßten." Dieses Blatt befindet fich in meinem Besitz. Weiter wurden auch nach Vollendung des Satzes dem Feldmarschall die Correcturen zugefandt, die von diesem gelesen und ebenfalls mit Correcturen versehen wurden. Darauf kam der Artikel zum Abdruck. Meinerseits wurde selbstverständlich keine Zeile eines so kostbaren Beitrags gestrichen oder irgendwie geändert. Was den „jüdischen Professor" anbelangt, so habe ich zur Steuer der Wahrheit darauf nur zu bemerken, daß ich weder Jude bin, noch daß, soviel mir bekannt, jemals ein Glied meiner Familie diesem Glauben angehört hat. Stuttgart, den 14. Mai 1801. Josef Kürschner. Niemand hätte es Moltke verdenken können, wenn er jene Jugendarbeit — aus die er nach seinen eigenen Worten gar keinen Werth legte, und die er kaum als von ihm „verfaßt" gelten lassen wollte, da er sie „vielmehr aus damals schon erschienenen Werken zusammengetragen habe" — unverändert hätte in Druck gehen lassen; niemand wäre berechtigt gewesen, den 84jährigen dafür verantwortlich zu machen, wenn er als 31jähnger, gestützt aus ftemde Autoritäten, ein schiefes Urtheil gefällt hatte. Aber seine Gewissenhaftigkeit ließ es nicht zu, daß eine Schrift unter seinem Namen Anschauungen in die Oeffentlichkeit trug, welche mit seiner fortgeschrittenen Einsicht im Widerspruch standen. Moltke ist wiederholt im Reichstage wie im Herren - hause für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten. So hat er im Herrenhause gegen den Antrag Pfeil gestimmt, der eine Trennung der jüdischen Schüler von den christlichen bezweckte.

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