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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-01 · 14 (1.4.1892) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
14 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 254 Vrstrrrrichtschr Wochenschrift. Nr. 14 Wien seine Erzeugungsstätte hat. Eine gewisse Popularität genießen in Frankfurt „Wiener Würstel", welche an der Donau die „Frankfurter" heißen — „heiße Frankfurter." „Videant consules! Die jüdischen Orthodoxen nach dem Heimgange Samson Raphael Hirsches. Ein Blick auf die Zsraeütische Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main. Von I. Spitzer, Wien 1892. Druck und Verlag von I. Koblischek." Das jist der Titel der Broschüre, die gegen den neuen Stand der Dinge in Frankfurt sich wendet. Die Broschüre sucht vor Allem nachzuweisen, was Frankfurt und die Mische Orthodoxie an Samson Raphael Hirsch besessen, was sie an ihm verloren haben. Die Broschüre erinnert an die Hilflosigkeit der jüdischen Orthodoxie gegenüber den mit den Waffen der niodernen Bildung ausgerüsteten Reformern verschiedener Art. Der Gegensatz machte namentlich in Deutschland sich fühlbar, wo manche Häupter der Reformparteien auch die wissenschaftlichen Grundlagen des Judenthums verachteten und verspotteten aus gutem Grunde, weil sie auf diesem Gebiete eine traurige Rolle gespielt hätten. Man dünkte sich himmelhoch über die alten (belehrten erhaben, weil man eine deutsche Rede gehalten. Wie bei allen neuen Richtungen war auch Anfangs bei den jüdischen Reformparteien ein starker Fanatismus vorhanden. Das kam den Predigern, Rabbinern und Lehrern zu statten, welche am Judenthum ihre Kunst versuchten. Zeitgemäß wollte man das Judenthum umgestalten, ohne daß man sich auch nur bemüht hätte, Inneres und Aeußeres in Augenschein zu nehmen. „Da trat — sagt die Broschüre — Samson Raphael Hirsch auf den Plan und begründete in Wort und Schrift die Wahrheit, daß Judenthum und Bildung nicht sich ausschließende, sondern vielmehr bedingende und ergänzende Momente seien." An anderer Stelle wird Samson Raphael Hirsch der Retter des Judenthums im neunzehnten Jahrhunderte genannt. In Wahrheit war Samson Raphael Hirsch, ivenigstens insoweit es sich um die Vereinigung moderner wissenschaftlicher Bildung mit strenger Orthodoxie handelt, keine vereinzelte Erscheinung. Gerade zu jener Zeit als Samson Raphael Hirsch seine Pfeile gegen die Oberflächlichkeit, Halbbildung und Selbstüberhebung gewisser Reformer richtete, widmeten auch andere junge Männer, welchen es vermöge chrer Studien nicht schwer gefallen wäre, sich die Lehrkanzel einer Universität zu erobern, sich dem mühevollen und nicht allzu dankbaren Amte eines Rabbiners mit dem Vorsatze, das orthodoxe Banner hochzuhalten. Die jüdische Orchodoxie in Deutschland war mit einem Schlage literarisch geworden. Klingende Phrasen wurden auf ihren wahren Werch zurückgeführt. Genußsucht, Leichtfertigkeit und Zügellosigkeit führte zur Verachtung des angestannnten Glaubens, zur Auflehnung gegen die religiösen Gesetze und Gebräuche; aber Diejenigen, welche ihren Neigungen folgten, konnten sich nicht in die Brust werfen und so thun, als ob sie allein Vernunft und Bildung in Besitz genommen hätten. Samson Raphael Hirsch stand nicht allein, dennoch geht die Broschüre in der Anerkennung dieser bedeutenden Persönlichkeit keineswegs zu weit. Geistvoll und kühn, dabei ruhigen und scharfen Auges Alles prüfend, besaß S. R. Hirsch jene Kraft der Persönlichkeit, welche dort, wo Gwßes geleistet werden soll, stets den Ausschlag geben wird und welche durch nichts Anderes ersetzt werden kann. Die Broschüre zählt die Eigenschaften auf, welche der Nachfolger des S. R. Hirsch hätte besitzen sollen, damit Lehre und Schöpfungen des Meisters erhalten bleiben. Der Verfasser geht in seinen Anforderungen über das richtige Maß hinaus. Man findet eben höchst selten alle wünschenswerthen Eigenschaften bei einer einzelnen Persönlichkeit vereinigt und der orthodoxen Ethik widerspricht es, daß man über den Nächsten so strenge aburthelle wie es in der Broschüre geschieht. Und selbst wenn es gelungen wäre, das Ideal zu finden, S. R. Hirsch wäre auch damit noch nicht ersetzt gewesen. Eine hervorragende, mit angeborener Kraft ausgestattete Persönlichkeit läßt beim Scheiden eine Lücke und die pädagogische