Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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S«te 244 Orstrrrrichischr Wochenschrifl. Nr. 14 dürfe? Mit dieser Frage beschäftigt sich schon die römische Gesetzgebung, und die modernen Staaten haben ebenfalls gesetzliche Bestimmungen darüber. Bei den Juden, theilweise auch heute noch, galt die Namensänderung, Schinuj-ha-schem, als eine religiöse Pflicht in schweren Krankheitsfällen, indem man von der Vorstellung ausging, daß die Beilegung eines veränderten Namens eine Veränderung in dem Zustande des Kranken herbeiführen müsse. Eine Nanrensveränderung wird in der Regel herbeigeführt durch die Annahme eines neuen Glaubensbekenntnisses, bei Regenten manchmal bei der Thronbesteigung, bei Mönchen, wenn sie in ein Kloster ausgenommen werden. Namensänderungen pflegen ferner stattzufinden bei Individuen, die in den Verband eines anderen Staates eintreten, in Folge einer fremden Sprache, in der der alte Name nicht gut klingt; bei Standeserhöhungen, Adoptionen, bei Schriftstellern und Künstlern, bei Frauen nach der Vermählung, u. s. w. Namensverändernngcn sind oft er wünscht in Fällen, wo der bisherige Name aus ästethischcn Gründen nicht zusagt; auch ist es z. B. einem Meier oder einem Müller nicht zu verdenken, wenn er durch Annahme eines anderen Namens eine Verwechselung mit seinen so und so viel tausend Namensvettern verweisen will; ans demselben Grunde wird es oft nöthig, Dienstboten einen neuen Namen beizulegen; auch führen manche von dieser Menschenklasse einen so hochtrabenden Namen, daß es räthlich erscheint, sie durch einen irdisch klingenden Namen an ihre Zugehörigkeit zur Erdenwelt zu gemahnen. J Natürlich gelten diese Wahrnehmungen auch von den Juden. Bei den Juden herrscht eine gewisse Scheu, altererbte Familiennamen abzulegen, man erblickt darin einen Verstoß gegen die Pietät, was aber durchaus nicht der Fall ist. Zumal sind die Namen der Juden erst ganz neuen Datums und sind ihnen dieselben in den meisten Fällen durch die Behörden aufgenöthigt worden. In Oesterreich wurden die Juden durch das bekannte Gesetz Kaiser Josef II. vom Jahre 1787 zur Annahme bestimmter Familiennamen genöthigt; daß es dabei kunterbunt herging, und daß die Behörden, wo es nur anging, den Juden Schimpfnamen beizulegen suchten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Es kann demzufolge Niemand bemüffigt werden, seinen ihm durch irgend einen Zufall haften gebliebenen Familiennamen beizubehalten: die Gesetzgebung der einzelnen Staaten bestimmt die Modalitäten unter denen eine Namensänderung vorgenommen werden kann. Schließlich ist noch zu bemerken, daß nicht wenige Juden manchmal sogar Rabbiner, ausgeprägte christliche Namen tragen: wie Christhold, Christian, Kreuzenach re. * * * Am 29. Februar las Herr Prof. Dr. P h i l i p p s o n über die Erhebung Preußens im Jahre 1813. Die Lage Preußens unter der ftanzösischen Fremdherrschaft wird eingehend geschildert, die Personen, denen die Erhebung des geknebelten Landes zu verdanken ist, vortrefflich charakterisirt. Die Betheiligung der Juden am Freiheitskampfe wurde nicht gestattet, ob zwar Biele aus ihrer Mitte sich fteiwillig zu den Fahnen meldeten: den Juden blieb nichts anderes übrig, als durch reiche Spenden ihre Vaterlandsliebe zu bethätigcn. Unmittelbar nach der Be kanntmachung der königlichen Proklamation, wonach sämmtliche Bürger aufgefordert werden, auf dem Altar des Vaterlandes ihre Opfer niederzulegen, beeilte sich der Jude Gumperz 300 Thaler in die Kriegscaffa abzuliefern; er war der erste Spender im Königreiche Preußen, und es wurde ihm auch von officieller Seite hohe Anerkennung zu theil. Auch die Namen anderer opferwilliger Juden hat die Geschichte aufbewahrt: Die Juden Marcus, Mai, Frank, Oppenheim und viele Andere betätigten in hervorragender Weise ihren Patriotismus; die Gesellschaft der Freunde spendete ihrerseits 830 Thaler. Der erste Schritt zur Emancipation der Inden in Preußen fällt mit der Erhebung vom Jahre 1813 zusammen; der Aufschwung des Vaterlandes brachte auch den Juden die wohlverdiente Befreiung und immer wieder fällt auch in der Folgezeit die Verbesserung der Lage derJuden in Preußen mit den einzelnen Momenten der Machtentfaltung des Reiches harmonisch