Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 15 (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Orstrrrrichiche Wochenschrift Seite 259 Undenkbar schien es im ersten Moment, daß in der Verwaltung der Stiftung Tendenzen zur Herrschaft und Führung gelangen sollten, welche alle bisherigen Vorstellungen und Erwartungen, die man von dem Beruf der Stiftung sich gebildet hat, über den Haufen werfen. Allein dem ist nicht anders, die extrahirten Resultate jener Conferenzen, welche in Form von Resolutionen in den Protokollen einer Beurtheilung vorliegen, sind in der That grundstürzender Art und würden, blieben sie in Geltung als Norm für die künftige Arbeit des Curatoriums, der Stiftung einen neuen Charakter verleihen, ihrer Wirksamkeit andere Ziele setzen, als sie dem edlen Stifter vorgeschwebt haben. Eine objective Würdigung und Prüfung des „neuen Programmes", für welches die Mitglieder der Conferenz sich einhellig entschlossen, und der in den Protokollen klar gezeich-, neten Motive, welche diese Entschlüsse inspirirten, dürste nach- Lage der Dinge darum wohl von allen betheiligten Kreisen nicht blos als gerechtfertigt, sondern vielleicht auch als ersprießlich anerkannt werden. Von einschneidender Tragweite erscheint zunächst jene über Antrag Lemberger Delegirter beschlossene Resolution, welche nichts Geringeres intendirt, als eine Sistirung der auf Gründung von Schulen gerichteten Thätigkeit der Stiftungsorgane und Stiftungsverwaltung. Der Präsident und Vicepräsident des LembergerExecutiv-Comites verwahren sich gegen die Gründung „confessioneller" Schulen in Galizien, da die schulpflichtigeil Knaben durch Gewährung von Kleidung und Kost den öffentlichen Schulen zugeführt werden könnten." — Wie,lebendieseHerrenwirklich in Galizien,daß siesolche Worte gelassen aussprechen konnten? Wie absurd übrigens diese Behauptung ist, hat sofort der dritte Delegirte des Lemberger Executiv-Comites — also das Mitglied desselben Comites — Herr Dr. Schaff, dargethan: erstens ist in den galizischen Volksschulen viel zu wenig Raum für die jüdischen Knaben und zweitens, gingen diese auch dann nicht, wenn genügend Schulen vorhanden wären. Da haben wir das Messer ohne Stiel, dem die Klinge fehlt. Mehr denn 65 Percent der jüdischen schulpflichtigen Knaben Galiziens besuchen die Volksschule nicht, aber nicht, wie man behaupten will, weil sie nicht zu essen und nichts anzuziehen haben — denn wäre dieses der Grund, dann müßte dieselbe Frequenz auch bei den Mädchen zu verzeichnen sein; diese aber besuchen üb er all in ihrer überwiegenden Mehrheit, gleichviel ob sie den Kreisen der Ultrachasidim, der Fortschrittler oder der allerärmsten Taglöhner angehören, die Volksschule. Wer solchen und noch andern ins Auge springenden Thatsachen gegenüber noch behaupten kann, man brauche nur die armen jüdischen Knaben mit Kost und Kleidung zu versehen, um sie den öffentlichen Schulen zuzuführen, der kennt entweder unsere galizischen Verhältnisse gar nicht, oder er will nicht sehen. Versuchen wir jedoch obige Behauptung ernst zu nehmen und besehen wir uns das Kunststück, vermittelst dessen man die Massen der schulpflichtigen jüdischen Knaben in die öffentlichen Schulen bringen will, in der Nähe, wobei wir uns für einen Augenblick der Illusion hingeben wollen, daß die 35.000 bis 40.000 schulpflichtigen, die Schule nicht besuchenden jüdischen Knaben in den Volksschulen Unterkunft finden würden! — Man brauchte also nur diese Knabenmassen zu bekleiden und zu beköstigen, und — sie strömen der Volksschule zu! Gut. Und nun wollen wir ein wenig rechnen: Dermalen besuchen in Galizien die Volksschulen etwas über 14.000 jüdische Knaben. Wer unsere Verhältnisse auch nur oberflächlich kennt, wird mir gern das Zeugniß geben, daß ich durchaus nicht übertreibe, wenn ich behaupte, daß m i n d e st e n s die Hälfte dieser 14.000 Knaben blutarmen Eltern angehören und Mangel an Kleidung und Nahrung leiden. Die Stiftung müßte also damit ansangen, diese Kinder, die bisher ohne ihre Unterstützung die Schule besuchten, zu bekleiden und zu beköstigen; denn es ginge doch nicht an, so hart vorzugehen, daß man die einen, etwa neu einttetenden