Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 14 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 14. Wien. 1. April 1892. IX. Jahrgang Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -#- Eigenthümer: Rerchsralhs-Avgeordnrter Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Die Wiener Bundesgenossen der preußischen „Kreuzzeitung". — Vom Wiener Antisemitenmnrkt. — Die russischen Juden Co mmissionen. Antisemitismus — und — die Dtrnßen-Krawalle in Berlin. — Bettina Ireifrau v. Nothschild. — Berliner Vorlesungen. — Lesefriichte. - „Antijüdischc Philosophie". Correspondenzen: Wien, Krems, Brünn, Linz, Proßnitz, M. Prag, Krakau, Czernowitz, Berlin,. Breslau, srlensbnrg, Knrhessen, Hamburg, Pari-?, Constantinopel. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Ottakring, Graz. Lemberg, Pvdgürze, LiPtü-Szt.-MikloI, Gros;-Becskcrek, Brünn. Preßdnrg, Budapest, Senegal, Agram, Berlin, Frankfurt a. M., Paris, Melbourne, Brasilien. — Feuilleton: Ihr Vater. — Literatur. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Jnseratef-- — — A. k. Pofisxarrassensmt Dlsaringverkslzr Nr. 610.976. 1 Lrdartion u. Administration: -I Wien 1. Aothrnthurmstrasts 89. * - - — - % Man adonnirt bst allen KofianstalLe» de» In- und Ans lande«. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. Die Wiener Bundesgenossen der prentzischen..Kreu;;eitniup'. Gemeinderath und Landtag waren in den letzten Wochen der Schauplatz wüster Excesse. Die antisemitische Skandalsucht beginnt alle Dämme zu überfluten, die Lueger, Gregorig, Schneider und Genossen haben jedes Gefühl für Anstand und Sittlichkeit verlernt, was gegenwärtig in der Wiener Rathr- und in der niederösterreichischen Landstube vorgeht, das ist nur die parlamentarische Blüthe einer Propaganda, welche mit allen Mitteln der Gewalt, der Lüge und des Betruges arbeitet und in den großen Massen eine unglaubliche moralische Begriffsverwirrung erzeugt hat. Es ist eine durchaus logische Consequenz, daß eine Doctrin, welche nicht nur zur gesetzlichen Bekämpfung einer bestimmten Classe von Staatsbürgern, sondern direct zu deren Beraubung und Entrechtung auffordert, schließlich zur Untergrabung jeder politischen Autorität führt. Der Bürgermeister von Wien und der Landmarschall von Niederösterreich können für ihre Person keinen höheren Respect beanspruchen, als das Gesetz selbst, kraft dessen sie ihre Function üben. Und wenn dieses Gesetz selbst täglich ungestraft mit Füßen getreten wird, wie soll es dann Wunder nehmen, daß auch die Hüter und Vollstrecker desselben, den schamlosesten Insulten ausgesetzt sind? Die antisemitische Partei hat im Gemeinderath und Landtag die Anarchie proclamirt. Sic handelt damit durchaus folgerichtig und im Geiste ihres Ursprungs und ihrer letzten Ziele. Das Dasein dieser Partei ist nur erklärlich unter der Voraussetzung, daß die Mißachtung der Gesetze möglich ist und einem großen Theil der Bevölkerung als die einzige Rettung aus ihrer wirthschaftlichen Noth angepriesen werden darf. In der antisemitischen Presse wird das Gesetz, welches die Gleichberechtigung aller Staatsbürger statuirt und auf die Aufreizung gegen eine Nationalität oder Religionsgenossenschaft Strafe setzt, täglich verhöhnt. Von da bis zur Verhöhnung der staatlichen Autorität selbst ist nur noch ein Schritt, und dieser Schritt ist in den autonomen Körperschaften gewagt worden. Den Schaden, der hieraus für die öffentliche Ordnung erwächst, mögen die competenten Behörden erwägen.. Wir haben es stets vermieden, gegen die antisemitischen Krakehler nach der Polizei zu rufen und wir vermeiden es noch heute. Wir haben an dieser Stelle lediglich die Interessen des Judenthums zu vertreten. Der Nachtheil aber, der diesem aus den antisemitischen Ercesse der letzten Tage erwächst, ist fürwahr der geringste. Das Ansehen der Reichshauptstadt und das Ansehen des Staates leiden unter demselben weit mehr als die Juden. Als Beweis hiefür verweisen wir auf die Aeußerungen, mit welchen der Abgeordnete Prinz Schöna ich-Caro lath am 36. d. M. im deutschen Reichstage über die Vorgänge im Wiener Gemeinderathe und im niederösterreichischen Landtage abgesprochen hat. „Nach den widrigen Zuständen", sagte der genannte Abgeordnete, „die man in einem befreundeten Lande beobachte, hege er kein Verlangen, durch Besprechung des Antisemitismus auch den Reichstag zum Tummelplatz ähnlicher Scenen zu machen. Er müßte den Thron beklagen, der sich auf den Antisemitismus st ützen s ollte." Unter dem befreundeten Nachbarlande ist natürlich unser liebes Oesterreich verstanden. Das ist ein Beispiel dafür, wie man in Folge der Judenhetze und ihrer Duldung über Wien und Oesterreich im Auslande, in jenem deutschen Reiche urtheilt, welches ein großer und maßgebende^ Theil der österreichischen Antisemiten in ihr Herz geschlossen haben. Das Wesen des Parlamentarismus bedingt es, daß die freigewählten Vertreter dieses Volkes die geistige und moralische Elite derselben repräsentiren. Das ist denn auch in allen parlamentarischen Ländern, in Deutschland, in Frankreich, in England und in Italien der Fall. Wie tief muß nun das geistige und sittliche Niveau Wiens und ganz Oesterreichs geschätzt werden, wenn man sieht, daß in unserer Gemeindevertretung und in unserem Parlamente die nichtswürdigsten Subjecte eine Rolle zu spielen vermögen, Subjecte, die der gemeinsten Verbrechen bezichtigt wurden und deren Gewissenlosigkeit nur durch ihre Rohheit übertroffen wird Aber nicht nur das Ansehen Wiens und Oesterreichs wird von der antisemüischen Meute untergraben, es stehen noch viel höhere Güter auf dem Spiele. Prinz Schönaich-Carolath hat den Gedanken, daß der Antisemittsmus in seinem innersten Grunde eine antimonarchische Bewegung sei, in seinem oben citirten Ausspruche nur angedeutet. Daß aber die professionellen Judenhetzer in Deutschland und in Oesterreich direct auf die Untergrabung des monarchischen Gefühles in der Bevölkerung hinarbeiten, das haben in den jüngsten Tagen erst die Abgrordneten Dr. Lueger und P. Scheicher bewiesen. Der erstere erzählte seinen gläubig aufhorchenden Zuhörern allen Ernstes, Kaiser Wilhelm sei gezwungen gewesen, das deutsche Volksschulgesetz zurückzuziehen, weil er Rothschild den Betrag von 40 Millionen Mark schulde. Pater Scheicher aber erklärte in einer anttsemttischen Wählerversammlung auf der Landstraße, die Schulnovelle wäre in Deutschland gewiß dnrchge-