Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 240 Oestrrreichische Wochenfchrist. Nr. 14 glaubte er die Länder der Balkanhalbinsel nach centralasiatischem Muster behandeln zu können. Die diplomatische Laufbahn Jgnatieffs war zu Ende, und er sah sich, vor Europa compromitirt, auf die innere Politik angewiesen. Wollte er an D'Jsraeli (Lord Beaconsfield) sich rächen, oder dafür Genugchuung erlangen, daß die Berliner Congreßacte die Gleichberechtigung der Juden zum Principe erhoben hatte? Genug, dasselbe Rußland, daß die Congreßacte unterzeichnet, das über die Grausamkeiten in Bulgarien mit so lebhafter Entrüstung sich geäußert hatte, duldete und begünstigte in seiner Mitte die grausamsten Judenverfolgungen. Durch die Aufweckung bestialischer Jnstincte und indem man die alten Dämone der Ukraine von Neuem heraufbeschwor, wollte man es verhindern, daß als Nachwirkung einer verfehlten Politik und eines verfehlten Krieges die Freiheitsbewegung in Rußland Terrain gewinne. Das war echte centtalasiatische Staatskunst und war der große Gedanke der Juden - Commissionen.' Die Juden sollten das Opfer für alle Fehler der russischen Politik, für alle Gebrechen der russischen Staatskunst sein. Die Stimmen, die'aus dem Westen zu uns gelangten, ließen keinen Zweifel übrig, daß man über den Charakter dieser merkwürdigen Enquete sofort vollständig im Klaren war. Das Mittelatter glaubte, daß der Teufel Vergnügen daran finde, die Einrichtungen des Staates und der-Kirche nachzuäffen, nur in teustischer Verzerrung, mit dem Hohne und dem Spotte haßerfüllter Verneinung. Genau so machte es Jgnatieff, indem er den: öffentlichen Leben Europas die Enquet- Commissionen entlehnte. Hat jemals ein Staat eine Enquete veranstaltet, um vier Millionen seiner Unterthanen, sonst brauchbar für den Militärdienst und die Steuern, zu stigmatisiren? Hätten Bürger eines freien Staates sich jemals zu solchen Enquete-Commissionen hergegeben? Enquete-Commissionen — das klingt ganz freiheitlich, den russischen Bürgern wurde die Freiheit gewährt, Henkersdienste an ihren Mitbürgern, den Juden, zu verrichten. Enquete-Commissionen, ausgehend von der Verleugnung der Menschlichkeit' und Gerechttgkeit - das war der Gedanke Jgnatieffs. Er glaubte das Urtheil Europas, er glaubte das Weltgericht der Geschichte aus diese Art belügen betrügen zu können. Es gilt ein alles gerechtes und zwecksicheres Proceßverfahren. Gesteht der Angeklagte, so ist selbstverständlich an seiner Schuld nicht zu zweifeln und das Urtheil muß chm gesprochen werden. Verweigett aber der Angeklagte das Geständniß, leugnet er heroisch selbst unter der Folter, dann ist er ein verstockter und hartnäckiger Verbrecher, keiner Buße zugänglich und die Richter' wissen, was sie zu thun haben. So machen es die Zauberer in Afrika: sie zwingen den Verdächtigen, einen Giftttank zu leeren, verspürt er keine Uebelkeit, dann ist seine Unschuld erwiesen. Der Enquete-Commission wurden folgende Fragen vorgelegt: 1. Welche Zweige jüdischer Erwerbsthätiqkeit wirken schädlich, ausbeuterisch auf die russischen Volksmassen? 2. Welche Mittel sind erforderlich, um dieser Ausbeutung vorzubeugen? In jedem Staate, wo die Bürger noch einer gesunden moralischen Empfindung fähig sind, wären diese Fragen als sinnlos verlacht worden. Wie definirt man Ausbeuten im wirthschaftlichen Leben? Handelt es sich um ein Uebervorcheilen und Aehnliches, dann sind die Gesetze da, um die Gesetzwidrigkett zu bestrafen. Handelt es sich um einen dem Geschäftsgebrauche entsprechenden Gewinn, dann ist überhaupt keine Erwerbsthätigkeit ohne einen solchen denkbar. Leistung und Gegenleistung ist das Gesetz des Erwerbslebens. Einem gerechten Verhältnisse bei dem Austausche der Leistungen nähert man sich nur, wenn man die Erziehung des Volkes befördert, wmn man für die Aufhellung seines Gesichtskreises Sorge trägt Der Unwissende ist immer in der Gefahr, ausgÄeutet zu werden. Was denkt man sich bei den Worten: „Mische Erwerbschätigkett?" Haben die Juden in Rußland das Pnvilegium besonderer Gewerbe? Man kömtte ja auch in Rußland eine Enquete einberufen und ihr folgende Fragen vorlegen: 1. Gibt es Staats-Functionäre, die nicht mit ihrem Gehalte sich begnügen, sondern ihre Stellung auch sonst noch auszubeuten suchen? 