Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 238 Vefierrrichifche Wochenschrift. Nr. 14 gangen, wenn Deutschland einen Lueger hätte. Hinter dem deutschen Kaiser stehe nicht das Volk, deshalb konnte ein jüdischer Bankier dem Kaiser den Credit verweigern, deshalb habe sich der Kaiser dem jüdischen Großkapital fügen müssen. Die Autorität des Dr. Lueger wird da der Autorität des deutschen Kaisers direct gegenübergestellt. Kaiser Wilhelm wird als ein Judenknecht bezeichnet, der dem Interesse des jüdischen „Großkapitals dienstbar" ist. So sprechen die Führer der Wiener „vereinigten Christen". In frevelhafterer Weiseist noch niemals versucht worden, „monarchische Autorität zu Gunsten des Anarchismus" zu erschüttern! Auch hier handelt es sich erst in letzter Linie um die Juden. Die Hauptsache ist die UnterwühlunZ der monarchischen Ordnung, mit welcher die letzten. Ziele des Antisemitismus, die auf Raub oder Plünderung hinauslaufen, nicht vereinbar sind. Die antisemitischen Wortführer, die in solcher Weise von dem deutschen Kaiser zu sprechen wagen, die Lueger und Scheicher, sind die intimsten Bundesgenossen der preußisch e n„K r eu z z e i t u n g" .Was diese inPreußen zu sagen nicht wagt, das verkünden ihre Gesinnungsgenoffen in Wiener Wählerversammlungen. Sie haben nicht Verdächtigungen genug für den deutschen Kaiser. Der preußische Königs- und der deutsche Kaiserthron stützt sich nicht auf den Antisemitismus, der in der „Kreuzzeitung" gepredigt wird. Das Interesse der Selbsterhaltung zwingt die Monarchie, Aposteln der Recht- und Gesetzlosigkeit den Krieg zu erklären. Wie sehr diese Haltung der maßgebenden Kreise in Deutschland begründet ist, geht aus den nichtswürdigen Verläumdungen hervor, welche die Herren Lueger und Scheicher, die Affiliirten der „Kreuzzeitung" gegen den demschen Kaiser schleudern, weil derselbe der Stimme seines Volkes Gehör geschenkt hat. Vom Wiener Nnüfemitenmarkt. (Cm Bilderbogenproceß. Merschdorf, Gregorig. Slama und Genoffen.) Vor dem Wiener Schwurgerichte hat eine Verhandlung über mehrere „Bilderbogen" stattgefunden, welche ein hiesiger antisemitischer Buchhändler ausgestellt und verkauft hatte und in denen der Staatsanwalt eine Aufreizung zu Feindseligkeiten gegm die Juden, also gegen eine staatlich anerkannte Religionsgenosienschast oder gegm eine einzelne Classe von Staatsbürgern, erblickte. Die Richter aus dem Volke theilten diese Anschauung des Staatsanwaltes nicht und sprachen den beschuldigten Buchhändler ftei. Rach diesem Verdicte der Geschworenen ist es also gerichtlich festgestellt, daß beispielsweise eine Abbildung, wie die incriminirte : mehrere messerwetzende Talmudjünger, darunter eine Faust, welche einen zusammengedrehten Strick hält, und wieder unter dieser sinnreichen Zeichnung der Spruch: „Michel, wach' auf und befrei’ dich von ihnen!" — keine Gesetzwidrigkeit enthält, sondern noch in das Gebiet erlaubter Heiterkeit fällt. Was aber soll durch eine solche bildliche und gedruckte Agitation erreicht werden? Diese Frage möchten wir an die Denkenden und gebildeteren unter den Anhängern und Mitläufern der Antisemitenbewegung richten. Sie, welche einen Kampf gegm Verlotterung und Volksausbeutung zu führen gedachten, sie mögen die Hand auf's Herz legen und in Erwägung ziehen, ob eine Bewegung von der Qualität dieser bubenhaften und brutalm Agitationsmittel in der That irgend etwas Ernstes und der Volkswohlfahrt Zuträgliches erreichen kann. Diese Bilderbogen sind ja nur eine Stichprobe der in Wort und Schrift, in Vertretungskörpem, Vereinen und Versammlungen heute und seit Jahren üblichmHetze, neben welcher eine emste, zielbewußte, den Thatsachm der Corruption an den Leib rückende Reformbewegung in der Bürgerschaft zur Unmöglichkeit wird. Gerade von diesem Standpunkte einer gesundm und prMsche Erfolge herbeiwünschenden Resormbewegung — nicht nur von jenem des socialen Friedens und der allgemeinen Menschenrechte — muß auch diese ganze Hetzagitation als eine verhängnißvolle Abirrung vom rechten Wege beklagt und bekäuqift werden. * * * Aus welchem Holze die antisemitischen Moralhelden geschnitzt sind, zeigt auch der eben durchgebrannte Genossenschaftsvorsteher Mathias Merschdorf, welcher die Genossenschaftscassa sammt den Kautionen der beiden Genossenschaftssccretaire wohl zum Zeichen seiner gewerbefreundlichen Gesinnung entwendete. Merschdorf war seit einem Jahre Vorsteher der Genossenschaft der Webwaarenzurichter und -Wäscher, fungirte früher durch mehrere Jahre als Vorsteher-Stellvertreter und spielte in der Genossenschaft eine Rolle, weil er als Führer der antisemitischen Reformpartei, wie er seine Anhänger zu nennen beliebte, die Trennung der beiden in der Genossenschaft vertretenen Branchen, der Webwaarenzurichter und jener der -Wäscher, auf sein Programm gesetzt hatte. Roch als Vorsteher-Stelloertt'eter führte er eine Fehde mit dem Obmanne der genossenschaftlichen Krankenkasse, Herrn Alois August Potschka, welche wiederholt Ehrenbeleidigungsklagen im Gefolge hatte. Run zeigte sich die Gewerbefreundlichkeit des Herrn Merschdorf, für dessen Wahl in anttsemitischen Kreisen eine ungeheure Agitation getrieben worden, war, wie bei einer großen politischen Wahl. Der Freund Schneider's und Vergani's, wie sich Merschdorf gerne zu nennen liebte, der seine Gewerbefteundlichkeit dadurch bekundete, daß er decretirte, daß künftighin die Aufding- und Freisprechgebühr statt zw e i Gulden acht Gulden zu bettagen habe, hat sich jetzt aus dem Staube gemacht und das Genossenschaftsvermögen nebst den Cautionen der armen Beamten mit sich genommen. Sein Nachfolger wird nichtsdestoweniger „ein Freund Vergani's und Schneiders" sein, nur soll man die Cassa wenigstens besser bewachen. * * Jüngst fand eine Beamtenversammlung statt. In derselben führte der Gesinnungsgenosse des Stampiglienfälschers der famose „Wirtschaftsrath" den Vorsitz. Nun fragen wir, zu welcher Categorie von Beamten, gehört ein „Wnthschaftsrath", welchem Ressort untersteht er, überhaupt, und insbesondere dann, wenn er von seiner Privatdienstgeberin entlassen worden ist. Man kann leicht rathen, was das für eine Wirthschaft gewesen sein muß, die dieser Wirthschaftsrath ttieb, da sogar seine theilweise Gesinnungsgenossin, die bekannte, jesuitenfreundliche Gräfin sie zu arg fand und ihn davon—ließ. Es „rathet" also nicht mehr und wirthschaftet nicht mehr, er ist kein „Wirthschaftsrath" mehr und war auch als solcher niemals Beamter und dennoch führt er den Vorsitz in einer — Beamten-Versammlung. Hinter dem Mantel des Antisemitismus versteckt sich nichts als Voltsausbeutung und Korruption. Und es wird da mit so plumpen Mitteln gearbeitet, daß man sich wundern muß, daß selbst die nicht besonders erleuchteten Anhänger des Antisemitismus auf den Leim gehen. Ein Wiener Kaufmann „arisch'ster" Abkunft, wie er selbst von sich sagt, hat obwohl sein Geschäft erst 5 oder 6 Jahre besteht, sich bereits ein sehr namhaftes Vermögen erworben. — Das Geheimniß besteht darin: Er hat in seinem Geschäftslocale ein auffallend großes Muttergottesbild, in den grellsten Farben gemalt. Alles kostet bei ihm das dreifache oder mindestens das Doppelte, wie anderswo, dabei kauft er nur echte Schund- und Pofelwaare ein und hat beim Verkaufe „feste Preise". Wagt es Jemand von den überspannten Preisen etwas herunterzuhandeln, thut der Chef sehr entrüstet, weist auf das große Marienbild und sagt: „Gnä' Frau, da schauns hin, bei mir ist kein Judengeschäft, bei mir wird nit g'handelt, solide Waar' muß solid gezahlt werden, billig ang'schmiert könnens nur bei mein Nachbarn, dem Juden da drüben werden." Ganz eingeschüchtert, zahlt die „Gnä' Frau" den Zfachen Preis und 3fach ang’schmiert, verläßt sie höchst befriedigt das „christliche" Geschäft, auf welches sie durch eine Annonce unter dem Motto „Kauft nur bei Christen" aufmerksam gemacht worden ist.