Knaben,^ bekleide und beköstige und die anderen, die wegen ihrer Noth die gleichen, oder vielleicht noch berechtigtere Ansprüche auf diese Wohlthat hätten, von derselben auszuschließen' Zudem würden sie ja, sobald sie sich von dieser Betheiligung ausgeschloßen sähen, die Schule verlassen, um ebenso wie die anderen des Köders, der sie wieder in die Schule locken sollte, theilhaftig zu werden. Das ist doch wohl mehr als klar. Die Stiftung hätte sonach schon jetzt, bevor sie ,wch die allergeringste Action eingeleitet, 7000, sage sieben Tausend Knaben zu bekleiden und zu beköstigen. Rechnen wir nun Hiefür pro Kopf eines Knabens und Jahr nur fl. 30, sage dreißig Gulden — gewiß zum Verhungern wenig — und nehmen wir dabei das Unwahrscheinliche an, daß man sich mit der härtesten Consequenz der Noch der vielen, vielen tausende die Schulen besuchenden Mädchen verschließen wird, so hätte die Stiftung nur für Bekleidung und Beköstigung der 7000 armen Knaben, welche auch ohne ihr Zuthun die Schule besuchten, jährlich fl. 210.000 zu leisten, was, wie wir aus den Conferenzprotocöllen erfahren, ihre Jahresrevenuen weit übersteigt. Und dabei hätte sie noch nicht einen einzigen, der Schule erst zuzuführenden Knaben betheiligt! Haben sich die Herren, Director Lazarus und Dr. Fruchtmann, als sie die monströse Behauptung aufftellten: man brauche nur die schulpflichttgen jüdischen Knaben Galiziens zu beköstigen und zu bekleiden, und sie seien für die Schule gewonnen, diese hier angedeutete und andere an dieser Stelle nicht näher zu erörternde Consequenzen vor Augen gehalten? Aehnlich verhält es sich mit dem zweiten, von denselben Herren Delegirten als probat empfohlenen Mittel, vermittelst dessen die Kinder unfehlbar aus dem Cheder in die öffentliche Schule hinübergeführt werden sollen. Natürlich wird hiebei wieder vertrauensselig vorausgesetzt, es werde ein Wunder geschehen: die Gemeinden werden überall im Lande behufs Aufnahme der 35.000 bis 40.000 schulpflichttgen jüdischen Knaben in den Schulen in liebevollster und opferwilligster Weise Schulen über Schulen bauen, die nöthige Legion von Lehrern aus der Erde stampfen und anstellen u. s. w. Dieses zur Herbeiführung geregelter Schulzustände angepriesene Auskunftsmittel ist: die Fröbelschule. Ja wohl, es ist eine herrliche Sache um die Fröbelschule, und sie erfüllt auch voll und ganz chre schöne Aufgabe dort, wo die Volksschule, für die sie vorbereitend wirkt, blüht, wo die Schulfrequenz eine vorzügliche ist. In den westlichen Scbibent, wo die Volksschule ftühzeittg die erforderliche Entwicklung erlangt hatte, da machte sich das Bedürsniß fühlbar, dieselbe nach Unten und Oben ergänzend auszubauen. Das natürliche Ergebniß dieses Bedürfnisses war die Schöpfung der Kindergärten und Bürgerschulen. — Ein Kindergarten ohne Volksschule, oder ohne entsprechenden Raum in der Volksschule hat für die Stiftung keinen Zweck, sie hat auch nicht das Recht solche zu creiren, da das Statut der Sttftung die Errichtung von Kindergärten nur dann gestattet, wenn dadurch der Zweck der Sttftung: „den israelittschen Kindern im Königreiche Galizien und im Herzogthume Bukowina den Volksschulunterricht mit Beobachtung der gesetzlich festgestellten Vorschriften zu gewähren", erreicht wird. Einer Bevölkerung, wie die galizisch-jüdische, welche aus Mangel an Volksschulen überhaupt und insbesondere an solchen, die ihre religiösen Empfindungen nicht verletzen, verkümmernd dahinsiecht, einer solchen Bevölkerung zu chrer Gesundung statt der Volksschule die fröbelschule geben wollen — das heißt: einem Verhungernden, der nach einem Stück Brod lechzt, Zuckerwerk darreichen! — Gebt uns Volksschulen, welche, von ernsten jüdischen Lehrern geleitet, auch den hebräischen Unterricht pflegen, den Sabbath und die jüdischen Feiertage in Ehren halten, überhaupt den berechtigten religiösen Anforderungen entsprechen — und ihr werdet sehen, wie die schulfeindliche jüdische Bevölkerung Galiziens nach und nach schulfreundlich werdm und sich dankbar für die ihr aus Nacht und Irrwahn gewordene Erlösung bezeugen wird. Dann erst wird das Bedürsniß für Fröbelschulen erwachen und — es wird auch beftiedigt werden.