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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-18 · 12 (18.3.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
12 (18.3.1892)
Date
1892-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 12. Men. 18. Mär, 1893. IX. Jahr,«,,. Centralorgan für die gesannnten Interessen des Iudenthums. -#- Eigenthümer: Rerchsralhs-Abgeordneler Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. - ----- — « A. k. Postsparrassenamt Vlraringvrrkrtzr Nr. 810.976. Nedartton n. Administration: Wien I, Aothenthurmstraßr 89. w --m Man adonnirt bei ollen P»ßan {latts» des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Der antisemitische Cretin. — Kleinere und größere Schelmenstücklein. — Bor neunzig Jahren. — „Moses" Deitlosü — Wiederum einmal China. — Cin nntisem. Menschenfreund.—Historische Illustrationen. — Correspondenzen: Wien, Troppau, Prag, Lemberg, Breslau, Neusatza. D., Paris, Preßburg. — Vermischtes: Wien, Hernals, Sibschilz a. d. Moldau, Budapest, Szolnok. Proßnitz, l^roß- Becskerek, London. — Feuilleton: Eine Bekehrung. — Der Handle. — Wochenkalender. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. DW antisemitisch^ Crqtin. Die Wohlthätigkeitsacte für die Arbeitslosen haben Herrn Vergani zum volkswirtschaftlichen Denker gemacht. Mit jener edlen Empfindungsreife, die er dm Politikern der Gift- Hütte oder des Zecherl abgelauscht haben mag, sieht er in den reichen Spenden, welche die Zeitungen veröffentlicht haben, „ein deutliches Spiegelbild der Gütervertheilung unserer Zeit." Das „deutliche Spiegelbild" ist fett gedruckt: Herr Vergani ist eben stolz auf seine Entdeckung und sein Scharfsinn macht immer Entdeckungen. Der weitere, logische Gang der Schimpfnotiz, ist ohne Mühe zu errathen. Das Land ist ausgetrocknet, das Land hungert; wer hat das Wasser gestohlen? Die Wolke. Aus der Wolke kommt der Regen; aber der Regen ist nicht der See, nicht der Fluß. Die Vierzigtausend, welche hungern, hatten einst das Geld; jetzt ist es dort, wo die Spenden fließen. Die Naturgeschichte des Eretinismus ist bekanntlich noch nicht mit voller Gründlichkeit geschrieben. Der Eretinismus ist vorzugsweise in den Alpen zu Hause; einzelne Fälle pflegen jedoch auch in der Ebene vorzukommen. Der Cretin ist häufig genug äußerst boshaft und thierisch sinnlich. Er wird zum Brandstifter blos um Schaden zu bringen; er beginnt Unthaten wie ein Kobold. Seinem moralischen Wesen nach ist der Eretinismus eine Annäherung an die Assen und zwar rn die bösartigsten Glieder der Familie, an die Paviane, an die Mandrille. Es gibt auch einen latenten Eretinismus, der erst zum Vorschein kommt, wenn der Betreffende in ungewohnter Denkarbeit sich versucht. Wir wollen übrigens gar nicht die geistigen Fähigkeiten-des Herrn Vergani bestimmen. Wir haben zunächst das moralische Moment im Auge, und von diesem Gesichtspunkte aus, behaupten wir allerdings, daß die Dummheit und Schlechtigkeit sich vereinigen müssen, um die Notiz im „Deutschen Volksblatt" möglich zu machen. Wir sagen: Ist man deswegen vogelfrei, weil man 5000 oder 15.000 oder 25.000 oder 40.000 Gulden für die Armen zu spenden vermag? Verdient eine solche Handlung^ weise kein anderes Echo, als daß man in seiner Person und seiner Familie beschimpft wird? An die Insulten reihen sich Drohungen und man hetzt das Volk gegen diejenigen, die sich wohlthätig erweisen. Das geschieht in der Notiz des „Deutschen Volksblatt"; ist es in der Ordnung, daß das geduldet wird? Man sucht dem Volke die Gefühle der Undankbarkeit einzuprägen. Begreift man nicht das Gefährliche eines solchen, unsittlichen Vorgehens? Die Liste der Wohlthäker zeigt durchwegs Namen, die man überall mit Achtung nennt; die meisten dieser Namen kennt Wien seit länger als einem halben Jahrhundert. Die Wohlthätigkeit hat sich in diesen Familien vererbt, gleichzeitig mit dem Reichthum. Und nun sucht man verdienstvolle Bürger, die Träger glänzender Namen heraus, weil sie Juden sind und lügt in die Geschichte ihrer Familien einen Blödsinn hinein, wie er eben für den Erfinder paßt und seine Trinkgesellschaft. So waren ihre Väter doch wenigstens keine Wegelagerer und haben nicht durch Verrath und Glaubenswechsel sich Güter erworben. Was will man denn? Es können ja nicht alle Leute Herrgottspfänder sein und zum Danke dafür mit dem Lorbeer bekränzt werden. Im niederösterreichischen Landtage war ein Zwischenruf des Abgeordneten G r e g o r i g charakteristisch. Ihm zufolge haben die Juden bei der Hilfsaction „sich breit gemacht". Gewiß, Gregorig und die Antisemiten haben bei den Wohlthätigkeitsacten sich niemals breit gemacht. Wir werden zeigen, wie die Antisemiten für das Volk sorgen. Es wird nach Brod gerufen und noch lebhafter nach Arbeit. Man verlangt, daß die großen Wiener Unternehmungen in Angriff genommen werden sollen, damit Gelegenheit zur Arbeit vorhanden sei. Das Jnslebentreten der großen Wiener Unternehmungen hatten aber die Erweiterung des Wiener Stadt- und Gemeindegebietes zur Voraussetzung. Welche Partei hat die Vergrößerung Wiens mit den brutalsten Mitteln bekämpft? Die Antisemüen waren es und wäre es chnen nachgegangen, dann wäre überhaupt keine Hoffnung auf Arbeit vorhanden. Aber das genirt sich nicht; das haßt den gesunden Menschenverstand noch mehr, als es die Juden haßt. Handelt es sich um die Aufrechterhaltung oder Unterstützung großer Unternehmungen, immer sind die Anttsemiten in der Opposition. Es ist aber gewiß, daß eine Krise in solchen Unternehmungen auch die Brodlosigkeit vieler Bediensteten und bedenkliche Arbeitsstockungen im Gefolge haben müßte. So ernst nimmt es der Antisemitismus mit der VolKwohlfahrt; so treibt eine gewissenlose Agitation chr Spiel mit der Unwissenheit. Noch viel größeren Schaden aber stiftet der Antisemitismus durch seine endlosen Verleumdungen und Berdächttgungen. Die Folge dieser Einwirkungen ist, daß die besten Kräfte sich von der Oeffentlichkett zurückziehen, daß der Unternehmungsgeist sich entmuthigt fühlt und daß im Geschäftsleben ein großer Zug und ein wohlwollendes Entgegenkommen fast zur Unmöglichkeit werden. Es ist ein Wunder zu nennen, daß unter den Einwirkungen des Antisemitismus die Stockungen nicht noch größere Dimensionen annehmen. Die Partei, welche

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