Fabrik ist noch nicht vorhanden, wo Persönlichketten nach bestimmten Vorschriften ins Dasein gerufen werden könnten. Es hat sich nim gefinkt, daß der Nachfolger des S. R. Hirsch ein Ungar ist und von seinem ehemaligen Rabbinatssitze Papa nach Frankfurt a. M. berufen wurde. Das ist allerdings eine sonderbare Geschichte und ob man Deutscher ist oder Ungar, so wird man zugeben müffen, daß Papa und Frankfurt ziemlich weit auseinander liegen und daß die Entfemung durch die Kilometerzahl nicht vollständig ausgedrückt ist. Das Anklagematcrial der Broschüre setzt sich aus drei Punkten zusammen: 1. Der Nachfolger des S. R. Hirsch, der Führer des Centrunis der Orthodoxie, spricht und schreibt eiu fehlerhaftes Deutsch. Zum Beweis wird die Gedenkrede auf S. R. Hirsch citirt und man sieht, daß der Rabbiner aus Papa in der Bedeutung vielgebrauchter deutscher Worte sich nicht auskennt, daßdiese Gedenkrede sich nicht an die berühmten elastischen Muster anlehnt. Zur Beruhigung können wir jedoch dem Autor der Broschüre sagen, daß ein solches Deutsch auch in Budapest, auch in der Hauptstadt Ungarns Verwunderung erregen würde. 2. Dieser Punkt bezieht sich darauf, daß das neue Regime noch rigoroser sein will als S. R. Hirsch es gewesen. 3. Hier werden Vermuthungen und Gedanken über eine Jeschiba ausgesprochen, die in Frankfurt errichtet werden soll. Der Grundgedanke, daß die Wissenschaft ein Postulat des orthodoxen Judenthums sei, bezeichnet einen immensen Fortschritt. Wohl ist der Verfasser im Rechte, Halbbildung ist das Schädlichste auch für den Glauben. Unschwer ist es (Punkt 2) nachzuweisen, daß die rituellen Einrichtungen in Frankfurt a. M. durch die Autorität des S. R. Hirsch hinlänglich und daß Schonung des Bestehenden gerade vom orthodoxen Standpunkte aus als höchste Pflicht erscheineil sollte. Der neue Rabbiner, indem er Hirsch an Orthodoxie zu überbieten unternommen, wurde zum „Neuerer", zum „Reformer". Was nun Punkt 3 die Gründung einer Jeschiba bettifft, so ist die Frage entscheidend, ob die Jeschiba die Pflege der Wissenschaft oder die Abwehr der Wissenschaft bedeuten soll. Die Broschüre kehrt den deutschen Standpunkt scharf hervor und die ungarischen und polnischen Juden werden in Bezug auf ihre Methode beim Lehren und Lernen des Talmuds scharf 'angegriffen. In Wahrheit gibt es auch in Polen und Ungarn zwei Richtungen und die einseitige Vorliebe für das Turnen auf dem dialektischen Reck ist auch im Osten nicht nach Jedermanns Geschmack. Der Vater der ungarischen Dialektik aber stammte aus Frankfurt; man kennt den Namen des Rabbi Moscheh Sofer s. A. von Preßburg, des Führers der ungarischen Orthodoxie gegen den ersten Ansturm einer Reformbewegung. Man ging damals von Frankfurt nach Preßburg, wie man heute von Papa nach Frankfurt geht. Moses Sofer kam aus Frankfurt, NapoPort aus den Steppen Tarnopols. Wozu dienen derlei Abrechnungen? Und der sehr tüchtige Frankfurter Rabbiner Horowicz, der zu den besten der Zeit zählt, ist auch ein Ungar, sein Deutsch wird der Broschüren-Verfasser nicht antasten. Was das Talmudstudium in unserer Zeit betrifft, so sind gewiß Anstalten nöthig, wo dasselbe im wissenschaftlichen Geiste gepflegt wird. Das ist auch die einzige Methode, welche die Schätze der talmudischen Literatur zu erschließen vermag. Hier wird die Wissenschaft allerdings zum Postulat, was auch ganz selbstverständlich ist, nachdem es sich um wissenschaftliche Dinge handelt. Die Krise aber, welche die Frankfurter orthodoxe Gemeinde durchmacht, erinnert daran, daß man der alten Kraft des Judenthums mehr verttauen muß, als den Einrichtungen, welche die Zeit aufbaut und zerstört. Vierzig Jahre lang führte S. R. Hirsch die israelitische Religionsgesellschaft und heute schon ist der Verfasser der Broschüre ttostlos, weil der bewährte Führer fehlt. Videant consules! schließt die Broschüre; videanl consules; das Judenthum hat das Weltreich überdauert, wo dieser Ruf oft genug erschallte. Briefkasten. 1880—1892: Der Dichter Hironymus Lornr ist derselbe blinde Dichter, dessen Biographie die Oesterr. Wochenschrift seinerzeit gebracht hat und in dem genannten Aufsatze befindet sich auch seine derzeitige Adresse. „Argentinien": Wir sind leider nicht in der Lage, die gewünschte Auskunft zu ertheilen.

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