Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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um r ~ii •imniilllll I - Seite 206 Oesterrrtchifchr Wochen schrift. Nr. 12 Ein antisemitischer „Wenfchenfqeund." Zum Fall Richter schreibt die „Z. M.". „Die in der Presse anftauchenden Gerüchte von bedeutenden Verlusten Richters durch Börsengeschäfte sind lediglich vage Muthmaßungen. In seinen Büchern findet sich nirgends ein Anhalt dafür. Auch der kostspielige Haushalt und Billenbau kann so hohe Geldsummen, »vic die erschwindelten und verschwundenen unmöglich verbraucht haben. Somit wird wohl die allgemein ventilirte Meinung nicht gar so weil von der Wahrheit abweicken, wenn sie anuimmt, das; Richter, der noch kurz vor seiner Flucht in Zittau einem Rentier 40.000 Mark abgenommen haben soll, lind nur 150 Mark bar bei seinem Tode bn sich führte, ein:n großen Theil der ergaunerten Gelder in einer in- oder ausländischen Bank deponirt, den Depositenschein aber einer vertrauten, zugleich verschwiegenen Person in Berwahnmg gegeben haben werde. Nicht minder lebhaft wird in Kreisen der Betrogenen die Frage disentirt, ob die Ehefrau Richters correct gehandelt hat, indenr sie nach dem Verschwinden ihres Mannes unter Kenntnis; des angedrohten Selbstmordes anstatt der zuständige»; £;1*= oder Gerichtsbehörde behnss Feststellung der Esiectenbcstände ihren Schlviegersohn, den Bankier Eißner aus Leipzig, sorvie einen nahen Verwandten und langjährigen Geschäftsfreund ihres flüchtigen Gatten, den Getreidehändler Raupe aus Görlitz herbeiholle. Nach zunächst nicht controllirbareu Meldungen aus Leipzig, hat man den Schlviegersohn Richters, den obgenannlen Eißner, jetzt mit in Untersuchung gezogen. £b das fehlende Haupt- und Eassenbuch überhaupt nicht geführt, oder ob es beseitigt tvurde, ist offene Frage. Chrrakieristisch iß für Richters Geriebenheit auch der fast drollig zu nennende Umstand, daß der eiserne Arnheim neben zahlreichen Wechseln re. und geringfügigem Casienstande auch mehrere umfangreiche Geldbeutel enthielt, deren Inhalt aus Zweipsennigen bestand. Wahrscheinlich h l der Schlaukops diese Atrappen zur Blendung derer benützt, die er zur besseren Köderung einen Blick in sein eisernes Heiligthum thun ließ. Am 4. März schreibt die „Z. M.-Ztg." noch Folgendes: „Roch sind nicht drei Wochen seit dem Eintritt der unheilvollen Katastrophe „Richter" — Dittersbach verstrichen und doch haben die hochgehendeu Wogen der Erreguirg in der Bevölkerung der Süd-Lausitz schon einen ungeahnten Umfang erreicht. Wird doch der Erbitterung über das grenzenlos schmachvolle Treiben jenes Geld-Bamphrcs durch täglich »rer» aus der Bildstäche austauchende Schustereien immer mehr Nahrung zugetragen, so daß es auch für die Nichtgerupften durchaus keinerlei; Befremdliches an sich trägt, zu höre»», wie man der, an eiirem der letzte»; Tage zu später Nachtzeit den Schauplatz der unheimlichen Wirksaiükeit ihres, in Schmach und Schande Heimgegangenen Mannes verlassenden Gattin des Betrügers Richter, den Abschied vom Bcr;;stadter Kreise zu einem ihr »vohl lebenslang deukrviirdigen gestaltet hat. Wohl treffen die Hauptverlustc einzelne Bankstellei; und eine ansehnliche Zahl wohlhabender Gutsbesitzer und Capitalisten, leider sind aber auch nicht tvenige kleine Geivcrbetreibende, Handarbeiter. Winven, ja selbst Dienstboten als schlver betroffen aufzusühren. Und »venu sich so mancher Billigdenkende auch zu einem besonderen Mitleid mit Jenen nicht aufraffen kann, »velche das eigene ererbte oder sonstwie leicht gcivonnene Vermögen nicht besser auzillcgen tvußtei;, als das; sie es dein als Wucherer bekannte»; Manne zu einem Zinsfüße von sechs Percent überließen und sich da»nit zu Helfershelfern dieses „edlen" Menschenfreundes herabtvürdigten, so ist doch Denen, »velche mit einigen hundert Mark oder Thalern ni;r zu oft ihr ga»»zes, unter Entbehrnnge»; zusammeirgespartes Hab und Gut, den Sorgenbrecher für das Alter, verlieren, das innigste Mitleid zu zollen. Die von Richter verübten Wechselfälschnngcu reichen bis auf zwanzig Jahre zurück und muß es Jedermann befremden, »vie solch' lichtscheues Treiben Jahrzehnte ta»»g nngehindcrl hat soAbestehen können. Historische Illustrationen. «Kleine historische Schriften. Bon W. Wolf, Wien 1892. Alfred Holder, k. k. Hof- und Univcisitäts-Buchhandlung, Wien, I., Rothenthnrin straße 15.» Unsere Zeit ist mit historischen Nachschlagebüchern gesegnet und es kostet wenig Mühe, sich über historische Thatsachen Gewißheit zu verschaffen. Die Gefahr, unwisse»;d zu erscheinen, wird dadurch auf bequeme Art vermieden und ein Anderes wird damit weder erzweckt noch erreicht. Gleichzeitig wird es dadurch schwer geinacht, die Grenzen des Wissens oder