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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-18 · 12 (18.3.1892) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
12 (18.3.1892)
Date
1892-03-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 12 Vrstrrrrichischr Wochenschrift. Sette 2l 'i . schischer und talmudischcr Eregese im Drucke erscheinen zu lassen London. Die Märznummer des „D.uiver" enthält einen \ interessanten Artikel von Rev. William A. B u r n e l l unter dem Titel: „Wie die Juden Purim feiern". Nebenbei bewundert Hr. BurncU die jüdische Art Almosen zu geben und verweist auf den streng sittlichen Inhalt und den göttlichen G e i st, welche das Buch Esther auszeichnen, obschon der Name Gottes in demselben nicht ein einziges Mal genannt ist. Feuilleton. Eine Bekehrung. Beim „goldenen Luchsen" ist heute antisemitischer Abend. Die Herren sollten ihre Frauen uiitbiingcu, denn der „Forscht" wird da: ein, und Seine Durchlaucht amüsiren sich so gerne mit den Frauen des Bürgers'acks, wenn sie schön sind. Herr Fach ist einer der enragirtesten Antisemiten vom Grund Frau Zach ist ein schlichtes gutes Herz, aber der Gedanke dem „Forschten" zu gefallen, hat in ihrer Phantasie furchtbare Verheerungen angerichtet. Sie stand des Morgens mit einer kindischen Freude ans den heutigen Abend auf, an dem beim „Luchsen" der Judenschmaus stattfinden soll. Voll dieses Gedankens ging sie von ihrem Schlafzimmer in das Speis ezimmer, wo ihr Frühstück aufgetragen stand. Eine schüchterne und sehr sauste Stimme liest sich je tu ans einer Fensternische hören: „Küss' die Hand, gnädige Frau!" „Ah, Sie sind es Charlotte'?" — Guten Tag Charlotte. Cs war dies ein armes Judenmädchen, eine Kleidermacher ic die schon seit Jahren bei Frau Zach arbeitet, wenn diese eine Arbei' hat, und gestern wieder geholt wurde, um für den heutigen Abend der großen Judenschlächterei unter „förschtlicher" Assistenz ein Kleir aufzupttyen. d Klein und mager säst das Jndenmädchen da über ihre Arbei gebeugt. Wie rvenig Plan sie in diesem weiten Gemache zwischen den hohen Fenstern einnimmt' Wie alt mochte sie sein'? £, sie war nicht jung und schon verblüht. Dreißig Jahre sind für arme Mädchen be reits das Alter. Ihr Prcsil aber ist rein und fein geblieben: das schwarze Kleid ist tadellos: und klug und bescheiden ist ihre Php siognomie: Charlotte erhielt durch dieselbe beinahe noch ein jugendliches Aussehen." Frau Zach hatte, rvenn sie dem Jndenmädchen auch wegen dessen Geschmackes seit Jahren Arbeit gibt, dennoch kaum zehnmal das Wort an dasselbe gerichtet. Es ist eine Ausnahme, das; Charlotte heute im Speisezimmer arbeitet: die Gesindestubc geht auf den Hof und an diesem trüben Tage sieht man daselbst kaum genug, um nähen zu körrnen. Frau Zach in der Vorahnung der siebter Seligkeiten des heutigen Abends schwimmend hat keinen Appetit, sie vermochte kaum die Tasse Kaffee zu trinken. Sie blickt in einem fort aus die Uhr. „C wte langweilig wird dieser Tag sein!" denkt sie. Allein in dem Augenblick, wo sie im Geiste diese Worte aus spricht, fallt ihr Blick aus das in seine Arbeit vertiefte Jndenmädchen, das durch die Anwesenheit der Herrin ganz verschüchtert ist und sich in der Ecke so klein, als nur möglich macht. Trotz großer Eitelkeit und vieler Thorheiten trägt Frau Zacb noch immer das Herz auf dem rechten Fleck, wie ein echtes Wiener- Kind, und ist dem Mitleid sehr zugänglich. Und da ging der Frau der Gedanke durch den Kops, daß auch das arme Judenmädchen nicht sehrglücklich sein müsse. Shne Zweifel sind ihre Verdrießlichkeiten, wenn sie welche hat, niedriger Natur, denn sie hat es ja schon so vielemal gehört, daß die Juden nicht die Gefühle und Leidenschaften der Arier- Haben, sondern nur nach Geld streben und höchstens Geldverlegenheiten kennen. Allein Charlotte ist doch auch ein Weib, ein Weib, das gelitten zu haben scheint, und Frau Zach, die heute über ihren Mann hinweg so viel an den „förschtlichen" langen Loisl, den ewig lächeln den Doktor, der so gern in den Eingeweiden wühlt, rurd an andere hervorragende Gestalten des Antisemitismus denkt, rnochte mit der Liebesberchte des Mädchens ein Echo dessen finden, ivas in ihrem Herzen vorgeht. „Wie alt sind sie wohl, Charlotte?" fragte sie plötzlich die Näherin. „Nächsten Mai werde ich dreißig Jahre alt. gnädige Frau," entgegnete diese überrascht. „Dreißig Jahre! .... Ich hätte sie kaum für zwei- oder dreilmdzwanzig Jahre gehalten .... Sie sind noch .... sie müssen hübsch gewesen sein'?" „Ach nein, gnädige Frau, ich war blos jung .... allein ich war immer blaß und sah immer schlecht aus. Ich war nie sehr gesund." „Wirklich, meine arnte Charlotte! Und die beiden Frauen begannen zu plaudern, Frau Zach ^engierig, das Judenmädchen verlegen über so viel Interesse. Jede Frau selbst wenn sic eine Jüdin und Näherin zu Kreuzer täglich ist. muß