Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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^ette 202 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 12 die Handelsverträge beschimpfte, darf sich auch kauin beklagen, wenn die schutzzöllnerischen Maßregeln anderer Länder eitlen lahmenden Einfluß auf unsere Industrie äußern. Ist ein Faktor für die Arbeitsstockungen verantwortlich zu machen, dann ist es die Partei, welche sich breit macht in der Verhöhnung jeder besseren Gesinnung und -in der Verleugnung jeder Wlchrheit auch im Wirchschaftsleben. Die „Gütewertheilung unserer Zeit" und die „Opfer des Mamonismus" — das sind ganz verschiedene Dinge, die nur das „Deutsche Volksblatt" in seiner bodenlosen Unwissenheit zusammen mischen kann. Bei Grund und Boden ist es gewiß, daß der Acker, den einer erwirbt, dem Andern entzogen werden muß. Man kann ausrechnen, daß wenn 100.000 Joch Eigenthum eines Einzigen sind, auf dieser Grundstäche tausend freie Bauern leben könnten und man kann die Vertheilung in kleine Gnindcomplexe vortheilhafter erachten für die allgemeine Wohlfahrt, als Latifundien in der Größe von Fürstenthümern. Es ist stattstisch erwiesen, daß von 1885 bis 1889 nicht weniger als 56.000 Feilbietungen bäuerlicher Grundstücke stattgefundm haben, was soviel besagen will, als daß gegen 300.009 Menschen besitzlos und vielleicht noch anderes geworden sind; und in der Zeit von 1880 bis 1882 har der Großgrundbesitz II Millionen Hypothekarschulden zurückzahlen können, was beweist, daß der Großgrundbesitz den kleinen Besitz verschlingt. Man sehe sich aber folgende Zusammenstellung an, die wir der „Reichenberger Zeitung" entnehmen. „Bon der gesammten Fläche Böhmens im Ausmaße von 5,197.025 Hektar (9,027.231 Joch) gehören dermal nicht weniger als 102.315 Hektar (177.834 Joch oder 197 Percent der todten H an d, der Katastral-Reinertrag beträgt 868.960 Gulden oder 1'77 Percent vom gesammten Kat astralerlrage Böhmens (50,828.060 Guloen.) Der größte Antheil von dieser Fläche entfällt auf das Erzbisthum Prag 41,467 Joch (24'8 Perccnt), aus den Orden der Prämon stratenscr 38.358 Joch (21*7 Percent», auf das Metropolitan-Domkapitel Prag 21.156 Joch (11'7 Percent», auf den Orden der Benediktiner 17.978 Joch (10-8 Percent', der Zisterzienser 15.095 Joch (8-4 Percent), der Matthe ser 13.119 Joch (7'4 Percent) und der Kreuzhcrrn 9465 Joch (53 Percent,, der Rest von 21.195 Joch (oder 11-62 Percent) auf den Orden der Augustiner, Dominikaner, Piarsten, die Bisthümer von Königgrätz und Lcinneritz, auf die Kapitel in Prag, Äöniggrätz, Altbunzlau und Wyschchrad, auf die Domprobstcien in Krumau und Wyschchrad, auf den Religivnsfonds auf den Fonds der Kirchen und des erzbischöflichen Alumnats zu Prag. Bon Industrien gehören: 1 Zuckerfabrik (Horomeritz», 51 Brauereien (7 Percent der gesammten Brauereien Böhmens), 13 Spirilusbrennereieu, 17 'Mahlmühlen, 13 Brettsägen und 45 Ziegeleien den geistlichen Orden, dem Klerus und den Kirchengütern. Die gesammte Grundsteuer dieser Besitzungen beträgt 191.172 fl. Der Werth der Grundfläche betrogt approximativ (annähernd) 58,057.950 fl. der Werth der Jndustrialien 28,460.000 ff., der Werth der anderen Oekonomicgebäude, 63 Herrschastsschlösser, 237 Meiechöfe und 147 Förstereien 10,500 000 fl., des Fundus instrnctas (Unterrichtsfonds) 8,000.030 fl., der Ordensklöster und der Wohnhäuser 20,000.000 fl., der Stiftungskapitalien 2 l,000.000 fl. Außerdem bestehen in Böhmen 3148 Pfarreien, Dechanteien und Lokalien mit ansehnlichen Oekonomien, deren Werth approximativ 129,000.999 fl. beträgt. Man kann daher den Werth der unbeweglichen Güter der tobten Hand ohne Uebertreibung auf rund 599,900.990 fl. angeben. Die Gesammtzahl des Klerus in Böhmen beträgt nach dem neuesten catalogus cleri 3650 Personen; es entfällt daher in Böhmen auf eine Person geistlichen Standes ein unbewegliches Vermögen von mehr als 80.000 fl., während in Böhmen bei 5,843.250 Bewohnern — wenn man das gesammte unbewegliche Vermögen mit 3,500.000.000 fl. taxirt — auf einen Bewohner nur 600 fl. entfallen." Was das bewegliche Capital Betrifft, so ist es nicht ausgemacht, daß der Reichthum des Einen seine Ouellen in der Armuth des Andern hat. Frankreich hat seine Millionäre; gleichzeitig aber hat der Wohlstand eine ungewöhnliche Verbreitung bis hinab zu dm arbeitenden Elasten. Vergeblich würde man in der alten Zeit ein Bild