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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-18 · 12 (18.3.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
12 (18.3.1892)
Date
1892-03-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 Oesterretchifche Wochenschrift Sette 205 darf man aus politischen Gründen nicht vor dem Kopf stoßen. Man muß daher auch weiterhin laviren, pactiren und compromittiren. Das Laviren, Pactiren und Compromiltiren wird aber Herrn Weitlof nichts nützen, er entgeht seinem Verhängniß nicht! Die Antisemiten, gleichviel ob deutsch-nationaler oder christlich-socialer Couleur, verlangen blinde Unterwerfung. Es ist eine blutige Satire, daß demselben deutschen Schulverein, der sich Verdienste um die Entwicklung des Antisemitismus erworben hat, vorgeworfen wird, 80 bis 90 Percent seiner Lehrer beständen aus jüdischen Cantoren; und es liegt ein vernichtender Hohn darin, daß derseM Dr. Weitlof, der Alles gethan hat, um sich die Liebe oder doch wenigstens die Freundschaft 'der Herren Schönerer, Fuß und Consorten zu erhalten, der wiederholt seine antisemitischen Herzensneigungen verrathen hat, durch den Namen „Moses Weitlof" lächerlich gemacht, daß ihm die Worte: „Jud", „Daitscher" rc. ins Ohr gerufen werden. Herr Weitlof mag eben an seiner Vergangenheit radiren so vieler will. Der deutsche Schulverein schleift seine extrem-nationalen und antisemitischen Ursprungstraditionen wie eine klirrende Kette hinter sich her. Er wird an dem Antisemitismus zu Grunde gehen, dessen Bekämpfung er wissentlich unterlassen, den er an seinen Brüsten großgesäugt hat. Er ist und bleibt ein „Judenverein" und der Name „Moses Weitlos" stigmatisirt ihn in den Augen Aller, die das wahre und unverfälschte Deutschthum gepachtet haben. Mag er sich noch so sehr davor hüten, jüdische Lehrer anzustellen — er bleibt doch -nn „Judenverein", denn er nimmt das Geld der Inden und ist auf die Unterstützung der „Judenliberalen" angewiesen. So rächt es sich, daß er den nationalen Leidenschaften geschmeichelt und Gegensätze zu verkleistern versucht hat, vor denen kein ehrlicher Mann die Augen verschließen darf. Wiederum einmal China. Herr V erga n i qualificirt sich. In einer der jüngsten Nummem seines Blattes druckt er einen angeblichen Erlaß des Tsung- Li-Aamen, des chinesischen auswärtigen Amtes, an den General- Gouverneur Li-Hung-Ehang ab, in welchem vor den Betrügereien des Russen Myres und des Deutschen Mandl gewarnt wird. Diese Herren Myres und Mandl spuken seit geraumer Zeit in der gesummten deutschen Antisemitenpresse als lebendige Zeugen dafür, daß die Heilsbotschaft des Antisemitismus auch schon im himmlischen Reiche ihre Urheber und Anhänger gefunden hat und daß selbst der Kaiser von China unfrr die rabiaten Judenfresser gegangen ist. Wir wiederholen: Herr Vergani qualificirt sich! Die Veröffentlichung des besagten Erlasses ist eine geradezu verblüffende Chineserei, umso verblüffender, als Herr Vergani bis heute das Geheimniß sorgfältig verschwiegen hat, daß er mit dem Tsung-Li-2)amen die innigste Fühlung unterhält und daß der General-Gouverneur Li-Hung-Chang zu seinen intimsten Freunden gehört. Nur so läßt es sich erklären, daß ein so kostbares und beweiskräftiges Schriftstück aus dem chinesischen Geheimarchiv seinen Weg direct in die Spalten des „Deutschen Volksblattes" gefunden hat. Aber der Kaiser von China und sein auswärtiges Amt mögen sich in Acht nehmen. Ernst Vergani thut nichts umsonst. Er wird eines Tages in Peking auftauchen und sich darauf berufen, daß er die Interessen der chinesischen Regierung glänzend vertreten hat. Und er wird nicht blos km chinesische«! Schatzamte, sondern auch bei der himmlischen Reichsbank in Peking mit seiner spitzigen Feder in der Hand, die wie das Stilet eines Briganten aussieht, „schnorren" gehen. Und die ehrsamen Mandarinen werden plötzlich erkennen, daß sie es mit einem gefährlichen Menschen zu thun haben, der berufsmäßig fälscht, lügt und betrügt. Auch den mehrfach erwähnten Erlaß des Tsung-Li-Bainen, wenn derselbe überhaupt echt ist, hat er