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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-11 · 11 (11.3.1892) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Sir. 11 VrSerrrirhifchr WochenlrtzrtN. Seite 197 Die von mir geschilderte Wohlthätigkeit, sie entspringt aus der kristallhellen Duelle der Menschen- und Nächstenliebe, welche den Gemeingeist erzeugt, der zu allen Zeiten angespornt und angeregt hat, sich dem öffentlichem Wähle, dem Wohle der Gemeinde zu widmen, und führwahr zu allen Zeiten, ob nun die finsteren Schatten der Nacht und Verfolgung unser Volk umfingen, ob es nun das Dämmerlicht der Toleranz beschienen, ob die goldenen Strahlen der Emancipation demselben leuchteten, ob endlich schwere Wolken heraufgezogen, um die in herrlicher Pracht glänzende Sonne der Freiheit zu verdunkeln, immer und immer sind dem Judenthum Männer erstanden, die die Zeichen der Zeit verstanden, die Bedürfnisse unseres Volkes erkannt, die herrschenden Veränderungen erfaßt und getragen von Begeisterung für ihr Volk, dasselbe aus allen Schwierigkeiten und Fährlichkeiten emporgehoben und zu neuem Leben geführt haben. Auch unsere Gemeinde hat das Glück an ihrer Spitze Männer zu finden, welche, ausgerüstet mit reicher Erfahrung ausgestattet mit Gaben des Geistes und des Herzens sich mit voller Hingebung und mit edlem Eifer dem Wohle unserer Gemeinde widmen und wenn der römische Jurist jene Sorgfalt für fremde Angelegenheiten als die höchste bezeichnet, welche der gute Hausvater in seinen eigenen Angelegenheiten bewährt, so übertreffen unsere Vorstandsmitglieder dieses Ideal indem sie ihrem Beruf, ihrer Familie Zeit entziehen, um sie der Oeffentlichkeit zu weihen, insbesondere möge hier auf jene mühseligen Arbeiten hingewiesen werden, welche die Neuorganisation unserer Gemeinde in Anspruch nahmen und welche in glänzendster Weise durchzeführt erscheint. Vollste Anerkennung möge diesen Männern ausgesprochen werden, daß sie die zwei kostbarsten Edelsteine, welche die Krone unserer Gemeinde zieren, die Einheit und den Frieden unversehrt und in altem Glanz erhalten haben. Ich bin dessen gewiß, daß icltz mich zum Dolmetsch Ihrer Gefühle und Gesinnungen mache, wenn ich unsere Hochachtung und Verehrung, unsere lebhafteste Sympathie für die Männer unseres Cultusvorstandcs zum Ausdrucke bringe. Möge es ihnen gegönnt sein, noch durch lange Jahre in ungetrübter Geistessrische und ungebrochener Kraft ihres hehren Amtes zu walten, und möge es sich an ihnen erfüllen, was die Schrift Moses, dessen Todestag wir heute feiern, berichtet: daß bis ins späteste Alter sein Auge nicht getrübt und seine Kraft nicht geschwunden. Und so lade ich Sie denn ein, mit mir das Glas zu erheben und mit mir sich zu dem Rufe zu vereinigen: Der Cult u sv o rstand der Wiener israelitischen Gemeinde, er lebe Hoch, Hoch, Ho ch Der k. k Landeöfchulrath und Cultusvertreier Herr Hof und Gerichtöadvokat Dr. Gustav Koh n ergreift das Wort Geehrte Feftgenoffeu! Hoch ansehnliche Versammlung! Wohlthätigkeits- und Familiensinn waren stets die hervorragendsten Eigenschaften der Juden, welche selbst die unversöhnlichsten Judenhasser als unsere Tugenden anerkennen und preisen — ein bekannter, moderner Philosoph des Antisemitismus — Ed. v. Hartmann, welcher die ungualificirbare Unterscheidung von Wirths- und Gastvölkern erfand, mußte auch uns Juden die Palme der Nächstenliebe anerkennen. Das Volk der praktischen Nächstenliebe nannte er die Juden. Diese beiden Tugenden erscheinen als Ausfluß der in unserer heiligen Thora enthaltenen Satzungen, sie zeigen wie unsere Thora auf unsere Väter Einfluß genommen, wie sie Fleisch und Blut in ihnen geworden; diese beiden Eigenschaften waren wie die erhabene Thora selbst ihr Erbe, sie waren ihnen angeerbt, angeboren. Und wie die Juden nicht blos als Träger der Thora erscheinen, vielmehr richtiger gesagt werden muß, daß die Thora uns als Juden mehrere tausend Jahre bisher erhielt, so danken wir Juden diesen beiden Eigenschaften, dem Wohlthätigkeits-- und Familiensinn auch in aller erster Reihe unsere Erhaltung, unseren derzeitigen