Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Vir. 11 VrN err^irhisrhr Wvlstrnlchrift. Seite 195 Wundern Sie sich nicht, daß ich vom Essen zu reden , «nfange. Die Bibel sängt auch vom Essen zu reden an. Das heißt: sie erzählt uns, wie der erste Mensch sein Pflichtgefühl beweisen sollte durch den Entschluß, nicht zu essen. Ich will aber beweisen, daß ein richtiges Chewra-Mitglied essen und sogar auch Winken muß, und daß man ganz gegen den Geist der Chewra-Kadischa verstößt, wenn mau eine so ehrwürdige und wichtige Institution, wie die Chewra-Sßuda ist, unbeachtet laßt und sich nicht daran betheiligt. Denn die Chewra-Sßuda ist eine tvichtige Institution! Freilich so obenauf liegt diese Wahrheit nicht. Man könnte im Gegentheil die Frage auswerfen: Was hat die Ausgabe der Chewra-Kadischa mit einem heiteren Gelage gemein? Sie soll ja von Rechtswegen nur auf die Seufzer der Roth und der Trauer lauschen, nicht auf den Jubel der Weinlaune und das Knallen der Champagneipropfen. Ihre Thätigkeit ist den Schattenseiten des Daseins zugewendet und sie kann mit Wallenstein sagen: „Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen". Das ist leider wahr, dennoch behaupte ich: ohne Chewra-Sßuda keine richtige Chewra-Kadischa, sie gehört zu ihrem Wesen. Erlauben Sie mir, daß ich, um mich deutlich zu machen, an ein actuelles Ereigniß anknüpfe. Kürzlich nmrbe in Berlin ein Stück gegeben, das den Titel führt: „Das heilige Lachen". Es stellt den Sieg des Optimismus über den Pessimismus dar, der Pessimismus wird zuletzt ausgelacht. Ob das Stück gefallen hat, oder nicht, ist für uns gleichgültig. Aber der Gedanke ist richtig, nur schade, daß er nicht neu ist. Es gibt ein heiliges Lachen, und auf der Weltbühne wird ein Stück, welches dieses Thema durchführt, seit Jahrtausenden dargestellt. Es hat nur einen anderen Namen. Dieses Stück heißt: „Das Judenthum", und die Schauspieler sind wir Juden. Wir hätten ja allen Grund, Pessimisten zu sein, denn unsere Vergangenheit kennt nur Leiden und Schmerzen, Noth und Elend, Druck und Verfolgung, und auch unsere Gegenwart weiß davon zu erzählen, vielleicht mehr noch, als unsere Vergangenheit, aber sind wir deshalb griesgrämig geworden? Im Gegentheil: wir haben schließlich noch immer unsere Feinde «usgelacht und werden sie weiter auslachen. Blickeil Sie hin auf das alte Egypten: wie hat es uns gequält, wie viele von uns hat es verschlungen, aber wir haben es am Ende doch ausgelacht. Wir haben die Inquisition Spaniens überdauert und ausgelacht, und wir werden auch das Egypten der Gegenwart auslachen. Das ist das heilige Lachen des Judenthums, in welches nach dem Psalmisten Gott selbst einstimmt: „Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer." Der Talmud erzählt von dem gelehrten Streite zweier unserer alten Weisen. Da ging es heftig zu. Der eine läßt zur Bekräftigung seiner Meinung die Wände des Lehrhauses sich neigen, daß sie einzustürzen drohen, ja, er erlangt sogar eine laute Zustimmung aus Himmelshöhen. Der Andere aber sagt: ich bleibe bei meiner Ueberzeugung, und wenn der ganze Himmel über mir zusammenstürzt. Nachher trifft einer der Anwesenden den Profeten Elias und fragt ihn, wie denn Gott bei jenem Schauspiel sich verhalten habe, und Elias antwortet: Er hat gelacht und gesagt: meine Söhne haben mich überwunden. Damit hat er eigentlich sagen wollen: Solche Kerle, solche Stabsoffiziere kann ich gebrauchen, die eine felsenfeste Ueberzeugung haben und sich nicht bange machen lassen. Sehen Sie: So hat das Judenthum das Lachen allererst geadelt und geheiligt und es gegen die asketische oder pessimistische Grimasse als siegreichen Trumpf ausgespielt. Fragen Sie nur bei Schopenhauer an. Der wird es Ihnen bestätigen. Er ist deswegen schlecht genug auf das Judenthum zu sprechen. Aber wir lachen ihn auch aus, ihn mitsammt seinem Pessimismus. Und weil es uns mit dem heiligen Lachen heiliger Ernst ist, deshalb kann man die Chewra-Kadischa mit ihrer Chewra- Sßuda als die schönste Blüthe des Judenthums und als den prägnantesten Ausdruck seines Geist-s bezeichnen. Es ist ja wahr: die