Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 13 (25.3.1892)
- Date
- 1892-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 224 Oestrrrrichischr Wochrnfttzrist. Nr. 13 vom Gasthause angemeldet worden war, schon am zweiten Tage in Haft genommen, mit gemeinen Verbrechern einige Wochen eingesperrt und per Etappe über Dünaburg nach einem Orte des Gouvernements Witebsk gebracht worden, wo er endlich fteigelassen wurde, um nach Moskau zu reisen. Der Eindruck, welchen die Eommissäre bei ihrem Besuche des sogenannten Judenrayons empfingen, war ein sehr nngünstiger. Sie begreifen nicht, wie die Juden dort unter dem Drucke und in den ärmlichen Verhältnissen überhaupt leben können. Dr. Kempster besuchte die jüdischen Ackerbaucolonien in der Nähe von Wilna, Kowna, Grodno und in Wolhynien. Im Gouvernement Wilna lebten über 5000 Juden auf 5500 Acres, in Kowna und Grodno 4000 auf 5.000 beziehungsweise 6000 Acres. In Wolhynien bebauten die Juden bis zum Jahre 1882 mehr als 600.000 Acres oder 6 Procent des cultivirten Landes der ganzen Provinz. An allen diesen Plätzen, welche innerhalb des Judenrayons liegen, wurden die Pächter durch die Maigesetze gezwungen, ihr Land aufzugeben und in die Städte zu ziehen. Vielfach suchten die russischen Gutsbesitzer die Ausweisung der Juden rückgängig zu machen, weil ihre Rente sank. In einigen Fällen erfolgte die Ausweisung sogar während noch das Getreide auf dem Felde stand, so daß es nicht eingeheimst werden konnte. Dr. Kempster beobachtete an verschiedenen Orten, daß die Bauern das Getreide auf dem Felde stehen ließen, weil sie es den Juden vorher verkauft hatten, diese aber ausgewiesen wurden, und es nicht in Empfang nehmen konnten. Der Commissär schildert dann seine Beobachtungen auf der jüdischen Ackerbaucolonie Dekshni, welche durch eine im Jahre 1868 eingesetzte Steuer von 50 bis 60 Rubel jährlich per Kopf schwer bedrückt wird. Die Leute wollteu nach Amerika auswandern, um sich dort dem Ackerbau zu widmen, ohne welchen sie nicht mehr leben zu können erklärten. Die amerikanischen Commissäre, welche sich einer sehrgemäßigten Sprache bedienen und die von ihnen geschilderten Thatsachen für sich selbst sprechen lassen, erklären am Schluß ihres Berichtes, daß sie oft ihre Gefühle hätten zurückdrängen müffen, ivenn sie Angesichts der Scenen des Elends und der Noch standen; „welche diese gehetzten Menschen umgaben" — Scenen, welche sie nie in ihrem Leben vergessen könnten; ihre Schilderung sei keineswegs vollständig, aber was sie mittheilten, sei nicht nur authentisch, sondern auch eine überzeugende Geschichte der Lebensbebindungen, unter denen die Juden in Rußland leben, welche bisher nur zum Theil geschildert ivorden seien und die man wegen ihrer Ungeheuerlichkeit nicht für wahr gehalten habe. Der grvtze Krach der RearUon. (C r i g i,ral-(5orr.) Berlin, den 21. März 1802. Die Organe des Antisemitismus und der Reactionärc — diese zwei gesinnungsoenvandten Elemente berühren sich, obwohl sie keine Extreme bilden — sind in einer furchtbaren Bestürzung — die konfessionelle Schule ist gestürzt. Das Gefühl des Geschlagenseins gibt sich je nach Temperament und Neigung in verschiedener Weise kund; die einen sind in der Polemik noch alberner und geistloser als sonst, die anderen noch frecher und verlogener als früher — um die Niederlage zu maskiren. Die „Kreuz-Zeitung" gehört natürlich zu der letzteren Sorte, obwohl man kürzlich darüber staunen konnte, daß es ihr gelingt, die große Dosis von Lüge und Unverschämcheit, die sie bisher in dem ihr so aussichtsreich geschienenm Kampfe für die confessionelle Schule verbrauchte in dem Momente zu vergrößern, wo sie ihre Niederlage bekennen muß. Das waren ivahre Orgien der Lüge, welche die antisemitischen Organe — allen voran natürlich die „Kreuz-Ztg." — aufführten um dem etwas starrköpfigen deutsche!: Volke die Sympathie für die konfessionell? Schule dadurch einzuflößen, daß sie vorgaben, Juden seien es ausschließlich welche die confessionelle Schule — nicht