aufrechten Bestand. Deßhalb hat Hartmann vollkommen recht, wenn er uns das Volk oer praktischen Nächstenliebe nannte, nicht etwa blos in seinem Sinne, daß unsere Väter die Nächstenliebe mit Ver-- stand bethätigten und übten, sondem auch in dem tieferen Sinne, daß unsere Väter praktisch erfaßten, was die Nächstenliebe, die. gegenseitige Unterstützung, das Beispringen den Wankenden und Schwankenden, den Armen und Bedürftigen für unseren Bestand, für unsere Erhaltung bedeutete, wie die Nächstenliebe, das Gefühl der Zusammengehörigkeit in dm um und gegen ne wogenden Kämpfen des Hasses und der Feindseligkeit ihnen Kraft verlieh, ihnen Halt und Stützen bot. Dieser angeborene Wohlthätigkeits- und Familiensinn gibt uns aber auch die Erklärung dafür, wie es gekommen, daß überall, wo auch nur eine geringe Zahl von Juden in einer Ansiedlung sich zusammenfand, sofort und lange bevor sie eine Gemeinde bildeten, eine Chewra Kadischa, eine Heilige- Verbrüderung entstand, zur gegenseitigen Unterstützung im Leben und im Tode, zur Uebung und Förderung der Pietät gegen die theuren Heimgegangenen als letzten Ausfluß des Familiensinnes. Aber, meine geehrten Herren, altri tempi, altri costumi, andere Zeiten, andere Sitten. Die Erlösung vom Drucke, die Promulgirung der Gleichberechtigung (allerdings zumeistnur in der Theorie) machte uns frei, machte uns aber auch frei von dem echt jüdischen, im stillen und geräuschlos wirkenden, selbstlosen Wohlthätigkeitssinn. Es fehlt nicht an Mitteln für Aeußerlichkeiten, für Vergnügun- - gen, für Weltumseglungen und sogenannte Studienreisen, auch für Wohlthäligkeitsakte nicht, wenn sie nur Publizität erlangen; gilt es aber Wohlthätigkeitsakte, die sich der Oeffentlichkeit entziehen, stillen Liebeswerken, dann muß erst gerechnet werden, dann wird gefunden, daß man zusehr in Anspruch genommen wird, daß das Budget überlastet ist. Sie haben, geehrte Herren, den Rechenschaftsbericht unserer Chewra Kadischa gehört; Sie haben gehört, daß von 100.000 Juden, welche während der Periode, auf welche sich der Rechenschaftsbericht erstreckt, in den alten zehn Bezirken Wiens wohnten, von circa 11.000 Eultussteuerträgern unter denen doch mindestens 5000 sich in günstigen angenehmm Verhältnissen befinden im Ganzen 686 unserer Chewra Kadischa als Mitglieder angehören — bei der Armenanstalt, dem Frauen-Berein, beim Waisen-Verein sieht es noch trauriger aus begreiflicherweise, denn diese Mitgliedschaft gelangt nicht oder wenig in die Oeffentlichkeit, ist kein Gegenstand öffentlicher Anerkennung; Sie haben gehört, daß die Zinsen aus den in guten alten Zeiten gesammelten Kapitalien 6000 fl. ausmachen die Jahresbeiträge aber die beschämende Summe von nur 7300 fl. ergaben, eine Ziffer, die umso beschämender ist, wenn man Vergleiche mit anderen Gemeinden zieht, wie z. B. unser, Glaubensbruderschaft in Budapest, wo die Jahresbeiträge 24.000 fl., die Jahresspenden 20.0, x, fl. und die sonstigen Zuflüsse die Summe vou 12.00o fl. ergaben. Und doch! wie groß wie herzerhebend, wie wunderbar sind trotz der geringfügigen Mittel und trotz der entsetzlichen Zunahme der Verarmung unserer hiesigen Glaubensgenossen die Leistungen unserer Chewra Kadischa. Und daß sie so Bedeutendes leistet, dankt sie, danken wir, der geradezu mustergiltigen Verwaltung, dankt sie, danken wir; jener auserlesenen Schaar von selbstlosen Männern, welche an der Spitze derselben stehen, dem rrefflichen Vorstande unter der Führung des ausgezeichneten Präsidenten des von uns Allen hochverehrten Jaques Brandeis und feines würdigen Stellvertreters des von uns Allen hochgeschätzten Gustav Simon, welche im gesegneten hoben Alter, das Gott noch viele, viele Jahre in voller Gesundheit ihnen verlängern möge, jugendfrisch und tbarkräfrig eingreifen, wo es gilt Kranken Labung, Dürftigen Nahrung, Witwen und Waisen Unterstützung zu bieten, die im Vereine mit ihren trefflichen Vorstandscollegen, unserem hingebungsvollen Hildburghäuser, dem biederen Moor, dem jederzeit opferwilligen, umsichtigen Karpeles und dem wackern Heit prüfen

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