Chewra-Kadischa hat es mit lauter feindlichen Mächten zu thun. Aber sie lacht sie aus. Sie verjagt die Noth und den Hunger, sie ringt die Krankheit nicder und „watisaehak lejom acharon“. sie verklärt scherzend selbst den Tod. Seben Sie doch, wie bei uns die Todten behandelt werden. Bei uns gibt es keine Massengräber, keinen Unterschied zwischen Reich und Arm. Bei uns wird jeder Todte wie ein Freiherr behandelt, „bameszim chofschi,“ und wenn einer in seinem Leben nicht das Geringste besessen hat, im Tode wird erein Gutsbesitzer-, „mesz koneh mekomo,“ und das kleine Landgütchen, in dem er schläft, — vor welchem uns Gott lange b. wahren möge — das gehört ihm, unveräußerlich, unantastbar in alle Ewigkeit. Ist das nicht ein Sieg, dm die Chewra- Kadischa über die finsteren Gewalten davonträgt, und ist demgemäß die Chewra-Sßuda nicht ein berechtigtes Siegesmahl, womit sie m heiliger Heiterkeit ihren Kampf gegen das Leid in der Welt und seine UeberWindung seien? Und wenn Sie nun fragen, woher wir dmn eigentlich unsere unverwüstliche gute Laune mhmen, die schon manchen Philosophen und zahlreiche dumme Kerle geärgcN hat, so will ich Ihnen daraus in Kürze antworten. Das klassische Alterthum erzählt von einem Riesen Antaeus. Der tvar unüberwindlich, so lange er die Mutter- Erde berührte. Dieselbe Vorstellung kehrt auch in dem Zauber- und Hexenglauben des Mittelalters wieder. Man glaubte, daß man den Zauberern und Hexenmeistern nichts anhaben könne, so lange sie den Boden berührten, und sie wurden deshalb im peinlichen Verhöre von der Erde aufgehoben. Nun weiß ein Jeder, der unsere Geschichte kennt, daß wir im Mittelalter im Verdachte der Zauberei und Hexerei standen, und — heute können wir es ja eingestehen, wo cs keine Scheiterhaufen mehr gibt — wir sind auch Hrxenmeister. Oder ist es keine Hexerei, daß wir überhaupt noch sind? Und wie wir dastehen! Man sagt von uns, daß wir die Welt beherrschm, und — warum sollen wir es verheimlichen — wir thun's allerdings — durch unsere Bibel. Welches ist denn die Ursprache jener Lehren, auf denen unsere ganze sittliche Gesellschaftsordnung beruht, welches ist die Ursprache der Zehn Gebote und des Satzes: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst?" Etwa griechisch oder böhmisch oder gar russisch? Hebräisch ist ihre Ursprache und das Judmthum hat sie auf die Wett gebracht. Dadurch beherrscht es die Welt. Ist das nicht Zauberei? Ja freilich zaubern wir und gleichen in unserer Unüberwindlichkeit dem Riesen Antaeus, und das werden wir auch in Zukunst, solange wir den Boden berühren. Dieser Boden ist unser alter Glaube, der Glaube an den Gott, welcher sich freut und lacht, wenn er Männer von Ueberzeugung sieht, die sich nicht bange machen lassen. Dieser Boden ist unser felsenfestes Vertrauen aus den endlichen Sieg des Guten und Wahren. Dieser Boder^ aus dem wir unsere unverwüstliche gute Laune saugen, ist -ie heitere Weltanschauung des Judenthums, welche uns lehrt: „Gott ist nur da, wo Freude herrscht." Damm wollen wir trotz aller Unbilden uns steuen und lachen, und die Ehewra-Kadisch.r soll uns durch ihr Wirken den Weg zeigen, auf dem man dazu gelangt, die finsterm Gewalten zu überwinden und auszulachm. Stoßm Sie denn mit mir an aus unseren Verein. Die Chewra-Kadischa und alle ihre Mitglieder, die alten und die neuen, die hier sind und nicht hier sind, sie leben hoch! Es ergreift das Wort Gemeiuderath trab Cultusvorsteher Dr. Alfred Stern. Also Hundert Jahre sind es her — es war im Jahre 1793 — daß der Wiener Judenschaft gestattet wmde, eine Deputation zu bestellen, welche in ihrem — der Judenschaft — Namen zu handeln und sie zu vertreten berechtigt sein solle. Drei Vertreter wurden bestellt und gestatten Sie mir, bei dem Anlasse meines Urgroßvaters zu gedenken, der einer jener drei Vertreter war. Wenige Wochen darnach, noch im selben Jahre erlangte die Wiener Judenschaft die Bewilligung, von ihre» Mitgliedern nebst den Fleischkreuzern jährliche freiwillige Beiträge, eine directe Steuer einzuheben. Hiermit war die Wiener Judenschast, oder wie sie damals oder früher hieß, die gemeine