wollen. Das war zwar eine handgreifliche Lüge, die den prüfenden Blicke auch minder intelligenter Beobachter nicht verborgen bleiben konnte, aber mit welchen Mitteln soll der Antisemitus denn kämpfen, wenn er aus die Lüge Verzicht leistete? Also es mußte gelogen werden, so dumm auch diesmal die Lüge scheint. In Wahrheit hatte ja gerade ein großer Theil d er Jud en sch aft offen und unumwunden für die — confessionelle Sch ule Partei genommen! Selbstverständlich aus völlig anderen Gründen, als es jene sind, welche die Antisemiten und Reactionäre zu Bannerträgern der confessionellen Schule machten. Die Juden im deutschen Reiche, die orthodoxen, strenggläubigen, wie nicht minder die in religiöser Beziehung laxen und freisinnigen — welche die confessionelle Schule anstrebten, hatten keineswegs die Intention, die Schule der finsteren, beschränkenden Macht irgend einer Kirche auszuliesern. Sie wollten sicherlich auch nicht den Einfluß des Staates auf dieselbe schmälern. Sie wollten endlich auch nicht das Maß des Wissens, welches den Kindern zu Theil werden soll, vermindern — mit einem Worte, es war ihnen all das fremd, ja zuwider, was die Antisemten und Reactionäre mit der confessionellen Schule erstreben. Was sie, die Juden, wollten, wa^ sie mit der confessionellen schule erreichbar hielten, ist etwas ganz Anderes. Die deutschen Juden sind der Meinung, daß die gemeinsame schule die Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse den Kindern ins Bewußtsein gebracht und dadurch die Gegensätze nicht gemildert, sondern verschärft hätte. Eines war ihnen klar: Die confessionslose Schule hat den confessionellen Frieden nicht gebracht und da dachten die Juden, vielleicht bringt ihn die confessionelle Schule. Man kann darüber streiten, ob diese Anschauung eine zweifellos richtige sei, ob die Thatsachen ihr auch Rechnung tragen würden, aber darüber kann es keine Meinungsverschiedenheit geben, daß die Beweggründe, welche die Juden in ihrer Haltung gegenüber der Schule leiteten, nichts gemein haben mit den „Zwecken und Zielen, welche die Anderen verfolgen. Der Umstand, daß die Juden in Deutschland für die confessionelle Schule waren, hat ihnen auch die Vorwürfe, die Angriffe seitens der fortschrittlich gesinnten deutschen Presse zugezogen, aber das hinderte nicht, daß die antisemitischen Organe ruhig weiter die alberne verlogene Losung beibehielten: Man müsse für die confessionelle Schule sein, weil die Juden — sie nicht wollten. Die „Kreuzzeitung", welche in ihrer rasenden Wuth sich so weit verstcigt, ihre eigenen Parteigenossen zu beschuldigen, sie hätten den Kaiser „belogen", daß selbst die conservative Fraction im Reichsrathe nicht für die confessionelle Schule stimmen werde, stellt Jeden im deutschen Reiche als Juden oder zum Mindesten als verjudeten Liberalen hin, der in dieser Sache nicht auf ihrer Seite steht. Wir würden das edle Blatt fragen, ob es selbst die Rathgeber des Monarchen ja diesen selbst — nachdem er so unverhüllt die confessionelle Schule hat fallen lassen — für verjudet hält? Man weiß nicht, ob es albemer oder frecher ist, wenn die „Kreuzzeitung" in dem Augenblicke, wo die Gesetzesvorlage des Grafen Zedlitz mit diesem selbst, dem Anstürme des freiheitlich und fortschrittlich gesinnten Bürgerstandes gefallen ist, den Muth hat zu behaupten, nur die Juden seien es, welche gesiegt hätten, dieselben Juden, die — allerdings, wie wir ausführten, aus wesentlich anderen Gründen — gleichfalls für die confessionelle Schule kämpften. Also auch im Deutschen Reiche ist Alles verjudet, von den „angeblich Conservativen" — wie sich die „Kreuzzeitung" vorsichtig ausdrückt — bis hinauf zu den höchsten Spitzen des Staates. Die katzenjämmerliche Stimmung im Lager der Antisemiten kann man sich aber hiernach leicht ausmalen. Es ist immer doppelt unangenehm und ärgerlich, wenn man zum Schaden noch den Spott hinnehmen muß. Um sich über die schwere Niederlage beim Volksschulgesetzt einigermaßen hinwegzutrösten, inscenirte der Abgeordnete