Nichtwissens hinsichtlich geschichtlicher Dinge in unserer Zeit genau sestzustellen. Man sicht es oft in den Parlamenten, daß Redner hinsichtlich deffen, was im Leben steht, die irrigsten Vorstellungen haben; wie wäre man berechtigt, von ihm ein genaues Studium der Vergangenheit zu verlangen? Mar» durchstiegt eben die Geschichte, wie man die Länder bereist; man lernt die Eisenbahnstationen kennen und einige Hotels und kann sagen, man ist auch dort gewesen. In der alten Zeit ohne Aufklärung fehlten in der Geschichte die Läuterungsprocesse der historischen Kritik; eine Art von Nebelschleier umfloß die Figuren und Thatsachen. Aber dafür hatte nian Bilder, die sich tief ins Gemüth prägten; man begeisterte sich für Helden, man entflammte sich gegen die Bösewichter, Herz und Geist waren in Anspruch genommen. Aber Besseres als alle Bücher brachten die mündlichen Ueberlieferungen. „Unsere Großväter", sagte eininal Fürst Bisinarck, „erzählen noch von den Franzosenkriegen." Das war tief aus dem Leben des deutschen Volkes herausgesprochen. Und Freitag Nacht, wenn eine behagliche Ofenwärme, man denke an den figürlich geschmückten Kachelofen, das Zimmer durchströ»l»te, »venn die Hängelampe aus blankem soliden; Messing nüt schön gearbeiteten Knäufen m;d außer den acht Zacken noch mit zierlich gearbeiteten Leuchterchen versehen, ihr Licht über das blendend weiße Tischtuch ergoß, dann »vetteiserten Großvater und Großmutter im Erzählen — und es war wirklich Geschichte. Das neueste Buch des Pros. G e r s o n Wolf, der sich um die Aufhellung der Vergangenheit, um die Geschichtswissenschaft unge»vöh»;liche Verdienste erworben hat, ist es, der uns die alten Bilder vors Auge zaubert. Er ist ein getreuer Mann, gewissenhaft hinsichtlich jeder Thatsache, die er berichtet, gewissenhaft hinsichtlich jedes Wortes, das aus seiner Feder stießt. Der Effect hat für ihn nichts Bestechendes; die Irrlichter, welche Andere vo»; der Wahrheit ablenken, haben für ihn keine Gewalt. Seine Geschichtserzählungen sind ehrlich und getreu, wie holländische und deutsche Kupferstiche aus der guten alten Zeit, wie jene Holzschnitte, welche die alten Druckwerke schmücken. Unter den Essays, welche als „Kleine historische Schriften" gesamnrelt erscheine»;, verdient vor Allem der „Proceß Eisenmenger" die ernsteste Aufmerksamkeit. Fm Hinblick auf die antisemitische Bewegung unserer Zeit hat dieser Proceß ein höheres als ein historisches Interesse. Johann Andreas Eisenmenger, Professor der orientalischen Sprachen in Heidelberg, ist der berüchtigte Verfasser des berüchtigten Buches „Entdecktes Judenthum", welches dem Antisemitisinus bis auf unsere Tage die Waffe»; liefeite. Der Verfasser behauptete, in Arnsterdam beim Rabbiner David Lid a seine Studien gemacht zu haben und citivt ein angebliches Buch dieses Rabbiners, das gar nicht existirt. Es war damals schon möglich, sich durch lateinische Schriften einige Kenntnisse des Geistes des Judenthmns zu verschaffen. Eisenmenger hat gefälscht und gelogen, hat absichtlich seine bessere Kenntniß der Thatsachen unterdrückt, blos tmt den Judenverfolgungen Nahrung zu bieten. Man stand an der Scheide des siebzehnten und achtzehnten Jahryunderts und es kämpfte im Reiche der Haß gegen die Anfänge der Toleranz. Rhein und Mai»;, was sind die Ströme Babylons gegen diese deutschen Flüße? Diese beiden Flüsse waren viele Jahrhunderte hindurch die Zeugen namenloser Leide»; und O.ualen und emer Glaubenstreue, die jedes Heldenthum in den Schatte»; stellt. Dort si»;d auch die Sitze altberühmter Judengemeinden und aus jener Gegend stammte Samson Wertheim b er, der damalige Hoffaktor in Wien, dessen Name nicht mehr und nicht weniger als eine neue Aera für die politische Stellung des Judenthums bedeuten sollte. Dafür sollte auch das Eisenmenger'sche Buch: „Entdecktes Jndenthum" einen Prüfstein bieten. Im Frühlinge 1699 fanden heftige Judenverfolgungen iut fränkischen Kreise und namentlich in Bamberg statt. Nachdem man die Juden geplündert hatte wollten die aufständischen Schaaren auch die Schlösser des Adels angreisen. Es erschien ein kaiserlicher Befehl zur Unterdrückung der Unruhen; der Adel entwickelte im eigenen Interesse den nothwendigen Eifer. Die Repräsentanten großer Familien erschienen damals noch nicht in antisemitischen Versammlungen; man hatte eben noch nicht den ruhmvollen Fortschritt unserer Tage. Professor Wolf spricht nicht davon, aber es wäre doch möglich daß einmal auch ein Antisemit spekulirt hätte, spekulirt.au die Angst des Judenthums. Vielleicht wenn die Frankfurt Juden zum Professor Eisenmenger gekominen wären und ih ein Anerbieten gemacht hätten, eine Entschädigung für mü volle Forschungen, vielleicht hätte sich sein Herz erwei