Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14 Veflerndtzlfchr Wochrnschrifl. Seite 343 Chorpersonal die rituellen Trauergesänge. Tann trug man den Todtenschrein, den ein schmuckloses schwarzes Tuch deckte, die Treppe hinab. Hinter dem Leichenwagen fuhren Vater und Gatte der Verblichenen, ihre Söhne Georg und Alfons, sowie die Herren Ferdinand und Edmond Freiherren v. Rothschild. Unter den Leidtragenden die in einer endlosen Reihe von Wagen folgten, waren Botschafter Graf Nigra und Statthalter Graf Kielmannsegg. Um 11 Uhr kam der Leichenzug auf der israelitischen Abtheilung des Centratsriedhofes an, die von der Wache mit Mühe freigehalten wurde, da von der christlichen Abcheilung her mehr als 20.000 Menschen gekommen waren und sich angestellt hatten. Ter Sarg wurde in die Ceremonienhalle getragen. An der Kopfseite nahmen die Mitglieder der trauernden Fainilie Aufstellung und nach den frommen Chorälen ergriff Oberrabbiner Tr. Güdemann das Wort zu folgendenr Nachruf: „Wir gedenken vor Gott, dem Vater des Erbarmens unserer dahingeschiedenen früh vollendeten Glaubensschwester, der edlen Frau Bettina Freifrau v. Rothschild, die er nach seinem unerforschlichen Rathschluß hat abberufen aus dieser Welt, als ihre Stunde lvar gekommen." „Wenn ich sonst an dieser Stätte zu reden berufen bin, da muß ich nicht selten fürchten, zu viel zu sagen. Hier aber, an der Bahre dicker von Allen betrauerten, von Allen gepriesenen Frau, beschleicht mich die entgegengesetzte Besorgnis;. Fa, ich fürchte nicht blos, sondern ich weiß es, daß mein Wort hinter ihr zurückbleibt. Denn was sie gewesen ist, das künden Worte überhaupt nicht. Das fühlt der Gatte, das fühlen die Eltem, die Kinder und Geschwister uitd aus diesem engsten und vertrautesten Kreise theilte sich unausgesprochen aber tiefempfunden weiten Schichten der Bevölkerung mit, was sie gewesen ist und was mit ihr verloren geht. Es war für Alle eine Trauerbotschaft schmerzlichster Art, als die Kunde verlautete: Bettina v. Rothschild ist todt." — „Ich rede llicht von dem, woran die Welt gewöhnlich zunächst denkt, wenn sie diesen Namen hört. Fch würde das Andenken der Entschlafenen zu entweihen fürchten, wenn ich hier von dem 0'lanze spräche, in dem sie aufgewachsen und aus deni sie hinweggerisseir ist, von einem Glanze, der vor dem Tode erbleicht. Wer fragt auch vor dem vielbewunderten Bilde eines altenMeisters nach seiner Einfassung und wenn sie die glänzendste wäre. Ter Glanz ihrer Persönlichkeit überstrahlte allen äußeren Glanz und während sonst die Persönlichkeit oft nur der Rahmen ist, ohne Inhalt, so daß mit dem Fersall des Rahmens nichts übrig bleibt, steigt im Gegentheil ihr Bild, aller Vergänglichkeit eirtkleidet, um so verklärter vor unseren Augen ans und drängt selbst die Schatten des Todes zurück. Soll ich dieses Bild zu zeichnen versuchen? Ter gramgebeugte Gatte hat mir den Wunsch ausgesprochen, ich möge kurz sein, und ich kann diesem Wunsch leicht entsprechen. Denn ich kann hier mit wenigen Worten auf viel Hinweisen, auf einen reichen Schatz der edelsten Tugenden, während viele Worte doch oft nur den Eindruck zurücklassen, daß wenig zu sagen bleibt. Hier aber geht viel, unendlich viel verloren und ich weiß mich der Zustimmung aller gewiß, die sie gekannt haben, wenn ich auf sie den biblischen Lobspruch anwende: „Viele Töchter haben sich wacker erwiesen: du aber ragst über alle hervor." Und wie wenig wollte