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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-11 · 11 (11.3.1892) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 196 Orstvrreichilrtzr VochrnschrM. Nr. 11 Wiener Jüdischhett als eine Corporation und zwar nicht dem « Titel, aber einigermaßen der Sache nach als Cultusgemeinde I anerkannt, so daß wir in der Lage wären, in diesem Jahre unser Jubiläum, den hundertjährigen Bestand unserer Gemeinde zu feiern. Immerhin würden da noch zwei Zeitpunkte in Betracht kommen, ein späterer und ein weit früherer; der um 60 Jahre spätere, als durch die Gnade unseres erhabenen Monarchen, dem wir soeben unsere begeisterte Huldigung darbrachten, in den Jahren 1849 bis 52 uns auch der Titel und alle Attribute der Cultusgemeinde, und in letzterem Jahre ein Gemeinde- Statut verliehen wurde. Der um etwa 110 bis 115 Jahre frühere Zeitpunkt, als im letzten Viertheile des 17. Jahrhundert — nachdem wenige Jahre vorher, im Jahre 1670, eine völlige, gründliche Austreibung der Juden aus Wien erfolgt, auch nicht ein Jude in Wien zurückgeblieben war, sie alles und jeglichen Besitzthums beraubt worden und ihnen als einziges zurückbleibendes Besitzthum nur die Ruhestätte ihrer Todten, der alte israelitische Friedhof in der Roßau, den wir heute noch erhallen, belassen worden war — wenige Jahre nach diesem Geresch nach und nach die eine und die andere jüdische Familie wieder in Wien erschien, welche somit als die Begründer der heutigen Gemeinde angesehen werden können. Meine lieben Wiener Landsleute, welche mit so vielen trefflichen herzerfreuenden Eigenschaften begabt sind, haben die Eigenthümlichkeit, daß sie mitunter um eine geistige Epidemie zu spät kommen. — Die gründliche Wiener Austreibung des Jahres 1670 war die letzte derartige am Continente gewesen, die letzte — bis vor einigen Jahren jene nordische Barbaremnacht — den Faden dort wieder anknüpfte, wo er in Wien 220 Jahre vorher abgerissen war und seither die Verfolgungen und Austreibungen unserer Brüder mit einer Härte, einer Grausamkeit, in einer Massenhaftigkeit vornimmt, daß der erzeugte Jammer und das Elend jeder Beschreibung spotten. Aus jenen wenigen Juden, die etwa um das Jahr 1675 in Wien erschienen, ist heute die größte Judengemeinde unseres Vaterlandes, ja des Continents, vielleicht der Welt geworden —■ 120.000 Seelen — eine Gemeinde, auf welche alle in- und ausländischen Judengemeinden blicken. — Drei- und zehnfach ernst hat daher eine solche Gemeinde die Erfüllung ihrer Pflicht zu nehmen, der Pflicht, der Einigkeit, den religiösen Frieden in ihrer Mitte zu wahren, der Pflicht, das religiöse Besitzthum, welches sie Jahrtausende hindurch in guten und in bösen Tagen uns erhalten haben, unversehrt der zum vollen Verständnisse befähigten Nachkommenschaft zu übertragen, der Pflicht, Wohllhun zu üben und ihren öffentlichen, gemeinnützigen, Humanitären Anstatten den religiösen Charakter zu wahren, der ihnen bei chrer Gründung verliehen wurde oder — wir werden ja noch manche derartige Anstalt gründen — verliehen werden wird. In diesem Sinne waltete bisher die Wiener Cultusgemeinde. In diesem Sinne, getragen von diesem Geiste, eingedenk unserer Vergangenheit, eingedenk ihrer hohen Pflicht für die Zukunft möge sie walten bis an das Ende der Zeiten — Der in solchem Sinne waltenden Gemeinde bringe ich mein Glas. Die Wiener isr. Cultusgemeinde und ihre Mitglieder leben hoch.' Toast des Herrn Phil. L Jur. Dr. Marcus Spitzer auf den CultuSvorstaud. Hochverehrte Feftgeuoffen; Es ist keine conventionelle Redensart, wenn ich meinen Lrinkspmch mit der Bemerkung einleite, daß ich nur mit der größten Befangenheit an die Lösung der ehrenvollen, mir heute gestelllen Aufgabe schreite; gilt es doch das Wort zu ergreifen in einer Versammlung, in welcher die ausgezeichnetsten und hervorragendsten Männer unserer Gemeinde erschienen, gilt es doch das Wort zu ergreifen nach Meistern der Redekunst, die die lebhafteste Begeisterung