des wirthschastlichen Gedeihens und der wirchschaftlichen Sicherhett suchen, wir es die civilisirten Staatm der Gegenwart bieten. Denken wir nur all die Milliarden, welche das Eisenbahnwesen repräsenürt, so wird man begreifen, daß eine Capitalsblldung stattgefundm hat, ohne daß eine Beraubung der Andern vorgegangm wäre. Es ist durchaus nicht wahrscheinlich, daß die vierzigtausend Menschen, die inan jetzt als brodlos bezeichnet, ihr Geld an der Börse verloren haben. Wenn das „Deutsche Volksblatt" jammert: „Wo ist ihr Besitz und ihr Vermögen hingekommen?", so ist das eben eine bewußte Lüge, mit jenem unbewußten Blödsinn, der in diesem Blatt so stolz sich wiederspiegelt. Die Armen und Enterbten sind nicht erst in unserer Zeit entstanden. In unserer Zeit wird der Nothschrei der Hungernden gehört; in der alten Zeit konnte man nicht einmal daran denken, einer Hungersnoth zu steuern. Es fehlten die Eisenbahnen und Dampfschiffe, man kannte nicht Getreide aus fernen Ländern herbeischasten, die gesammte Getreideproduction stand nicht im Verhältnisse zur Gegenwart, und der Staat war arm an Hilfsmitteln. Man kann in den wirthschastlichen und sozialrn Fragen welcher Theorie immer huldigen, so wird man doch zugeben müssen, daß unter den gegenwärtigen Weltverhältnisten cs noch immer besser ist, daß wir einige Millionäre in unserer Mitte haben, als wenir der ganze Kapitalsreichthum sich im Auslande befände. Es ist gklnf-gleichgiltig, wie diese Millionäre heißen, Dreher, oder Dräsche oder Thonet unb wenn sie auch aus der Wohlthäterliste sich nicht breit machen, aus das wirtschaftliche Moment hat das keinen Einfluß. Die Mandriüe plündern einen Garten und sie sind voller Wuth gegen die Menschen, wenn der Gärtner mit der Flinte erscheint, um sein Eigenthum zu schützen. Noch niemals aber ist einem Mandrill eingefallen, einen Gatten zu pflanzen, oder über die Folgen einer allgemeinen Verwüstung nachzudenken. Aehnliche Anschauungen hat das „Deutsche Volsblatt" vom Capitalismus, nur mit dem Unterschiede, daß es selbst, wenn der Besitzer Früchte vertheilt, die Zähne fletscht und in die Hand beißt, die freigebig tausende verschenkt. Nicht aus dem Gesetzbuche Minos, nicht aus den Vedas ist die Tugend des Wohlthuns nach Europa gekommen. — Jede skandinavische Sage und jedes germanische Heldenlied weiß wohl von blutigen Mordlhaten zu berichten, aber von Wohlthätigkeit ist dort wenig zu lesen. Kaiser Julian der Abtrünnige aber sagt in seinem Dekret über die Errichtung von Fremdenherbergen: „Damit wir nicht von den Juden beschämt werden, welche keine Armen haben und nicht von den Christen, welche nicht nur die Ihrigen speisen, sondern auch die Unseren." Tie Barmherzigkeit aber wird den Christen eingeprägt, nicht von einem arischen Boden aus, sondern von Jerusalem, von wo die Lehre ans geht und das Wort Gottes rach den Worten des Apostel Jakobus. Die Verhöhnung und Beschimpfung der Wohlthätigkeit ist gewiß auch eine Verhöhnung der schönsten Lehren des Evangelismus, und doch ist das „Volksblatt" das Organ der christlichen Antisemiten. Die Notiz des „Deutschen Volksblatt" sollte an den Thüren aller antisemitischen Versammlungsorte angenagelt werden, denn nie ist eine Partei von ihrem eigenen Organe in gleicher Weise besudelt worden. Die Wohlthätigkeit wird verspottet, mögen die Armen nur Hunger leiden, daran ist dem „Deutschen Volksblatt" wenig gelegen. Als Ersatz haben sie den lorbeer-gekrönten Führer mit der bekannten Milde des Herzens — und wenn nichts mehr zu pfänden ist, dann wird auch nicht gepfändet. Kleinere und grüherr Schelmen- Mcklein. In den Momenten der Sammlling — wir meinen da nicht die „Schnorrereien", welche Herr Vergani jahraus, jahrein für sein Blatt betreibt-.— in den Momenten der Sammlung also, die der Herausgeber. des „Deutschen Volksblattes" sichbetreffs der Erfindung neuer Lügen gönnt, begnügt er sich alte Lügen ausznwärmen. Seine Leser sind nicht besonders verrvöhnt und die alten Lügen munden ihnen ivohl nicht mindergut als die frischgebackenen. „Eine millionenmal gedruckte „Judenlüge" — um mit Herrn Vergani selbst zu sprechen — ist es in der That, die das „Deutsche Volksblatt" anläßlich einer neuerlichen Fructistcirung des Xantenei- Knabenmordes auftischt, indem es den Eid des Dompredigers V e i t h über den „rituellen Mord" in Frage stellt. Die alten Lügen! aber sie wirken noch immer verpestend und vergiftend aus die