sie hervorragen! Voll rührender Anspruchslosigkeit ist sie durch ihr kurzes Leben dahingezogen, wie ein Kind die einfachen Blumen bescheidener Freuden vom Wege anflesend und mit reichen Blüten der Liebe spendend. In Liebe blickte sie zu den Eltern empor, in Liebe umfing sie den verehrten Gatten und gründete mit ihm ein Familienleben, wie es schöner und inniger nicht gedacht werden kann, in Liebe widmete sie sich den Kindern und wie sie die Aufgabe der Erziehung schon als Jtingfrau zu ihrem Slitditlin gemacht hatte, so löste sie als Mutter diese Aufgabe mit Hingebung und Berständniß an den eigenen Sprößlingen. Wer an dem Palaste vorüberging, in dem sie als Herrin schaltete und waltete, der ahnte wohl nicht, daß sie jedes einfache Haus, ja jede Hütte geziert und in einen Palast verwandelt haben würde, durch ihre Pflichterfüllung, durch den Adel ihres Geistes, durch die Reinheit ihrer Gesinnung, durch den Reichthum ihres guten Herzens. Aber die in den Hütten wohnen, die Armen und Dürftigen, die wußten es, wie nahe die Herriit jenes Palastes ihnen verwandt war. Den Kindern und Greisen, den Verlassenen der Jugend und des Alters, hat sic Asyle gegründet und noch im letzten Augenblicke ihres Lebens gedachte sie ihrer Dienerschaft. Nachdem sie den Eltem die Hand zum Abschiede gereicht, nachdem sie dem Galten die Worte des Bekenntnisses nachgesprochen: „Höre, Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott," nach dem sie den ältesten Sohn ermahnt hatte, den Geschwistern ein gutes Beispiel zu geben, da kam auch die Dienerschaft an die Reihe, die sie dem Gatten empfahl, als wollte sie sagen: „Ich war eine Dienerin, berufen den Kreis von Menschen zu beglücken, in den mich Gott gestellt hat." Nun hat sie ausgedient, eine Priesterin im Dienste der Familie, im Dienste der Menschheit, im Dienste Gottes. Sie ziehe hin in Frieden! Amen!" Machten^ schon diese Worte den mächtigsten Eindruck auf alle Hörer, so waren die Anwesenden überwältigt vor Schmerz und Mitgefühl, als der greise Vater an der Bahre niedersank, sein Haupt in das Bahrtuch drückte und laut schluchzte. Gatte und Kinder brachen dabei in lautes Weinen atls. Man tmg den Leichnam zur Gruft und bettete die Frau an die Seite ihrer als zartes Kind verstorbenen Tochter Charlotte. Mit der Oeffnung der Familiengruft wurde der bürgerliche Stadt-Steinmetzmeister Herr M. Sonnenschein betraut. Alles kehrte dann in die Ceremonienhalle zurück, wo das rituelle Gebet für die Abgeschiedene gesprochen wurde. Um ^12 Uhr war die Trauerfeier zu Ende. Kränze sandten noch: Fürst und Fürstin Ferdinand Kinsky, Prinz Joseph Arenberg, Prinz Wilhelm Auersperg, Lady Paget. Baron Beczezny, General Graf Coreth und Gemahlin, Karl Graf Saillere, Baron und Baronin Gemmingen, Bürgermeister Tr. Prix, der Seehospitzverein und die dankbare Wiener Freiwillige Rettungsgefellschast ihrer hochherzigen Gönnerin. Condolenzen kamen noch vom Oberstkämmerer Grafen Trauttmansdorff, General -Lieutenant Baron Wimpsfen, Comteffe Röderer, Alfons Grafen Harrach, Comtesse Szapary-Grünne, Comptesse Ferdinand Grünne, Hugo Fürsten Salm-Reifferscheid, Gräfin Marie Bombelles-Salm, Prinz und Prinzessin Eduard Auersperg, Landmarschall Grafen Christian Kinsky und Gemahlin, Sectionschef Baron Pasetti, Comtesse Siegfried Clary - Aldringen, Baron Bernhard Popper u. A. Baron Albert Rothschild hat anläßlich des Hinscheidens seiner Gemahlin dem Bürgermeister Tr. Prix zehntausend