doch wenigstens einen Roman in ihrem Leben gehabt haben, denkt Frau Zach, und will diesen Roman des Judenmädchens kennen lernen. „Meine Geschichte ist nicht sehr heiter, sagte die Arme:" Mein Vater tvar ein Hausirer und starb vor zehn Jahren. Uni uns zu erhalten, griff meine Mutter zu demselben Gewerbe und zog sich dabei ein Brustleiden zu, dem auch sie bald erlag. Ich stehe nun allein in der Welt, und ernähre mich, wie Sie sehen, von meiner Hände Arbeit, die mich meine guten Eltern lernen ließen." „Aber Sic haben ja unter Ihren Glaubensgenossen so viele sehr reiche Leute, warum hilft man Ihnen nicht, daß Sie heiraten können'?" „Ich weist nicht, wie viele reiche Leute wir haben. Ich bin auch um eine Unterstützung noch nicht eingekommen. Unsere reichen Leute werden auch wohl nicht Jedem Helsen können, weil die Armen unter uns Juden so viel sind und weil unsere Reichen ihre Wohlthaten auch Christen angedeihen lassen. Uebrigens habe ich nie an das Heiraten gedacht." „Und auch nicht geliebt'?" „Das kann ich nicht sagen. Neben dem Salon wo ich arbeitete, tvar eine Fabrik musikalischer Instrumente, in welcher ein intellegenter junger Mann als Hilfsarbeiter beschäftigt war. Wir sahen uns oft und ich gefiel ihm. Er hatte einen guten Verdienst und schlug mir vor. wir sollten Mann und Weib werden; aber er ist Christ und ich Jüdin, und das kann für die Dauer keine glückliche Ehe werden, denn wenn auch jeder Theil dabei seine Religion achten konnte, würden doch die Kinder wegen des Schwankens zwischen den beiden Religionen der Eltern gar keine Religion haben. Ich schlug daher das Begehren Victors ab. Er bat mich vergebens. Ich antwortete immer: Nein, das wäre ein Frevel vor Gott und auch nicht klug." D i wendete er sich, vielleicht aus Aergcr, an Ros.lie, ein Christenmädchen, eine Kameradin von mir, die mich aus St icklichkeit immer begleitete, wenn mich Victor vor der Thür des Salons erwartete. Und an dem Schmerze den mir das verursachte, erkannte ich wohl, daß ich Victor mehr liebte, als' ich es selbst gedacht hatte. Allein ich war ruhig: ich sagte mir: „Es ist besser so." und eigentlich war ich es, die sie miteinandrr verheiratete. Ach wie unrecht habe ich damit gethan! Rosalie war eine schlechte Frau, kokett, genußsüchtig, verschwenderisch. Nach vier Jahren liest sie ihren Mann mit zwei kleinen Knaben allein, während sie mit einem Abenteurer durchging. Das war für Victor ein harter Schlag. Er ergab sich zuerst dem Trünke. Allein ich redete ihm in s Gewissen und er trug sein Schicksal. Dann zog ich in das Haus, das er bewohnt und seither helf ich ihm, die Kinder erziehen. Sie sind jetzt neun und zehn Jahre alt, und Alles, was ich verlange, ist, nicht früher zn sterben, als bis sie in die Lehre kommen ... Sie sehen gnädige Frau, ich hatte Recht, zu sagen, daß meine Geschichte nicht heiter ist . . . Allein man muß sich nicht beklagen . . . Ich genieße die Freundschaft dieses armen Mannes, der mich wie eine Heilige verehrt, die Kinder gedeihen piii.litig und lieben mich, als ob ich ihre Mutter wäre. Und wenn ich so viele arme Leute um mich hersehe, habe ich kein Recht mich für unglücklich zil halten. Welches Christenmädchen nennt sich noch bei einem Leben voll Entsagung, Pflicht und Arbeit glücklich, wie dieses Judenmädchen'? Welches christliche Mädchen ist so tapfer in seinen Entschlüßen und so treu in seinen Neigungen wie dieses jüdische Mädchen'? Welches Chrisrenmädchcn handelt so an jüdischen Kindern, wie dieses Judenmädchen an christlichen Kindern? Diese Fragen legte sich Frau Zach vor, und als das Judenmädchen ihre einfache Erzählung beendet hatte, blickte die Frau dieselbe mit feuchten Augen an und sagte zu ihr mit bewegter stimme: „Ich werde heute mit Ihnen nach Hause gehen und ihre Adoptivkinder besuchen. Ich will etwas für dieselben thun." Und atlstatt zunt „goldenen Luchsen" zur Judenfresserei, ging Frau Zach am Abend mit dem Judenmädchen in die ürurliche Wohnung desselben und verwei.te daselbst einige Stunden in Bewunderung der jüdischen Tugenden und des jüdischen Herzens. Ganz unabsichtlich hat die arme Charlotte aus einer Antisemitin eine Judenfreundin gemacht und den „goldenen Luchsen" um eine seiner ersten Fregnentantinnen gebracht. Der Handle. Ein armer, alter Hausirer, der schon seit nahezu fünfzig Jahren von Hof zu Hof wandert und dort durch sein lautes „Handle" den Bewohnern des Hauses seine Anwesenheit kundgibt, zieht heute betrübt die Straßen entlang. Er hat vom Hause seinen ganzen Borrath an allen Kleidern, überbügelten Cl>linderhüten und geflickten Schuhen mitgenommen und keucht unter der Last seiner Waare einher, ohne daß es ihm gelungen wäre, auch nur ein^ Geschäft zu machen. Freilich hat er noch einige Gulden bei ^ch, doch von denen gönnt er sich keinen Kreuzer zu seiner Stärkung aus-

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