hervorgerufen, und nur der Ton echter, warmer Brüderlichkeit, der hier herrscht, ermuthigt mich, mir Ihre freundliche Aufmerksamkeit für kürze Zeit zu erbitten. Drei Gelegenheiten sind es nach einem allen, jüdischen Spruche, bei denen man den Charakter eines Menschen kennen zu lernen vermag: Wenn man nämlich an seine Mildthätigkeit appellirt und von ihm milde Gaben für Arme und Bedürftige in Anspruch nimmt, wenn man ihn in Augenblicken des Zomes und der Leidenschaft sieht, wenn man ihn endlich bei festlichen Gelagen, beim Glase Wein beobachtet. Dieses Wahrwort, es bewährt sich auch in seiner Anwendung auf einen ganzen Stamm; wenn man den Charakter eines Volkes kennen lernen will, so möge man die Entwicklung seines Wohlthätigkeitssinnes ergründen und einen Blick auf jene Institute werfen, welche diese Wohlthätigkeit zum Ausdrucke bringen; man möge den Gründen nachgehen, welche die Leidenschaften eines Volkes entfesseln und dasselbe in seinem tiefsten Innern aufwühlen; man möge endlich die Anlässe prüfen, die zur Veranstaltung von Festen die Anregung bieten. Das jüdische Volk kann eine Prüfung auf diese Momente in höchsten Ehren bestehen; keine Nation und kein Stamm kann ihm in der Bethätigung des Wohlthätigkeitssinnes an die Seite gestellt werden. Die Geschichte der kleinsten Gemeinden weist Blätter auf, in welchen mit goldenen, unvergänglichen Zügen Acte der Wohl-, thätigkeit, der Milde und Barmherzigkeit verzeichnet find. Unser Volk geräth in gewaltige Erregung, die stärksten Leidenschaften werden in ihm wach, wenn es Unrecht sieht, wenn es von Widersachern und Gegnern in seiner Ehre angegriffen wird, wenn es aufgerüttelt wird zur Vertheidigung seiner höchsten Güter, und die Feste endlich, die unser Volk veranstaltet, sie sind geweiht und gewidmet dem Preise und der Verherrlichung großer und erhabener Ideen, weltbewegender Gedanken. Wenn der heidnische Seher in seiner Begeisterung ausgerufen: „Wie schön sind deine Zelte, o Israel!", so können wir mit gleichem Rechte ausrufen: „Wie schön sind deine Feste, o Israel!". Auch das Fest, das uns heute hier versammelt, ist getragen von einer hehren Idee! Wir sind hier erschienen, um unsere Huldigung darzubringen, unsere Ehrfurcht zu bezeugen, jener Wohlthätigkeit, welche der Philosoph als die höchste preist und der Dichter besingt, jener Tugend die nur um ihrer selbst willen, ohne irgend welche Nebenrücksichten ausgeübt wird. Das ist die Wohlthätigkeit, die wir den Todten angedeibcu lassen und der auch von der weitesten Ferne kein Lohn winkt. Wenn unsere heilige Schrift uns ermahnt, daß wir uns an Gott klammern sollen, bemerken hiezu unsere Weiftn: „Wie ist es möglich sich an Gott zu klammem, ist er doch ein verzehrendes Feuer?" — Sie ertheilen jedoch die Antwort dahin,' daß man sich an Gottes Wege klammem möge; sowie er Gnade und Barmherzigkeit übt, so mögen auch wir Gnade und Barmherzigkeit üben; so wie er selbst, einer alten Tradition nach, unseren Lehrer Moses begraben, so mögen auch wir die Todten begraben; kein Mensch, kein Verein, kann Gott ähnlicher wirken, wie der heilige Verein, zu dessen Ehren wir hier erschienen smd. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ein Bild vorführe, welches ich in anderer Anwendung aus dem Munde meines hochverehrten Lehrers und Vorbildes, Herrn Dr. Güdemann vernommen. Vater und Sohn ttaten eine Wanderung an; heiß brannte die Sonne nieder, nirgends ein labender Quell, ein schattenspendender Baum, ein schützendes Dach; da ermüdete der Sohn und stellte an den Vater die Frage: Wann werden wir wieder unter Menschen kommen? Da antwortete der Vater: Ich werde dir ein sicheres, unttügliches Zeichen dafür geben, daß du in der Nähe von Menschen bist. Dies sichere Zeichen ist, daß du bei einem Friedhof anlangst; solange dieses Wahrzeichen reinen, echten Wohlthätigkeitssinnes sich erhebt, solange brauchst du den Glaubm an die Menschheit nicht zu verlieren.

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