Gulden und dem Vorstände der israelitischen Cultusgemeinde fünftausend Gulden zur vorläufigen sofortigen Bcrtheilung an Arme übergeben. Fm Palais Rothschild wird die Trauerwoche nach altjüdischer Sitte — täglich Minjan — abgehalten. Das Sterbezimmer der Verewigten ist zu einer Haussynagvge adaptirt worden, in welcher durch 11 Monate allabendlich Gottesdienst abgehalten wird. Für die ersten sieben Tage wurde Herr Obercantor Singer berufen, ivelcher auf Wunsch des Herrn Baron Alphons nach dem Abendgebete das in Frankreich übliche Onnoh adonoj zur olomim vorträgt, welches Webet sodann vom alten Herrn Baron in französischer Sprache recitirt wird, worauf die beiden ältesten Söhne der Verblichenen das übliche Kaddisch sprechen. Nach Ablauf der Schiwa wird Herr Lector Friedmann allabendlich das Abendgebet und Schiur verrichten. * * lTrauerfeier für F r a u B a r o n i n B e t t i n a von Rothsch il d.) Am 27. d. M., am Tage der Beerdigung der Frau Baronin Bettina von Rothschild wurde im Betsaale der israel. Cultusgemeinde (Rothschild stiftung) ein solenner, interner Trauergottesdienst abgehalten, welchen die Reconvalescenten, Funktionäre und Bedienstete der Anstalt amvohnten. Berliner Vorlesungen. II. Die mm folgenden Vorlesungen haben mehr allgemein tvissenschastliche Thema zum Gegenstände und berühren den Kreis speziell jüdischer Interessen nur in wenigen Punkten, weshalb sie an dieser Stelle nur kurz skizzirt werden können, da sie für unseren Zweck nur nach eine r Seite hin in Betracht kommen. Am 22. Februar las Herr Rechtsanwalt B r e s l a u e r über N a m e n s ä n d e r u n g. Der Borlesende wirft zunächst die Frage auf, woher denn die vielen Millionen Menschen, die von eiilander unterschieden werden wollen, ihre Familiennamen hergenommen hätten? Tie Antwort lautet: von überall und von allem, was in der sinnlich wahrnehmbaren und in der intelligiblen Welt existirt. Es gibt Familiennamen wie Gott, Teufel, Engel, ja, auch solche, die dem mythologischen Götterkreise angehören, z. B. Phoebus. Bon geistlichen Würden: Kardinal, Bischof, Küster; von weltlichen Würden: Kaiser, Herzog, Schulze; von Gliedern des Körpers: Haupt. Mund, Herz; von Eigenschaften: Dick, Fett: von ethischen Begriffen: Tugend, Laster, Grimm: von der Beschäftigung: Wagner, Fischer, Miller, Meier; von Kleidungsstücken: Pelz, Mantel, Hut, Knopf, Perl: von Geräthschäften: Hacke, Lampe, Rage!, Tisch; von Geldsachen: Münze, Kreuzer, Heller; von Speisen: Mehl, Kuchen, Schinken, Rind fteisch, Gänsefleisch: von der Musik: Tenzer, Pfeifer, Pauke: vom Heereswesen: Ritter, Soldat, Helm; vom Feuer: Feuer, Brands Funke; vom Wetter: Wetter, Brausewetter. Eine ungeheure Menge von Familiennamen stammt von dem Lande oder dem Orte, wohin Jemand zuständig ist; diese Gattung ist besonders auch bei Juden stark vertreten. Ferner stammen Namen von den Jahreszeiten, von Thieren, von Pflanzen, von Mineralien^ kurz : von Allem auf der Welt. Manche Namen bilden einen Zurm: Lauf, Bleibtreu; einige klingen scherzhaft: Kleiderfuß, Hafenfuß. Nickelchen, Kistenfänger: wieder andere dürften von einem Zufall herrühren, z. B. Stubenrauch; es gibt Herren, die den pomp^ haften Namen Abe und Lea führen; manche lasten sich Temrramis nennen u. f. w. u. f. w. Nachdem der Borlefeude konftanrt hatte, daß alle Arten dieser Namen auch bei Juden Vorkommen, gehr er zu dem Thema über, in wiefern eine Namensänderung ftattffnden könne und