2. Welche Mittel sind denkbar, um diesem Mißbrauche zu steuern? Aber gerade die Juden wurden von denjenigen beschuldigt, welche am Wenigsten das Recht hatten, sich von Schuld frei zu fühlen. Der Russe ist in der Regel im geschäftlichen Verkehr ebenso raffinirt, wie wenig gewissenhaft: aber die Juden wurden der Ausbeutung beschuldigt. Fand es der russische Staat nothwendig, sich über die Erwerbsverhältnisse der Juden zu orientiren, dann konnte er dasselbe Mittel wählen, wie vor einigen Monaten eine russische Zeitung, welche in den Nachweisen über Hypothekarschulden und Steuereingänge die Grundlage für vielsagende Parallelen gefunden hat. Cs gibt in Rußland ungeheure Provinzen, wo keine Juden wohnen dürfen. Man konnte anfragen, wie es mit dem Wohlstände und der Sittlichkeit in diesen Provinzen steht. Findet dort keine Ausbeutung statt, gibt es dort keine Branntweinschänken, oder wird der Branntwein dort unverfälschter verkauft? Jgnatieff gab sich Mühe, den Commissionen jedes ^Nachdenken zu ersparen. Sie brauchten nicht erst die Gesetze des Erwerbslebens zu studiren, brauchten nicht erst zu untersuchen, wie die Erploitatton volkswirthschaftlich zu definiren sei und sie brauchten auch ihre Mitbürger, die Juden nicht erst näher ins Auge zu fassen. Die Autorität im Namen des Staates hatte ausgesprochen, daß die Juden eine ausbeuterische Gewcrbethätigkeit betreiben. Die Enquete hatte nur zu antworten, welche Zweige jüdischer Erwerbschätigkeit als besonders gefährlich erscheinen. Es ist schwer, den directen Unsinn hinunter zu schlucken, der in einer so kurzen Frage eingeschlossen ist. Ist das Ausbeuten denn auf besondere Geschäftszweige angewiesen und ist ein Zweig des Erwerbslebens denkbar, wo man gegen Ausbeutung vollkommen geschützt wäre? Endlich sollen auch Mittel ausfindig gemacht werden, um gegen die Ausbeutung durch die Juden zu schützen. Den Juden wird da eine solche geistige Ueberlegenheit zuerkannt, .daß der Staat an die Weisheit der Commissionen appelliren muß, um sich der Juden erwehren zu können. Und von diesen überlegenen Element weiß der Staat keinen besseren Gebrauch zu machen, als daß er den Juden Luft, Vicht und Leben nimmt. Gibt es etwas Schmachvolleres, als daß ein großer Staat seine Macht benützt, um vier Millionen seiner Bürger zu boykottiren? Gibt es etwas Lächerlicheres als die beiden Fragen Jgnatieffs? Hätte nicht ein Rest von Schamgefühl die Commissionen veranlassen sollen, gegen das Ansinnen Jgnatieffs zu protestiren? Allein es war eben jede gesunde Empfindung geschwunden; der Staat war der Urheber, und nachdem er die Pflichten verleugnete, die mit der Gewalt verbunden sind und der Würde untreu wurde, die seiner Größe entspricht, darf er sich nicht wundern, wenn der Boden wankt, der nur aus dem Glauben an Recht und Sittlichkeit Festigkeit empfängt. (Forts, folgt.) Antisemitismus — und — dir Stratzen-Nrswalle in Berlin. Das freisinnige, von den idealsten Intentionen beseelte Mitglied des deutschen Reichstages Prinz Carolath-Schönaich, hat in einer der jüngsten Sitzungen desselben davor gewarnt, daß die deutschen Berathungssäle zu Tummelplätzen wüster antisemitischer Hetzer werden — wie dies in Oesterreich der Fall ist. So ttaurig und beschämend auch für jeden patriotischen Oesterreicher die Möglichkeit dieses Hinweises ist, so läßt sich doch — wenn man der Wahrheit die Ehre geben will — nicht leugnen, daß der Hinweis des Prinzen Carolath- Schönaich auf unsere Verhältnisse vollauf in den Thatsachen begründet ist. Andererseits aber müssen wir, so geringen Trost auch dies bieten mag, denn doch constatiren, daß der edle Prinz auch ohne Hinblick auf Oesterreich, durch die Wahr-