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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-04-01 · 14 (1.4.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
14 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Oryrrrrichische Wochrnfttzrist. Sette 341 nehmungen, die er blos im deutschen Reichstag bereits machte, seine mahnende Stimme hätte erheben können. Der Antisemitismus ist aus Deutschland importirt worden und er arbeitet dort genau mit denselben nichtswürdigen Mitteln wie bei uns. Die Gesinnungsverwandtschaft, welche die Antisemiten aller Länder verbindet, bringt wohl biefe Gleichmäßigkeit hervor. Genau so wie tvir bei uns in Oesterreich mit zweierlei Antisemiten, mit denen der Phrase und denen der That zu thun haben, so ist es auch in Deutschland. Die Herrschaften, die mit ihren nichtswürdigen, verhetzenden Worten das Volk zu nichtswürdigen Thaten verleiten, verstehen es auch in Deutschland, ihre eigenen werthen Persönlichkeiten zu salviren, wenn das arme bethörte fanatisirte Volk ihre Worte zu Thaten macht. Hinterher versuchen eS diese Schürer und Hetzer, die Volksverführer und Volks oerderb er selbstverständlich die Schuld von sich abzuwälzen, und es ist ein beliebter Kniff von ihnen — in Berlin und in Wien — die Schuld für begangene Ausschreitungen den — Juden in die Schuhe zu schieben. Denselben Juden, welche zumeist die Opfer dieser Ausschreitungen waren. Diese perfide Kampfmethode ist würdig der Antisemitenführer, wenngleich sie so plttmp und albern ist, daß sie sofort entlarvt werden muß, wenn man sich der Mühe unterzieht, die Thatsachen allein vorzuführen und sprechen zu lassen. Die jüngsten Straßen-Crawalle in Berlin, sie waren die Frucht der verrohenden, zersetzenden Agitation der Antisemiten. Der Abgeordnete Richter hat dies, auf Grund unzweifelhafter gerichtsordnungsmäßig erwiesener Thatsachen, in seiner letzten ReichstagSrede festgestellt. Gr betonte es, daß der Zufammenhang der antisemitischen Bewegung mit den Straßen-Erawallen arten mäßig erwiesen sei. Nicht ein, sondern fünf Zeugen haben übereinstimmend attSgesagt, daß die Rädelsführer, die zu mehreren Zähren Zuchthaus verurtheilt worden, unter antisemitischen Hetzrufen die Stenge zur Arbeit haranguirten. Das waren eben die Antisemiten der That, die den sprechendsten Commentar zu den aufrührerischen Reden jener Antisemiten boten, die den Namen Antisemiten der Phrase führen, obgleich ihre Phrasen nur zu oft Blut und Leben kosten. Eine solche liebenswürdige Phrase ist es z. B. auch, die in derselben Sitzung des Reichstages der bervährte Antisemit Liebermann v. Sonnenberg so geschickt ztlm Fenster hinaussprach: „Wer den Juden todtschlagt, beerbt ihn." Herr Liebermann verkündete zwar in echt jesuitischer Weise diese Theorie, in einer Form, als ob er selbst nicht ganz von derselben erbaut wäre, aber in Wirklichkeit ist die ganze, verhetzende Wirksamkeit dieses Mannes von diesem einen Gedanken beseelt. Die Abgeordneten Richter rrnd Singer haben den antisemitischen Untergrund der Berliner Straßenkravalle in überzeugendster Weise aufgedeckt und die Thätigkeit der Antisemiten der Phrase derart ins rechte Licht gestellt, daß Herr Stöcker den Versuch für nothwendig fand, die Rädelsführer dieser Krawalle von seinen Rockschößen abzuschütteln. Der Versuch mißlang kläglich. Herr- Stöcker, der Jahraus Jahrein es für seine Mission hielt, den fanatischen Haß gegen die Juden zu predigen, möchte in dem Momente, rvo die Saat, die er ausgestreut, blutige Früchte trägt, die Verantwortung von sich weisen. Die Zweiseelentheorie dieses Mannes, der zugleich wüster Hetzer und frommer Pastor sein möchte, ist aber einfach kläglich. '.Wan erkennt sofort, daß Stöcker nur aus formalen Gründen es für nöthig hält, ein theologisches Mäntelchen umzuhängen, welches die Blößen, die er sich giebt, verhüllen soll. Man erkennt sofort, was der wahre Stöcker und was der falsche Stöcker ist und er kann es nicht hindern, daß man die blutige Züchtigung, die ihm von Männern wie Virchow, Richter, Rickert etc. zu theil ward, nur für gerecht hält. Stöcker muß es sich gefallen lassen, daß sein Antisemitismus als anarchistisches, destructives, für