gefälscht, denn er setzte als Ueberschrift über denselben: „Erlaß der chinesischen Regierung gegen jüdische Betrüger." In dem Cllasse wird aber mit keiner Silbe gesagt, daß Myres und Mandl Juden seien. Die chinesische Regierung, oder wer sonst das Schriftstück verfaßt hat, könnte eine solche Behauptung auch nicht aufftellen, denn thatsächlich sind Myres und Mandl arische Christen, und das hiesige Organ für Antisemitismus und Chineserei hat vor einemJahre diese Thatsache auch ausdrücklich constatirt. Ja wohl, Herr Vergani hat d ^Behauptung, daß Myres und Mandl Juden seien, direct dementirt, und wenn er heute, trotzdem wieder von „spitzbübischen Hebräern" spricht, so kann man das selbst «rur als eine italienisch-polnischdeutsch-chinesische Spitzbüberei bezeichnen. Wir haben bereits vor Kurzem auseinandergesetzt, daß die Fremdenhetze in China nicht eine Juden-, sondern eine Christenhetze ist, uud daß die deutschen Antisemiten zu dieser Christenhetze direct aufgestachelt haben. Das Märchen vom rituellen Morde, welches zu den Greueln von Tißa-Eßlar und Corsu Anlaß gab und mit seinen Schrecken die ganze Welt erfüllte, hat seinen Weg auch nach China gesunden. Dort aber richtet sich die blutige Anklage nicht gegen die Juden, sondern gegen die Fremd: n überhaupt, d. h. gegen die Christen, von welchen nach der Versicherung des apostolischen Provicars von China, in den letzten Monaten sieben Tausend dem Fanatisnius zum Opfer gefallen. Begonnen aber hat die Bewegung mit der Hetze gegen die Großunternehiner Myres und M a n d l. Sie sind gute Christen, versicherte vor einem Jahr das „Deutsche Volksblatt". Die gelben Söhne des himmlischen Reiches sind gelehrige Schüler. Sie wissen sich jenes grausigen Schlächterbildes, welches von Deutschland aus massenhaft nach dem Orient geschickt wurde und in Corsu seine Wirkung that, jenes Bild eines jüdischen Rabbi, der ein Christenknäblein schlachtet, auf ihre eigene Weise zu deuten. Der jüdische Rabbi ist für sie kein Jude, sondern der Europäer überhaupt, der grausam nach Chinesenblut lechzt. Genau mit denselben Worten wie die deutschen Antisemiten gegen die Juden, Hetzen die chinesischen Priester und Nationalen gegen die Christen. Den gewissenlosen Sarmatcn, der sich in Wien als Verfechter des reinen Germanenthums gegen das Gift der' semitischen Weltanschauung aufspielt, von der Solidarität aller geistigen Interessen des Weltalls zu sprechen, hieße Wasser in die Donau tragen. Man braucht Herrn Vergani nicht weitläufig zu beweisen, daß die Christenverfolgung in China ein Ausfluß desselben bestialischen Geistes ist, dein die Judenverfolgung in Deutschland und Oesterreich entspringt. Der Mann, der in der Hetze so genau bewandert ist und in ihr das Mittel zu seinem Fortkommen, zur Befriedigung seines Lotterlebens sucht, weiß das ganz genau. Nicht für ihn gilt es daher, wenn «vir iminer und immer wieder auf die Bestialität solcher Erscheinungen Hinweisen, wenn wir den Christlich-Germanen die Verfolgung der Deutschen in Rußland und die Nieder- «netzelung der Christen in China vor Augen führen. Das jüdische Gesetz gebietet die Achtung vor dem Fremdling. Weder das ger-manische Recht noch die mongolische Barbarei «veiß etwas von dieser Achtung. Der Fremde ist ein Eirrdringling, der mit allen Waffen des nationalen Haffes verfolgt werden muß. Die arische und die mongolische Weltanschauung begegnen sich in demselben Punkte. Der Unterschied der Cultur thut dabei nichts zur Sache. Der civilisirte Arier und der barbarische Mongole finden sich in einem gemeinsamen Hasse und im fernen Asien büßt das Christenthunr die Verbrechen, die seine heuchlerischen Bekenner und Schänder an den Juden Europas verüben. Wer in diesen Erscheinungen nicht den Zusammenhang begreift und den drohenden Finger der Vorsehung erkennt, der gehört entweder zu den Armen im Geiste, welche die Schlagworte des Antisemitismus gedankenlos nachbeten, oder zu jenen nichtswürdigen Schurken, welche um niedriger Vortheile willen diese Schlagworte in die Welt gesetzt haben.

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