Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020914--01264-3025294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 Oestrrrrichischr Wochenschrift. Seite 353 die seüügen lieben können müsse : aber ich kann von meinein wissenschaftlichen, vom psychologischen Gesichtspunkte nur eine solche Ehe als die von der Natur legitimirte erkennen, in welcher die Gatten im Denken und Fuhlen ineinander ausgehen. Wenn die Ehe heilig sein soll, muß mau beim Eingehen in dieselbe doch aus die Nachkommenschaft denken, und einer Ehe ohne die seelische Harmonie der Gatten können nur charakterlose Kinder entsprießen, mit denen die Belt heute leider so übervölkert ist. Wie kann ein Jude ein Mädchen heirathen, das bis zu ihrer Ehe Antiseinitin gewesen ist, mithin den Judenhaß vererben wird, und er doch im Voraus wissen muß, daß seine Kinder sich gegen ihn empören werden'?" Der Toctor hatte saß zu heftig gesprochen, tind der junge Mann versuchte einen Scherz. „Ich wollte Sie nicht in Versuchung führen, Herr Toetor. Denken Sie sich ein schönes christliches Mädchen, welches Sie liebten, von dem Sie geliebt würden, und daneben antisemitische Ettern: würden Sie Nein sagen'?" Der Doetor sagte ernsthaft: „Ich habe Nein gesagt!" 'Alle blickten ihn befremdet an. Er sah sich bedächtig im Zimmer um, als wollte er ein lang verschlossenes Geheimnis; enthüllen. „Sie sind verwundert, und mit Recht. Ich kann ans meinem Leben eitlen Beitrag zu der Frage liefern unb thue es gerne." Er warf mit einer eigenthiimlichen Geberde den Kopf zurück, als scheuchte er lästige Gedanken von der Stirne, dann begann er: „Es sind jetzt acht Jahre her, — ich war am Beginne meiner ärztlichen Praxis daß ich einmal in der Nacht gerufen wurde. Bald stand ich in einem mit allem Comfort ausgestalteten Schlafzimmer vor dem Krankenbette einer Dame, bei der sich eine unbeachtete Erkältung zu einer Lungenentzündung entwickelte. Das Krankenbett nmslandeit wehmüthig der Gemahl und eine Tochter von etwa achtzehn Jahren. Nachdem ich die erforderlichen ärztlichen Anordnungen getroffen, wurde ich von dem Herrn mit ausnehmender Höflichkeit bis zum Hausthore geleitet und beim Verabschieden instäudigst gebeten, in aller Frühe tviederzukommen. „Man liest mir, wie Sie sehen, mein Jndenthum vom Gesichte herab und auch mein Name hat einen jüdischen Klang Ich sagte mir daher mit Befriedigung: Also nicht nur im Nothfalle, iveil in der Nacht kein anderer Arzt zu finden war, hat man Dich, den Juden gerufen, sondern, weil man in diesem Hanse den confessionelten Haß nicht kennt. Und damals stand der Antisemitismus in Wien in höchster Blüthe! Das Haus meiner Patientin war nicht weit von meiner Wohnultg. Ich ging so zeitlich früh als nur möglich dahin. 'Aber ich betete früher in echt jüdischer Form, Gott möge mein Werk geling'-« lassen. — Diesmal ivurde ich wieder im wärmsten Tone gebeten, mehrere Visiten des Tages zu machen. Ich kam an diesem, wie an den folgenden Tagen, Bor- und Nachmittags und spät Abends wieder und verweilte oft stundenlang am Krankenbette. Die Patientin überstand die Krisis. Aber ich mußte meine Besuche noch fortsetzen. Die Tochter, die ich bis jetzt aus Beschäftigung mit der Kranken gar nicht beachtete, sing an, mich zu interessiren. Ich gewann sie mit jedem Tage lieber. So hatte ich mir eine Frau gedacht, eine biegsame schlanke Gestalt mit großen, tiefgründigen Augen, die rein und ehrlich in die Welt blickten. Sie hatte für Alles ein sinniges Wort, ein liebliches Lächeln. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß auch ich ihr lieb wurde, denn ihr Auge leuchtete, ivenn ich in's Zimmer trat. Die Mutter war wieder ganz hergestellt und die Familie bezog ihre Villa in der Nähe Wiens. Ich besuchte sie nun als Hausarzt zwei-, dreimal die Woche. Unsere Liebe wuchs, und als ich das Mädchen einmal allein im Hause was, weil die Eltern im Garten waren' erklärte ich nrich ihr. Sie blickte mich ruhig an, als habe sie dies er wartet. Was ich ihr sagte, was sie mir erwiderte — genug, wir waren die ztvei glücklichsten Menschen auf Erden. In Stunden der Ueberlegung hörte ich zwar die Stimme der Religion in mir, aber ich brachte sie durch allerlei Ausreden zum Schweigen. Ein Mädchen aus so vorurtheilslosem Hanse, sagte ich mir, könne das Christenthum nicht anders als im biblischen Sinne auffasse,r, nach welchem es die Verallgemeinerung des Judenthums ist. Und schließe sich nicht auch die Frncht um den Kern und werden eins'? Als ich einmal eines Abends zur Familie auf's Land hinausfuhr, nahm ich den Weg zur Billa durch den Garten, der bis in die Dorsstraße hinabreichte. Plötzlich hörte ich ein lebhaftes Gespräch. Wie Schwerter fuhren nur die Stimmen durch's Herz; es war Anna und ihr Vater. Sie saßen auf einer Bank; ein dichtes Gebüsch trennte mich von ihnen und verbarg mich vor ihren Blicken. Ich bin kein Lauscher; aber hier mußte ich