den Staat und den Thron gefährliches, Treiben entlarvt und gebrandmarkt wird. Der Antisemitismus ist die Verhöhnung des Gesetzes und der Ordnung und führt daher naturgemäß zur Erschütterung des Rechtsgefühles, des Rechtsbewußseins im Volke, welches die Pfeiler bilden, auf denen der Staat beruht. Dieser angeblich inonarchisch und conservativ denkende Stöcker mußte er sich im Deutschen Reichstage sagen lasten, daß seine Bestrebungen nur den revolutionären Zielen dienen und Prinz Garolath-Schönaich hat ihm das Wort zugerufen, es würde ihm leid sein um den Thron, der sich auf den Antisemitismus stützen würde. In Berlin, wie in Wim sind vorläufig noch immer gerade diejenigen Berathungsstätten, an denen nur für die Wohlfahrt der Bevölkerung gedacht werden soll, die Tummelplätze auf denen sich die rohe, häßliche Hetze gegen die Juden breit macht, deren ganzes Verbrechen in dem Zufalle der Geburt liegt. Wann wird der Appell in die Herzen der Völker Eingang finden, den zwei edle Monarchen, Kaiser Franz Josef und Kaiser Friedrich ergehen ließen, indem sie sich fast wörtlich in dem Ausdrucke begegneten: Alle meine Unterthanen find meinem Herzen gleich. Wenn diese Worte einmal vollen Widerhall in den Herzen der Völker gefirnden haben werden, dann werden dir Stöcker und Liebermann, die Lueger und Schneider ihre schändliche Rolle ausgespielt haben für immer. Aber ist diese Zeit schon gekommen? Angesichts der unaufhörlichen Hetz- und Brandreden, welche in Berlin und in Wien gegen die Judm geführt werden, muß man dem bangen Bedenken Raum geben, daß das verpestende Gift des Hasses und der Verfolgungssucht, nachdem es so tief gedrungen, nicht sobald unschädlich gemacht werdm kann. Wenn gleich zu Beginn dem Treiben energisch entgegengetreten worden wäre, dann Hütten die Stöcker und Lueger lange nicht jenen Einfluß auf die Bevölkerung erringen könnm, den sie gewonnen. Principiis obsta! daß man dieser Lehre nicht gedachte, ist Schuld an der Bedeutung den der Antisemitismus gewann. Wie sich das Volk „Das ungeschriebene Gesetz" der Antisemiten: „Der den Zuden erschlägt, beerbt ihn", sich zurechtlegt, zeigen Vorgänge, die sich am letzten Freitag in der nächsten Umgebung von Prag zugetragen: Im Dorfe Konetop bei Brandeis a. Elbe starb am 34. d. M. plötzlich Mittags der unverheiratete Veit Felix, Besitzer einer größeren Wirthschaft und Productenhändler mit Hinterlassung eines Vermögens von cirka 50.000 Gulden, bestehend theils in Werthpapieren, theils in einem größeren Lager von Getreidesorten. Als dieser Mann so augenblicklich ohne jeden Beistand verstarb, kamen Massen von Leuten aus dem Dorfe mit allen möglichen Werkzeugen, wie Hacken, Hämmern, Brecheisen und Schaufeln rc. und fingen nach bewerkstelligtem Einbrüche der Schüttböden an die ganzen Räume regelrecht auszuplündern. Alle Schüttböden wurden ihres ganzen bedeutenden Inhaltes beraubt, die Wagen, Ackergeräthschaften und sonstigen Utensilien weggeschleppt, selbst alles aus dem Zimm er, in welchem die Leich e lag, Betten, Wanduhr und Kleider wurden weggeschleppt. Der Vorsteher der Gemeinde ersuchte das Bezirksgericht Brandeis um Assistenz, worauf ein Gendarm abgesandt wurde. Da aber dieser gegen die anstürmenden entfesselten Massen nicht genügend einschreiten konnte, so ersuchte derselbe gestern um drei Uhr Morgens um weiteren Succurs und es kamen dann in der Thai vier Mann, die wenigstens theitweise die Ruhe Herstellen konnten. Die Untersuchung gegen diese große Anzahl Thäter wird natürlich erst genauere Aufschlüsse über die Menge des geraubten Gutes geben. Hervorzuheben ist, daß Felix im Dorfe bei allen Einwohnern durch seine Ehrlichkeit und Einfachheit beliebt war, und bei seiner Oekonomie einer ziemlichen 'Anzahl von Arbeitern Beschäftigung gab. Bettina Freifrau v. Rothschild. Auch über die Schwelle des Hauses, iu welchem das Glück vollgiliig zu thronen scheint, weiß der düstere Gast mit Sense und Stundenglas den Weg sich zu bahnen . . . Der Chef des Wiener Wckt- Hauses Albert Freiherr v. Nothsctülo hat seine Gattin verloren. Don ..erstag, am 24. März halb 2 Uhr Nachmittags ist Freifrau Bettina

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