zusammen, zum Beweise dessen, daß das Schicksal der Juden mit dem ihres jeweiligen Vaterlandes auf's engste verknüpft ist. * Am 7. März hielt Herr Privatdocent Dr. Rich. M eher einen gelungenen Bortrag über Bert hold Auerbach. Dr. Meyer nahm den Dichter insbesondere in Schutz gegen den Vorwurf, daß er in seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten" seine Bauernhelden in einer Weise philosophiren lasse, die bei Bauern im wirklichen Leben nicht wahrzunehmen ist; es wird an bezeichnenden Beispielen nachgewiesen, daß Auerbach auch in diesem Punkte der Wahrheit treu geblieben, wie es von einem großen Dichter nicht anders zu erwarten ist. Es nmß hier noch einer anderen Gruppe von Vorlesungen Erwähnung geschehen, deren Erlös dem „Verein zur Unterstützung lüdischer Gelehrten" zu Gute kommen sollte. Es war angekündigt für 22. Februar: . „Die Juden in der öffentlichen Meinung der alten Römer" von Dr. A. Berliner: für den 29. Februar: „Der Antheil der Juden an der Weltkultur" von Dr. Karp el es; für den 7. März: „lieber Sinneswahrnehmung und Sinnestäuschung" von Dr. Mendel: für den 14. März: „Eine Wanderung durch Palästina" von Dr. Hirsch Hildes h e i m e r. Es kann den Veranstaltern dieser letzteren Gruppe von Vorlesungen der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß Tag und Stunde absichtlich von ihnen so gewählt wurden, daß sie mit lenen der ersten Gruppe eollidirten. wodurch der Besuch beider Vorlesungen unmöglich gemacht wurde. Das große Publicum dasaus dem Munde jüdischer Gelehrten Belehrungen schöpfen möchte, ftagt blutwenig darnach, ob der Vortragende zur orthodoxen oder zur neologen Partei gehört: es wurde ihm noch nicht bedeutet, daß nicht nur die Juden, sondern auch die jüdische Wissenschaft von zweifacher Art sein kann; wollen jene Herren diese Heilesbotschaft etwa gewaltsam ihm zum Bewußtsein bringen? Videant consules ... S. K. Lesefrüchte. Sir Henry Trummond Wolfs. („Jsr. Wochenschr.") England hat jüngst zum Gesandten für Spanien SirH.D r u m m o n d W o l f f ernannt, überdessenCarriere und Abstammung englische und amerikanische Blätter Jnteressantcs berichten. Er ist ein geborener Diplomat und Politiker. Als Parlamentsmitglied für Christchmch und später für Portsmouth stand er Herrn Balfour in dessen Opposition gegen Gladstone kräftig zur Seite. Sir Henry's erste Thätigkeit im öffentlichen Dienste war die eines Secretärs im Ministerium des Auswärtigen (1846). Im Jahre 1852 wurde er Geschäftsträger in Florenz, 1858 Secretär des Grasen von Malmesbury und des auswärtigen Ministeriums und 1878 Vertreter Großbritanniens bei dem europäischen Ausschuß für die Organisation Ostrumeliens; 1885 entsandte ihn die Regierung mit einer Spezialmission an den Sultan. Hieraus war er zwei Jahre Gesandter am persischen Hofe und seit Mitte 1891 in Bukarest. Bon väterlicher Seite ist Sir Henry Israelit und mütterlicherseits stammt er im ziveiten Gliede von dem mächtigen Premierminister Walpole ab. Sein Vater war der excentrische und merkwürdige Joseph Wolfs, welcher nach einer Reise durch die ganze Welt sich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika begab, wo seine Ordination zum Geistlichen der Episcopalkirche eine gewisse Sensation hervorrief. Dr. Wolff machte drei bemerkenswerthe Reisen durch Eentral- Asien und war der erste Missionär in Teheran. Er vermählte sich mit Lady Georgiana Walpole, Tochter des Grafen von Oxford, und Sir Henry ist ihr einziges Kind. Man erzählt, daß, als Dr. Wolff das Herz der Grafentochter erobert hatte, Sr. Lordschaft denselben zu sich rufen ließ, um zu erfahren, wie ein Abenteurer, Missionär und Jude es wagen konnte, um die Hand einer geborenen Walpole anzuhalten. „Geduld, Geduld, mein Lord!" ries Wolff aus, während er aus seiner Brusttasche einen schmalen Pergamentstreifen hervorzog. „Gestatten Ew. Lordschaft, daß ich Ihnen den langen Stammbaum Ihres ergebensten Dieners vorlese!" und nun begann er mit „Joseph, Sohn des . . ., Sohn . . . rc. bis zurück zum Sohn Davids, Königs von Israel. „Run mein Lord, wenn Sie einen Stammbaum haben, der diesem ähnlich sieht, so wollen wir die beiden einmal mit einander vergleichen." Der Graf von Oxford hüllte sich in tiefes Schweigen uitb seine Tochter wurde die Gemahlin des Missionärs unb