Gewißheit haben um jeden Preis — und so blieb ich stehen und hörte: „Hast Du nicht genug von der Schlechtigkeit dieser Rasse gehört '?" sagte der Vater. „So ist e r eine Ausnahme." „Nein. Jud' bleibt Jud." „So heirath' ich ihn als Juden: ich kann ihn nicht lassen." Ich hielt die Hände vor mein Herz; mir war, als müßte es mir die Brust zersprengen. „Nimm ihn", sagte der Vater, „nimm ihn Dir, aber ich werde ihn nie als meinen Sohn betrachten; ich kann einem Inden nicht das Recht geben, mich Vater z>, nennen. Der Jude speeulirt aus mein Ver mögen, nichts weiter." Das Mädchen sprang, wie von einem Do Ich fr ich verwundet, von ihren, Sitze auf. „Vater, Du lügst! M i ch liebt er. Er verachtet Deinen Reichthum!" — Und ans diesen Ausbrucb wildesten Schmerzes folgte ein krampfhaftes Schluchzen und sie sank ohnmächtig aus den Kiesweg neben der Bank hin, so daß der Alte erschrocken um Hilfe in das Hans lief. Ich hätte vorstürzen mögen ans dem Versteck, auf meinen 'Armen sie sorttragen ans diesen, Elternhause: in mir schrie es, wie mit tausei,d Stimmen: „Eile zu ihr hin, nimm sie mit Dir, lohne ihre Liebe." Und doch, ich blieb wie gebannt. Mit Blitzesschnelle jagten die Gedanken in meinem Kopse; vor mir stieg auf die lange Reihe der Geschlechter nleines viertausendjährigen Stammes, die Eltern mit traurigen Augen, Brüder, Schwestern, Verwandte und Freunde, Alle, Alle klagend und jammernd, daß sie von meinen Kindern verhöhnt, von meinen Nachkommen bis in Me unendlichen -seiten verflucht werden, daß ich, der Jude, der Stammvater endloser jndenseindlicher Generationen geworden. Eingewurzelt staud ich hinter dem Gebüsche, mit meinem Seelenkampse. Dann schlich ich mich, wie ein Dieb in der Nacht davon und irrte bis zum Morgengrauen in der Gegend herum, mehrnials versucht, mich in die nahe Donau zu stürzen, um des Kamvses los zu sein. ^Ter edlere Mensch in mir siegte endlich. Am nächsten Tage in aller Frühe schrieb ich an den Vaters daß mich ein Zufall zum Zeugen seiner Unterredung mit der Tochter gemacht habe, er möge unbesorgt sein, ich werde den Frieden der Familie nicht mehr stören: damit aber Anna die Entsagung nicht zu schwer werde, wolle er mich als Juden noch schwärzer malen, als er es bereits gethan hat und die Liebe des Mädchens zu mir in förmlichen Haß nmivandeln. Ich habe Anna nie wieder gesehen, denn ich iibersiedelte an demselben Tage noch in einen anderen, weit davon entlegenen Bezirk." Der Doetor hatte mit seiner Erzählung geendet. Niemand wagte, das Schweigen zu unterbrechen. Endlich ries der junge Mann: „Herr Doetor, Sie haben sie nicht geliebt!" „Nicht geliebt? Ich liebe sie noch. Ich habe keine Andere geheiratet." Literatur. Ter Kampf innerhalb der Frankfurter Orthodoxie. König Ludwig I. von Bayern baute den Donau-Main- Kanal. Es schmeichelte seiner Phantasie, daß der Verkehr zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, zwischen Holland, Frankreich und England einerseits, Südrußland und dem damals noch nicht ganz bezwungenen Kaukasus andererseits seinen Weg über Bayern nehmen soll. Diese stolzen Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Mit dem ganzen Selbstgefühle ihrer Macht und ihres Ranges lehnte die Donau diese Mesalliance ab, in die sie König Ludwig hineinzwingen wollte. Zu jener Zeit bestanden auch lebhafte politische Sympathien zwischen Frankfurt am Main und zwischen unserem Wien. Die österreichische Staatskunst regierte damals in Frankfurt durch den Bundestag. Das Alles ist in das Meer der Vergangenheit und wenn man will, auch in das der Vergessenheit hinabgesunken. Ein eigenthümliches Büchlein, das jetzt in die Welt hinausstattert, weckt die alten Erinnerungen. Das Büchlein macht Sensation, wie sie vor vielen Jahrhunderten die Briefe des Rabbi Jehuda Alphacher gemacht haben mögen; auch hier kämpft die Orthodoxie gegen die Orthodoxie, nur daß der Verfasser unserer Broschüre im Gegensätze zu Alphacher den wissensfreundlichenStandpunkt einnimmt. Die Broschüre geht von der Fiktion aus, ein orthodoxer Jude in Wien sei mit Besorgniß wegen der Veränderungen erfüllt, die in der Leitung der orthodoxen (Gemeinde in Frankfurt sich vollzogen haben. Frankfurt erscheint ihm als ein Centrum der Orthodoxie. Der Systemwechsel in Frankfurt hat somit eine ganz ungewöhnliche Bedeutung und auch der Wiener fühlt sich verpflichtet, hier mitzusprechen. Gleich in der ersten Zeile der Broschüre verräth jedoch der Autor seine Landsmannschaft durch ein in lateinischer Schrift wiedergegebenes hebräisches Citat. Das ist die echte süddeutsche Aussprache des Hebräischen, ein untrügliches Schiboleth. Nichts ist an der Broschüre wienerisch, als der Druckort. Wir fügen jedoch hinzu, daß wir mit Vergnügen den Autor als den Unserigen anerkennen würden. Solche Umtauschungen kommen vor; es wird ja Manches als Frankfurter und sogar als echtes Frankfurter Product bezeichnet, was in